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HAUSTIER/151: Interview zum Thema "Hauskatzen und Vögel" (Der Falke)


Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 7/2010

Katzen und Vögel

Ein Interview mit Sarah Nieman von der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB)


Wer sich für die Vögel in seinem Garten interessiert und sie aufmerksam beobachtet, wird früher oder später mit dem Thema "Hauskatzen" konfrontiert. Für die einen sind Hauskatzen einfach Teil unserer Welt und haben das "Recht" ihren Instinkten auch in Nachbars Garten nachzugehen, während andere in Hauskatzen einen gehassten Störenfried und "Vogelmörder" im eigenen Garten sehen. Wie groß aber ist das Problem wirklich und welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Wir haben bei Sarah Niemann von der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) nachgefragt, wie der größte Naturschutzverband Europas das Thema Katzen sieht.


Ist der mögliche Konflikt zwischen Katzen und Gartenvögeln ein Thema für Mitglieder der RSPB?

Das Thema Katzen ist auch in Großbritannien sehr emotional belegt. Die RSPB erhält jedes Jahr zahlreiche Anrufe, Briefe und E-Mails von Menschen, die verstört und verärgert darüber sind, dass die Katze von jemand anderem die Vögel in ihrem Garten tötet. Wir wissen auch, dass viele Katzenbesitzer, wie gerne auch immer sie ihre Katze haben, es vorziehen würden, wenn diese keine Vögel mehr erlegte.

Wie viele Katzen gibt es in den Gärten im Vereinigten Königreich?

Die zuverlässigste, uns bekannte Schätzung stammt von der Pet Food Manufacturer's Association [Verband der Haustiernahrungshersteller] (http://www.pfma.org.uk/), nach der im Jahr 2008 etwa acht Millionen Katzen im Vereinigten Königreich lebten.

Was wissen Sie über den Einfluss, den Katzen auf Vogelbestände in Gärten ausüben?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Eine Katze, die aktiv jagt, kann die Anzahl Vögel in einem bestimmten Garten höchstwahrscheinlich durchaus verringern - wir haben jedoch die verfügbare Literatur zu diesem Thema durchforscht und keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass Katzen einen Einfluss auf Vogelarten in Gärten auf Populationsniveau haben. Die meisten Bestandsrückgänge sind auf Veränderungen oder Verluste von Lebensräumen zurückzuführen.

Es mag überraschend erscheinen, viele Millionen Vögel sterben jedoch in jedem Jahr auf natürliche Weise, hauptsächlich durch Verhungern, Krankheiten oder als Beute anderer Tiere. Von den Millionen von Jungen, die jedes Jahr ausschlüpfen, sterben die meisten, bevor sie die Geschlechtsreife erreicht haben. Jedes Vogelpaar braucht jedoch nur zwei Junge erfolgreich großzuziehen, um sich selbst zu ersetzen und die Bestandszahlen konstant zu halten. Wenn also Katzen Vögel erlegen, die anhand anderer Ursachen sowieso gestorben wären, so hat dies wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Bestände. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass Katzen eher schwache oder kranke Vögel erbeuten. Trotz allem wissen wir nicht, ob der Verlust von Vögeln durch Katzen ohnehin eine andere Todesursache ersetzt oder ob Katzen zusätzliche Verluste verursachen.

Welche Vogelarten sind am meisten von Katzen beeinflusst?

Katzen sind Einzelgänger, von denen einige kaum Beute heimbringen und andere sich auf bestimmte Beute "spezialisieren" - ich erinnere mich beispielsweise daran, dass die Katze eines Nachbarn haufenweise Eidechsen mit heimbrachte.

Die meisten Katzen sind jedoch Opportunisten und fangen, was ihnen gerade vor die Nase läuft - wodurch hilflose, gerade ausgeflogene Jungvögel besonders gefährdet sind. Eine Studie der Mammal Society [Gesellschaft für Säugetiere] aus dem Jahr 2003 fand heraus, dass die am häufigsten erbeuteten Vögel Haussperlinge, Blaumeisen, Amseln und Stare waren. Dennoch nehmen derzeit zumindest die Bestände von Blaumeisen und Amseln im gesamten UK zu.

Nehmen die Bestände einzelner Vogelarten aufgrund des Räuberdrucks durch Katzen ab?

Wie bereits festgestellt, konnten wir keinen wissenschaftlichen Beweis dafür finden, dass Katzen die Bestandssituation irgendeiner in Gärten vorkommenden Vogelart im UK beeinflussen, obwohl Katzen unter bestimmten Umständen Naturschutzbemühungen entgegenwirken können. Auf Inseln beispielsweise haben Katzen hohe Bestandseinbrüche bei bodenbrütenden See­vogelarten verursacht, die nicht an den Druck durch eingeführte Beutegreifer wie Hauskatzen angepasst sind.

Was hat den größeren Einfluss auf Gartenvögel: Sperber, Elstern oder Katzen?

Grundsätzlich scheinen sich alle wissenschaftlichen Untersuchungen einig zu sein, dass keiner dieser Beutegreifer einen gravierenden Einfluss auf die Bestände von Gartenvögeln hat. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass Sperber und Elstern natürliche Feinde der in Gärten vorkommenden Vögel sind. Katzen sind nicht heimisch und somit, obwohl sie ihrer Natur gemäß jagen, kein Bestandteil des "natürlichen Ökosystems Garten".

Zu welcher Zeit des Jahres erlegen Katzen die höchste Anzahl von Vögeln in Gärten?

Frisch ausgeflogene Jungvögel sind besonders gefährdet. Dies gilt grundsätzlich ebenfalls für Vögel nach schlechter Witterung wie Regen oder Kälteeinbrüchen zu jeder Jahreszeit, da Vögel dann unbedingt auf Nahrungssuche gehen müssen.

Wie steht es mit dem Einfluss von Katzen auf andere Tierarten?

Im UK können Hauskatzen einen ernsthaften Einfluss auf die Vorkommen von seltenen und nur begrenzt verbreiteten Tieren wie z. B. die Zauneidechse in Heidegebieten haben. In der bereits erwähnten Studie der Mammal Society wird beschrieben, dass Säugetiere einen Anteil von 69 % der von Katzen heimgebrachten Beutetiere ausmachen, Vögel 24 %, Amphibien 4 %, Reptilien 1 %, Fische weniger als 1 %, Wirbellose 1 % und nicht identifizierbare Tiere 1 %. Weiterhin wurde festgestellt, dass die Verbreitung von Waldmäusen in negativem Zusammenhang mit der Verbreitung von Katzen und der Entfernung zu natürlicher oder halb natürlicher Vegetation steht.

Gibt es Zahlen zu diesem Problem aus anderen Ländern?

Vor allem in den USA, wo das Füttern der Vögel in Hausgärten sehr populär ist, gibt es viel Interesse an diesem Thema. Räuberdruck durch Katzen ist ein großes Problem für die natürliche Tierwelt Australiens und Neuseelands. Gerade in Neuseeland leben nur wenige natürlich vorkommende Säugetierarten, sodass die Vogelwelt sich ohne den Druck durch Beutegreifer entwickelt hat. Es gibt klare wissenschaftliche Belege, dass eingeführte Säugetiere wie verwilderte Hauskatzen zu ernsthaften Problemen bis hin zum Aussterben einzelner Vogelarten geführt haben.

Was wissen wir über den Einfluss von Hauskatzen auf die Vogelwelt außerhalb von Gärten, in der freien Feldflur?

Alle Katzen im UK werden von Menschen gefüttert, selbst Ansiedlungen verwilderter Hauskatzen werden in irgendeiner Weise von Menschen betreut. Die Entfernungen, die Katzen umherziehen, hängen vom Einzeltier ab, im Allgemeinen bleiben Katzen aber in der Nähe der Menschen. Wo Siedlungen in der Nähe von Lebensräumen wie Heide liegen, kann der Räuberdruck durch Katzen zum lokalen Problem werden (Beispiel Zauneidechse). Die meisten Bestandsabnahmen bei Vogelarten in der weiteren Landschaft im UK sind jedoch das Ergebnis von Lebensraumveränderungen und -verlusten.

Wie können Gartenbesitzer "ihre" Vögel vor Hauskatzen schützen?

Denken Sie wie eine Katze! Wo könnte sie sich verstecken? Lenken Sie besondere Aufmerksamkeit auf die Lage von Fütterungen - Vögel fressen gerne in der Nähe von Deckung, wir empfehlen dabei, die Fütterungen einige Meter entfernt von möglichen Katzenverstecken anzulegen, sodass Vögeln genügend Zeit zur Flucht bleibt, falls eine Katze hervorspringt. Hängende Fütterungsvorrichtungen und Futterhäuser sind einem Ausbringen von Futter am Boden vorzuziehen. Stachelige oder dornige Pflanzen können Vögeln sichere Nist- und Rastplätze bieten. Schnittgut an Plätzen ausgebracht, die häufig von Katzen aufgesucht werden, können diese vertreiben. Nistkästen müssen so angebracht werden, dass sie für Katzen unerreichbar sind und nicht evtl. in der Nähe sitzende Katzen die Altvögel vom Füttern der Jungvögel abhalten.

Zum Vertreiben von Katzen sind Ultraschallgeräte auf dem Markt. Die RSPB hat eines dieser Geräte, Catwatch, getestet und herausgefunden, dass durch dieses Gerät die von Katzen im Garten verbrachte Zeit reduziert wurde.

Was können Katzenbesitzer tun um zu verhindern, dass ihre Katze Vögel erlegt?

Die einfachste und preiswerteste Methode ist der Katze ein Glöckchen umzuhängen. Untersuchungen der RSPB zu diesem Thema haben ergeben, dass bekannterweise jagende Katzen, nachdem sie mit Glöckchen versehen waren, weniger Beutetiere heimbrachten. Es sollte darauf geachtet werden, dass sich die Katzen an den Halsbändern nicht strangulieren können.

Zu Zeiten, in denen Vögel am meisten gefährdet sind, z. B. eine Stunde vor Sonnenaufgang sowie eine Stunde nach Sonneuntergang, hauptsächlich von März bis Juli und im Dezember und Januar, oder nach schlechter Witterung sollten Katzen im Haus gehalten werden, damit den Vögeln genug störungsfreie Zeit zur Nahrungsaufnahme bleibt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Katzen nachts Vögel fangen.

Wie wirksam sind diese Methoden?

Es sind zahlreiche Techniken und Abwehrmaßnahmen bekannt, die meisten davon jedoch nicht wissenschaftlich getestet. Halsbänder mit Glöckchen reduzierten die Anzahl der von Katzen heimgebrachten Beutetiere (Säugetiere und Vögel) um 40 %, ein ausgesprochen gutes Ergebnis für solch eine simple Methode. Die Catwatch-Abwehr reduzierte die von Katzen im Garten verbrachte Zeit um 25 %. Selbst wenn eine Methode nicht 100 % wirkt, so ist doch jegliche Reduktion des Einflusses von Katzen auf Vögel willkommen.

Haben Sie eine Katze?

Die meisten Menschen lieben Katzen oder sie hassen sie. Ich bin da eher die Ausnahme, und gehöre weder zu den einen noch zu den anderen. Ich bin mit Katzen aufgewachsen und hatte vor Jahren auch selber eine. Ich werde mir aber keine neue anschaffen.

Frau Niemann, wir danken für das Gespräch.


Sarah Nieman studierte Zoologie und arbeitet für die britische Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) im Bereich Artenschutz. Sie interessiert sich vor allem für Vögel sowie andere Tier- und Pflanzengruppen in Gärten und im Siedlungsbereich.


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Literatur zum Thema:

Baker PJ, Ansell RJ, Dodds PAA, Webber CE, Harris S 2003: Factors affecting the distribution of small mammals in an urban area. Mammal Review 33: 95-100.

Nelson SH, Evans AD, Bradbury RB 2005: The efficacy of collar-mounted devices in reducing the rate of predation of wildlife by domestic cats. Applied Animal Behaviour Science 94: 273-285.

Nelson SH, Evans AD, Bradbury RB 2006: The efficacy of an ultrasonic cat deterrent. Applied Animal Behaviour Science 96: 83-91. Schäffer A, Schäffer N 2006: Gartenvögel - Naturbeobachtungen vor der eigenen Haustür. Aula-Verlag, Wiebelsheim.

Woods M, McDonald RA, Harris S 2003: Predation of wildlife by domestic cats Felis catus in Great Britain. Mammal Review 33: 174-188.


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Quelle:
Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 7/2010
57. Jahrgang, Juli 2010, S. 296-298
mit freundlicher Genehmigung des AULA-Verlags
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juli 2010