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INTERVIEW/036: Vegane Fronten - Der Sprung dazwischen ...    Alfie Moon im Gespräch (SB)


Bei Jägern verhaßt, in der Bevölkerung populär - Jagdsaboteure

Veganes Straßenfest in Hamburg-St. Georg am 5. September 2015


Alfie Moon ist seit 30 Jahren in der englischen Umwelt- und Tierrechtsbewegung aktiv und betreibt seit 20 Jahren Jagdsabotage. Er ist in der Hunt Saboteurs Association (HSA) [1] organisiert und kümmert sich im Hunt Saboteurs Global Network um die internationale Vernetzung der Aktivistinnen und Aktivisten. Auf dem diesjährigen Veganen Straßenfest in Hamburg-St. Georg vermittelte Alfie Moon dem interessierten Publikum einen Einblick in die Auseinandersetzungen, die im Vereinigten Königreich (UK) um die Jagd im allgemeinen und die Hetzjagd mit Hunden im besonderen geführt werden. [2] Kurz vor seiner Rückreise nach England fand der in der HSA mit Öffentlichkeitsarbeit betraute Aktivist noch etwas Zeit, dem Schattenblick einige Fragen zu dieser auch in der Bundesrepublik von Tierbefreierinnen und Tierrechtlern praktizierten Aktionsform zu beantworten.


Am Infostand im Gespräch - Foto: © 2015 by Schattenblick

Alfie Moon
Foto: © 2015 by Schattenblick


Schattenblick (SB): Dem Begriff der Sabotage haftet etwas Verbotenes an. Auch wenn es sich um einen Akt legitimen Widerstands handelt, gilt Sabotage zumindest in der Bundesrepublik meist als etwas Illegales. Bekommt ihr im Vereinigten Königreich (UK) Probleme, weil ihr als Hunt Saboteurs Association (HSA) öffentlich zur Jagdsabotage aufruft?

Alfie Moon (AM): Bevor das Gesetz verändert und Jagen mit Hunden in England verboten wurde, war tatsächlich jede Form von Jagdsabotage illegal. Ich wurde dabei mindestens einmal im Jahr von der Polizei verhaftet, aber niemals wegen eines Verbrechens strafrechtlich verurteilt. Die Polizei wollte einfach nur Ärger machen.

Die Organisation HSA wurde 1963 inmitten des Aufbruchs der Jugend und der Jahre der Rebellion gegründet. Damals hat wohl niemand Bedenken gehabt, die Organisation als eine Gruppe von Jagdsaboteuren auszuweisen. Es ging auch um die Herausforderung. Man wollte ankündigen, daß man etwas gegen die Jagd unternehmen und sich ihr in den Weg stellen wollte, statt einfach nur zuzuschauen und sich zu beschweren.

Als das neue Jagdgesetz 2005 in Kraft trat, gab es eine große Debatte unter den Jagdsaboteuren, ob man den Namen behalten wolle. Wir entschieden uns schließlich dazu, dies zu tun, weil jeder weiß, wer wir sind. Zumindest innerhalb der Tierrechtsbewegung ist dieser Name sehr bekannt und wird respektiert, auch weil es die HSA schon über 50 Jahre gibt.

SB: 1963 war der Begriff der Tierrechte praktisch unbekannt. Wie war das damals? Waren die Aktivistinnen und Aktivisten auch von der Frage sozialer Gerechtigkeit bewegt und hatte die Konfrontation mit den Jägern auch etwas Klassenkämpferisches, oder ging es von Anfang an nur um Tierrechte?

AM: Als die Jagdsaboteure in den 1980er Jahren sehr viel Zulauf hatten, waren meiner Ansicht nach viele Menschen durch Klassenfragen motiviert. Aber heute ist es eine auf dem Kampf um Tierrechte basierende Bewegung. Als das Jagdgesetz 2005 geändert wurde, stand die Organisation kurz davor, völlig zu verschwinden. Die Menschen dachten, das ist vorbei und es gibt nichts mehr zu tun. Nur eine kleine Gruppe von uns widersprach und insistierte, daß auch diese Form der Jagd weiterbetrieben werde. Im Zuge der Reorganisation der HSA hat sich der Tierrechtsgedanke als zentrale Philosophie der Bewegung etabliert. Uns gibt es, weil das Leben jedes Tieres wertvoll ist, und wir werden mit unserer Arbeit nicht aufhören, bis kein Tier mehr gejagt und kein Hund bei der Jagd mehr mißhandelt wird.

SB: Zu jagen ist immer noch ein Privileg der Reichen, wie allein die Tatsache zeigt, daß eine Lizenz für die Fasanenjagd 1500 Pfund am Tag kostet. Gleichzeitig gibt es eine Mehrheit von 80 Prozent der Bevölkerung, die gegen die Jagd ist ...

AM: Die Jagd mit Hunden. Die meisten Leute sind sich nicht einmal bewußt, daß im UK auch Fasane und anderes Wild erlegt werden. Im Augenblick gibt es allerdings eine Debatte in der Presse, weil der Premierminister versucht, das Jagdgesetz zu entschärfen. Viele Menschen sind sehr wütend darüber, daß Cameron vorhat, das Gesetz mit schmutzigen Tricks rückgängig zu machen.

SB: Wir sind hier heute auf dem Veganen Straßenfest. Ist der Veganismus auch unter den britischen Jagdsaboteuren verbreitet, oder haben diese beiden Dinge nicht zwingend etwas miteinander zu tun?

AM: Fast alle Jagdsaboteure sind Veganer. Wenn sie es bei ihrem Beitritt noch nicht sind, dann werden sie es in der Regel im Zusammenhang mit dem Aktivismus. Der Mann, der die Gruppe gründete, an der ich beteiligt bin, arbeitete in der Metzgerei seines Vaters. Innerhalb von drei Wochen war er Veganer, weil er das Leid mit eigenen Augen gesehen hatte. Deshalb sind fast alle Jagdsaboteure Veganer und auch auf allen veganen Events im UK präsent.

SB: In der Bundesrepublik macht die Klimagerechtigkeitsbewegung von sich reden. Gibt es auch Verbindungen zu sozialen Bewegungen dieser Art, die im UK seit langem mit Klimacamps und ähnlichen Aktionsformen präsent sind?

AM: Ich glaube, viele Menschen, die sich für Tierrechte einsetzen, sind auch in ökologischen Fragen aktiv. Es ist Teil unserer Philosophie. Es geht darum, sich um Menschen zu kümmern, um fühlende Lebewesen und den Erhalt des Planeten.

SB: In England wurden harte Haftstrafen von bis zu elf Jahren Dauer über die Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe Stop Huntingdon Animal Cruelty (SHAC), die gegen die Tierversuchsindustrie vorgegangen ist, verhängt. Muß eure Gruppe angesichts dieser starken Repression nicht befürchten, auf ähnliche Weise Probleme mit dem Staat zu bekommen?

AM: Ja. So könnte es sein, daß neue Gesetze verabschiedet werden, die die Jagdsabotage so stark kriminalisieren wie den Kampf gegen Tierversuche. Debbie Vincent von der SHAC-Kampagne ist eine sehr gute Freundin. Ich habe sie vor drei Wochen im Knast besucht. Sie hat früher selbst Jagdsabotage betrieben. Vier von den anderen Aktivistinnen und Aktivisten, die mit ihr zusammen verurteilt wurden, waren ebenfalls Jagdsaboteure. Von daher gibt es eine große Nähe zwischen den verschiedenen Aktionsfeldern. Es geht um die Philosophie.

SB: Hat der Staat versucht, auch Gruppen der Jagdsaboteure zu unterwandern wie im Falle des Polizisten Mark Kennedy, der sieben Jahre lang als Undercover-Agent zahlreiche Gruppen des sozialen und ökologischen Widerstands ausgeforscht hat?

AM: Ich glaube, sie unterwandern uns die ganze Zeit. Ich kenne Menschen, die mit Mark Kennedy in engem Kontakt standen und daran geglaubt haben, daß er ein Aktivist ist. Es ist ganz einfach - wenn du etwas machst, das dich in Schwierigkeiten bringen könnte, dann solltest du es niemals jemandem erzählen. Die Menschen sind dumm, sie wollen wichtig erscheinen und Bestätigung dafür erhalten, daß sie etwas Großartiges gemacht haben. Das bringt sie in den Knast.

SB: Alfie, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnoten:

[1] http://www.huntsabs.org.uk/

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0013.html


Zum Veganen Straßenfest 2015 im Schattenblick:

BERICHT/011: Vegane Fronten - Nicht nur der Verzehr ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0011.html

BERICHT/012: Vegane Fronten - Der Pelzraub-Renaissance die Stirn bieten ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0012.html

BERICHT/013: Vegane Fronten - Lebensrecht für Felle ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0013.html

INTERVIEW/029: Vegane Fronten - Heimstatt für verbrauchte Leben ...    Verena Delto im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0029.html

INTERVIEW/030: Vegane Fronten - Gabelhumor ...    Der Graslutscher im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0030.html

INTERVIEW/031: Vegane Fronten - Tische ohne Fische ...    Valeska Diemel im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0031.html

INTERVIEW/032: Vegane Fronten - Doppelfluchten ...    Wanja Kilber im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0032.html

INTERVIEW/033: Vegane Fronten - Menschenrecht Gesundheit ...    Lukas Rosen im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0033.html

INTERVIEW/034: Vegane Fronten - Wo der Mensch auch hintritt ...    Daniel Mettke im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0034.html

INTERVIEW/035: Vegane Fronten - Überborden Haifisch morden ...    Oliver Feist und Julian Engel im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0035.html

25. Dezember 2015


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