Wissenschaft, Macht und Verantwortung
Plädoyer für einen neuen Blick auf Mary Shelleys "Frankenstein"
von Jenny Farrell, Januar 2026
Ein weiterer Frankenstein-Film hat den Weg auf die Leinwand gefunden. Trotz seiner kritischen Würdigung und erwarteter Auszeichnungen hat er nur wenig mit Mary Shelleys Buch gemein. Leser, die an Shelleys politischer Vision und den historischen Zwängen interessiert sind, die den Roman hervorbrachten, sind weit besser bedient, sich dem Originaltext zuzuwenden. Anlässlich des 175. Todestags von Mary Godwin Shelley werfen wir einen neuen Blick auf dieses Werk.
Mary Shelleys Frankenstein - geschrieben 1816, als Mary achtzehn war, und zwei Jahre später veröffentlicht - entsteht in einer Phase politischen Konservatismus im nachnapoleonischen Großbritannien. Dort führte die Angst vor einem Übergreifen der revolutionären Ideen aus Frankreich über den Ärmelkanal hinweg zu einem zunehmend repressiven gesellschaftlichen Klima. Das Erbe der Französischen Revolution, gefolgt von Jahren des Krieges und der Wirtschaftskrise, erzeugte weitverbreitete Unruhen und veranlasste den britischen Staat und seine Verbündeten dazu, die als destabilisierend wahrgenommenen Ideen zu unterdrücken. Radikale Politik, religiöser Dissens und neue wissenschaftliche Theorien über Leben und Materie wurden als Bedrohung für die soziale Ordnung aufgefasst. Insbesondere materialistische Modelle, die Leben durch Körper, Empfindung und Erfahrung erklärten, sowie frühe evolutionäre Ansätze gerieten unter anhaltenden konservativen Beschuss. Zeitschriften wie das Quarterly Review brandmarkten Materialismus und bibelfremde Wissenschaft als Gefahr für die etablierte Kirche und zutiefst systemdestabilisierend. Debatten über das Wesen des Lebens wurden als politisch verdächtig behandelt, was neue Forderungen nach Zensur und Blasphemieprozessen nach sich zog. Wirtschaftliche Not, industrieller Wandel und Bewegungen für politische Reformen schürten die Volksunruhen weiter, darunter die Aufstände der Ludditen (1811-19).
Shelleys Roman muss zudem im Licht ihrer familiären Herkunft und ihres intellektuellen Erbes verstanden werden. Als Tochter William Godwins, des führenden radikalen englischen Denkers der 1790er Jahre, und Mary Wollstonecrafts, der wegweisenden Verfechterin von Frauenrechten, wuchs das Mädchen umgeben von Debatten über Vernunft, Vervollkommnungsfähigkeit, Frauenrechte und soziale Reformen auf. Mary Wollstonecraft, die wenige Tage nach Marys Geburt starb, war die Autorin von Verteidigung der Rechte der Frau (1792). Frankenstein spiegelt dieses Erbe wider. Der Roman setzt sich ernsthaft mit zeitgenössischer radikaler Wissenschaft auseinander, stellt Leben als Produkt materieller Prozesse ohne göttliches Eingreifen dar und leitet menschliche Entwicklung aus Empfindung, Umwelt und Erfahrung her. Damit schließt er sich ausdrücklich materialistischen Denkweisen an, die in Großbritannien massiv angegriffen wurden. Das Exil der Shelleys und Byrons (*) auf dem Kontinent unterstreicht diesen Druck: Percy Bysshe Shelleys offener Atheismus und Radikalismus machten England für ihn zunehmend feindselig. Nach ihrer Abreise 1816 kehrten Mary und Percy Shelley zu seinen Lebzeiten nicht mehr zurück. Aus der Schweiz und später Italien verfolgten sie die britische Repression; Shelley und Byron schufen einige ihrer radikalsten Werke, während Mary Shelley Frankenstein verfasste.
Frankenstein wurde im Sommer 1816 am Ufer des Genfersees im exilierten Kreis um Percy Bysshe Shelley, Lord Byron, Claire Clairmont und Byrons Leibarzt John William Polidori konzipiert. Anhaltendes Schlechtwetter - das "Jahr ohne Sommer" - zwang die Gruppe, lange Abende im Haus zu verbringen, die mit Gesprächen über Philosophie, Naturwissenschaft und das Wesen des Lebens gefüllt waren. Nach der gemeinsamen Lektüre deutscher Schauerliteratur (insbesondere aus der neueren Sammlung Fantasmagoriana [1812]) schlug Byron einen literarischen Wettbewerb vor: Alle sollten eine Schauergeschichte schreiben. Aus dieser Anregung gingen zwei Texte von bleibender Bedeutung hervor: Mary Shelleys Frankenstein und Polidoris Erzählung The Vampyre (1819). Polidoris Text begründete den modernen literarischen Archetyp des aristokratischen Vampirs, Lord Ruthven, indem er die Figur als Metapher für einen gefährlichen, bluttrinkenden Feudalherrn etablierte und so direkt den Weg für Bram Stokers Graf Dracula (1897) ebnete. Eingedenk der historischen Zeit, ist auch diese Erzählung von großer politischer Brisanz. Während Byron und Percy Shelleys eigene Versuche Fragmente blieben, verwandelte Mary Shelley ihre Vision in einen philosophischen Roman, der weit über den Rahmen der ursprünglichen "Schauererzählung" hinausging und zu einer grundlegenden Reflexion über Wissenschaft, Macht, Verantwortung und gesellschaftliche Ausgrenzung wurde.
Als eine der berühmtesten Geschichten der Weltliteratur erzählt Frankenstein die Geschichte Victor Frankensteins, eines jungen Wissenschaftlers, der, getrieben von Wissbegier und dem Verlangen, natürliche Grenzen zu überschreiten, ein Wesen aus zusammengesetzten Körperteilen zum Leben erweckt. Im Augenblick der Belebung weist Victor seine Schöpfung ab, verlässt sie und überlässt sie ihrem Schicksal. Das Wesen handelt zunächst freundlich, eignet sich Sprache, Literatur und menschliches Verhalten an und bereitet seine erste Begegnung mit Menschen sorgfältig vor. Doch wiederholte Ablehnung, Grausamkeit und Victors anhaltende Vernachlässigung treiben es schließlich dazu, Rache an seinem Schöpfer zu suchen.
Die Schauplätze des Romans, Genf und Ingolstadt, fungieren als fundamental entgegengesetzte politische Ideenräume. Genf, der Herkunftsort Victors, verkörpert das dialektische Erbe der Aufklärung: Es ist sowohl die Hochburg des repressiven Calvinismus als auch die Geburtsstadt von Jean-Jacques Rousseau, dessen Philosophie jene Ordnung radikal infrage stellte. Der Ort steht somit für ein gespanntes Feld aus bürgerlicher Pflicht, familialer Bindung und dem unverwirklichten Potenzial radikaler Gesellschaftsentwürfe.
Demgegenüber setzt Shelley Ingolstadt als bewusst gewählten Ort des Bruchs. In der zeitgenössischen britischen Wahrnehmung war die Stadt untrennbar mit dem Illuminatenorden Adam Weishaupts verbunden, der in konservativen Kreisen als Inbegriff einer jakobinisch-atheistischen Weltverschwörung galt. Indem Victor Frankenstein ausgerechnet hier, im vermeintlichen Epizentrum einer gefürchteten "Vernunft-Verschwörung", sein Labor errichtet, wird sein scheinbar privates Experiment politisch aufgeladen. Heimlichkeit, isoliertes Streben nach schöpferischer Allmacht und die gezielte Umgehung etablierter Institutionen spiegeln jene konspirative Praxis wider, die den Illuminaten zugeschrieben wurde. Shelley verortet Victors Ambition damit in einem Raum revolutionärer Überschreitung, in dem wissenschaftliche und gesellschaftliche Neuschöpfung miteinander verschränkt sind. Victors Scheitern liegt nicht in seinem Erkenntnisstreben, sondern in dessen verantwortungsloser Umsetzung, der entschiedenen Pflichtverweigerung.
In der Originalausgabe von 1818 vollzieht Shelley schließlich eine bemerkenswerte Umkehrung: Nicht Victor Frankenstein, sondern das von ihm geschaffene Wesen erweist sich als reflektierender Beobachter, konsequenter Moralist und analytischer Denker. Victors Versagen liegt nicht in seinem Streben nach Wissen, sondern in dessen verantwortungsloser Umsetzung. Shelleys Ton gegenüber Victor ist häufig ironisch oder leise verächtlich; er erscheint als intellektuell unbesonnen, emotional unreif und unfähig zu anhaltender Verantwortung. Shelley dramatisiert den Zusammenbruch von Frankensteins gottgleichem Ehrgeiz: "Doch nun, da ich mein Werk vollendet hatte, verflog die Schönheit des Traumes, und atemloser Schrecken und Abscheu erfüllten mein Herz" (Kapitel 4). Darauf folgt entschiedene Verantwortungsverweigerung.
Demgegenüber fungiert das Wesen als aufmerksamer wissenschaftlicher Beobachter. Es dokumentiert seine Entwicklung sorgfältig und reflektiert systematisch über Empfindung, Sprache, Emotion und soziale Beziehungen. Sein allmähliches Lernen vollzieht sich durch Sinneserfahrung, Beobachtung, Nachahmung und die Auseinandersetzung mit Literatur (Plutarch, Goethes Werther, Miltons Das verlorene Paradies). Dieser Prozess spiegelt zeitgenössische physiologische und pädagogische Forschung wider, insbesondere Theorien, die die prägende Rolle von Umwelt, Nerven und Erfahrung betonen. Shelley verknüpft so wissenschaftliche Aufmerksamkeit mit ethischer Kompetenz: In dieser Hinsicht gelingt dem Wesen, woran Victor scheitert - es führt Dinge zu Ende, beobachtet Konsequenzen und reflektiert die moralischen Implikationen des Wissens.
Entscheidend ist, dass Shelley das Wesen als vollständig menschlich darstellt. Es ist ein moralisches Geschöpf mit sich entwickelndem Charakter. Von Natur aus gutmütig, verrichtet es heimlich gute Taten, zügelt seinen Zorn und geht seine erste Annäherung an Menschen überlegt an, in der Hoffnung, dass Vernunft und Mitgefühl Vorurteile überwinden werden. Seine moralische Güte überdauert wiederholte Ablehnung und Gewalt; erst die systematische Verweigerung von Anerkennung und Fürsorge - primär durch Victor - verwandelt schließlich sein Verlangen nach Mitgefühl in Rache. Sein Appell um eine Gefährtin wird als Anspruch auf natürliche Gerechtigkeit, Geselligkeit und gegenseitige Zuneigung formuliert, und Victors Zerstörung der halbfertigen Frau markiert einen entscheidenden Verrat, der die Isolation des Wesens vollendet.
Shelley untermauert diese Kritik durch die Struktur des Romans. Nach dem Mord an Elizabeth - Victors Braut - kehrt die Erzählung die Rollen von Verfolger und Verfolgtem um: Frankenstein wird nun zum besessenen Jäger und spiegelt so das frühere Streben des Wesens nach Mitgefühl. Dabei erleidet Victor das Schicksal, das er dem Wesen auferlegt hatte, sollte er ihm eine Gefährtin machen - Verbannung aus der "zivilisierten" Welt in die Wildnis. Es ist wohl kein Zufall, dass ihre letzte Verfolgungsjagd in der Arktis stattfindet - einer Region ewigen Eises, die in Shelleys Europa mit politischem Stillstand und restaurativem Konservatismus assoziiert wurde. Waltons Rahmenbriefe geben zusätzlich die Perspektive dieser Gesellschaft wieder. Das Wesen erhält nahezu die letzten Worte des Romans: In einer ausführlichen Darlegung seiner Sicht gesteht es seine Verbrechen ein, zeigt Reue und erklärt seine Absicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, während Victor unbußfertig stirbt und an seiner Selbstrechtfertigung festhält. Der Roman endet mit der tragischen Erkenntnis, dass Vernachlässigung, Isolation und die Verweigerung von Verantwortung durch Individuum und Gesellschaft selbst die vielversprechendsten moralischen Anfänge zerstören können. Das Monströse, so legt Shelley nahe, liegt nicht im Ursprung des Wesens, sondern in Frankensteins Verzicht auf wissenschaftliche, soziale und ethische Pflicht.
In diesem Licht gelesen, formuliert der Untertitel des Romans, "Der moderne Prometheus", auf der Ebene des Mythos dasselbe politische Problem, das in Victors Ausbildung und Ambition angelegt ist. Mary Shelley rahmt Frankenstein durch Miltons Das verlorene Paradies, indem sie als Motto Adams Herausforderung an seinen Schöpfer setzt: "Hab ich's von dir, mein Schöpfer, denn erbeten, / Daß du aus Lehm zum Menschen mich geformt?" Die Frage lenkt das Urteil weg von der Autorität des Schöpfers hin zu seiner Verantwortung und zu den Rechten des Geschaffenen. Die Klage des Wesens ist daher ebenso politisch wie moralisch: Ihm werden Anerkennung, Gemeinschaft und Gerechtigkeit verweigert; es verkörpert den radikalen Anspruch, dass Autorität ohne Verantwortung Gewalt erzeugt. Das Motto positioniert Frankenstein somit als Kritik illegitimer Macht und stellt wissenschaftliche Schöpfung in eine Linie mit zeitgenössischen Debatten über Tyrannei, Gleichheit und revolutionäre Reform.
Schließlich verortet der Roman seine Anliegen im weiteren Horizont imperialer und expansiver Ambitionen. Victors Freund Clervals idealistischer Wunsch, die Lebensbedingungen in Indien zu verbessern (er repräsentiert natürlich das Denken des britischen Empire), und Waltons Arktisexpedition auf der Suche nach einer Nordwestpassage - 1816 noch weitgehend unerforscht - beschwören die Verherrlichung von Expansionsstreben, Naturbeherrschung und Imperium herauf. Victor verkörpert die Gefahren dieser Gesinnung: Während er danach strebt, die Geheimnisse des Lebens selbst zu ergründen, fehlen ihm die ethischen und sozialen Ressourcen, um eine solche Macht verantwortungsvoll auszuüben. Das Wesen hingegen kultiviert Disziplin, Reflexion und moralische Zurückhaltung, navigiert sorgfältig durch soziale Begegnungen und ethische Entscheidungen. Erst anhaltender Ausschluss und Ablehnung verwandeln dieses moralische Potenzial in Gewalt. Die Reaktion des Wesens auf gesellschaftlichen Missbrauch nimmt Heathcliff in Emily Brontës Sturmhöhe rund dreißig Jahre später vorweg. Heathcliffs Werdegang legt ebenfalls gesellschaftliche Heuchelei offen und konfrontiert die Leser mit ihren Vorurteilen. In unterschiedlichen Registern fordern beide Frauen die Normen der britischen bürgerlichen Gesellschaft heraus und erheben in ihren Romanen ein leidenschaftliches Plädoyer für radikales Umdenken.
(*) Anmerkung der Schattenblick-Redaktion:
George Gordon Byron, bekannt als Lord Byron, ist ein britischer Dichter
(1788-1824), den Mary Shelley im Exil kennenlernte.
Eine leicht gekürzte Fassung dieses Artikels wurde am 2. Februar 2026 als
Open-Source-Beitrag in der Berliner Zeitung erstveröffentlicht.
https://www.berliner-zeitung.de/open-source/plaedoyer-fuer-radikales-umdenken-ein-neuer-blick-auf-mary-shelleys-frankenstein-li.10016267
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Quelle:
© 2026 by Jenny Farrell
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 27. Februar 2026
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