Schattenblick →INFOPOOL →WELTANSCHAUUNG → MEINUNGEN

POLITIK/0007: Kulturkampf mit Kürbissen (Ingolf Bossenz)


Kulturkampf mit Kürbissen

Von Ingolf Bossenz


Silvio Berlusconi ist bestürzt. Man müsse am »gesunden Menschenverstand Europas zweifeln«, entrüstete sich der italienische Regierungschef. Für die in Mailand erscheinende katholische Zeitung »Avvenire« »wird Europa zum Niemandsland« und »verrät so sich selbst und die eigenen Wurzeln«. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone sieht bereits den drohenden Kahlschlag: »Dieses Europa des 3. Jahrtausends nimmt uns die wertvollsten Symbole weg und lässt uns nur noch die Kürbisse des Halloween-Festes.« Bereits diese drei Äußerungen zum sogenannten Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte erwecken den Eindruck, der Untergang des Abendlandes stehe nun wahrhaftig bevor.

Ein Kruzifix im Klassenraum einer staatlichen Schule - im verhandelten Fall einer italienischen - verletze die Religionsfreiheit der Schüler, so die Straßburger Richter. Da in Italien das Christentum seit 25 Jahren keine Staatsreligion mehr ist, ist dieser Spruch durchaus strikt im Sinne der Trennung von Staat und Kirche. Dass man dies in Italien selbst nicht so sieht, wird schon daran deutlich, dass die dort mit ihrer Klage gescheiterte Mutter erst in Straßburg Erfolg hatte. Und in Deutschland versicherten Politiker eilfertig, dass die Kruzifixe selbstverständlich nicht aus bayerischen Schulräumen geräumt würden. Schließlich hat man hierzulande Erfahrung mit dieser speziellen Form des Kulturkampfes und es geschafft, den Kruzifix-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1995 bis heute nicht entsprechend umzusetzen.

Dabei ist das Lamentieren des Vatikans über die in Europa angeblich einzig noch verbleibenden Halloween-Kürbisse so demagogisch wie lächerlich.

Zwar gelang es den christlichen Großkirchen nicht, im EU-Reformvertrag einen Gottesbezug oder einen Verweis auf die christlichen Wurzeln des Kontinents festschreiben zu lassen. Dessen ungeachtet steigt mit diesem Dokument der Einfluss der Kirchen auf die EU-Institutionen, denen dort ein regelmäßiger Dialog mit Ersteren vorgeschrieben ist - ähnlich wie bislang nur in Deutschland, wo bei Gesetzesvorbereitungen Religionsvertreter Mitspracherecht haben. Und vor allem können die Kirchen auf Artikel I-52 des Lissabonner Vertrages verweisen. Darin nämlich »achtet« die Union den »Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht«. Mit dieser Formulierung wurde eine gewaltige Sorge vor allem der beiden Großkirchen in Deutschland zerstreut: die Sorge nämlich, dass ihre beispiellosen Privilegien und Milliarden-Alimentierungen angetastet werden könnten.

Als vor rund 1700 Jahren der römische Kaiser Konstantin I. das Kreuz der Christen zum Feldzeichen seiner Garde machte, siegte er nicht nur »in diesem Zeichen«, sondern begründete auch die durch Verfilzung staatlicher und klerikaler Strukturen und Abhängigkeiten geprägte »Konstantinische Epoche«. Dass die Romkirche und ihre politische Lobby sich weiter in dieser Epoche sehen, zeigt der Furor im Rechtsstreit um ein eher unscheinbares Wandmöbel, das nicht nur ein religiöses Symbol darstellt, sondern an bestimmten Orten auch Macht und Einfluss signalisiert. Die italienische Regierung will nun mit einer Beschwerde gegen das Straßburger Urteil vorgehen. Der Vatikan setzt vertrauensvoll auf Berlusconi. Wie einst auf den Kaiser.


*


Quelle:
Ingolf Bossenz, November 2009
Der Schattenblick veröffentlicht diesen Artikel mit der freundlichen
Genehmigung des Autors.
Erstveröffentlicht in Neues Deutschland vom 06.11.2009
http://www.neues-deutschland.de/artikel/158634.kulturkampf-mit-kuerbissen.html


veröffentlicht im Schattenblick zum 7. November 2009