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BERICHT/092: Kampnagelsommer - unbeugsame Kunst ... (SB)



Fela Kuti gilt zu Recht als größter Musiker Afrikas des 20. Jahrhunderts. Trotz des frühen Tods an AIDS 1997 wächst der Ruhm des Erfinders des Genres Afrobeat kontinuierlich an. Bereits in den siebziger Jahren in Afrika eine lebende Legende, haben Kutis Einfluß auf Funk und Acid Jazz, der enorme Erfolg des nach ihm genannten Broadway-Musicals 2010 sowie Alex Gibneys Filmbiographie "Finding Fela" 2014 den Ausnahmemusiker aus Nigeria inzwischen auch auf den anderen Kontinenten richtig bekannt gemacht. Auf dem diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel war das Nachwirken Fela Kutis zweimal zu spüren - erstens durch das Konzert seiner früheren Band Egypt 80, angeführt vom jüngsten Sohn Seun Kuti, und zweitens durch das Stück "Kalakuta Republik", das an drei Abenden vorgestellt wurde.


Coulibaly in Kampfposition vor den anderen Tänzern - Foto: © 2017 by Sophie Garcia

Fela zieht alle in seinen Bann
Foto: © 2017 by Sophie Garcia

Letzteres ist eine fabelhafte Choreographie, die von Serge Aimé Coulibaly konzipiert und von ihm und seinen Tanzkollegen Marion Alzieu, Ida Faho, Antonia Naouele, Adonis Nebié, Sayouba Sigué und Ahmed Soura an der internationalen Forschungs- und Produktionsstätte für Darstellende Künste ANKATA in Bobo Dioulasso, der zweitgrößten Stadt im westafrikanischen Staat Burkina Faso, gemeinsam entwickelt wurde. Es sind diese sieben Personen - mit Coulibaly selbst in der Rolle des Fela Kuti -, die mit sehr viel Leidenschaft und Können eine tänzerische Auseinandersetzung mit dem Leben und Wirken des Ausnahmekünstlers ablieferten, die ebenso spannend und unterhaltsam wirkte, wie sie zum Nachdenken anregte. Die Aufführung am 18. August wurde vom Publikum mit stehenden Ovationen gewürdigt und das vollkommen zu Recht.


Tänzerin in weißem Kleid tanzt, zwei Tänzer sitzen einfach auf dem Sofa - Foto: © 2017 by Doune

Ausgelassene Stimmung in Kalakuta
Foto: © 2017 by Doune

Coulibaly, der aktiv an der Modernisierung der Gesellschaft in Burkina Faso beteiligt ist, hat sein neuestes Werk Fela Kuti deshalb gewidmet, weil er in ihm trotz aller Schwächen wie der Hang zum exzessiven Leben ein Vorbild als politisch engagierter Künstler und Revolutionär sieht. Kalakuta Republik ist der Name der Kommune in Lagos, wo Kuti ab 1970, nach der Rückkehr aus den USA, wo er Kontakte zu den Black Panthers und der Black-Power-Bewegung gepflegt hatte, mit seiner Band, Familie und Freunden wohnte. Als Kuti jedoch Ende 1977 das in Nigeria allmächtige, hochkorrupte Militär mit dem Lied "Zombie" dem Spott preisgab und das Stück ein Riesenhit wurde, ließen die Generäle am 18. Februar 1978 die Kalakuta Republik von 1000 Soldaten gewaltsam auflösen und niederbrennen. Kuti wurde fast zu Tode geprügelt. Seine 77jährige Mutter, Funmilayo Ransome-Kuti, eine der angesehensten Frauenrechtlerinnen Nigerias, wurde vom Balkon im dritten Stock auf die Straße geworfen und erlag nach acht Wochen in Koma ihren Verletzungen. Als Reaktion auf die Tragödie entstand 1979 die Langspielplatte Unknown Soldier, die als absolutes Meisterwerk gilt.

Bei "Kalakuta Republik" wird die Bühne quasi zur Straßenecke in Lagos. Den Hintergrund bilden Vorhänge, die nur scheinbar beliebig aus Quadraten durchsichtiger Leinwand in unterschiedlicher Größe zusammengenäht wurden und somit das architektonische Durcheinander der weitgehend aus Wellblechhütten bestehenden Armenviertel von Lagos - oder auch übertragen von jeder beliebigen Großstadt Afrikas - widerspiegeln. Sechs Tänzer gehen unterschiedlichen Aktivitäten nach. Erst durch das Auftauchen von Coulibaly als Fela wird aus den Individuen eine Gruppe, die in ihren zum Teil synchronen Bewegungen Geschlossenheit und Gemeinschaft ausstrahlen. Auf der Leinwand werden schwarzweiße Kriegsbilder - Drohnenangriffe, zerstörte Städtelandschaften, Flüchtlingskolonnen - projiziert. Die Katastrophe naht...


Tänzer, sitzend am Boden, heben die Arme hoch - Foto: © 2017 by Doune

Wir lassen uns nicht unterdrücken
Foto: © 2017 by Doune

Die Menschen werden angegriffen, erleiden Gewalt. Sie ziehen ihre Hemden hoch, zeigen, daß sie unbewaffnet sind, und werden dennoch von unsichtbaren Kräften angegriffen. Eine kommt dabei fast um; nur ein Freund kann sie retten und wegtragen. Alle sind am Ende gezeichnet durch Farbmarkierungen, symbolhaft für körperliche und seelische Wunden. Die Fela-Figur schlägt sich gelbe Farbe auf den Bauch und zieht sich dann auch zurück. Auf den Vorhängen erscheinen viele kleine Lichter - vielleicht stellvertretend für die Elektrifizierung des Slums von Lagos. Pause.

Danach wirken die Tänzer völlig verstört. Die Nachwirkungen des militärischen Überfalls sind unübersehbar. Im Hintergrund wiederholen Piano und Bass ständig eine melancholische, musikalische Phrase. Plastikstühle liegen auf dem Boden herum. Ein Akteur trägt Stühle auf dem Kopf. Fela trinkt Bier aus einer Flasche und pustet es hoch in die Luft. Die Stimmung ist eine der Dekadenz und der Niedergeschlagenheit. Alles ist heruntergekommen. Eine Tänzerin im roten Kleid steht oben auf einem Rollkasten und vollzieht eine rund zehn Minuten lange Verführungsnummer voller lasziver Bewegungen und Gesten. Sie räkelt sich, wackelt mal schnell, mal langsam mit dem Hinterteil. Nachher gesellt sie sich zu einem Tänzer auf dem Sofa und treibt Sex mit ihm. Doch irgendwann kriegen sich alle wieder ein. Die Niederlage wird abgeschüttelt. Die rotgekleidete Tänzerin wirft mit gewalttätigen Gesten die am Boden liegenden Stühle herum. Die Tänzerin mit dem gelben Kleid besinnt sich körperlich auf die eigene Stärke.

Fela taucht wieder auf. Die Hälfte seines Gesichts ist weiß bemalt, was ihm das Aussehen eines Harlekins, eines Gauklers, eines Voodoo-Priesters verleiht. Er verteilt weißes Pulver auf dem Boden und formt daraus das Bild einer kreuzartigen Blume. Er wirft etwas Pulver auf die anderen Tänzer, die alle mit dem Rücken auf dem Boden liegen. Der Impuls versetzt alle in Bewegung. Er schüttet größere Mengen Pulver auf das Sofa, um sich anschließend mit Wucht darauf zu setzen und eine große Staubwolke zu erzeugen. Fela verspottet alle. Der eine Tänzer verkündet, in die Politik zu gehen und Präsident werden zu wollen. Die Musik wird immer hektischer. Alle geraten in Trance. Im Hintergrund werden auf die Vorhänge Bilder von den Tänzern beim Abfeiern in der Disco projiziert. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen ebenso wie Aufführung und Wirklichkeit.


Tänzerin, auf dem Schulter eines Kollegen sitzend, salutiert - Foto: © 2017 by Doune

Würdiger Abgang
Foto: © 2017 by Doune

Zum Ausklang der allegorisch-metaphorischen Choreographie spielt ein besinnliches Instrumentalstück nach Art von King Sunny Adé, während die Tänzer langsam die Bühne verlassen. Die drei Tänzer tragen die drei Tänzerinnen sitzend auf der einen Schulter, während letztere mit den Händen verschiedene Symbole machen. Ihre Haltung ist erhaben und gleichzeitig kämpferisch. Fela ist zwar tot, doch die Flamme seiner Auflehnung gegen die bestehende Ordnung brennt noch hell.


23. August 2017


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