poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
Brasilien
Der blutige Dienstag
von Flora Torres
Am 28. Oktober 2025 erwachte Rio de Janeiro mit einer Großoperation der Polizei in den Favela-Vierteln, die zu einem der brutalsten Massaker in der Geschichte Brasiliens führte.
(Berlin, 31. Oktober 2025, poonal) - Der 28. Oktober 2025 wird in die Geschichte Brasiliens eingehen - aber aus negativen Gründen. An diesem Tag erwachte der Bundesstaat Rio de Janeiro mit einer Großoperation der Polizei in den Favela-Vierteln in der Metropolenregion. Es gab Polizeioperationen in Rio de Janeiro, Niterói und São Gonçalo, die zu einem der brutalsten Massaker in der Geschichte des Bundesstaates und ganz Brasiliens führten, schlimmer noch als das Massaker von Carandiru [1].
Die Operação Contenção ("Operation Eindämmung") fand in den verletzlichsten und am dichtesten besiedelten Gebieten von Rio de Janeiro statt, der zweitgrößten Stadt Brasiliens. Überraschend war nicht, dass Gewalt in den Favela-Vierteln Complexo da Penha und Complexo do Alemão ausgeübt wurde - jedenfalls nicht für die Analyst*innen, die seit dem Wochenende die Gewaltwelle und die Entrechtung in den Favelas von Rio beobachten. Überraschend war vielmehr das Ausmaß der Brutalität - für Favela-Aktivist*innen, Parlamentarier*innen und Repräsentant*innen des Bundesstaates sowie Brasiliens.
Die Operation begann am Dienstag, 28. Oktober um fünf Uhr morgens und nahm die Bevölkerung für 24 Stunden als Geisel der Unsicherheit und brutalen Staatsgewalt. Bereits am Mittag des 28. Oktober hatte die Operation zu Chaos in der Stadt und allgegenwärtiger Angst geführt. Die großen Verkehrswege waren unterbrochen, die Gesundheits- und Bildungseinrichtungen geschlossen und Menschen mussten schließlich an ihrem Arbeitsplatz übernachten, weil öffentliche und private Transporte zum Erliegen kamen. Und am folgenden Mittwoch erwachte die Stadt traumatisiert mit dem Zählen der Leichen auf dem Platz des Complexo da Penha.
All dies fand statt im Rahmen einer politischen Strategie, in der offizielle Informationen und Fake News [2] vermischt wurden. Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Cláudio Castro [3], verteidigte die Megaoperation gegen die kriminelle Organisation Comando Vermelho ("Rotes Kommando"). Der rechte Gouverneur hatte gegenüber dem "Jornal da Band" [4] behauptet, sein Bundesstaat sei allein gelassen worden und die brasilianische Regierung hätte keine Hilfe für die öffentliche Sicherheit des Bundesstaates geleistet. Er habe dieses Mal vom Bund keine Hilfe erbeten, so Castro, weil diese Hilfe bereits die letzten drei Male verweigert worden wäre. Damit log er gleich doppelt und der Bundesminister für Justiz und Öffentliche Sicherheit, Ricardo Lewandowski, widersprach umgehend [5]. In einer Pressekonferenz wies er die Anschuldigungen zurück und bot in einer Erklärung die Veröffentlichung von Daten an, aus denen hervorgehen soll, dass alle Anfragen der Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro vom Ministerium erfüllt wurden. In der Mitteilung betonte der Minister auch die gemeinsamen Anstrengungen, die die brasilianische Regierung mit dem Gesetzesentwurf PEC 18/2025 anbietet, der einen Fortschritt bei der Bekämpfung der Bandenkriminalität vorsieht. Laut Beobachter*innen hat die rechtsgerichtete Partei Castros, die Liberale Partei von Rio de Janeiro, sich gegen diesen Gesetzesentwurf gestellt.
Angesichts der mehr als 130 Todesopfer [6] (64 offizielle Tote plus über 70 Leichen, die am folgenden Tag im Umfeld der Operation von Anwohnenden [7] gefunden wurden), betrauerte der Gouverneur am 29. Oktober im Interview mit SBT lediglich die vier Polizisten, die bei der Megaoperation ums Leben kamen. Die Operation selbst bezeichnete er als erfolgreich, ein großer Schlag, so wörtlich, gegen das Verbrechen in der Stadt. Einige der Leichen, die in den Wäldern der Serra da Misericórdia, oberhalb der Favela, gefunden wurden, waren enthauptet, wiesen Folterspuren auf oder hatten Einschüssen im Nacken und Einstiche im Rücken, was auf massenhafte Hinrichtungen hinweist. Es gibt Berichte, dass den getöteten Männern keine Chance gegeben wurde, sich zu ergeben. Expert*innen und Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Megaoperation daher als angekündigte Katastrophe und Ergebnis einer Sicherheitspolitik, die den sogenannten "Krieg gegen die Drogen" dominiert.
Um die Situation der letzten Monate in Rio de Janeiro zu verstehen, sind drei Momente von Bedeutung, die die Haltung und das Handeln des Gouverneurs als Vertreter des Bolsonarismus im Bundesstaat zeigen. Erstens: Im Interview mit dem Jornal da Band behauptete Cláudio Castro, er habe die Bundespolizei um die Verwendung von gepanzerten Fahrzeugen für die Operation ersucht, doch das sei ihm vom zuständigen Befehlshaber verweigert worden mit dem Argument, er benötige dafür einen Befehl zur Intervention der brasilianischen Streitkräfte (eine sogenannte GLO 8, die von der Bundesregierung angeordnet werden kann, wenn sich ein Bundesstaat nicht mehr in der Lage sieht, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, Anm. d. Red.). Doch Castro entschied sich, allein zu handeln - möglicherweise, um nicht zuzugeben, dass seine Sicherheitspolitik ineffizient ist.
Der zweite Punkt zählt doppelt: Da ist zum einen die schwierige Umsetzung des Gesetzesentwurfs PEC 18/2025, den die Bundesregierung im April 2025 mit Abänderungen der Bundesverfassung vorgelegt hatte, um die Bandenkriminalität zu bekämpfen und die öffentliche Sicherheit zu verstärken, was allerdings sowohl von Gouverneur Castro als auch anderen rechtsgerichteten Gouverneuren abgelehnt wurde. Diese Ablehnung könnte laut CNN mit einem Bericht [9] aus dem Umfeld des Gouverneurs an das US-Konsulat in Rio de Janeiro zusammenhängen, der das Comando Vermelho als "narco-terroristische" Organisation wertet [10]. Bolsonaro-nahe Anhänger*innen setzen auf Interventionen der Trump-Regierung beim Kampf gegen das Organisierte Verbrechen in Brasilien. Der Sohn des rechten Expräsidenten Jair Bolsonaro, Flavio Bolsonaro [11], der Senator von Rio de Janeiro ist, bemüht sich bereits seit Längerem darum, dass sich Trump in brasilianische Angelegenheiten einmischt - ein offensichtlicher Versuch, noch mehr Instabilität in der Region zu erzeugen, die bereits unter dem militärischen Vorgehen der US-Marine in der Karibik leidet. Nachdem Gouverneur Castro bezüglich des Handelns der brasilianischen Regierung im Bereich der öffentlichen Sicherheit gelogen hatte, nahm Castro am 29. Oktober an einer Videokonferenz mit anderen Gouverneuren teil, darunter der Gouverneur von Sã Paulo, der ebenfalls den Gesetzesentwurf PEC 18/2025 abgelehnt hat.
Einige Beobachter*innen, die die Erklärungen Castros keinen Glauben schenken, vermuteten eine Inszenierung der Gewalt zum eigenen politischen Nutzen. Die Regierung unter Castro zählte bereits zuvor zu den tödlichsten [12], aber nun ist seine Regierung diejenige, unter der das größte Massaker des Landes verübt wurde.
Am 29. Oktober zeigten sich lokale, nationale wie internationale Organisationen schockiert über die Entmenschlichung, der die Favela-Bewohner*innen von Rio unter der Herrschaft von militärischen und paramilitärischen Kräften ausgesetzt sind. Abgeordnete prangerten die Gräueltaten im Kongress und in ihren sozialen Netzwerken an. Sie beklagten die Wirkungslosigkeit dieser Aktion und warnten vor weiterem Blutvergießen, ausgelöst durch eine Kriminalisierung von Armut und eine Rechtfertigung des Massenmords an der schwarzen Bevölkerung im Bundesstaat Rio de Janeiro.
Sie forderten zudem die jeweiligen Instanzen auf, den Bundesstaat für die Getöteten verantwortlich zu machen, die strafrechtlichen Ermittlungen auf bundesstaatlicher Ebene zu führen und das "Protokoll von Minnesota" [13] (ein Regelwerk zur Untersuchung illegaler Todesfälle, Anm. d. Red.) anzuwenden.
Dieser Tag wird der Anfang eines neuen Kampfes für Gerechtigkeit und die Verantwortlichkeit der Verantwortlichen sein, die illegale Todesurteile auf brasilianischem Boden geplant, verhängt und vollstreckt haben. So schlimm wie die verübten Gräueltaten waren, so stark muss die Solidarität und die Mobilisierung sein, damit dieser Kampf erfolgreich sein kann.
Anmerkungen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Carandiru-Massaker
[2] https://www.focus.de/politik/ausland/rio-gouverneur-teilt-angebliches-bomben-video-doch-das-wirft-fragen-auf_99604238-2b25-41f6-be7e-54c6366a79c5.html
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Cl%C3%A1udio_Castro
[4] https://www.youtube.com/watch?v=6iX_cLfPIWQ
[5] https://noticias.uol.com.br/ultimas-noticias/agencia-estado/2025/10/28/ministerio-da-justica-rebate-castro-e-diz-que-nao-negou-nenhum-pedido-de-ajuda-ao-rio.htm
[6] https://www.dw.com/de/brasilien-ueber-60-tote-bei-einsatz-der-polizei-in-rio-de-janeiro-drohnen-favela-v3/a-74539027
[7] https://www.brasildefato.com.br/2025/10/29/moradores-da-penha-recuperam-60-corpos-em-area-de-mata-apos-megaoperacao-no-rio/
[8] https://pt.wikipedia.org/wiki/Garantia_da_lei_e_da_ordem
[9] https://www.cnnbrasil.com.br/blogs/caio-junqueira/nacional/sudeste/rj/rj-passou-a-governo-trump-relatorio-de-atuacao-do-comando-vermelho-nos-eua/
[10] https://www.cnnbrasil.com.br/blogs/caio-junqueira/politica/derrite-se-reuniu-com-gestao-trump-e-defendeu-pcc-e-cv-como-terroristas/#goog_rewarded
[11] https://en.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%A1vio_Bolsonaro
[12] https://sindsprevrj.org/a-chacina-da-extrema-direita-o-projeto-de-morte-de-claudio-castro-e-seus-aliados/
[13] https://en.wikipedia.org/wiki/Minnesota_Protocol
URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/repression-widerstand/der-blutige-dienstag/
Der Text ist lizenziert unter Creative Commons
Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
*
Quelle:
poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
Herausgeber: Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.
Köpenicker Straße 187/188, 10997 Berlin
Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 7. November 2025
Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang