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ETHIK/006: Wo gute Hoffnung rar ist (Ingolf Bossenz)


Wo gute Hoffnung rar ist

Von Ingolf Bossenz, 15. Juni 2010


»Die spektakulären Rituale finden sicherlich hinter verschlossenen Türen statt.« Die Aussage des Politologen und Afrikaexperten Oliver Becker dürfte für FIFA-Funktionäre Grund zum Aufatmen sein.

War doch vor Beginn der Fußball-WM immer wieder die Rede davon, dass südafrikanische Traditionalisten in den Stadien Kühe opfern wollen, um den Spielverlauf magisch zu beeinflussen. Angesichts der »Leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel« und anderer katholischer Dogmen besteht indes kein Grund zu herablassender Sicht auf solchen Aberglauben. Abzulehnen ist aber auch die »Tendenz, wunderliche religiöse Gewohnheiten einzelner ethnischer Gruppen zu glorifizieren und die in ihrem Namen begangenen Grausamkeiten zu rechtfertigen«, auf die der Evolutionsbiologe Richard Dawkins verweist. Und die südafrikanischen Tieropferungen bleiben Grausamkeiten - auch wenn sie nicht coram publico zelebriert werden.

»Der zentrale Punkt in der afrikanischen Opferphilosophie ist das laute Schreien oder Brüllen des Tiers, damit die Ahnen es hören und erhören - also das Quälen ist unverzichtbar für den Erfolg!«, erklärte der in Kapstadt lebende Religionsforscher Michael Skriver gegenüber ND.

Zumindest wird die Berichterstattung über das Sportevent nicht auch noch mit öffentlicher Tierquälerei »belastet«. Dass man sich stattdessen lieber des ohrenbetäubenden Lärms der Vuvuzelas als Thema annimmt, dürfte noch einen anderen, verdrängten Grund haben: Was in den Tierfabriken des christlichen Abendlandes an Grausamkeiten praktiziert wird, übersteigt die Magie auf dem Schwarzen Kontinent allein in der schieren Zahl bei Weitem. Und diese Grausamkeiten sind jenseits alles Religiösen. Und alles Humanen. Gute Hoffnung ist hier noch rarer als am Kap.


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Quelle:
Ingolf Bossenz, Juni 2010
Der Schattenblick veröffentlicht diesen Artikel mit der freundlichen
Genehmigung des Autors.
Erstveröffentlicht in Neues Deutschland vom 15.06.2010
http://www.neues-deutschland.de/artikel/173076.wo-gute-hoffnung-rar-ist.html


veröffentlicht im Schattenblick zum 16. Juni 2010