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INITIATIVE/439: Stoppt das Sterben! Verkehr durch Waldgebiet im Stippbachtal kostet jedes Jahr Tausende Tiere das Leben (BUND MAGAZIN)


BUND MAGAZIN - 4/2025
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND
Friends of the Earth Germany


ARTENSCHUTZ
Stoppt das Sterben!

Das Stippbachtal bei Herborn ist Teil der Hörre, einem weiten, kaum zerschnittenen Waldgebiet im Westen Hessens. Engagierte BUND-Aktive wollen nicht hinnehmen, dass hier jedes Jahr unzählige Tiere unter die Räder kommen.

von Sverin Zillich


Von Sinn im Dilltal begleitet ein schmaler, schon vor Jahrzehnten asphaltierter Weg den Stippbach hinauf in die Hörre. Er verbindet die Gemeinde mit den Dörfern Dreisbach und Kölschhausen. Weil das Sträßchen wenige Minuten Zeitersparnis verspricht, sind hier regelmäßig Autos unterwegs, statt auf der gut ausgebauten Straße östlich um das Waldgebiet herum. Diese Praxis fordert vor allem unter den Amphibien und Reptilien viele Opfer.

Worum handelt es sich nun bei diesem einspurigen Weg? Um eine Straße, wie jene behaupten, die den Autos freie Fahrt gewähren wollen? Oder aber um einen Forstweg, der vor allem der Naherholung dienen und im Sinne des Naturschutzes sein sollte, wie die Parnets meinen? Das ist bis heute ungeklärt.

IDYLLE MIT SCHATTENSEITE

An einem sonnigen Herbsttag wandern wir das idyllische Tal hinauf. Linkerhand steigt das Gelände steil an, bedeckt von einem artenreichen Perlgras-Buchenwald. Rechts begleitet uns der Stippbach, mit Hochstauden wie Wasserdost und Kohldistel, mit Gehölzen, Feuchtwiesen und einzelnen Teichen. Gabriele Parnet und ihr Sohn Martin wohnen im nahen Sinn. Seit Jahrzehnten kennen und lieben sie diesen Weg, genießen die Ruhe abseits des dicht besiedelten Dilltals. Und freuen sich über die vielfältige Natur, die sie hier erleben können.

Wären bloß die Autos nicht. Zwölfmal in zwei Stunden müssen wir an diesem Vormittag zur Seite weichen, um eines passieren zu lassen. Das ist mindestens lästig, nicht selten auch gefährlich für Fußgänger und Radfahrerinnen. Denn manche der Ortskundigen sind mit hohem Tempo unterwegs. Noch fatalere Folgen hat der Autoverkehr aber für etliche Tierarten in dem geschützten Tal.

VIELE VERKEHRSOPFER

Belebt ist der Asphalt vor allem an regnerischen und milden Tagen, weiß Gabriele Parnet: "In den vergangenen Wochen haben wir wieder viele überfahrene Kröten gefunden, dazu Salamander, Zauneidechsen, Ringelnattern und Blindschleichen." Auch wir stoßen an diesem Tag auf die Überreste junger Erdkröten; besonders traurig der Anblick eines noch lebenden Tiers, das seine Augen eingebüßt hatte, wohl durch den Unterdruck, der sich unter schnell fahrenden Autos bildet. Zudem kamen auf dem Sträßchen schon zwei Wildkatzen und ein Rotmilan zu Tode.

Auf den sechs Kilometern, die der Weg durchs Stippbachtal verläuft, fallen jedes Jahr Tausende Tiere dem Verkehr zum Opfer. Kein Wunder bei dem Naturreichtum des Tals. So hat Martin Parnet schon bis zu 60 Feuersalamander auf dem Weg gezählt und 240 Larven im Bach. Neben Erdkröten und Grasfröschen sind auch Berg- und Teichmolche hier heimisch. Die Böschung auf der Hangseite ist dagegen voller Zauneidechsen. Martin Parnet vermutet, dass sie zur Eiablage das Sträßchen überqueren, weil unter den Opfern viele trächtige Weibchen sind.

TEILSPERRUNG, ABER ...

Wie kann der massenhafte Tod beendet werden? Schon bisher konnte sich der BUND an die Naturschutzbehörde wenden, wenn er mitbekam, dass die Amphibienwanderung ihrem Höhepunkt entgegengeht. (In Zukunft will man auch amtlicherdarauf achten.) Dann wurde der Weg für ein paar Wochen gesperrt. Doch mehr als einmal im Jahr mag man dies den Autofahrer*innen nicht zumuten. Wandern Kröten, Frösche und Molche in mehreren Schüben, haben sie Pech gehabt.

Ansonsten gilt, was die Gemeinden Sinn und Ehringshausen (zuständig für Dreisbach und Kölschhausen) im Juli nach jahrelanger Diskussion vereinbart haben: Werktags von 6 bis 20 Uhr darf der Weg mit dem Auto befahren werden, sonst nicht. Freien Zugang haben nur die Land- und Forstwirtschaft. Zweieinhalb Monate dauerte es, bis entsprechende Schilder auf diese Regelung hinwiesen, ärgert sich Gabriele Parnet.

BESSER SCHÜTZEN

"Weit schlimmer ist jedoch: Die meisten halten sich einfach nicht daran!" Denn kontrolliert wird der Autoverkehr hier nicht, und das ist auch in Zukunft kaum zu erwarten. Wirksam ausschließen könnte ihn nur eine Schranke. Auf Sinner Seite hat man das bereits versucht. Mit dem Resultat, dass die Schranke abgeflext und in einen nahen Teich geworfen wurde. So geht das Sterben im Stippbachtal weiter - gut dokumentiert von Gabriele und Martin Parnet. Abfinden will sich die BUND-Ortsgruppe damit nicht. Ihre Forderung bleibt, das für die Naherholung und Natur so wertvolle Tal besser zu schützen. Damit mehr Feuersalamander, Erdkröten und Zauneidechsen überleben und vielleicht der Schwarzstorch zurückkehrt, der hier schon gebrütet hat. Und damit Jung und Alt vom Weg aus ganz entspannt die herrliche Umgebung genießen können.

Also werden sie mithilfe ihrer Orts- und Kreisgruppe weiter über die unhaltbare Situation informieren, Politik und Medien aufklären und zu Exkursionen in das Tal einladen. Und sie werden versuchen zu beweisen, dass der Weg nie zur Straße gewidmet wurde, wie Gabriele Parnet vermutet. Das nämlich wäre ein starkes Argument, das Stippbachtal doch noch autofrei zu bekommen.


Übrigens ... wertet der BUND rund um das Stippbachtal in der Hörre gezielt die Lebensräume der Wildkatze auf, im Rahmen seines Projektes "Wildkatzenwälder von morgen":
www.bund.net/wildkatzenwaelder

Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:
  • Hüter des wertvollen Tals: Gabriele und Martin Parnet.
  • Das Sträßchen durchs Stippbachtal trennt die naturnahe Bachaue vom angrenzenden Wald.
  • Verlauf des Sträßchens (rot) durch das Vogelschutzgebiet "Hörre bei Herborn und Lemptal"
  • Zauneidechsen werden oft überfahren: Männchen an der Straßenböschung
  • Häufige Verkehrsopfer: Feuersalamander kommen nur langsam voran. Wenn sie dann noch in die Fänge einer liebestollen Erdkröte geraten...


Originalpublikation mit Bildern:
https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/bundmagazin/BUNDmagazin-25-4.pdf

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Quelle:
BUND MAGAZIN 4/2025, Seite 26-27
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Friends of the Earth Germany
Kaiserin-Augusta-Allee 5, 10553 Berlin
Tel. 030/27586-457, Fax. 030/27586-440
E-Mail: redaktion@bund.net
Internet: www.bund.net/bundmagazin
 
Das BUNDmagazin ist die Mitgliederzeitschrift
des BUND und erscheint viermal im Jahr

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 9. Januar 2026

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