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REZENSION/790: Niels Penke, Joana van de Löcht - EcoFolk (SB)


Niels Penke, Joana van de Löcht


EcoFolk

Elementargeister und ökologische Ordnung in der deutschsprachigen Literatur




Buchcover: EcoFolk. Elementargeister und ökologische Ordnung in der deutschsprachigen Literatur - © by transcript Verlag

Buchcover: © by transcript Verlag

Sieben von neun planetaren Grenzen, die das Erdsystem stabilisieren, sind bereits überschritten. Der gegenwärtige Artenschwund wird von der Wissenschaft als sechstes großes Massenaussterben in der Erdgeschichte bezeichnet. Offenkundig genügen die Gegenmaßnahmen der Regierungen nicht, um die davongaloppierenden Schadensentwicklungen noch rechtzeitig einzufangen. Was also tun? Wenn es schon der Gesellschaft kaum möglich scheint, über den Tellerrand hinauszuschauen, dann zumindest bis an den Rand heran? Müssten nicht sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft und Mittel freigesetzt werden, um der multiplen Krisen in den Natursystemen Herr zu werden?

Fragen dieser Art werden in der Klimaschutzdebatte immer wieder aufgeworfen. Warum also sollte ein von der Klima- und Biodiversitätsforschung vermeintlich weit entfernt sprießender Forschungszweig wie die Kultur- und Literaturwissenschaften sich nicht ebenfalls diesem Thema widmen? Sicherlich wäre dabei nicht zu erwarten, dass sie zu leisten vermögen, woran bereits jene Berufsgruppen scheitern, in denen man sich professionell über planetare Krisen den Kopf zerbricht (oder dies jedenfalls tun sollte). Doch könnte nicht das geschriebene Wort und dessen literaturwissenschaftliche Auslegung und Einordnung Denkanstöße liefern, wie es den Naturwissenschaften in dieser Form nicht möglich ist?

Die Germanisten Niels Penke (Universität Siegen) und Joana van de Löcht (Universität Freiburg) haben mit der Monographie "EcoFolk - Elementargeister und ökologische Ordnung in der deutschsprachigen Literatur" ein ziemlich tellerrandständiges Thema innerhalb des Spektrums literaturwissenschaftlicher Betrachtungen gewählt.

Mit dem Forschungsansatz EcoFolk sollen "Phänomene und Praktiken im Grenzbereich von Literatur und Naturgestaltung sowie Naturerfahrung" erfasst werden, "die sich eines (über)natürlichen Figurenpersonals bedienen, indem sie von menschlichen Begegnungen mit einer teils gebenden, teils sich widersetzenden oder entziehenden Natur erzählen" (S. 7), führen Autorin und Autor in ihr neues Forschungsgebiet ein. Jener Grenzbereich soll insbesondere in Sagen beschrieben sein, die teils wiedergäben, was vormals mündlich überliefert worden war, häufig aber auch eine rein literarische Erfindung seien.

Die Nachsilbe "folk" wurde dem englischen Wort für Sage, "folk tale", entlehnt. Mit "Eco" wiederum heben Penke und van de Löcht auf die literarische Stoßrichtung des Ecocriticism ab, in der schon seit einigen Jahrzehnten "die Wechselverhältnisse zwischen Natur und zumeist literarischen Texten untersucht" werden. Darüber hinaus ist die Assoziation zu den sogenannten Critical Studies kein Zufall, sondern beabsichtigt. Denn auch Ecocriticism enthält sich nicht der Bewertung dessen, was erforscht wird. Mit ihm soll ein Umdenken befördert werden, "das die Aufmerksamkeit der Menschen auf die bedrohte natürliche Welt lenkt und idealerweise zu neuen Formen des Handelns führt" (S. 7). Auf diesen Erwägungen gründet der neue Forschungsansatz EcoFolk.

Das Buch ist im transcript Verlag erschienen und kann als pdf-Datei kostenlos heruntergeladen werden. Zunächst einmal geht es Penke und van de Löcht darum, Sagen und Märchen "auf das Erzählen von ökologischen Zusammenhängen" (S. 8) hin zu befragen. Denn möglicherweise bieten sie Hinweise darauf, "welche anderen Modelle von Ko-Existenz und Miteinander denkbar sind" (S. 25). Die von ihnen untersuchten Sagen haben sie zum Mummelsee im Hochschwarzwald, ins Erzgebirge und in den Harz geführt.

Der Mummelsee im Schwarzwald dient, je nach Erzählung, als Eingang zu einem bis ins Erdzentrum ausgedehnten Wasserreich, einer wunderschönen Nymphe als Wohnstatt und als Tummelplatz für Dämonen. Letztere nehmen es anscheinend den Menschen übel, wenn sie Steine in das Gewässer werfen. Darauf pflegen die Seebewohner mit dem Auslösen von Unwettern zu reagieren, lautete der Volksglaube. Der Kontakt mit dem Wasser wiederum soll zu Hautausschlägen führen, womit noch längst nicht alle Eigentümlichkeiten genannt sind, die von den Elementargeistern vom Mummelsee bewirkt worden sein sollen.

Im 17. Jahrhundert waren eigens zwei jesuitische Mönche aus ihrem Kolleg im 40 Kilometer nördlich gelegenen Baden-Baden aufgebrochen und bei bestem Sonnenschein zum Mummelsee gewandert, um den Aberglauben der Menschen zu überprüfen, indem sie höchstselbst Steine in den See warfen. Doch was sie daraufhin erlebten, ging ihnen bis auf die Haut und noch ein kleines bisschen darunter: Zunächst stieg Nebel aus dem See auf, dann brach ein Unwetter los, und zwar so heftig, dass die erschrockenen Gebetsbrüder auf ihrem eiligen Rückmarsch voneinander getrennt wurden. Sie bezeugten später, dass der vermeintliche Aberglaube zutrifft.

Penke und van de Löcht führen eine breite Quellenanalyse zum Mummelsee durch, die von dem Jesuiten Caspar Schott und seinem Werk "Sive Mirabilia Naturae Et Artis Libris XII" (1662) bis zu Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Schelmenroman "Simplicissimus teutsch" (1668/1669) reicht. Heute ist der einstmals abseits ausgetretener Wege gelegene See ein beliebtes touristisches Ausflugsziel, verkehrstechnisch bestens angebunden an die Schwarzwaldhochstraße. Für Busparkplätze ist gesorgt. Die Wassernymphe existiert nur noch - soweit man weiß - als Statue auf einem ufernahen Felsen im See, und Erinnerungen an die knarzigen Elementare des Schwarzwalds finden sich in diversen Holzschnitzereien wieder. Auch auf solch neuzeitliche touristisch-ökonomische Verwertung der Elementargeister geht die Monographie näher ein.

Was kann den Mummelsee-Sagen hinsichtlich der Frage nach den Elementargeistern und der ökologischen Ordnung abgerungen werden? Penke und van de Löcht deuten den von Sagen, handfesten Untersuchungen im Geiste der Epoche der Aufklärung bis zu romanhaften Verarbeitungen reichenden Mummelsee-Mythos als "Beispiel für ein Erzählen von (über-)natürlichen Wesen vor einer verstärkten Umwelt- und Ressourcenerschließung der Industrialisierung" (S. 61). Die Vorstellung in den Sagen, dass der Mummelsee mit einem Netz aus unterirdischen Wasserläufen, anderen Seen sowie Flüssen und Ozeanen in Verbindung steht, bilde "eine frühneuzeitliche Vorstellung einer zusammenhängenden Hydrosphäre der Erde" (S. 56).

Das zweite Beispiel für eine sagenreiche Region führt ins Erzgebirge. Einst trat der böhmische Bauernjunge Hans Heiling die Nachfolge eines Königs unter den Elementargeistern an und wurde "Vierter und letzter Regent der Erd-, Luft-, Feuer- und Wassergeister". So der Titel der Romantrilogie Christian Heinrich Spieß' (1755 - 1799). Auf diesen Romanautor und nicht etwa auf jahrhundertealte mündliche Überlieferungen gehen die Sagen um Hans Heiling zurück. Er und seine Hochzeitsgesellschaft wurden, nachdem der ehemalige Bauernjunge, zum wiederholten Male vom Bösen verführt, spektakulär an seiner Aufgabe als Regent gescheitert war, von einem Elementarwesen verflucht. So endeten er, seine Angebetete und das Gefolge als wuchtige Felsformation an einer Biegung des Flusses Eger unweit der tschechischen Stadt Karlsbad.

Das letzte Beispiel der ecofolkloristischen Erörterungen behandelt den Harz, einen der bekanntesten Tummelplätze für Elementare. Hexen tanzen mitternächtlich um den Brocken - oder Blocksberg, wie er volkstümlich genannt wird -, Zwerge bevölkern dessen Höhlen, der Teufel manifestiert sich als behufter Verführer und die wilde Jagd rüttelt an den Dachschindeln ins Tal geduckter Behausungen. Viele der Legenden ranken sich um den Bergbau, der dem Harz schon seit Jahrhunderten zugesetzt hat und landschaftsprägend wurde. Zugleich wurde das Mittelgebirge schon vor langer Zeit als Erholungsraum geschätzt. Penke und van de Löcht schreiben dazu:

"Dem Schreckensraum in den Darstellungen antiker Geschichtsschreiber und den wild-romantischen Inszenierungen bei Heinrich Heine, Ludwig Tieck, Hans Christian Andersen und weiteren Harzreisenden, die eine erhabene Natur oder erholungsfördernde Licht-, Luft- und Waldbäder suchten, steht seit Jahrhunderten eine in ihrer Ödnis oftmals erschreckende Bergbaufolgelandschaft entgegen." (S. 113/114) 

Zwergen wie dem König Hübich kommt im sagenumwobenen Reigen der Elementarwesen des Harzes eine besondere Bedeutung zu. Sie halten die natürliche Ordnung aufrecht, indem sie als Bewahrer des Berges auftreten. In den Erzählungen scheinen die Zwerge den händischen Abbau der Erze eher zu unterstützen, beispielsweise indem sie dem einen oder anderen in Not geratenen Bergmann helfen, während sie der im 17. Jahrhundert langsam Fahrt aufnehmenden Industrialisierung und der maschinell unterstützten Steigerung der Fördervolumina gegenüber bremsend wirkten. Als "Hüter aus der Elementarwelt" gehorchen sie "einer anderen Ökonomie als jener (...), die das menschliche Handeln mit Ausweitung kapitalistischen Wirtschaftens in der Frühen Neuzeit zunehmend stärker bestimmt hat" (S. 121), lautet dazu die Analyse.

In vielen Sagen ziehen sich die Zwerge zurück, je mehr die Menschen den Bergen zu Leibe rücken, zum Beispiel durch die Einführung von Schwarzpulver zwecks explosiven Aufbrechens des Gesteins durch den Schießmeister und dessen Gehilfen. "Vor diesem Bruch aber sind die Zwerge Entitäten in einem geordneten Elementen-System, das (nicht zuletzt im Anschluss an Paracelsus' 'Liber de Nymphis') tetradisch organisiert ist und jedes 'Element' in seiner konkreten Realisationsform belebt vorstellt." (S. 121)

Das alte Ordnungssystem, das in den Schriften lange Zeit als stabil angesehen wurde, wird durch ein neues, ausbeuterisches Ordnungssystem ersetzt. Der Abbruch der Kontakte zu den Zwergen wird in den Sagen häufig als Verlust geschildert, sogar als unumkehrbarer Verlust, der erst im Nachhinein als solcher wahrgenommen wird.

Es handelt sich bei der vorliegenden Monographie um das Ergebnis eines von der Volkswagenstiftung geförderten Projekts zum Thema "Aufbruch - Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften". Unter diesem Titel finanziert die Stiftung laut eigenem Internetauftritt "Projekte mit einem 'Aufbruchcharakter', die nicht nur neue Perspektiven auf bereits bekannte Forschungsgegenstände anbieten, sondern gänzlich neue Forschungsräume und -themen explorieren."

Dabei ist sich die Stiftung darüber im klaren, dass Forschungsvorhaben, die versuchen, sich gänzlich neue Räume zu erschließen, ein höheres Risiko des Scheiterns bergen als jene, die dem sicheren Geleit ausgetretener Wege folgen. Aber das macht nichts, denn: "Die Möglichkeit des Nichteintretens der anvisierten Projektziele ist daher kein Grund für eine Ablehnung eines Projekts." Unter solchen freizügigen Vorgaben dürfte sich recht komfortabel forschen lassen.

In Anbetracht des gefühlt weit verbreiteten Empfindens einer schicksalshaften Unabwendbarkeit erdumspannender Negativtrends könnte man versucht sein, sich zu wünschen, dem Sagenschatz mehr abzugewinnen als literaturwissenschaftliche Erkenntnisse, vielleicht in Erinnerung an die eigene kindliche Neugier etwas, das aus heutiger Sicht verloren gegangen sein könnte, aber verspricht, eine andere Herangehensweise an "die Natur" zu eröffnen.

Ob dieser Wunsch auch am Beginn des Projekts EcoFolk stand, ist nicht bekannt. Jedenfalls schreiben Penke und van de Löcht in ihrer Einleitung, die Sage könnte "Erinnerungen an vergessene ökologische Erfahrungen und Wissensbestände transportieren, die wertvolle Informationen über komplexe naturkulturelle Vorstellungen vergangener Jahrhunderte enthalten" (S. 17).


Das Aquarell zeigt eine buschige Landschaft. Darin ein Zwerg mit Steinkeule in der Hand, der sich einem über ihm schwebenden Elementargeist mit gestreckten Armen zuwendet. Grafik: © 2025 by Schattenblick

Grafik: © 2025 by Schattenblick

Wie die Menschen einstmals über Zwerge, Elfen und andere Elementargeister gedacht haben, was es also für die damalige Lebensrealität der Menschen bedeutete und welche Praxis sich womöglich daraus ergeben hat, weiß man heute nicht. Bestenfalls ist es durch Schriften überliefert. Deren Autorinnen und Autoren wiederum dürften ihre Erzählungen in einer Art und Weise verfasst haben, von der sie annahmen, dass sie bei der zeitgenössischen Leserschaft gut ankommen.

Das sind schon mehrere vorgeschobene Filterebenen und man weiß partout nicht, ob sie irgendetwas von den gemutmaßten Mensch-Elementargeister-Beziehungen aus jener Zeit, als diese noch nicht zwischen zwei Buchdeckeln zum Nachlesen eingeschlossen waren, durchgelassen haben. Oder ob es überhaupt etwas gab, das durchgelassen werden konnte. Oder, nochmals gewendet, ob sich das, was in den Erzählungen an nicht-menschlichen Begegnungen angesprochen wird, überhaupt von irgendwelchen Filtern zurückhalten lässt.

Auf der eigens zu EcoFolk eingerichteten Internetseite (www.eco-folk.de) tut sich (noch?) nicht viel, sie kann aber zur weiteren Einordnung dieser Forschungsrichtung genutzt werden. Eine sympathische Entscheidung sicherlich, dass dort zum gemeinsamen Wandern aufgerufen wird, um so intensiver über Projektthemen ins Gespräch zu kommen, als es Konferenzen zu leisten vermögen.

Die Monographie ist mit einem reichhaltigen Fußnotenapparat und einem 15-seitigen Literaturverzeichnis ausgestattet. Sie richtet sich an die Fachwelt und interessierte Laien, nicht an ein breites Publikum. Was keineswegs ausschließt, an der einen oder anderen Stelle Vergnügen an der Lektüre zu finden und auch an der Absicht, Elementargeister und ökologische Ordnung unter einen Hut bringen zu wollen.

7. November 2025



Niels Penke, Joana van de Löcht
EcoFolk
Elementargeister und ökologische Ordnung in der deutschsprachigen Literatur
transcript Verlag, Bielefeld 2025
186 Seiten
ISBN 978-3-8376-7746-1
 
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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