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HIPPOS/92: Dickhäuter (1) Boulonnais, viel mehr als Suppenfleisch (SB)


Boulonnais

Das schönste Model für die Porzellanmanufaktur


Auf den saftigen Weiden an der französischen Kanalküste und in deren Hinterland ist ein Pferd zuhause, dem der Ruf vorausgeht, einer der schönsten Vertreter schwerer Rassen überhaupt zu sein. Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr, denn in den Adern des Boulonnaiser Schimmels fließt nachweislich eine Menge Blut hervorragender arabischer Pferde, und diese "edle" Abstammung bringt er auch in seinem Äußeren, seinem Temperament und seinen ausgesprochen anmutigen Bewegungen zum Ausdruck.

Die Legende, die sich um diese Tiere rankt, erzählt, daß kein geringerer als Julius Cäsar - allerdings unbewußt und indirekt - für die Zucht und Schönheit dieser Schwerathleten verantwortlich sei. Die Araber- und Berberhengste seiner aus Nordafrika stammenden numidischen Reitersoldaten sollen in den Jahren 55/54 vor Christus, als das römische Heer vor dem Übersetzen nach Britannien an der Kanalküste lagerte, mit den Stuten des in dieser fruchtbaren Marschgegend lebenden gewichtigen flandrischen Pferdeschlages in Kontakt gekommen sein.

Wie so oft in der Pferdezucht setzte sich die sich damals beiläufig ergebende Vermischung orientalischen Pferdeblutes mit dem der Vorfahren des heutigen Boulonnais (diesen Namen trägt die Rasse erst seit dem 17. Jahrhundert) dann später ebenso zufällig fort: in der Folge der Kreuzzüge des 11. und 12. Jahrhunderts, vor allem des ersten im Jahr 1096, bei dem ein Kreuzfahrerheer aus dem französischsprachigen Raum unter der Führung von Gottfried von Bouillon auszog (übrigens der Namensgeber des gleichklingenden Fleischauszugs), Jerusalem zu erobern und bei seiner Rückkehr zahlreiche arabische Pferde mit zurückbrachte, sowie während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich, Spanien und den Niederlanden, in denen im 16. und 17. Jahrhundert Andalusische Pferde im Gefolge spanischer Heere auch in das flandrische Kampfgebiet einzogen.

Die Einflüsse der feingliedrigen Orientalen und der stattlichen Andalusier auf das wuchtige, schwerköpfige westeuropäische Pferd blieben nicht ohne Folgen: bei kräftigem Knochenbau und starker Bemuskelung entwickelten diese Kaltblüter bemerkenswert edle Köpfe, klare Beine, große Beweglichkeit, Sanftmut und Ausdauer, Merkmale, die sich bis heute erhalten haben und die sie durch die Jahrhunderte zu den vierbeinigen Models vieler Reiterstandbilder machte.

Seit dem 17. Jahrhundert systematisch immer wieder mit arabischem Blut veredelt, entstanden aus diesen Pferden zwei Stammlinien: Im südlichen Zuchtgebiet um die Sommemündung wurde der 155 bis 160 cm hohe, 600 bis 700 kg schwere "Mareyeur" gezüchtet, den die Fischer und Händler dieser Gegend vor ihre zweirädrigen Karren spannten und der seit Ende des 19. Jahrhunderts praktisch ausgestorben ist. Zwischen Boulogne und Dünkirchen - dort regional Bourbourienne, Flamande, Artesienne und Picard genannt - züchtete man den bis zu 172 cm groß und 900 kg schwer werdenden, sehr frühreifen, bereits mit 18 Monaten für leichte Arbeiten verwendbaren Boulonnaiser Schimmel, dem die eigentliche Rolle als Landwirtschaftspferd zufiel.

Die Namensähnlichkeit ist zwar rein zufällig und hat auch nichts mehr mit dem oben genannten Kreuzfahrer Gottfried gemein, doch haftet ihr ein für Pferdefreunde makrabrer Beigeschmack an, der nicht ganz unbegründet ist: Tatsächlich wird der Boulonnaiser Schimmel von den Franzosen in erster Linie als Schlachttier gezüchtet. Und diesem Umstand hat die schwere und wegen ihres hohen Futterkonsums sehr kostspielig zu haltende Nutztierrasse vermutlich letztlich auch noch ihr Überleben zu verdanken.

Wenn er heutzutage nicht im Verlauf seines ersten oder zweiten Lebensjahres der Fleischverwertung anheim gefallen ist - auf derzeit 95.000 Tonnen beläuft sich der Bedarf an Pferdefleisch in seiner Heimat -, sondern zu voller Größe und Gewicht auswachsen darf, findet man im Boulonnais nicht selten eine Kombination von Eleganz und Kaliber, Anmut und Kraft, die kein Beispiel kennt.

Kraftvoll, muskulös, mit edlen Köpfen erkennt man in ihnen auch die Pferde der Athener Kavallerie auf dem Parthenonfries wieder. Daß es sich bei ihnen um das züchterische Ideal der heutigen Boulonnais handelte, beweisen die Fragmente der Halbreliefs aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert.

Daß die selten schönen und ausdruckstarken Kraftpakete kein anderes Los beschieden sein soll, als im Suppentopf zu landen, treibt jedem Pferdefreund das Wasser in die Augen, der nur einmal in die tiefgründigen großen, dunklen und langbewimperten Augen geblickt hat, die ein Erbe seiner arabischen Vorfahren sind. Mit ihren zierlichen Ohren, dem kleinen Maul, dem prächtig geschwungenen beweglichen Hals, dem langgezogenen Rücken, der schönen, muskulösen Kruppe und der breiten Brust, den hohen, trockenen Beinen und den wohlgeformten Hufen sehen sie wie lebendig gewordene Skulpturen aus weißem Porzellan aus. Und man möchte sie frei über satte grüne Weidegründe galoppieren sehen, selbst wenn sie diese dabei mit ihren schweren Hufen umpflügen sollten, daß hernach kein Hälmchen mehr wächst...

Erstveröffentlichung 2001
Neue, überarbeitete Fassung

29. Juni 2009