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BERICHT/215: Auschwitz - eine Reise ins Grauen (diesseits)


diesseits 4. Quartal, Nr. 89/2009 -
Zeitschrift des Humanistischen Verbandes

Auschwitz - eine Reise ins Grauen

Von Marcel Dankwart


Die Lebenskundelehrerin Zdenka Buschova fuhr im Juni mit zwei Schülern nach Auschwitz. Für die beiden war es eine Abschlussfahrt nach zehn Jahren Lebenskundeunterricht. Das Ziel hatten sie selbst gewählt. Zwar hatten die Jugendlichen gewusst, was auf sie zukommt, welch bleibenden Eindruck diese Reise hinterlassen würden, ahnten sie nicht. Inzwischen plädieren sie dafür, dass alle Jugendlichen einmal mit einem solchen Besuch konfrontiert werden sollten.


Auschwitz: Massenmord, Nazis. Bekannte Assoziationen. Seit wir in der Schule etwas über dieses Konzentrationslager erfuhren, verspürte ich den Drang, diesen Ort des Grauens einmal persönlich zu sehen.


Am Endes des letzten Schuljahres war es dann so weit. Mein Kurskameradin Sandra Kellner, Frau Buschová und ich machten uns in dem kleinen Pkw auf den Weg nach Oswiecim. Nach ungefähr 8 Stunden Fahrt fuhren wir durch den kleinen Ort und dann waren da neben uns auf einmal diese Mauern mit den Wachtürmen. Ich bekam schon ein wenig Furcht, als ich das sah und verschwand in meinen Gedanken.

Dann fanden wir unser Hotel. Es sah sehr freundlich aus, genauso wie das Personal sehr freundlich und die Zimmer ebenfalls angenehm gestaltet waren. Dann neigte sich auch schon der erste Tag seinem Ende.

Der zweite Tag brach an und wir begaben uns zum Frühstück und besprachen noch einmal, wie wir den Tag nun ablaufen lassen. Wir fuhren daraufhin in das Konzentrationslager Auschwitz I, wo mich schon der erste Schlag traf, weil das einfach so unmenschlich von außen aussah. Dann bekamen wir eine englischsprachige Führung für uns drei. Schließlich passierten wir dieses bekannte Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei", dies lies einen noch mulmiger werden, alles war in Reihe und Glied aufgebaut. Dann erzählte man uns von den Machenschaften der Nationalsozialisten in dieser Hölle.

Dann begaben wir uns in die Häuser, wo ich jetzt nur wenige Beispiele bringen werde, da man dieses Grauen gar nicht in Worte fassen kann.

Zum einen gab es eine Etage, wo zwei Tonnen Frauenhaare gesammelt wurden. Ich habe noch nie solch eine Menge an Haaren gesehen und der Geruch dazu war so schrecklich wie jedes einzelne Schicksal hinter einem Haarbüschel. Man kam dann in einen Raum, wo 80.000 Schuhe gelagert wurden und daneben noch ein erheblicher Stapel mit Babyschuhen lag. Man wusste einfach, dass hinter jedem Paar ein toter Mensch steckt. Das war sehr ergreifend und fast jeder kam weinend aus dieser Etage. Dann begaben wir uns in den Todestrakt, wo Menschen unter bestialischen Bedingungen gehalten wurden; und wir kamen an die Mauer, wo abertausende Menschen hingerichtet wurden. Abschließend besichtigten wir noch die Krematorien. Diese Räume haben mich persönlich sehr getroffen. Wissen Sie, wie man sich fühlt, wenn man in einer Gaskammer steht und weiß, dass mehrere hunderttausend Menschen darin umgekommen sind und dann in den Nebenraum geht, wo sich die Brennöfen befinden? Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben.

Dann gab es für uns etwas Pause, bevor es nach Auschwitz II - Birkenau ging. Diese Massenmörderanstalt war wirklich das bisher eindrucksvollste, was ich je gesehen habe. Man stellt sich auf einen Aussichtsturm, wo damals die Lagerleitung gesessen hat, blickt in die Ferne und man sieht kein Ende dieser abgerissenen Baracken. Schließlich wurden wir auf dem Gelände umhergeführt. 200 Menschen hatten 20 bis 40 Sekunden für ihren Toilettengang, sie wurden zu zehnt oder noch mehr in ein dreistöckiges Bett gestopft und mit Befehlen unter Druck gesetzt. Das wirkte alles wie ein Stall. Und dann noch diese Seen, die künstlich angelegt wurden, um die Asche darin zu deponieren und man diese immer noch sieht. Verstehen Sie nun, warum man da sprachlos rauskommt und erst mal verarbeiten muss, eh man wieder mit dem Leben konfrontiert werden will? Ich habe wirklich noch nie etwas Schlimmeres gesehen. Ich empfehle dies jedem Menschen. Dieses Grauen menschlicher Herkunft sollte jeder einmal gesehen und dieses Gefühlschaos durchlebt haben.


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Quelle:
diesseits 4. Quartal, Nr. 89 4/2009, S. 10-11
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Dezember 2009