René Bohnstingl, Linda Lilith Obermayr & Karl Reitter
Corona als gesellschaftliches Verhältnis
Brüche und Umwälzungen im kapitalistischen Herrschaftssystem
Buchcover: © by Mangroven Verlag
Die Wurzeln der Corona-Krise, jener Pandemie, die von 2020 bis 2023 die Gesellschaften der Industriestaaten bis ins Mark erschütterte, liegen verborgen im Tohuwabohu um die Flugzeuganschläge vom 11. September 2001 und die sie begleitenden Briefattacken mit dem Milzbranderreger Anthrax. Diese Anthrax-Briefe kosteten fünf Menschen das Leben, ließen weitere siebzehn schwer erkranken, lösten unter dem Eindruck des Bioterrorismus eine landesweite Panik aus und beförderten somit die Verabschiedung des drakonischen USA-PATRIOT-Gesetzes durch den Kongress in Washington gegen den Widerstand einiger demokratischer Volksvertreter. Zusammen mit den im Februar 2003 von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat fabulierten, weil niemals existierenden mobilen Biowaffenlaboren Saddam Husseins, stellten die milzbrandpulverhaltigen Briefumschläge ganz plastisch die inakzeptable Massenvernichtungswaffengefahr dar, unter deren Vorwand im März desselben Jahres hunderttausende amerikanische, britische und australische Soldaten in den Irak einmarschierten und die Baath-Regierung in Bagdad stürzten.
Während sich ab Oktober 2001 der Blick der Weltöffentlichkeit auf George W. Bushs beeindruckende "Shock and Awe"-Offensive im Irak sowie gegen die Taliban in Afghanistan richtete, bewilligten im Washingtoner Kapitol Demokraten und Republikaner gemeinsam zum angeblichen Schutz vor biologischen Waffen wahre Unsummen wie beispielsweise im Rahmen von Project Bioshield. Bis heute werden die Ausgaben der amerikanischen Behörden in diesem Bereich auf sage und schreibe 50 Milliarden US-Dollar geschätzt. Bereits damals, als Repräsentantenhaus und Senat den Geldhahn für die Biowaffenforschung so richtig aufdrehten, wiesen einige kritische Wissenschaftler wie der renommierte Mikrobiologe Prof. Richard E. Ebright von der Rutgers Universität in New Jersey auf fehlende Kontrollen und unzureichende Sicherheitsstandards in den teilweise neu entstandenen Laboren hin und warnten vergeblich vor der vorhersagbaren Katastrophe.
Und so kam es, wie es kommen musste. Nachdem der niederländische Virologe Ron Fouchier die auch für Menschen extrem gefährliche Übertragung der Vogelgrippe auf Säugetiere nachgewiesen hatte, reagierte Barack Obama 2014 verantwortungsbewusst und untersagte mit einem Präsidialerlass jegliche Gain-of-Function-Forschung in den USA. Darauf leitete Anthony Fauci, der langjährige Chef des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, einen Teil der entsprechenden Gelder des National Institute of Health einfach an eine privatwirtschaftliche Einrichtung aus New York namens EcoHealth Alliance um, die bereits mit dem Wuhan Institute of Virology auf dem Feld Seuchenschutz und Emerging Infectious Diseases zusammenarbeitete. [1]
Als im Januar 2020 die plötzliche Ausbreitung von Covid-19 Regierungen und Bevölkerungen weltweit alarmierte, gerieten Fauci und EcoHealth Alliance-Chef Peter Daszak, wohl wissend, dass das virologische Desaster auf ihrem Mist gewachsen war, in Panik. Es kam zu einer regen, aber geheimen Kommunikation per Email und Wegwerf-Telefonen mit befreundeten Experten, darunter Jeffrey Farrar vom Wellcome Trust, nach der Bill and Melinda Gates Foundation die zweitwichtigste Stiftung bei der Finanzierung medizinischer Forschung, wie die Lage nach außen hin zu bewerten sei. Untereinander hielten nachweislich alle Beteiligten aufgrund der eigentümlichen Zellstruktur von SARS-Cov-2 einen Laborunfall für die wahrscheinlichste Ursache der Seuche. Dennoch erschien unter ihrer Regie im März 2020 eine aufsehenerregende Analyse bei Nature Medicine und im britischen Ärzteblatt The Lancet eine offene Stellungnahme befreundeter Experten, darunter auch Christian Drosten vom Robert-Koch-Institut, denen zufolge Covid-19 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus der Natur stamme und jeder öffentlich geäußerte Verdacht eines Ursprungs im Labor eine böswillige, unwissenschaftliche Behauptung sprich eine haltlose "Verschwörungstheorie" sei. [2]
In etwa demselben Zeitraum wusste schon der Bundesnachrichtendienst (BND) aufgrund eigener Nachforschungen (Projekt Saaremaa), dass Covid-19 mitnichten von einer Pangolin-Fledermaus-Suppe auf dem Wuhaner Wet Market auf die ahnungslose Menschheit übergesprungen war. Die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Auftraggeberin der Studie behielt diese enorm wichtige Erkenntnis jedoch für sich. [3] Man kann davon ausgehen, dass die Geheimdienste der anderen großen Industriestaaten wie Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Russland und nicht zuletzt die USA zu derselben Schlussfolgerung gekommen sind.
Wie bereits 2001 nach dem schockierenden Kollaps der New Yorker Zwillingstürme und des 47stöckigen WTC-7 sowie dem gleichzeitigen Flugzeugangriff auf das Pentagon in Arlington sollte sich offenbar auch nach dem Ausbruch der Covid-Pandemie niemand die naheliegendste Frage stellen: "Wie konnte das bloß passieren?" Das war absolut tabu, denn eine wissenschaftlich unabhängige Klärung der Frage nach dem Ursprung von SARS-Cov-2 hätte eventuell einen ganz anderen Kurs in der Pandemiebewältigung nahegelegt, als ihn die Politiker und ihre Stichwortgeber in Industrie, Medien und Bankenwesen empfahlen und einschlugen.
Wie es auf diese beschriebene Weise zur Pandemie kommen konnte und wie sie dankend von der Oligarchie und den Großkonzernen für eine drastische Optimierung des neoliberalen Herrschaftssystems im kapitalistischen Westen zu Ungunsten der restlichen neunundneunzig Prozent der Bevölkerung aufgegriffen wurde, ist Gegenstand des sprachgewaltigen, ideenreichen und absolut zu empfehlenden Buchs "Corona als gesellschaftliches Verhältnis". Die Autoren René Bohnstingl, Linda Lilith Obermayr & Karl Reitter sind allesamt Herausgeber des Jahrbuchs für marxistische Theorie und lassen es sich von niemandem verbieten, die diversen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu untersuchen und klar zu benennen, welche uns die Gesellschaftskatastrophe namens Covid-19 beschert hat, die seither instrumentalisiert wird. Unumwunden schreibt Elena Louisa Lange von der Universität Zürich im Vorwort:
Niemals in der Geschichte seit dem Sieg über Nazideutschland stellte sich die Herrschaft des Staatsapparats so unverblümt zur Schau, wurde aber auch nie so begrüßt, nie fand sich ein dermaßen hegemonialer Raum, der die von den Regierungen beschlossenen Eingriffe in die Persönlichkeit und die Privatsphäre so bereitwillig unterstützt hätte. Kurzum, wir erleben eine radikale autoritäre Wende im post-neoliberalen Zeitalter, die vor drei Jahren noch dystopisch angemutet hätte. (S. 9 f.)
Zum besseren Verständnis der Problematik greift das Autoren-Trio geschichtlich nicht nur auf das unsägliche Treiben Faucis und Daszaks in Wuhan zurück, sondern wertet zudem in ausführlichem Detail die verschiedenen Pandemie-Kriegsspiele aus, welche westliche Regierungsstellen, Militärs, Nicht-Regierungsorganisationen, private Stiftungen und Konzernvertreter in den letzten zwanzig Jahren durchgeführt haben, um sich ausreichend auf den "Tag X" vorzubereiten. Dabei stellen Bohnstingl, Obermayr und Reitter mehrere Dinge unmissverständlich fest: Erstens war an eine Vermeidung oder Verhinderung der Pandemie niemals gedacht worden. Zweitens spielte die Rettung von Menschenleben eine völlig untergeordnete Rolle im Vergleich zur Frage der Herrschaftssicherung. Drittens sollte die herbeigesehnte Krise der Technokratie, den befreundeten Konzernchefs neue Möglichkeiten der Machtentfaltung sowie der Gewinnmaximierung bescheren. Im Buch wird aus der Dokumentation eines Planspiels sogar ein führender US-Sicherheitsexperte dahingehend zitiert, die zu erwartende Pandemie dürfte beschleunigte Zulassungsverfahren bei reduzierten Qualitätskontrollen künftiger Impfstoffe in riesiger Stückzahl zum Wohle aller beteiligten Pharmaunternehmen zur Folge haben. Was auch eintraf. Ohne die Bedrohung durch Covid-19 wäre das waghalsige Massenexperiment an Menschen mit dem mRNA-Impfstoff niemals zugelassen worden, denn es hätte keinerlei gesellschaftliche Akzeptanz gefunden.
Sowohl bei den zahlreichen Planspielen als auch später bei der regierungsamtlichen Bewältigung der echten Pandemie stand vor allem das laufende Narrativ und die mediale Steuerung der Massen im Mittelpunkt. Im Buch lernt der Leser die wichtigsten Autoren zum Sujet der Propaganda von Le Bon über Bernays, Lippman, Arendt, Bourdieu und Agamben bis hin zu Desmet kennen. Bohnstingl et al konstatieren zurecht, dass im digitalen Zeitalter beispielsweise mittels der Algorithmen aus vertraulichen Absprachen mit den amerikanischen Tech-Bros aus Wissen Glaube wird und systematisch alle, die dem gesellschaftlichen Konsens fragend bis skeptisch gegenüberstehen, ins diskursive Abseits manövriert werden.
Ihre harscheste Kritik richten die drei Autoren an die staatstragende "Salon-Linke", der seit der Übernahme der Machtanalyse Foucaults jeglicher Sinn für eine Herrschaftskritik, die diesen Namen verdient, abhanden gekommen sei, wofür ihnen der Weg in gutdotierte Posten an der Hochschule, im Medienbetrieb, in den Parlamenten oder sogar im Ministersessel geebnet wurde. Sie verurteilen das Gros der heutigen Linken als "Gesinnungspolizei", die jeden Kontakt zur Arbeiterklasse verloren habe, deren Angehörigen sie ohnehin wegen ihres Festhaltens an angeblich überflüssigen Institutionen wie Familie oder Nation als potentiellen Nazis misstrauten. Vor allem aber beklagt das Autoren-Trio den Verlust an Denk- und Streitfähigkeit, die der "Kulturkampf" unserer Tage zwischen der vermeintlich emanzipatorischen Linken und dem Rechtspopulismus unmöglich mache.
Exemplarisch bemängeln die Autoren den Umstand als absurd, dass während der Pandemie praktisch alle linksdenkenden Österreicher partout nichts Gutes an dem finden konnten, was der Ex-Innenminister und Nationalratsabgeordnete Herbert Kickl vorschlug oder kritisierte, schlicht weil dieser der rechtsgerichteten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) angehört. Leider trifft man auf den Kickl-Effekt nicht nur in Österreich. Im Verlauf eines weithin bekannt gewordenen, weil äußerst heftig ausgetragenen Streits bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des US-Senats im Juli 2021 überführte der praktizierende Arzt und Senator für Kentucky, Rand Paul, den damaligen Noch-NIAID-Chef Tony Fauci vor aller Welt des Meineids in Bezug auf seine eigene, unmittelbare Verantwortung für die Finanzierung der Gain-of-Function-Forschung in Wuhan mittels US-Steuergeldern im Vorfeld der Corona-Pandemie. [4] Doch die internationale linksliberale Intelligenzia und ihre Leitmedien weigerten sich, dies anzuerkennen, weil Paul ein christlich-konservativer Republikaner ist.
Bohnstingl, Obermayr und Reitter malen Gegenwart und Zukunft in recht düsteren Farben:
Eine Überschussbevölkerung, deren Reproduktionsprozess nicht mehr unmittelbar durch das Kapitalverhältnis bestimmt und damit kontrolliert wird, stellt ein unkalkulierbares Risiko für die herrschende Klasse dar. Dieses wird von ihr jedoch längst antizipiert und in der Ideologie des 'überflüssigen Menschen' zum Ausdruck gebracht. Die Herrschenden, welche bis dahin von der strukturellen Ausbeutung der beiden Quellen des Reichtums, Erde und Arbeit, gelebt haben, entdecken ihr ökologisches Gewissen und knüpfen die Rettung der Natur an die Einschränkung des Menschen. Dahinter steht die realistische Furcht, einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr allein über das Lohnverhältnis kontrollieren zu können, und somit das Bestreben, neue Kontrollmechanismen zu etablieren. Jede neue Krise muss daher mit einem immer radikaler voranschreitenden Ausbau einer alternativen Kontroll- und Überwachungsstruktur einhergehen. Bestimmte Klassenfraktionen, vor allem jene des hochtechnologischen Kapitals, haben die Zeichen der Zeit erkannt. Digitale Identitäten, digitales Zentralbankgeld, experimentelle Impfstoffe, Transhumanismus und Bevölkerungsmanagement sind deshalb nicht einfach aus ihren subjektiven Machtansprüchen zu erklären, sondern spiegeln die objektiven Risse im kapitalistischen Herrschaftssystem wider. (S. 318 f.)
Klingt das alles irgendwie nach 1984, Fahrenheit 451, Uhrwerk Orange und Schöne Neue Welt, dann nur, weil wir längst da angekommen sind, wo uns Orwell, Bradbury, Burgess und Huxley voraussahen. In dieser misslichen Lage erinnern uns die Autoren dieser hervorragenden Lektüre zur Corona-Krise nicht umsonst an den guten alten Immanuel Kant:
"Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Werke XI, 53) (S. 302)
7. November 2025
Fußnoten:
[1] Ed Browne, "Fauci Was 'Untruthful' to Congress About Wuhan Lab
Research, New Documents Appear to Show", Congress.gov, 9. September
2021
http://www.congress.gov/117/meeting/house/114270/documents/HHRG-117-GO24-20211201-SD004.pdf
[2] Jimmy Tobias, "Evolution of a Theory - NIH Emails Show Efforts to
Rule Out Lab Origin of Covid", The Intercept, 19. Januar 2023
https://theintercept.com/2023/01/19/covid-origin-nih-emails/
[3] BR24 Redaktion, "Corona-Pandemie: BND glaubt an Laborunfall als
Auslöser", 12. März 2025
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/corona-pandemie-bnd-glaubt-an-laborunfall-als-ausloeser
[4] Department of Homeland Security and Governmental Affairs, "Senator
Rand Paul Re-refers Dr. Anthony Fauci to the Department of Justice",
14. Juli 2025
https://www.hsgac.senate.gov/media/reps/senator-rand-paul-re-refers-dr-anthony-fauci-to-the-department-of-justice/
René Bohnstingl, Linda Lilith Obermayr & Karl Reitter
Corona als gesellschaftliches Verhältnis
Brüche und Umwälzungen im kapitalistischen Herrschaftssystem
Mangroven Verlag, Kassel 2023
342 Seiten
ISBN 979-3-946-94636-6
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
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