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ETHIK/020: Kultur? Gut? (Ingolf Bossenz)


Kultur? Gut?

Von Ingolf Bossenz, 5. August 2011


Der »größte Fressnapf der Welt« wurde am vergangenen Sonntag beim Hundefest »Bavaria Dog 2011« im Olympiapark München enthüllt - von »Fressnapf«, Europas größter Fachmarktkette für Heimtierbedarf. Das gigantische Geschirr symbolisierte den erfolgreichen Abschluss einer Spendenaktion für den Tierschutz sowie das »Fressnapf«-Engagement »für ein partnerschaftliches und liebevolles Miteinander von Mensch und Tier«.

Während solche PR-Aktionen den Eindruck erwecken, es gehe unaufhaltsam voran in Sachen Tierschutz, sieht die europäische Realität des »Miteinanders von Mensch und Tier« weder partnerschaftlich noch liebevoll aus.

Als würde es nicht reichen, dass jedes Jahr in der EU rund fünf Milliarden Tiere (ohne Wassertiere) für den Verzehr sterben müssen: Selbst für die sogar von vielen Fleischessern als besonders grausam abgelehnten Aufzuchtmethoden findet sich eine lautstarke Lobby. Jüngstes Beispiel ist »Foie gras«, die französische Stopfleber, für deren Erzeugung jedes Jahr 30 Millionen Gänsen und Enten mittels Stahltrichter der Futterbrei brutal in den Magen gepresst wird. Die Absage der Kölner Nahrungsgütermesse Anuga an die Anbieter solch perverser Produkte (nicht aus ethischen Gründen, sondern um die Veranstaltung nicht durch eine kontroverse Debatte zu belasten) rief umgehend nicht nur die Hersteller, sondern sogar die französische Politik auf den Plan. Agrarminister Bruno Le Maire drohte mit Fernbleiben von der Messe.

Verwunderlich ist das nicht. Schließlich wurden die Qualprodukte vor fünf Jahren erst als nationales »Kulturerbe« unter besonderen Schutz gestellt. Kultur? Für Aldous Huxley war Kultur »das Treibhaus, das es den menschlichen Fähigkeiten erlaubt, sich zu entwickeln«. Und fähig ist der Mensch bekanntlich zu allem. Was nicht nur seinesgleichen zu spüren bekommt, sondern auch seine tierlichen Mitgeschöpfe. Um bei Frankreichs Kultur zu bleiben: Im Land Voltaires, Diderots und Sartres steht seit April dieses Jahres auf der vom Kulturministerium geführten Liste des immateriellen nationalen Kulturerbes auch die Misshandlung und Tötung von Tieren zur Unterhaltung einer johlenden Menge - der Stierkampf. Damit wurde weltweit erstmals eine derartige Tortur zum Kulturgut erhoben.

Ein Aberwitz, der bislang sogar im Stierkampf-Land Spanien scheiterte, wo die Zuständigkeit für das blutige Spektakel jetzt aber immerhin dem Kultusministerium übertragen wurde. Eine präventive Antwort auf diese Aufwertung gab bereits die Anti-Stierkampf-Demonstration im März 2010 in Madrid, auf der 20 000 Aktivisten zornig skandierten: »La tortura no es cultura!« - »Folter ist keine Kultur!« Dessen ungeachtet gibt es in Spanien wie Frankreich Bestrebungen, den Stierkampf von der UNESCO gar zum immateriellen Weltkulturerbe erklären zu lassen - gleichberechtigt neben dem Tango oder der chinesischen Kalligrafie.

Der EU-Vertrag von Lissabon nimmt beim Tierschutz ausdrücklich auf solche »kulturellen Traditionen« Rücksicht - und stellt ihnen damit einen Freibrief aus. Die Brüsseler Eurokratie fördert den Stierkampf zudem mit Millionensubventionen, da auch Züchter von Kampfstieren Anspruch auf Bezuschussung haben. Doch wäre es zu einfach, die Schuld allein beim »System« zu suchen. Die Verve, mit der in Europa »Kultur« kontra Tierrechte gesetzt wird, kann sich nur deshalb entfalten, weil Letztere ungeachtet vollmundiger Gesetzestexte in der Tat an letzter Stelle stehen. Und das betrifft nicht nur Stopfleberliebhaber und Stierkampfanhänger, sondern eine gesamte - ja - Kultur, die sich auf Leid und Tod von Tieren gründet, Tag für Tag. Eine Schlachthauskultur, die von Millionen Menschen getragen und nur sehr ungern präsentiert wird. Im Unterschied zu Preziosen wie dem »größten Fressnapf der Welt«.


Der Autor ist ND-Redakteur und schreibt unter anderem über Themen aus dem Bereich Tierrechte/Tierethik.


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Quelle:
Ingolf Bossenz, August 2011
Der Schattenblick veröffentlicht diesen Artikel mit der freundlichen
Genehmigung des Autors.
Erstveröffentlicht in Neues Deutschland vom 05.08.2011
URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/203698.kultur-gut.html


veröffentlicht im Schattenblick zum 6. August 2011