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INTERVIEW/041: Veganes Straßenfest - Zwei Schritte voran, einer zurück ...    Niko Rittenau im Gespräch (SB)



Auf dem 6. Veganen Straßenfest in Hamburg-St.Pauli [1] brauchte sich der Ernährungsberater Niko Rittenau über mangelndes Interesse nicht zu beklagen. Während seines Vortrages "Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zur veganen Ernährung" war das Veranstaltungszelt bis auf den letzten Platz besetzt, und auch im Gang davor stand das an seinen Erkenntnissen interessierte Publikum dicht an dicht. Im Anschluß fand der für seine hohe Sprechgeschwindigkeit, die der Prägnanz seiner Ausführungen keinen Abbruch tut, berüchtigte Referent noch etwas Zeit, dem Schattenblick einige Fragen zu beantworten.


Mit Mikro vor Projektionsfläche - Foto: © 2019 by Schattenblick

Niko Rittenau im Veranstaltungszelt des 6. Veganen Straßenfestes Hamburg Foto: © 2019 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Niko, du publizierst nicht nur über vegane Ernährung, sondern hältst auch Vorträge und betreibst einen gut frequentierten Youtube-Channel, in dem du aktuelle Debatten rund um den Veganismus kommentierst und detailliert zu den ernährungsphysiologischen Bedingungen einer veganen Lebensweise Auskunft gibst. Wie hat sich dein Weg zu einem zumindest in veganen Kreisen bekannten Ernährungsexperten entwickelt?

Niko Rittenau (NR): Ich komme ursprünglich aus der Gastronomie und Hotellerie und hatte den Wunsch, irgendein schönes Luxushotel zu managen. Im Zuge dessen sind mir sehr viele Sachen bewußt geworden - wie es um unsere Welternährung bestellt ist, wie viele Menschen nicht genug zu essen bekommen, wie wichtig unsere Ernährung für die Gesundheit ist und wie stark sich Ernährung auf unser Klima auswirkt. All diese Dinge haben mich dazu gebracht, mich mehr mit dem Thema zu beschäftigen, so daß ich ab einem gewissen Punkt für mich nicht mehr rechtfertigen konnte, diesen alten Lebenstraum zu verfolgen. Ich wollte selber Teil der Veränderung sein. Daher habe ich Ernährung studiert, erst Bachelor, jetzt auch im Master, und habe einfach angefangen, mein Wissen kostenlos zur Verfügung zu stellen, weil ich dachte, das ist so wichtig, das muß jeder wissen. Und immer mehr Menschen meinten, hey, das ist toll, warum schreibst du kein Buch darüber und so weiter. Das habe ich gemacht, und die letzten drei Jahre ist das dann stückweise gewachsen.

SB: Alternative, also ohne Tierverbrauch auskommende Fleischprodukte sind stark im Kommen. Da stellt sich die Frage, warum überhaupt Fleisch kopieren, wenn sich so viele Veganer bestens pflanzlich ernähren?

NR: Das ist einzig und allein für die Menschen, denen der Geschmack von Fleisch so wichtig ist, daß sie nicht darauf verzichten wollen. Denn man kann vegan sehr gute Würstchen machen, man kann vegan gute Patties und Burger machen. Aber wir können in absehbarer Zeit kein veganes Steak oder vegane Rippchen herstellen. Es geht eher darum, die Nachfrage zu bedienen, und das auf eine gesündere, nachhaltigere und tierethischere Art und Weise. Es ist nicht dafür gemacht, daß Veganer wieder Fleisch essen.

SB: Du hattest im Vortrag erwähnt, daß es einen Zusammenhang zwischen Bodenbeschaffenheit und Nährstoffgehalt der darauf angebauten Feldfrüchte gibt. Gibt es bereits wissenschaftliche Erkenntnisse über einen durch die agarindustrielle Wirtschaftsweise verminderten Nährstoffgehalt?

NR: Das bezog sich weniger auf diese Frage. Man hört ja auch von Nahrungsergänzungsmittelherstellern, unsere Böden seien heute so arm, deswegen müssen wir alles supplementieren. So war das gar nicht gemeint, sondern historisch ist der Boden in Europa schon sehr lange Zeit arm an Selen. Das hat auch mit der geografischen Gegebenheit zu tun. Mir sind keine Daten bekannt, daß sich, wenn wir uns den Durchschnitt in den letzten 100 oder 200 Jahren anschauen, hier der Nährstoffgehalt merklich verändert hat. Es ist natürlich schon so, daß Wildpflanzen im Schnitt etwas nährstoffreicher sind. Aber generell geht es mir einfach nur darum zu sagen, daß zum Beispiel Jod und Selen in der Erde Europas im Vergleich zu anderen Weltregionen sehr selten sind und daß wir diese essentiellen Nährstoffe speziell supplementieren sollten. Das wird ja auch in der Tierhaltung getan. Der einzige Grund, warum Selen und Jod in großen Mengen in tierischen Produkten enthalten ist, besteht darin, daß es den Tieren ins Futter getan wird. Dies sollten wir nicht den Tieren geben, sondern direkt in die Kette weiter unten, damit alle was davon haben.

SB: Hierzulande wird sehr differenziert über bestimmte Nahrungsbestandteile gesprochen, und Veganern ist es in der Regel ohne weiteres möglich, sich mit allem Notwendigen zu versorgen. Was ist mit den vielen Menschen in anderen Teilen der Welt, die dazu weder das Geld noch das Wissen haben? Gibt es überhaupt die Möglichkeit, Veganismus im Sinne der von dir gesehenen Lösungen dort zu propagieren?


Niko Rittenau vor Publikum - Foto: © 2019 by Schattenblick

Auch im "echten Leben" ein Erlebnis - Youtuber auf dem Veganen Straßenfest
Foto: © 2019 by Schattenblick

NR: Aus meiner Sicht sollte das Ziel sein, alle Menschen weltweit auf einen Lebenstandard heben zu können, der unserem ebenbürtig ist. Während das hoffentlich in den nächsten Jahrzehnten passiert, ist das größere globale Problem der Konsum der westlichen Welt. Die Hauptverursacher sind in erster Linie ja westliche Länder, hier muß man ansetzen, weil der Hebel hier größer ist. Jemand, der drei Schweine in Afrika hält, ist für die Welt nicht das Problem. Auch wenn ich der Meinung bin, wenn wir jetzt 300 Jahre vorspulen, daß es auch das Ziel wäre, hier etwas zu tun, aber nicht jetzt.

SB: Häufig wird bei dieser Frage angeführt, daß in China der Fleischkonsum stark zugenommen hat.

NR: Und weiter zunehmen wird. Die Hochrechnungen sagen, daß sich der Fleischkonsum in China und Indien bis 2050 verdoppeln wird. Das ist eines der Hauptargumente, warum alternative Fleischproduktionsmethoden wie Cultured Meat so von Bedeutung sind. Bis der Veganismus einen relevanten Anteil in der chinesischen Bevölkerung hat, ist es zu spät. Deswegen müssen wir diese doppelte Nachfrage durch alternative Proteinquellen wie Cultured Meat decken.

SB: In der klimapolitischen Debatte rückt die Frage des Tierkonsums und seiner Regulation zum Zwecke des Klimaschutzes immer mehr ins allgemeine Bewußtsein. Mal spekulativ gefragt, wenn es so wäre, daß Milch 1,50 Euro kostet und Hafermilch 50 Cent, was ja durchaus denkbar wäre, wie würde sich das aus deiner Sicht gesellschaftlich auswirken?

NR: Ich denke, das ist eine große Verantwortung für die Gesellschaft. Man sieht, daß der Preis nicht das einzige Argument für den Kauf ist, aber es ist immer ein sehr wichtiges. Aktuell würde ich im Umkehrschluß sagen, ist es ein großes Hindernis für die pflanzlichen Milchalternativen, daß sie teurer sind. In dem Moment, wo sie günstiger werden, und spätestens wenn wir Milchersatzprodukte im größeren Maßstab produzieren, wird das auch der Fall sein, dann wird die Nachfrage erheblich steigen. Und wenn wir tatsächlich die reellen Kosten für den Liter Kuhmilch ansetzen würden, dann fiele der Konsum dieser Milch sowieso drastisch niedriger aus.

SB: Hier in Deutschland werden Pflanzendrinks - die Hersteller dürfen sie ja nicht mehr Milch nennen - mit dem vollständigen Mehrwertsteuersatz besteuert.

NR: Ja, lächerlich

SB: Wie verhielten sich deiner Ansicht nach die Preisrelationen, wenn die konkreten Produktionsbedingungen der Nahrungsmittel beim Verkauf berücksichtigt würden?

NR: Rein spekulativ kann ich nicht sagen, um das Wievielfache es teurer wäre. Aber Fleisch, Milch, Käse, Eier befänden sich preislich in einem Bereich, daß wieder das geschehen würde, was wir vor der industriellen Massentierhaltung hatten, nämlich daß Fleisch und alle Tierprodukte Luxusgüter sind. Wenn sie schon gegessen werden, dann müßten sie als Luxusprodukte konsumiert werden, erst dann könnten wir das reale Preisniveau ermitteln.

SB: Niko, vielen Dank für das Gespräch.


Niko Rittenau vor Publikum - Foto: © 2019 by Schattenblick

Großes Interesse an ernährungswissenschaftlicher Expertise für VeganerInnen
Foto: © 2019 by Schattenblick


Fußnote:


[1] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0015.html


1. August 2019


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