Ist Schach ein säkulares Spiel, ausgetragen auf einem gottlosen Brett, allein überlassen der menschlichen Vernunft? Dass Gott laut Friedrich Nietzsche tot sei, mag dem Verstand des Philosophen geschmeichelt haben, aber zumindest räumte er ein, dass es ihn einmal gegeben habe. Auch das Säkulare hat seine Hintertür. Nun ist sattsam bekannt, dass die Kirche viele Jahrhunderte lang gegen das Schachspiel gewettert hat, vor allem gegen die Neigung der Klosterbrüder, sich am Brett zu erfreuen, statt Gott durch Gebete, Fasten und Gedanken näherzukommen. Ist Schach deswegen ein gottloses Spiel? Viele Meister sind gläubig, wenn auch nicht streng religiös, und man muss Gott keinen Bauern vorgeben wie einst der verwirrte Wilhelm Steinitz, um sich wenigstens um seine Seele zu sorgen. Auf dem Brett regieren die Varianten und Intellekt und Kreativität stehen dem Menschen zur Seite. Und Gott? Ach, Herr im Himmel, warum hast du mich verlassen, mag mancher klagen, wenn sein Spiel dem Abgrund entgegengeht und er sich Rettung erbittet durch einen göttlichen Wink. Das Säkulare ist ein Trend, eine Übereinkunft unter Diplomaten, die genau wissen, dass sich zur Gottlosigkeit zu bekennen nur dem Scheine nach einen Bruch mit dem Alten bedeutet. Auf dem Brett ringt der Mensch mit seinen Unzulänglichkeiten, eben weil ihn Gott unfertig erschuf. Im heutigen Rätsel der Sphinx ließ Kopylow der Glaube an seine Vernunft im Stich, denn ihn trennten noch zwei Züge vom Matt seines weißen Königs, Wanderer.
Kopylow - Karlson
Irkutsk 1961
Auflösung des letzten Sphinx-Rätsels:
Grümings Schock war gewaltig, denn nach 1.Tc3-c7? wurde er durch 1...Td5-c5!! von allen Hoffnungen auf Rettung kuriert.
28. November 2025
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