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INTERNATIONAL/297: Fußball-WM in Mexiko - Angehörige von Verschwundenen wollen vor Eröffnungsspiel protestieren (Philipp Gerber)


Fußball-WM in Mexiko:
Angehörige von Verschwundenen wollen vor Eröffnungsspiel protestieren

Familien wollen mediale Aufmerksamkeit nutzen. Über 133.000 Personen gelten als vermisst. Die Vereinten Nationen haben sich eingeschaltet

von Philipp Gerber, 17. Februar 20206


Mexiko-Stadt. Für den Tag des Eröffnungsspiels der FIFA-Weltmeisterschaft haben Eltern von Verschwundenen zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt aufgerufen. Am 11. Juni 2026 um 8 Uhr morgens, wenige Stunden vor dem Start des Turniers, soll die friedliche Kundgebung vor dem Aztekenstadion stattfinden. Um 13 Uhr soll das Eröffnungsspiel des Gastgebers Mexiko gegen Südafrika starten.

Den Protestaufruf initiiert haben die Eltern der in Mexiko-Stadt verschwundenen Studentin Ana Amelí García Gámez. Sie verschwand am 12. Juli 2025 auf einer Wanderung in der Hügelkette Ajusco. Die Familie von Ana Amelí sucht internationale Unterstützung, damit die Ermittlungen im Fall der 19-jährigen Studentin verstärkt werden.

Aus diesem Grund haben sie das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 2026 als Zeitpunkt gewählt, um die Widersprüche aufzuzeigen, die derzeit im Land herrschen. "Während die einen feiern, halten wir Fotos unserer verschwundenen Kinder in den Händen. Dieses Bild bedarf keiner Worte", sagte Vanessa Gámez, Mutter von Ana Amelí, in einem Interview mit desinformémonos. Der Aufruf sei offen gegenüber allen Kollektiven, die sich ihm anschließen wollen.

Der Ajusco, eine waldige Hügelkette, keine 50 Kilometer vom Aztekenstadion entfernt, hat sich in den letzten Jahren immer mehr vom Naherholungsgebiet sportlicher Hauptstädter zu einem gefährlichen Ort gewandelt. Dort fanden die Familien der Verschwundenen mehrere Menschen, die von kriminellen Banden ermordet und dort zurückgelassen worden waren.

Der Aufruf entspringt dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Anerkennung durch die Behörden, wie Vanessa Gámez betont. Momentan werden gemäß dem offiziellen Register für verschwundene Personen über 133.000 Personen in Mexiko vermisst.

Die Praxis des gewaltsamen Verschwindenlassens begann in den 70er-Jahren bei Militäreinsätzen während der Aufstandsbekämpfung gegen die Guerilla-Bewegungen. Seit Beginn des Drogenkrieges Ende 2006 multiplizierten sich die Fälle. Auch kriminelle Banden lassen ihre Opfer vermehrt verschwinden, um die Ermittlungen zu erschweren. Die Zahl der jährlich als verschwunden gemeldeten Personen ist inzwischen auf rund 13.000 angestiegen. Allerdings wird die offizielle Datenbank aufgrund verschiedener Unstimmigkeiten von der Zivilgesellschaft als unzureichend kritisiert [1]. Die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt. Hinzu kommt, dass die forensischen Ermittlungen aus Kostengründen oft defizitär sind und unbekannte Verstorbene nicht in ein DNA-Register eingetragen werden. In Leichenhallen und anonymen Gräbern in Mexiko liegen inzwischen mehr als 72.000 unidentifizierte Tote.

Die Angehörigen, die sich in zahlreichen Kollektiven organisieren, werfen der Regierung vor, eine strukturelle Krise wegen des Fußballfestes zu vertuschen. "Die Regierung wird Stadien, Feuerwerke und Feierlichkeiten zeigen. Wir werden die Wahrheit zeigen", erklären sie.

Vanessa Gámez und anderen Angehörigen geht es nicht um einen Boykott der Spiele: "Wir wollen die Feier nicht verhindern. Was wir wollen, ist, dass die Welt erkennt, dass wir schutzlos sind, dass unsere eigenen Behörden sich nicht um uns kümmern, uns nicht suchen, unsere Integrität nicht wahren."

Der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen von Personen hat im vergangenen Jahr im Fall Mexikos Artikel 34 des Internationalen Übereinkommens zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen aktiviert. Dieser Artikel sieht bei weit verbreitetem Verschwindenlassen eine Untersuchung vor, ein völkerrechtlicher Mechanismus von erheblicher Tragweite. Die mexikanische Regierung wies das Verfahren zurück, mit der Begründung, die meisten dieser Verbrechen würden nicht von Staatsbeamten, sondern von Privatpersonen begangen.

Im Fall von Ana Amelí García Gámez haben sowohl die UNO als auch die Interamerikanische Menschenrechtskommission dringende Maßnahmen für ihre Suche angeordnet [2]. Dennoch hat die Familie noch immer keine Antworten. "Wenn das bei einem Fall passiert, der internationale Aufmerksamkeit erregt, was passiert dann mit den anderen 130.000?", fragt Vanessa Gámez.


Anmerkungen:
[1] https://adondevanlosdesaparecidos.org/2026/01/08/abandonan-censo-de-amlo-anuncian-nuevo-computo-de-desapariciones/
[2] https://www.proceso.com.mx/nacional/cdmx/2025/12/16/cidh-otorga-medidas-cautelares-ana-ameli-joven-desaparecida-en-el-ajusco-364798.html

Quellen:
https://desinformemonos.org/mientras-adentro-celebran-afuera-lloramos-familias-en-busqueda-lanzan-llamado-a-manifestacion-nacional-en-la-inauguracion-del-mundial-2026/
https://www.laizquierdadiario.com/Mundial-2026-familias-buscadoras-convocan-a-manifestarse-en-el-Estadio-Azteca-contra-la-impunidad
https://www.animalpolitico.com/sociedad/convocan-protesta-masiva-mundial-estadio-azteca-personas-desaparecidas


Erstveröffentlicht auf amerika21:
https://amerika21.de/2026/02/282912/wm-proteste-verschwundene

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Quelle:
© 2026 by Philipp Gerber
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 20. Februar 2026

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