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INTERVIEW/029: Vegane Fronten - Heimstatt für verbrauchte Leben ...    Verena Delto im Gespräch (SB)


Der Ohnmacht der "Nutztiere" ein Ende bereiten ...

Veganes Straßenfest in Hamburg-St. Georg am 5. September 2015


"Tier-" oder "artgerecht" solle das "Nutzvieh" gehalten werden, lautet eine in den Medien angesichts der grausamen Zustände in der Massentierhaltung häufig zu vernehmende Forderung. Doch die Behauptung, die Produktion tierischer Nahrungsmittel könne in irgendeiner Form "tier-" oder "artgerecht" sein, kann nur auf eine Weise Gültigkeit erhalten - wenn es sich beim sogenannten Nutzvieh tatsächlich um ein Produktionsmittel handelte, geschaffen allein für den Zweck, dem Menschen mit seiner leiblichen Existenz bedingungslos zur Verfügung zu stehen. Gesteht man den darunter subsumierten Lebewesen zu, ihr Leben nicht vorzeitig beenden zu wollen, eigene Wünsche wie die Aufzucht von Nachkommen und die Nähe zu ihresgleichen zu hegen sowie die Ohnmacht des Schmerzes der eigenen Vernichtung zu scheuen, dann schließt das ihre Degradierung zum bloßen Mittel ihnen fremder Zwecke aus.

Wenn etwas an der Produktion von Fleisch, Milch, Eiern und anderen Qualprodukten gerecht sein soll, dann kann es nur "menschengerecht" sein im Sinne dessen, daß Tiere dazu benutzt werden, es dem Menschen recht zu machen. Diese Rechtsmetaphorik läßt tief blicken, denn sie gründet in einem Herrschaftsanspruch, der, sei er nun biblisch im Sinne dessen, daß der Mensch sich die Erde untertan machen solle, oder biologisch in Form seiner Ausnahmestellung unter den Primaten, dem Menschen totale Verfügungsgewalt über die Existenz nichtmenschlicher Tiere zugesteht. Auch der Tierschutz bewegt sich, aller dadurch bewirkten Linderungen von Tierleid eingedenk, nicht über die Grenze dieses Rechtsanspruches hinaus. Er schützt im Kern das Eigentum an Tieren, fungierten diese doch über die direkte Verwertung ihrer Physis hinaus seit jeher als Tauschmittel ökonomischer und, wie die eminente Bedeutung des Tieropfers belegt, religiöser Art. Den erwünschten Nutzen des Viehs moralisch-ethisch zu konditionieren, anstatt ihn zu beenden, ist mit dem Anliegen, dem Tier eigenes Recht und eigene Stimme, sprich Subjektqualität zukommen zu lassen, unvereinbar.

Die anthropozentrische Kategorisierung Haus-, Nutz- und Wildtier kann für die darunter gefaßten Tiere den Unterschied von Leben und Tod bedeuten. Bleibt das Haustier als Begleiter und Freund des Menschen meist von der Grausamkeit, wie ein Rohstoff behandelt zu werden, verschont, so hat das Nutztier in den agrarindustriell normierten Stadien seiner Produktion so gut wie keine Chance, das rettende Ufer menschlicher Sympathie zu erreichen und so seinem vorbestimmten Ende im Meer des aus den Schlachthöfen strömenden Blutes zu entkommen. Wildtiere können bestimmte Schutzräume und Schonzeiten in Anspruch nehmen, eben weil sie dadurch bedroht sind, dem Jägerspaß am Töten oder dem Rohstoffhunger kapitalistischer Produktivitätssteigerung, der ihre Lebensräume durch Extraktivismus und Landwirtschaft zerstört, zum Opfer zu fallen. Ihr Schicksal bleibt in den dürren Ziffern der Biodiversitätsbilanzen verborgen, mit denen der Schwund der Arten nicht um ihrer selbst willen, sondern ihres mittelbaren Nutzens für den Menschen wegen zumindest registriert werden soll.

Daß "Nutztiere" ihrer meist früher als später tödlich endenden Vernutzung entkommen ist eigentlich nicht vorgesehen, doch es kommt vor. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Lebenshöfe bieten diesen Tieren Zuflucht, und zwar keine, die ihren Nutzen unter anderem Vorzeichen fortsetzt, sondern die sie ein Leben ohne Zwang und Ausbeutung führen läßt. Dem eigenen Anspruch auf die Befreiung der Tiere auch und besonders von einem hierarchischen Mensch-Tier-Verhältnis gemäß soll hier nicht an einem Mitgeschöpf Gnade vor Recht ergehen. Weder wurde das Tier in einem Schöpfungsakt von irgendeiner Instanz geschaffen, auf die sich der Mensch bei seiner Beherrschung berufen kann, noch wird es bei der Inanspruchnahme seines Lebens der Gnade eben dieser Instanz teilhaftig, weshalb der Begriff des Gnadenhofes durch den des Lebenshofes abgelöst wurde.

Die Organisation des Veganen Straßenfestes in Hamburg wird unter anderem von Free Animal e.V. geleistet. Dieser Verein unterstützt Lebenshöfe und Projekte, die seinem Eintreten für tierliches Leben jeglicher Art, die Beendigung der Ausbeutung der Tiere und ihrer Befreiung, entsprechen [1]. Seinem Leitsatz "Ein Tier zu retten verändert nicht die Welt, aber die ganze Welt verändert sich für dieses eine Tier"[2] gemäß sind diese Ziele so utopisch wie real. Dies wird auch auf dem Tierlebenshof Hunsrück, der von Free Animal seit der Gründung des Vereins 1996 unterstützt wird, deutlich, leben dort doch Tiere inmitten einer von bäuerlicher Landwirtschaft geprägten Region so frei, wie es ein Lebewesen unter den herrschenden Bedingungen nur kann.

Auf dem Veganen Straßenfest 2015 [3] traf der Schattenblick auf Verena Delto, die nach Hamburg gereist war, um dort den Tierlebenshof Hunsrück-Mosel e.V. als 2. Vorsitzende zu repräsentieren. Dort ist man sich bewußt darüber, daß eine solche Initiative in der Realität kapitalistischer Ausbeutung von Mensch und Tier stets Widersprüchen verhaftet bleibt, für die es keine schnelle Lösung gibt. Dennoch sind die Aktivistinnen und Aktivisten unbescheiden genug zu beanspruchen, mit ihrer Arbeit sich einem besseren Leben und einer realen Utopie zumindest anzunähern [4]. In einem Gespräch am Free Animal-Stand berichtete Verena Delto über die Situation des Lebenshofes.


Schattenblick (SB): Frau Delto, betreiben Sie den Hof mit mehreren Leuten?

Verena Delto (VD): Wir sind als Verein seit 2013 eingetragen, vorher wurde der Lebenshof privat gehalten, aber erhielt seit den 90er Jahren auch Unterstützung von Free Animal. Die Gründung des Vereins hatte den Vorteil, die Last auf mehrere Personen verteilen zu können. Wir generieren uns über Spenden und sind auch gemeinnützig.

SB: Wohnen die Einzelpersonen, die sich im Verein engagieren, als Lebensgemeinschaft zusammen?

VD: Zwei Leute leben tatsächlich auf dem Hof und leisten auch die Hauptarbeit mit den Tieren, vom Versorgen übers Betreuen bis zum Gesundpflegen, weil wir viele alte und kranke Tiere haben. Aus dem Umfeld des Tierlebenshofes engagieren sich sehr viele, sei es in der Versorgung der Tiere oder bei den Verwaltungsaufgaben.

SB: Nehmen Sie speziell Tiere auf, die in der Landwirtschaft oder in anderen Produktionsprozessen gewissermaßen endverbraucht werden, oder generell Tiere aller Art?

VD: Wir nehmen überwiegend sogenannte Nutztiere auf, die entweder gerettet oder befreit, aber manchmal auch ausgemustert wurden. Das Hauptkriterium dabei ist, daß wir gewährleisten können, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Zu uns kommen Kühe, Schweine, Gänse, Enten, aber auch Kaninchen, Hunde und Pferde.

SB: Wie gehen Sie damit um, daß die sogenannten Nutztiere, wenn sie keinen Nutzen mehr haben, auch einen minimalen Anspruch auf Leben verlieren?

VD: Wir gehen davon aus, daß diese Tiere ein Lebensrecht haben und ein gutes Leben, ohne daß ihnen Tod durch Schlachtung droht, führen dürfen. Das wird bei uns gewährleistet. Die Kühe zum Beispiel sind von einem Tierschutzverein in der Nähe von Aachen gerettet worden. Sie konnten sie aber selbst nicht halten und haben sie daher an uns vermittelt, weil wir gerade die Kapazitäten frei hatten. Jetzt leben sie bei uns auf der Koppel oder im Winter im Laufstall, ohne daß sie Milch geben müssen.

SB: Greift das Bewußtsein für das Schicksal sogenannter Nutztiere Ihrer Ansicht nach weiter um sich, oder ist es eher eine Sache für spezielle Leute wie zum Beispiel Veganer, die sich mit Tierleid beschäftigen?

VD: Das ist ja das Schöne an Lebenshöfen, daß sich hier sehr viel überschneidet, eben weil sie in aller Regel nicht im städtischen Bereich angesiedelt sind, wo es über die weit verbreiteten Ideen des Veganismus zu einer Art Subkultur kommt. Die Lebenshöfe stehen tatsächlich auf dem Land, weil man sie sonst nirgends führen kann. Wenn man sich als Tierlebenshof organisiert und auch regional bekannter wird, ergeben sich tatsächlich Überschneidungen von verschiedensten Personen, es findet ein Austausch statt, den man sich so vorher gar nicht hätte vorstellen können. So kommen zum Beispiel auch Jugendliche aus dem Ort oder aus Wohnprojekten von Kindern und Jugendlichen zu uns auf den Hof, die aus verschiedenen Gründen nicht zu Hause leben können. Dieser Austausch bleibt eben nicht auf eine Subkultur beschränkt, sondern erreicht tatsächlich mehr Menschen. Das ist natürlich nicht so flächendeckend, wie wir uns das wünschen würden, aber es hat auf jeden Fall Potential und ist dadurch greifbar, daß die Tiere direkt vor Ort sind und man unmittelbar eine Alternative vor Augen hat zu dem, wie sie sonst gehalten werden.

SB: Ist die Unterstützung des Tierlebenshofs an eine vegane Lebensweise gebunden oder ist beides nicht unbedingt miteinander verkoppelt, oder anders gefragt: Können auch ganz gewöhnliche Fleischesser Fördermitglied werden, weil sie ungeachtet ihres eigenen Speiseplans den Wunsch haben, daß es einer Kuh gutgeht?

VD: Wir sind natürlich auf Spenden angewiesen. Das heißt, wir werden jetzt keine Spenden von fleischessenden Menschen ablehnen, außer wenn sie sich menschenverachtend äußern oder fremdenfeindliche Ansichten vertreten. Ich habe früher selbst Fleisch gegessen, und vielleicht findet ja irgendwann auch ein Wandel im Bewußtsein des anderen statt. Deshalb sollte man ihn von vornherein nicht ausschließen, sondern seine Unterstützung als einen Anknüpfungspunkt für einen Bildungsprozeß nehmen.

SB: Gibt es bei Ihnen auch Aktivistinnen und Aktivisten, die selber aus der örtlichen Landwirtschaft kommen, oder handelt es sich eher um Menschen aus anderen Regionen?

VD: Die meisten kommen tatsächlich aus anderen Regionen, bis auf die Jugendlichen, die in nahegelegenen Orten zu Hause sind und aus Eigeninteresse immer wieder mal auf den Hof kommen. Tatsächlich stammen sie aus Familien, die landwirtschaftlich tätig waren oder sind. Dennoch schauen sie unter der Woche oder in den Ferien hier vorbei. Im Grunde geht die Sympathie für den Tierlebenshof quer durch alle Zugehörigkeiten.

SB: Ist es nicht erstaunlich, wenn Menschen auf dem Lande, die seit Jahrhunderten von der Tierzucht leben, plötzlich der Idee eines Tierlebenshofes etwas abgewinnen können?

VD: In diesem ländlichen Umfeld ist der Milchbetrieb im nächsten Ort durchaus noch präsent. Natürlich gibt es solche und solche Reaktionen, aber es sind auf jeden Fall auch positive Reaktionen dabei.

SB: Frau Delto, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnoten:

[1] Zu Free Animal e.V. im Schattenblick:
INTERVIEW/027: Feiern, streiten und vegan - Schafft tierqualfreie Orte ...    Anke Guido im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0027.html

[2] http://www.free-animal.de/Startseite/

[3] Zum Veganen Straßenfest 2015 im Schattenblick:
BERICHT/011: Vegane Fronten - Nicht nur der Verzehr ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trbe0011.html

[4] http://www.tierlebenshof-hunsrueck.de/darueber-hinaus/

17. September 2015


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