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ETHIK/002: Kultur des Versagens (Ingolf Bossenz)


Kultur des Versagens

Von Ingolf Bossenz, 12. März 2010


Das große Fressen. Nicht im Film, sondern in der internationalen Realität. Zwar wächst die Zahl der auf Erden Hungernden unablässig weiter und passierte im vorigen Jahr die Milliardenmarke. Aber zugleich legte die UN-Ernährungsorganisation eine Prognose vor, der zufolge die Fleisch-»Produktion« weltweit von derzeit 228 Millionen Tonnen auf 463 Millionen Tonnen im Jahr 2050 steigt.

Beste Aussichten also auch für europäische Tierfabriken, ihre »Produkte« in jene Länder zu exportieren, die bislang noch nicht so stramm mithalten konnten mit der exzessiven Esskultur der Industriestaaten. Esskultur? Schlachthauskultur trifft es wohl genauer. Töten im Takt und im Akkord. Immer schneller und immer mehr. Sind das die laut Lissabonner Reformvertrag besonders zu berücksichtigenden »kulturellen Traditionen«?

Die Vermutung liegt nahe. Denn die Polizeistaatsmethoden, die derzeit die österreichischen Behörden bei Tierrechtsaktivisten zum Einsatz bringen, richten sich prononciert gegen eine Bedrohung der Schlachthauskultur und der mittels dieser erwirtschafteten Profite. Auf der Anklagebank sitzt eine andere Kultur - die des zivilen Widerstandes und Ungehorsams für den Schutz wehrloser Kreaturen. Mit einer zusammengeschusterten Anklage und der Instrumentalisierung des Mafia-Paragrafen im österreichischen Strafgesetzbuch werden die von den 13 Beschuldigten repräsentierten Organisationen und Aktivitäten von der Justiz in die Nähe des Terrorismus gerückt.

Da verwundert es nicht, dass die Staatsanwaltschaft Innsbruck in einem anderen Fall in dieser Woche die Ermittlungen einstellte. Dabei ging es um veritablen Terror - allerdings »nur« gegen Tiere. Im Tiroler Ötztal waren lebende Schweine in Schneemassen begraben worden, um aus dem langsamen Kälte- und Erstickungstod Informationen über Todesumstände in Lawinen zu gewinnen. Tierschützer hatten den Testabbruch erzwungen und Anzeige erstattet.

Während die an sogenannten Nutz- und Versuchstieren exekutierten Grausamkeiten von euphemistischem Vokabular und medialen Verharmlosungsstrategien begleitet werden, wird eine andere Tortur nachgerade wie eine Monstranz durch die europäische Kulturlandschaft getragen: der Stierkampf. Die spanischen Regionen Madrid, Murcia und Valencia kündigten jetzt an, die »Corrida de Toros« zum Kulturgut zu erklären. Und die UVTF, ein Zusammenschluss südfranzösischer Städte, in denen regelmäßig Stierkämpfe veranstaltet werden, will bei der UNESCO gar beantragen, das blutige Arenenspektakel zum »Kulturerbe der Menschheit« zu erklären.

So verständlich und berechtigt die Proteste von Tierschutzorganisationen auch sind - in diesen abenteuerlichen Ansinnen steckt zweifellos mehr Ehrlichkeit als in den notorischen Täuschungstaktiken der Tierausbeutungsindustrie. Schließlich gehe es um »ein Symbol Spaniens«, erklärte freimütig und stolz ein Vertreter der Regionalregierung Valencias.

Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera (geb. 1929) schrieb in seinem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«: »Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung (die so tief im Innern verankert ist, dass sie sich unserem Blick entzieht) äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, dass sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.«

Kundera legt jenen ethischen Kern der Mensch-Tier-Debatten bloß, der meist vernebelt wird: Es geht nicht »nur« um Tiere, es geht um Humanitas. Ein Anliegen, das beim Beschwören atavistischer »Symbole« oder der Tonnenideologie der Tierfabriken auf der Strecke bleibt.


Der Autor ist Redakteur des Neuen Deutschland und schreibt unter anderem über Themen aus dem Bereich Tierrechte/Tierethik.


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Quelle:
Ingolf Bossenz, März 2010
Der Schattenblick veröffentlicht diesen Artikel mit der freundlichen
Genehmigung des Autors.
Erstveröffentlicht in Neues Deutschland vom 12.03.2010
URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/166904.kultur-des-versagens.html


veröffentlicht im Schattenblick zum 13. März 2010