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HIPPOS/85: Luxor - Kutschpferde in Not (SB)


Engagement für eine zweifelhaft "gute Sache"


Schon seit Jahren bemüht sich die Brooke Foundation für ägyptische Pferde um eine Verbesserung der Lebenssituation dieser Tiere. Dank zahlreicher Spenden und einem selbstlosen Einsatz der Veterinäre vor Ort konnten die dramatischen Zustände wie auch die allgemeine Gesundheit der Tiere schrittweise verbessert werden. Allerdings scheinen die anfänglichen Erfolge sich nun rückläufig wieder zum Schlechteren zu wenden. Es fehlt an Geld, was für die Tierhilfe in Luxor existenziell notwendig ist. Seit dem 11. September 2001 bestimmen leere Hotels und ausbleibende Aufträge das Bild im ehemaligen Touristenmekka und bringen das Land und damit auch die Tiere in eine neue Notsituation. So stellt es sich zumindest oberflächlich dar.

Tatsache ist: Seit den Ereignissen vom 11. September steht Ägypten als arabisches Land für viele Touristen auf der Roten Liste der Urlaubsreisen. Die gesamte Region ist in den Reiseagenturen nicht mehr gefragt, obwohl sie momentan kein unsicheres Reiseziel darstellt.

Allein daß die Einheimischen größtenteils dem islamischen Glauben anhängen, macht Ägypten vor allem für die zahlungskräftigen amerikanischen Touristen und Spendengeber unattraktiv. So klagte die 68jährige Rentnerin Adele Breland, die ehrenamtlich für die Brooke Foundation arbeitet und unermüdlich für hungernde und behinderte Kinder und leidende Tiere Spenden sammelt, schon in dem Pferdefachmagazin ReiterRevue (01/02):

... was jetzt passiert, ist für die Ägypter eine ganz böse Situation. Nach dem 11. September haben mir fest zugesagte amerikanische Spendengeber abgesagt, die nicht mehr interessiert waren, ein arabisches Land zu unterstützen.
(ReiterRevue, Januar 2002)

Auch wenn die Finanzierung der Brooke Foundation über die englische Gründerstiftung grundsätzlich abgedeckt ist, fehlt es ständig an lebensnotwendigen Medikamenten und Gerätschaften. So wirbt Adele Breland weiterhin um Sympathien für ihre Wahlheimat.

Ohne Spenden und ohne zahlende Touristen bleibt bei den ärmeren Kleinstunternehmern, die von diesem Geschäft abhängig sind, wie die ägyptischen Kaleschenfahrer, das magere Einkommen ganz aus.

In Ägypten gibt es kaum Industrie. Die meisten Einheimischen leben vom Tourismus und von der Hand in den Mund. Keine Besucher bedeutet für diese Menschen, aber auch für ihre Haus- und Arbeitstiere, schlicht: keine Nahrung. Arbeitslosenhilfe ist hier ein Fremdwort. Viele Menschen und Tiere verhungerten schon, und es wird weitere Opfer geben, wenn sich die Situation nicht bald ändert.

Für die Nutztiere, die in dieser Gesellschaft ganz unten in der Hackordnung stehen, obwohl ihre Arbeitskraft von vielen armen Menschen für das eigene Überleben geradezu ausgebeutet wird, ist die Situation noch schlimmer. Unter welchen Bedingungen hier die Helfer der Brooke Foundation gegen das Elend der Tiere ankämpfen, wurde in der ReiterRevue ebenfalls deutlich geschildert:

Der Tierarzt arbeitet mit seinem Team im Brooke Hospital in Luxor. Seit 1966 werden hier Pferde und Esel medizinisch betreut - selbstverständlich kostenlos. An einem normal besuchten Vormittag muss sich die zwölfköpfige Helferschar um rund 150 Patienten kümmern. Für eine europäische Klinik dieser Größenordnung eine Horrorvision.
(ReiterRevue, Januar 2002)

Und dabei handelt es sich nur um die Tiere, die wirklich so schwer krank sind, daß sie nicht mehr arbeiten können und deren einsichtige Besitzer nun die kostenlose Hilfe eines Tierarztes in Anspruch nehmen. Denn wenn es den Pferden schlecht geht oder sie ihren Verletzungen oder Wunden, die sich in dem ägyptischen Klima leicht infizieren, sogar erliegen, ist damit auch die Haupteinnahmequelle der meisten Familien dahin.

Diese Einsicht erreicht und die gleichgültige Einstellung der Pferdebesitzer ihren Tieren gegenüber verändert zu haben, schreiben die freiwilligen Tierschützer allein auf ihr Konto. Selbst hungrig und am Rande des Existenzminimums kratzend, sind die Ägypter ihrer Ansicht nach blind für die Qualen ihrer Tiere oder wollen nicht auch noch Probleme von dieser Seite sehen.

Pferde besitzen keinen ausgeprägten Schmerzlaut und erdulden selbst große Schmerzen klaglos. Allerdings kann ein Pfleger durch den engen Kontakt zu seinem Pferd gewöhnlich Verspannungen und Verletzungen schon früh erkennen und behandeln. Tut er das nicht, verweigern die Tiere irgendwann die Belastung, lahmen oder bleiben einfach stehen. Spätestens dann weiß er, daß das Tier krank ist. Was einen Pferdebesitzer dazu treiben kann, ein offensichtlich leidendes Tier immer weiter anzutreiben oder gar zu schlagen, damit es seine Last (d.h. eine Fuhre gutgenährter Touristen) immer weiter zieht, bis es irgendwann geschwächt zusammenbricht, können wir wohl nicht nachvollziehen.

Die Bilder des ReiterRevue-Berichtes zeigten zahllose heruntergekommene, unterernährte, schmutzstarrende Pferde mit stumpfen, gebrochenen Augen und katastrophalen Verletzungen wie aufgeschlagenen Knien, Geschwüren an den Gelenken oder Satteldruck. Blinde Pferde oder Pferde, deren Augäpfel von Fliegenmaden aufgefressen wurden, sind ebenfalls kein seltener Anblick in Luxor.

Allein in Luxor gibt es derzeit etwa 1.500 sogenannte Kaleschenkutscher, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Touristen per Kutsche durch die Kulturstadt zu befördern. Bis vor wenigen Jahren soll der Großteil der Tiere sogar noch in einem wesentlich erbarmungswürdigeren Zustand als heute gewesen sein. Denn den Besitzern der Tiere geht es auch nicht viel besser. Sie leben in Behausungen, die hierzulande kaum ein Mensch als menschenwürdig bezeichnen würde und sind von dem täglichen Existenzkampf gezeichnet und resigniert, ohne Freude oder Hoffnung. Hierzu meinte Adele Breland:

Viele sind so abgestumpft, dass sie noch nicht mal Liebe für ihre Kinder empfinden.
(ReiterRevue, Januar 2002)

Jedes weitere Familienmitglied stellt für sie nur eine zusätzliche Last dar, bis die Kinder selbst zum Unterhalt beitragen können. Kein Wunder, daß die Tiere in der persönlichen Dringlichkeitsliste nicht ganz oben stehen.

Doch daß, wie es in der ReiterRevue hieß, die Menschen in Luxor für ihre Tiere kaum mehr Zuneigung empfinden, als zu einem mehr oder weniger gut funktionierenden Werkzeug, das ihr Überleben sichert, scheint dann doch etwas sehr vom westlichen Standpunkt aus beurteilt. Wer seine Pferdeliebe hier allzu offen vor sich her trägt, macht sich auch verletztlich. Ein schönes, gepflegtes Tier zieht zudem Neid und Mißgunst an. Schließlich ist gerade der Araber für seine fast legendäre Liebe zum Pferd bekannt, mit dem er Haus, Hof und Schlafstätte teilt, aber eben auch nur das, was er selbst besitzt und das ist, wie gesagt, nicht gerade viel.

An diese alte Tradition und den Stolz auf ihre Pferde mußte die Aufklärung des Brooke Hospitals for Animals eigentlich nur wieder erinnern, auch wenn sie selber meinen, sie hätten bei vielen Pferdebesitzern die Einsicht "zumindest" dahingehend ändern können, daß sie die wichtigen Werkzeuge, von denen ihr Überleben abhängt, nun wieder ausreichend pflegen und warten, damit es gar nicht erst zu Verletzungen und damit zu Verdienstausfällen kommt. Das Lieblingsstichwort der Brookes Foundation ist Prävention. Ihre überzeugendste Leistung ist allerdings die praktische und konkrete Hilfe, für die den Pferdebesitzern die Mittel fehlen.

So setzt sich der Leiter des Hospitals in Luxor, Dr. Emad Naoum, für die Anschaffung von Fliegennetzen ein, um die gefährlichen Augenentzündungen zu verhindern. Regelmäßiges Tränken soll den Hitzestau verhindern, ein Problem, das beim stundenlangen Warten in der prallen Sonne bei 40 Grad Celsius nicht ungewöhnlich ist. Auch eine paßgerechte Ausrüstung, die zudem gut funkioniert, also gepflegte Zaumzeuge und Kutschen, sind unerläßlich für einen optimalen Arbeitseinsatz, aber auch, um die Verletzung der Tiere so gering wie möglich zu halten.

Die Mitarbeiter des Brooke Hospitals halten sich auch hier an das oben erwähnte Prinzip, die Besitzer an den Erhalt ihrer Einkommensquelle zu mahnen, so hieß es in der ReiterRevue:

Wenn sie den Menschen erklären wollen, dass auch Pferde Lebewesen mit einem Recht auf ordentliche Ernährung und Pflege sind, werden sie die meisten Besitzer nur mit großen Augen angucken. Ihnen geht es schließlich nicht viel besser. Aber wenn sie ihnen vorrechnen, dass es viel billiger ist, die Tiere gut in Schuss zu halten, weil sie dann mehr leisten und schöne Pferde auch mehr Kunden bringen, dann haben sie eine Chance, erhört zu werden.
(ReiterRevue, Januar 2002)

Hiermit und mit regelrechten Schönheitswettbewerben und verlockenden Preisen wie einem guten Ledersattel für das bestgepflegte Pferd, versucht die Brooke Foundation die Kaleschenfahrer zu motivieren, ihre Arbeitstiere gut zu pflegen. Darauf ist sie stolz. Doch daß manche Tierbesitzer den eigenen Stolz vielleicht vergessen müssen, um wegen der begehrten Zuwendungen und Mittel der Brookes Foundation ihren Tieren zuliebe solchen spektakulären Mumenschanz auf sich zu nehmen, macht sich hier keiner klar.

Dennoch sind die Bedingungen für die Tiere, die sich in schmutzigen und viel zu kleinen Ständern in ihrer kargen Freizeit kaum erholen können und für die so etwas wie Weidegang ein Fremdwort bedeutet, selbst bei besserem Futter und guter Pflege nicht akzeptabel.

Die Brookes Foundation macht sich unter dem Mäntelchen der Menschen- und Tierliebe genaugenommen zum Handlanger dieser Ausbeutungsinteressen, an deren unterster Stelle das Tier steht, dessen Kraft und Bereitwilligkeit von den Menschen, ganz zuoberst dem westlichen bzw. amerikanischen Touristen, für dessen Unterhaltung und Urlaubsvergnügen es frühzeitig sterben muß, schamlos ausgenutzt wird. Das angemessene Pferdealter von 25 bis 30 Jahren, die für natürlich gehaltene Araber ganz gewöhnlich sind, erreichen diese Tiere nie.

Mit ihren Bemühungen werden diese inaktzeptablen Zustände, d.h. der Berufsstand der Kaleschenkutscher und Kaleschenpferde auf ein gerade erträgliches und somit auch zu ertragendes Niveau gebracht, und das Leiden der Tiere nimmt seinen Fortgang.

Erstveröffentlichung 2003
Neue und überarbeitete Fassung

22. Juli 2008