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HIPPOS/89: Ausgewilderte Koniks in Schleswig Holstein (SB)


Koniks, das Wildpferd ist lange tot, lang lebe das wildlebende Pferd

Stiftungsland Schäferhaus Vorreiter für Pferde-Auswilderung in Schleswig-Holstein


Inzwischen gibt es viele Naturschutzgebiete in Schleswig Holstein, wie der Meldorfer Speicherkoog oder die Geltinger Birk, in denen kleine Herden wilder Pferde für die Landschaftspflege zuständig sind. Vorreiter für das Auswilderungsprojekt war die Naturschutzfläche "Stiftungsland Schäferhaus" bei Flensburg, die 2002 die Auswilderung von fünf Wildpferden ankündigte.

Pferdefreunde geraten bei solchen Nachrichten gewöhnlich ins Träumen: Sie sehen dann große Herden von freilebenden Pferden vor sich, deren Hufe im ungehemmten Galopp über Dünen und Strand fliegen, den Geruch von Tang als Freiheit in den Nüstern ... Nun, ganz so ist es in Wirklichkeit nicht. Genaugenommen waren es keine Wildpferde, die seinerzeit in Buchen Wischen ausgewildert wurden, sondern fünf sogenannte "Koniks".

Die ursprünglich aus polnischen Rückzüchtungsversuchen stammenden, aber schon im Haustierpark Warder bei Rendsburg zur Welt gekommenen Steppentiere wurden am 6. März 2002 auf der Naturschutzfläche "Stiftungsland Schäferhaus" angesiedelt. Damit sind sie dem Naturschutzgebiet Geltinger Birk zuvorgekommen, dort trafen am 19. März 11 Pferde aus den Niederlanden ein (ein Hengst, zehn Stuten).

Seither bieten diese zusammen mit über hundert Galloway-Rindern eine sehr hübsche Kulisse für besessene Hobbyphotographen, Werbeprospekte und natürlich Pferdenarren. Denn inzwischen hat sich die kleine Herde in Flensburg auf die stattliche Anzahl von 18 ausgeweitet. Die massigen Fellrinder, die hier schon seit 1999 halbwild leben und zwischen denen die Pferde kaum zu entdecken sind, bilden immer noch die Überzahl.

Umweltminister Klaus Müller (Grüne) und der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Naturschutz, Konrad Nabel übergaben offiziell die ursprünglich polnischen Robustpferde dem freien, jedoch eingezäunten und somit parkähnlichem 280 Hektar großen Naturareal bei Harrislee, was natürlich im eigentlichen Sinne keine echte Auswilderung war.

Die fünf Tiere waren anfangs auch nicht daran gewöhnt, sich selbst mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Tierschützer sorgten sich zudem um unbekannte Gefahren auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Die Verpflanzung in einen völlig anderen Lebensraum und in andere klimatische Voraussetzungen geht bei "wild" gehaltenen Pferden selten ohne regelmäßige tierärztliche Untersuchungen gut, was im Haustierpark Warder bisher gegeben war. Man denke beispielsweise an das Ekzem, unter dem viele Kälte und karge Böden gewohnte Islandpferde bei uns leiden müssen, weil sie die Anpassung an die hierzulande verhältnismäßig warme Feuchtigkeit und das nahrhafte Gras nicht schaffen. Auch die bei vielen anspruchslosen Kleinpferden gefürchtete Hyperlipidämie, eine ernährungsbedingte Krankheit, die entsteht, wenn die Pferde im Sommer zu fett werden und dann im Winter den Fettvorrat zu schnell abbauen, wobei das Fett in Blut und Leber zu Leberversagen führen kann, ist eines der vielen Probleme, mit denen man auch bei dem in polnischen Steppen nachgezüchteten Konik rechnen muß. Denn das ursprüngliche, inzwischen ausgestorbene, kleine Wildpferd gilt als ausgesprochen robust und anspruchslos.

Es war zwar in früheren Zeiten überall in den Wäldern Osteuropas beheimatet und seit Jahrtausenden dort bodenständig und ist möglicherweise sogar auf seinen Wanderungen bis Schleswig-Holstein vorgedrungen, doch hat die neuerliche Rückzüchtung mit dem alten Urpferd kaum noch etwas zu tun.

Konik ist polnisch und heißt auf deutsch "kleines Pferd". Ursprünglich war es ein sehr naher Verwandter des europäischen, inzwischen ausgestorbenen Tarpans, dem es auch äußerlich ähnelt. Man unterscheidet den Konik, der in Steppen und Wäldern lebte, von dem sehr ähnlichen Huzulen, der vor allem in Bergregionen (Wald/Gebirgsform) zuhause war.

Der heutige Konik ist ein gut proportioniertes, liebenswertes Pony. Selbst wild gezogene Tiere sind zutraulich und gutwillig. Sie lassen sich sehr leicht fangen und zur "Zusammenarbeit" überreden.

Koniks haben die typische Wildfärbung, schwankend zwischen Schimmel, braun, dunkel- und hellmausgrau mit falbfarbenen Abweichungen, dazu dem typischen Aalstrich vom Genick bis zur Schweifspitze, Schulterkreuz und Querstreifen an den Vorderarmen, wie man es auch vom Przewalski-Pferd kennt. Die Extremitäten sind dunkel, die Ohren bilden eine puschelige, helle, innere Muschelfläche mit dunkel kontrastierender Umrandung. Anders als die Przewalski-Pferde oder der Fjording haben diese Tiere einen feinen, langen, dunklen Behang an Mähne und Schweif, durchsetzt mit falbfarbenen Haaren am Schweifansatz, der nicht zum Jahreszeitenwechsel ausfällt, und nur wenig Fesselbehang. Abzeichen kommen bei reinrassig gezogenen Koniks nicht vor. Im Winter ist bei einigen Koniks - wie auch bei anderen wildlebenden Säugetieren - das Fell nicht nur dichter, sondern auch stark aufgehellt.

Ansonsten scheinen Koniks, verglichen mit manchen anderen gezüchteten Ponyrassen, auf den ersten Blick weniger gefällig. Die anfängliche Eckigkeit ihrer Körper, die sich aus dem relativ kurzen Hals, dem langen, aber wenig ausgeprägten Widerrist und der abfallenden Kruppe mit tief angesetztem Schweif ergibt, gerät aber angesichts des kleinen, zierlichen, konkaven Kopfes mit den großen, lebhaften Augen, den weichen Nüstern und den hübsch behaarten, runden Ohren schnell in Vergessenheit. Koniks sind Freundlichkeit gepaart mit Kraft und Ausdauer, was man an ihrem Exterieur sofort erkennt. Ein Freund robuster Pferderassen gerät da bald ins Schwärmen:

Brust und Flanke sind tief und breit, was ihrer Stärke und der guten Atmung zugute kommt. Auch das Fundament ist stabil und kräftig, mit trockenen Gliedmaßen, widerstandsfähigen Sehnen und starken Gelenken, während die Hufe zierlich, aber sehr hart sind und in ihrer natürlichen Umgebung selten von Hufkrankheiten befallen werden. Bei einer durchschnittlichen Größe von 135 cm Stockmaß gibt es eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Przewalski-Pferd.

Bei seiner Rückzüchtung machte man sich zunutze, daß der Konik ursprünglich in Osteuropa weit verbreitet war, so daß es zu allen osteuropäischen Kleinpferden enge Beziehungen gab; das vielleicht noch urtümlichste, auch polnischer Konik genannte Pferd ist der Konik im Bilgoraj-Typ, benannt nach einer Stadt 15 Kilometer westlich Zamosc, in deren Umgebung die vom ehemaligen Tiergarten Zamosc stammenden "echten" Koniks besonders verbreitet waren. Da die Tiere jedoch vor allem als Nutztiere verbraucht wurden, legte man auf den Rassenerhalt keinen besonderen Wert.

Ob sich aber durch Rückzüchtungen mit der zunehmend herausgearbeiteten äußerlichen Ähnlichkeit zum alten Konik auch tatsächlich wieder das ursprüngliche Genmaterial in den Tieren sammeln konnte, ist wohl fraglich, zumal alle osteuropäische Pferderassen, ob sie vom Konik oder Przewalski-Pferd abstammen oder auch nicht, einen ausgesprochenen Wildpferd- oder Landrassencharakter besitzen, der den Überlebensvoraussetzungen in dieser Landschaft ideal angepaßt ist.

In den ausgedehnten Wäldern des Ostens wurden erst spät selbständige Hauspferderassen, also auch Kleinpferderassen gezüchtet. Das lag u.a. daran, daß das Gebiet zwischen Weichsel und Ural bis zur sozialistischen Oktoberrevolution wenig besiedelt war und zu den gesellschaftlich rückständigsten Europas gehörte. Den großangelegten Agrarreformen und der Umsiedlungspolitik der späteren Sowjetregierung ging aber schon bald das Geld aus, so daß in diesem Gebiet der Kampf ums Überleben stets im Vordergrund stand. An der Pferdezucht wurde mithin zuerst gespart, und so kam es auch nicht zu züchterischen Manipulationen am Konik, z.B. durch Einkreuzen von Orientalen.

Die Eigenschaften, mit denen der polnische Konik gewöhnlich umschrieben wird, gelten für fast alle osteuropäischen Kleinpferderassen, die von Not und Überlebenskampf geprägt wurden, wie sich in einem frühreren DDR-Lehrbuch folgendermaßen liest:

Allen osteuropäischen Kleinpferderassen ist eine fast unvorstellbare Anspruchslosigkeit an Fütterung und Haltung bei gleichzeitig ausgeprägter Fähigkeit zur Dauerleistung sowie eine besondere Langlebigkeit gemeinsam. Diese Vorzüge werden beim Aufbau moderner Hochleistungsrassen z.B. für den Sport der UdSSR besonders genutzt.

Die Osteuropäer waren aber bei der Pflege ihres einheimischen Wildbestands, zu dem man auch den wildlebenden Konik rechnen muß, wenig beispielhaft, wenn man einmal die Geschichte oder den Leidensweg des kleinen Wildpferds betrachtet.

Lange Zeit wurde gerade diese Pferderasse ausschließlich als wohlschmeckende Delikatesse vor allem im Osten und Norden von Polen sowie in Litauen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gejagt. Eine litauische Verfügung aus dem Jahre 1588 verbot schließlich das Jagen bzw. Einfangen des Pferdes, so daß sich die verbliebene, ausgedünnte Population bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Gebiet des San relativ unbehelligt halten und sogar vermehren konnte. Dabei kam es auch nur zu wenigen Einkreuzungen von Hauspferden, denen es gelungen war, der Knechtschaft ihres Daseins zu entfliehen und zu den wildlebenden Herden zu stoßen. Dann allerdings wurden in Folge der politischen Veränderungen Hunger und Not selbst in diesem Reservat so groß, daß ein Jagdverbot die Pferde nicht mehr schützen konnte. Denn die Menschen aßen alles, was sie erlegen konnten.

Die letzten Exemplare dieser Population, die überlebten, wurden gefangen und in dem zuvor erwähnten Tiergarten Zamosc untergebracht, wo sie bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinter Gittern blieben und als "letzte Wildpferde" zur Schau gestellt wurden. Nach Auflösung des Tiergartens wurden die seltenen Koniks, im Unterschied zu ihren tierischen Leidensgenossen, nicht an andere Zoos und Tiergärten weitergegeben, sondern zur landwirtschaftlichen Nutzung in den umliegenden Gebieten (Bezirk Lublin) verteilt. Da sie sich als Zug- und Reittiere bewehrten, wurde ihre Zucht gefördert, wobei man allerdings nicht auf Reinrassigkeit Wert legte.

So zählte man zwar noch Anfang des 20. Jahrhunderts größere Bestände in den Gebieten von Lublin, Tarnopol, Lwow (im Westen der Ukraine), im Nordosten von Polen und im Südosten von Litauen, obwohl es innerhalb dieser Populationen schon keine ganz reinrassigen Tiere mehr gab. Äußerlich glichen die Tiere aber noch dem ursprünglichen Konik durch die Anpassung des Exterieurs an die vorherrschenden Klima- und Bodenverhältnisse.

Um also ein Pferd aus diesem ohnehin nurmehr konikähnlichen Pferde-"Material" herauszuzüchten, das dem polnischen Konik in seiner eigentlichen Ausgangsform vollständig glich (Reinzucht mit Selektion), mußten keine besonders großen Anstrengungen unternommen werden. 1936 richtete man im Urwald von Bialowiezá, Bezirk Bialystok (120.000 ha, davon 58.000 ha auf dem Territorium Polens) kurzerhand ein großes Reservat ein, in dem schlicht ein Haufen konikähnlicher Pferde mit ausgeprägt rassetypischen Merkmalen ausgesetzt, die aber keine echten Koniks waren, und sich selbst überlassen. Auf diese Weise ließen sich zwar auch keine echten Wildpferde zurückentwickeln, doch genossen die Tiere zumindest teilweise das Privileg ungestörter Freiheit.

Gleichzeitig gab es aber auch konträre Bestrebungen, die physiologischen Vorzüge des robust gehaltenen Koniks für die polnische Landpferdezucht durch Reinzucht in den Konikgebieten und Paarung mit anglo-arabischen Halbblutstuten, nutzbar zu machen. Konikhengste aus dem Reservat wurden dafür gefangen und in den Hengstdepots aufgestellt. Das vermeintliche Privileg der Freiheit diente somit nur dem Zweck, einen entsprechenden urtümlichen Genpool zu entwickeln, der sich noch besser züchterisch ausnutzen ließ.

Der zweite Weltkrieg unterbrach diese zweifelhaften Bemühungen um das Wildpferd. Allerdings konnte die Herde aus dem Urwald von Bialowieza gerettet werden. Erst 1955 wurden die Rückzüchtungsversuche von Biwalowieza in der Versuchstation Popielno der polnischen Akademie der Wissenschaften am Sniardwy-See auf einer Halbinsel von 2.000 ha wieder aufgenommen, unter wesentlich schlechteren Bedingungen für die kleinen Pferde.

Ihre Fortpflanzung und Vermehrung wurde nun streng beobachtet und gesteuert: Zunächst wurde mit dem Zusammenstellen weiterer typnaher Zuchttiere und dem Aufbau von zwei Vergleichsgruppen begonnen, wobei eine Gruppe "halbwild" (d.h. Stallhaltung im Winter, Freihaltung von Frühjahr bis Herbst) unter ständiger züchterischer und veterinärmedizinischer Überwachung stand, während man die Vergleichsgruppe sich unter sogenannter Freihaltung im Reservat selbst überließ. 1965/66 begann man damit, planmäßig vielversprechende Zuchttiere zu verkaufen, vor allem Hengste an die Landpferdzucht, wo sie von den Züchtern unter genauer Kontrolle eingesetzt werden. Die Ausnutzung der Tiere bzw. ihrer begehrten Erbeigenschaften begann von Neuem.

1966 wurde in Jezewice (bei Tarczyn, etwa 30 km südlich von Warschau) ein spezielles Gestüt zur Züchtung des polnischen Koniks aus dem Popielnoer Material aufgebaut. Die dort gezogenen Pferde mußten in den großen Obstplantagen im Gebiet um Grójec schwerste Arbeit leisten, teilweise noch heute. Es werden auch heute noch Hengste, aber manchmal auch Stuten exportiert, wie man am eingangs erwähnten Beispiel sehen kann. Inzwischen gilt das 1936 von Vetulani begonnene Experiment der Rückzüchtung des polnischen Koniks als gelungen, obwohl niemand mehr in der Lage ist, einen Vergleich mit dem echten, ursprünglichen Wildpferd zu ziehen.

Ein wenig seltsam wollen die laufenden Forschungsarbeiten an der freilebenden Gruppe anmuten, bei der man das Verhalten eines nach einem ganz spezifischen Bild und Muster nachgezogenen und erzogenen Pseudowildpferds noch einmal neu beobachten und dokumentieren sowie seine Anpassung unter speziellen Haltungs- und Umweltverhältnissen studieren will. Das entspricht in etwa der chemischen Analyse eines Kuchens, den man zuvor nach einer exakten Rezeptur selbst gebacken hat.

Daß die weitere Zucht nicht dem Wildpferd, sondern immer noch einer besser nutzbaren Gebrauchsrasse gilt, obwohl sich die des ausgesprochenen Arbeitspferdes inzwischen auch in diesen Gebieten überlebt hat, zeigen die Untersuchungen zur Widerristhöhe. Die Überlieferungen sprechen von einem sehr kleinen Pferd, das vielleicht ein wenig größer als die heutigen Shetlandponies war.

Doch schon Flade ermittelte 1956 in Popielno Durchschnittsmaße von über 133 cm Widerristhöhe, wobei es beachtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Entsprechend differenziert sind auch die Werte für Rumpf und Fundament zwischen Hengsten und Stuten bei gleicher Widerristhöhe von 133 cm:

Brustumfang
Hengste 175 cm
Stuten 163 cm

Röhrbeinumfang:
Hengste 18,5 cm
Stuten: 17,1 cm

Das nahe Zuchtziel ist nun, den polnischen Konik mit einer Widerristhöhe von 138 cm zu züchten, damit nähert man sich allmählich schon der Größe kleiner Sportpferde (Poloponies u.ä.) an. Dabei sollen aber immer noch seine anderen hervorragenden physiologischen und verwertbaren Eigenschaften wie Konstitution, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit, Anspruchslosigkeit an Pflege, Fütterung und Haltung sowie vor allem seine schnelle Erholungsfähigkeit selbst nach größter Anstrengung erhalten und gefördert werden.

Zumindest diese Leistungsanforderungen und -vergleiche im Kampf um die Daseinsberechtigung bleiben den Mitgliedern der kleinen Flensburger Herde wohl erspart. Sie dürfen sich einfach die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und "bitte recht freundlich" in die Kamera schauen, wenn Touristen ihre Pfade kreuzen...

(Weitere Informationen zu den Koniks und Galloways findet man übrigens unter www.bundewischen.de).

Erstveröffentlichung 2002
neue, überarbeitete Fassung

18. Juni 2009