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HIPPOS/09: Alte Rassen - Asturcónes - Widerstandskämpfer aus Asturias (SB)


ASTURCONES IN SPANIEN

Sie boten Rom ihre dickfellige Stirn


Echte asturische Dickschädel

Wessen Geschichtsbildung durch die eifrige Lektüre von Asterix und Obelix gefestigt wurde, der weiß natürlich, daß die Römer in ihrer Funktion als Bürger einer Weltmacht mitunter dazu neigten, sich selbst und die Macht und Größe Roms reichlich zu überschätzen. Die Legende des kleinen Dorfes an der Nordspitze Galliens - mag sie nun wahr sein oder nicht - hat unzählige authentische Quellen. Der zähe Widerstand kleiner und unauffälliger, oftmals unterschätzter wehrhafter Bauerngruppen oder kleinerer Volksstämme machte den Römern auf ihren Eroberungsfeldzügen immer wieder zu schaffen.

So auch im Falle der asturischen Krieger, vor allem jedoch dank ihrer zähen und mutigen Pferdchen, die die Reihen der Römer in einer Art Guerillakrieg ohne jede sichtbare Ordnung immer von neuem aufmischten.

Zunächst hatten die Römer sie nicht sonderlich ernst genommen und so ähnelte denn auch die erste überlieferte Beschreibung von dieser wilden, alten, nordspanischen Pferderasse, auf die sie in den asturischen Bergen stießen, eher der römisch-arroganten Charakterisierung unserer vielzitierten und vielbewunderten gallischen Dorfgemeinschaft: "klein, dick, behäbig, schwarz, von ärmlichem, kümmerlichen Aussehen..."

Die römische Pferdezucht war zu jener Zeit, ca. 80 v.Chr., schon lange berühmt. Man züchtete Pferde als Prestigeobjekte, für Wagenrennen und als schnelle Zugtiere, um in dem riesigen, römischen Reich, das von einem Netz gut ausgebauter Straßen überzogen worden war, von einem Punkt zum anderen zu gelangen. In allen Fällen wurde ein großrahmiges, langbeiniges Pferd geschätzt, das auch die Bedeutung eines kleinen Feldherren zu heben vermochte, und in ihrer maßlosen Selbstüberschätzung übertrugen die Römer natürlich diese römischen Maßstäbe bei der Beurteilung auf die asturische Wildrasse, die ihnen im späteren Krieg - wie unser berüchtigtes gallische Dörfchen - ungeheure Verluste einbringen sollte.

Die auch heute noch im Norden Spaniens beheimateten Asturcónes sind auch über die Landesgrenze hinaus für ihre Widerstandsfähigkeit und Stärke bekannt. Allerdings sind die unauffälligen, doch unsagbar robusten Pferdchen mit ihren 1,35 m Stockmaß, ihren kurzen kräftigen Beinen, kleinen Köpfen und massigen Leibern auch nach heutigen Ponyzuchtvorstellungen beileibe keine Schönheiten. So kann man eher von einer Liebe auf den zweiten Blick sprechen. Die willensstarken Tiere mit der schon fast sprichwörtlichen Zähigkeit, sich auch in den widrigsten Situationen nicht unterkriegen zu lassen, müssen jeden Pferdefreund für sich einnehmen.

Ihr altes, den Urpferden nahestehendes Geschlecht erkennt man an ihrem Exterieur wie der langen, dichten Mähne und dem langen Schweif, dem etwas zu kurz geratenen Rücken und der breiten Brust, die ihnen Luft und Ausdauer in den Höhenlagen sichert, sowie an dem meist dunkelbraun- bis schwarzglänzenden dichten Fell. Und wie bei vielen anderen robusten Ponyrassen gewinnt ein Pferdefreund gerade dieses etwas widerborstige Äußere besonders lieb.

Selbst die verwöhnten Römer waren durch den Mut, die Trittsicherheit, Wendigkeit und Geschicklichkeit dieser kleinen Streitrösser derart beeindruckt - ja, in die Enge getrieben -, daß sie die asturischen Pferde und ihre Krieger schließlich für ihre eigenen kriegerischen Zwecke forderten, nachdem sie das kleine Volk im Norden der iberischen Halbinsel endlich doch noch vor 2.000 Jahren nach vielen Kriegen besiegen konnten.

Daß ihnen diese Eroberung nicht leicht fiel und welchen Anteil die Asturcónes daran hatten, erzählen die vielen Legenden über diesen römischen Kriegsschauplatz.

In der rauhen und bergigen Felslandschaft waren die wenigen asturischen Krieger mit ihren kleinen, beweglichen Pferden natürlich viel wendiger, als die Römer mit ihren imposanten Schlachtrössern, Schilderketten und Panzern. Einem Mangel an gezähmten Pferden zufolge, die die Bauern nur dann zu fangen pflegten, wenn sie sie auch tatsächlich brauchten, mußten jeweils zwei asturische Krieger auf einem kleinen Streitroß reiten, was den Asturcónes den Ruf unglaublicher Körperkräfte einbrachte. Aus der Not eine Tugend machend, sprang jeweils einer der Reiter ab, sobald sie dem Feind gegenüberstanden, während der andere zu Pferd weiterkämpfte. Auch dieser Notbehelf, der die römische Frontalangriffstaktik in größte Unordnung brachte, da sich ihre Gegnerzahl plötzlich - wie durch Zauberhand - verdoppelte, wurde den Asturiern als ausgeklügelte Kriegslist ausgelegt. Dabei bestanden die listigen Krieger nur aus einer Handvoll verzweifelter, aber zum äußersten entschlossener Bauern, die sich ihr Land nicht nehmen lassen wollten, auch wenn der Rest Spaniens schon römisch war.

Doch war das Ende dieses ungleichen Kampfes von Anfang an abzusehen. Immerhin verfügten die Asturier nicht über Zauberkräfte, wie unsere widerspenstigen Gallier. Und als die asturischen Gebiete erobert waren und Hispania, wie das römische Spanien genannt wurde, seinen Vorteil im Handel mit Rom witterte, wurde Asturias zu dem Bezirk, der mit dem größten Nachschub an Pferden und Soldaten für seinen heroischen Kriegseinsatz blutigsten Tribut zahlen mußte. Von jenem Tag an blühte das Geschäft mit den Pferden, und die Tage der wildlebenden freien asturischen Herden waren gezählt.

Noch kurze Zeit davor hatten die Menschen in Asturien ihre Pferde sich vollkommen selbst überlassen. Der Asturcón ist keine durch menschliches Zutun gezüchtete Rasse, sondern das Ergebnis eines langen Anpassungs-Prozesses an die bergige Landschaft Nordspaniens. Seine relativ geringe Körpergröße um 1,35 m Stockmaß mit kurzen aber kräftigen Beinen verschafft ihm die nötige Widerstandsfähigkeit und Beweglichkeit in großen Höhen. Die kleinen, runden, festen Hufe erlauben ihm, sich trittsicher in den Bergen zu bewegen. Der Kopf ist klein wie für im Bergland lebende Wildpferde typisch und auch die Behaarung - lange Mähne, langer Schweif und dunkles, glänzendes Fell (dickfellig) - dient als notwendiger Schutz gegen Sonneneinstrahlung und Insekten. Ein zweites braunes Fell schützt den Asturcón im Winter vor Kälte. Der Rücken ist kurz, die Brust breit und der Leib massig. Die Farbe dieser Pferde ist fast ausschließlich schwarz-braun.

Das auffälligste Merkmal des Asturcón mag aber sein außergewöhnlicher Paßgang sein, den schon die römischen Geschichtsschreiber erwähnten. Laut Juan Martinez Ferrando von der Vereinigung der Züchter von Ponys der Rasse Asturcón (ACPRA) spielt diese Charakteristik bei der Bestimmung, ob ein Exemplar reinrassig ist oder nicht, jedoch keine Rolle. Die Eigenschaft tritt vor allem bei den Fohlen auf, die sich fast ausschließlich im Paßgang bewegen. Das sieht mit den langen, hölzernen Fohlenbeinen besonders drollig aus - ein wenig, als wüßte der kleine Kerl noch nicht so recht, wie man alle vier Beine benutzen kann. Später soll diese natürliche Gangart bei dem größten Teil der Population wieder verlorengehen, so daß nur wenige echte Paßgänger übrigbleiben.

Seit das Pferd als Reittier für die Kavalarie und als Zugtier für schwere Geschütze mehr und mehr durch Maschinen abgelöst wurde (was nur zu begrüßen ist), schlief der Handel mit den mutigen, zähen Kriegspferden natürlich ein. Die Asturcónes mußten das Schicksal vieler wildlebender Pferderassen teilen, die in den Hungerjahren nach den Kriegen nur noch dazu verwendet wurden, den Nahrungsbedarf der Bevölkerung abzumildern. Die freilebende Population wurde laufend dezimiert. Seit der Mensch beschlossen hatte, die Asturcónes als Nutztiere für sich zu entdecken, griff er steuernd und reglementierend in ihr Leben ein.

Während am Anfang dieses Jahrhunderts noch etwa 3.000 Asturcónes gezählt wurden, ging ihre Anzahl in den folgenden Jahren bedrohlich zurück. Im Spanischen Bürgerkrieg wurden viele für die Fleischproduktion geschlachtet, und die Veränderungen der landschaftlichen Strukturen verschärften das Problem. Ebenso wie andere einheimische Rassen wurden die Asturcónes der sogenannten Verbesserung der Rasse unterworfen. Um eine ergiebigere Fleischproduktion zu erreichen, wurden sie mit anderen, größeren Pferderassen gekreuzt. Nur wenige noch freilebende versprengte Herden in den asturischen Bergen zeigten das typische Erscheingungsbild der ursprünglichen Rasse. Und diese waren für die Bauern und Jäger der Gegend Freiwild, das edleren Wildsorten das Futter stahl.

Erst in den siebziger Jahren, in denen ein neuer politischer Ansatz das Denken in ökologischen Zusammenhängen in Mode brachte, wurde plötzlich auch der Wert dieser vor zweitausend Jahren bekannten Rasse für die Landschaft wieder in die Diskussion gebracht.

Für die Verwendung als Ponys oder Reitpferde galten die Asturcónes zunächst als zu klein, für die Fleischproduktion kommen sie heute nicht mehr in Frage, und als Arbeitspferde sind sie kaum noch gefragt, zumal sie sich nicht so leicht "nutzen" lassen. Die wildlebenden Asturcónes gelten im allgemeinen als eigenwillig und scheu. Sie gehen dem Menschen aus dem Weg. Und man muß sie erst fangen und zähmen, ehe man sie zur Arbeit einsetzten kann. Dann allerdings erweisen sie sich als stark und zäh. Doch so manch einer soll auch schon an ihrem Dickschädel gescheitert sein. Deshalb war die kleine, versprengte Population in den asturischen Bergen für die Bauern der Gegend uninteressant.

1981 galt die Rasse als nahezu ausgestorben. Im gleichen Jahr schlossen sich interessierte Pferdezüchter zu einer Vereinigung (ACPRA - Asociación Regional de Criadores del Caballo Asturcón) zusammen, die sich systematisch und unter offiziellem Schutz für die Erhaltung dieser einzigartigen Rasse einsetzt.

Seit man in den Asturcónes ein "ökologisches Kulturgut" entdeckt zu haben glaubt, das es zu erhalten gilt, erhält die Vereinigung auch die Unterstützung, die sie braucht, um sich ihrem Ziel zu widmen. Welchen Nutzwert ein "ökologisches Kulturgut" besitzt, liegt auf der Hand: Da die Asturcónes schon immer diesen Lebensraum beansprucht haben, besetzen sie die von der Natur vorgesehene ökologische Nische, d.h. sie sind für das Abgrasen der Weideflächen und die Düngung des Bodens verantwortlich. Noch dazu haben sie durch ihre heroische Vergangenheit einen nicht zu unterschätzenden Museumswert, d.h. sie stellen ein Kulturgut dar, das für diese Region eine zusätzliche touristische Attraktion bedeuten könnte. Hinter dem scheinbar uneigennützigen ökologischen Interesse steckt also wieder einmal auch ein ökonomisches. Und wenn sich die trittsicheren, gezähmten Tiere noch zu Ponytrekking oder ähnlichem vermarkten lassen, wird auch der Asturcón fürderhin sein Scherflein zum Bruttosozialprodukt beitragen; ein Anreiz, den die spanische Sektion der Stiftung Europäisches Naturerbe nun mit dem ersten Kauf einiger Pferde unterstützt, die von den wenigen Asturcónes reinster Rasse abstammen. Die in Asturien gekaufte Stute mit Fohlen und die zwei Hengste leben jetzt in Liébana (Kantabrien). Hier besteht ihre einzige Aufgabe darin, zu fressen, sich zu vermehren und die Landschaft mit ihrer einfachen Gegenwart zu bereichern. Es heißt, daß Campanilla, die Stute, recht zahm sei und sich sogar reiten lasse, was die oben beschriebene Vision eines Touristen- und Kinderponies um so wahrscheinlicher werden läßt.

Laut Juan Martínez Ferrando geben die Ergebnisse durchaus Anlaß zum Optimismus. Die Zucht begann mit 21 Pferden, die noch in direkter Linie von der vor zweitausend Jahren bekannten Rasse abstammen und die unter strengsten Zuchtkriterien ausgewählt wurden. Inzwischen zählt man in ganz Spanien etwa 400 reinrassige Nachkommen dieser "Auserwählten", die auch weiter nach menschlichen Vorstellungen gepaart und gezüchtet werden, wobei jedoch auf die Intensivierung der ursprünglichen Zuchtmerkmale Wert gelegt wird. Im vergangenen Jahr notierte die Vereinigung einen weiteren Zuwachs von etwa 80 Jungpferden.

Ohne öffentliche Subventionen wäre das nicht zu schaffen gewesen. Denn die finanzielle Unterstützung, die die Administration aufgrund des "ökologischen Kulturwerts" gewährt, ermutigt die Pferdezüchter dazu, sich einer Rasse zu widmen, die für sich allein kaum mehr rentabel ist. Die gezüchteten Nachkommen der alten Asturcónes lassen sich allerdings auch leichter zähmen. Die Nachfahren der einstigen Widerstandskämpfer die erstmals an einem Pony-Turnier teilgenommen haben, zeigten auch hier ihr kämpferisches Erbe und brachten sogar erste Preise mit nach Hause.

Ob es für die 480 nachgezüchteten Asturcónes je eine Rückkehr in die heimatlichen Berge und in das freie Leben geben wird, ist fraglich, denn mögen sie auch äußerlich ihren Vorfahren ähnlicher sehen als je zuvor, so ist der Abstand zu ihrer ursprünglichen Heimat, die sie geformt und gestählt hat, fast unüberwindlich groß geworden, da sie gezwungen sind, sich an den Menschen anzupassen.

Einige wenige Exemplare der alten Rasse leben immer noch versteckt und scheu in den Bergen und sind auch im Geiste die einzigen wahren Nachkommen der alten Kämpfer, da sie angesichts Verfolgung und aussichtsloser Verhältnisse nie aufgegeben haben.


Nähere Informationen zu der neuen alten Rasse finden Sie bei: ACPRA-Asociación Regional de Criadores del Caballo Asturcón, Poligone de Asipo, C/B, Parcela 51-4, E-33428 (Asturias), Spanien.

Erstveröffentlichung 4. Juni 1996

13. November 2007