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MUSIKTHEATER/001: Forschungsinstitut für Musiktheater (spektrum - Uni Bayreuth)


spektrum 1/07 - Universität Bayreuth

Forschungsinstitut für Musiktheater (FIMT)

Förderung von Innovation Motivation Talenten


Insbesondere unter Opernforschern ist es wohlbekannt: Das Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth in Thurnau, abgekürzt FIMT, ist weltweit einzigartig. Es ist Zentrum interdisziplinärer Forschung und internationales, zwischen Wissenschaft und Praxis vermittelndes Diskussions- und Kommunikationsforum, das bald sein 30. Jubiläum begeht. Umfangreiche Bibliotheks- und Archivbestände, die nicht nur Fachliteratur, sondern auch Aufzeichnungen von Musiktheaterproduktionen, Tonträger und Mikrofilme von Libretti und Handschriften umfassen, machen es zur gefragten Anlaufstelle für wissenschaftliche Recherchen.

Wohl jeder Musik- und Theaterwissenschaftler nutzt die vom Institut herausgegebene, nunmehr fertiggestellte "Enzyklopädie des Musiktheaters", und vielen ist zumindest einer der fünfzehn Bände der Reihe "Thurnauer Schriften zum Musiktheater" ein Begriff. Darüber hinaus sucht das Institut die nationale und internationale Kommunikation sowie die Zusammenarbeit mit der Praxis, mit Theatern, Konzert- und Opernhäusern und Musikhochschulen - wobei jedoch die Forschung stets erste Priorität genießt. Neununddreißig Kongresse, häufig im Zusammenhang mit Ausstellungen und Aufführungen, sind es, die das FIMT alleine und mit seinen Partnerinstitutionen bis jetzt veranstaltet hat. Allein im letzten Jahr standen "Tanz im Musiktheater - Musiktheater als Tanz" in Hannover, "Das Musikleben am Hof von Kurfürst Max Emanuel" in München und "Gaspare Spontini und die Oper im Zeitalter Napoleons" in Erfurt auf dem Veranstaltungsplan. Gleichzeitig wurden und werden von den wissenschaftlichen Mitarbeitern größere Forschungsprojekte mit Themen wie beispielsweise "Paris als Drehscheibe des Musiktheaters", "Per vestir la virtuosa", "Musiktheater in Deutschland 1900-1945" oder "Das Bild der italienischen Oper in Deutschland" koordiniert. Dabei schreibt man die Zusammenarbeit mit internationalen Partnerinstitutionen in Frankreich, Italien, Österreich und den Niederlanden groß.

Aus einem weiteren Grund wird derjenige, der speziell im Gebiet der Oper oder allgemeiner im Gebiet des Musiktheaters forscht oder tätig ist, am FIMT kaum vorbeikommen: Der überaus spezielle Ansatz des Institutes sieht die Behandlung der Gesamtheit der beiden häufig getrennten Bereiche Musik und Theater als grundlegend an. Die vielfältigen Erscheinungsformen von Oper, Ballett, Zarzuela, Musical und Operette sowie deren Produktion, Aufzeichnung, Dramaturgie und Rezeption werden gemeinsam untersucht. Die überdies von Anfang an verfolgte interdisziplinäre Ausrichtung, die als einzige dem komplexen Phänomen "Musiktheater" gerecht werden kann, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der Institutsleiter zugleich Inhaber des Lehrstuhls Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters ist. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des FIMT sind nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre des Magisterstudiengangs Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters, des Bachelorstudiengangs Theater und Medien und der Musikwissenschaft tätig. Erheblicher eigener Spielraum jedes einzelnen in der Gestaltung von Forschungsprojekten macht breitgefächerte Forschung möglich.


Institut unter neuer Leitung

Pünktlich zum dreißigjährigen Bestehen des Institutes bahnen sich Veränderungen an. Das Institut wurde seit 1983 wesentlich durch Professor Dr. Sieghart Döhring, Präsident der Europäischen Musiktheater-Akademie, geprägt. Nach seiner Emeritierung im März 2005 führte er das FIMT zunächst kommissarisch weiter. Seit Oktober 2006 liegt die Leitung bei seinem Nachfolger, Professor Dr. Anno Mungen. 1961 in Köln geboren, absolvierte Anno Mungen zunächst eine Ausbildung zum Musikschullehrer in Duisburg, bevor er sein Studium der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der TU Berlin mit der Promotion "Musiktheater als Historienbild. Gaspare Spontinis 'Agnes von Hohenstaufen' als Beitrag zur deutschen Oper abschloß. Seit 1995 lehrte Mungen an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, der Universität Mainz und der Musikhochschule Köln. Von 1998 bis 1999 forschte er im Rahmen des DFG-Projektes "Theaterbilder und Musik" in den USA. 2002 legte er seine Habilitation "BilderMusik" vor und erhielt im folgenden Jahr zunächst eine Vertretungs-, dann eine volle Professur für Musikwissenschaft in Bonn, wo er bis 2006 tätig war. Seine Forschungsschwerpunkte sind Operngeschichte vom 18. bis 20. Jahrhundert, insbesondere Spontini und Wagner, Musik im Kontext von Medien- und Filmgeschichte und im Zusammenwirken mit bildender Kunst, Musik und Gender sowie die deutsche Musikgeschichte zwischen 1920 und 1945.

FRAGE: Herr Professor Mungen, was hat Sie bewogen, den Ruf an die Universität Bayreuth und damit ans FIMT anzunehmen?

PROF. DR. ANNO MUNGEN: In einem Zeitungsartikel hat gestanden, ich hätte den Ruf nach Bayreuth vor allem wegen der schönen Räumlichkeiten in Thurnau angenommen. Es ist richtig: das FIMT verfügt nach der viele Jahre dauernden Renovierung im Schloss heute über phantastische Büros und hat mit dem barocken Ahnensaal einen wunderschönen eigenen Veranstaltungsraum für Kongresse und Konzerte. Aber das war natürlich für meine Entscheidungsfindung letztlich nicht so wichtig, wie die Möglichkeiten, die sich mit dem FIMT als Forschungseinrichtung verbinden. Das war der ausschlaggebende Grund. Wo steht einem heute als Wissenschaftler schon ein ganzes Institut zur Verfügung, in dem man seine Vorstellungen von dem, was Musiktheater und Musik für unsere Gesellschaft heute bedeutet oder bedeuten könnte, in einem Team engagierter und interessierter Mitarbeiter verfolgen kann? Mir wurde schon recht bald bei meinen ersten Besuchen in Thurnau deutlich, noch bevor ich den Ruf angenommen hatte, dass unter den Mitarbeitern eine große Bereitschaft zu finden war, neue Ideen zu verfolgen und Projekte mit zu tragen. Mein Riecher - das kann ich nach etwa einem Vierteljahr sagen - war richtig: der Beginn unserer gemeinschaftlichen Arbeiten am FIMT ist für mich viel versprechend. Jetzt gilt es, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen und weitere aufzutun - unter anderem auch in Hinblick auf die Planung zweier neuer Studiengänge in enger Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Thomas Betzwieser: eines BA "Musiktheaterwissenschaft" und eines MA "Musik und Performance".

FRAGE: Wie ist Ihr bisheriger Eindruck von der Universität Bayreuth?

PROF. DR. ANNO MUNGEN: Ich komme ja von einer recht großen Universität. Hier ging vieles recht langsam, und manches passierte nie. Ich habe schnell den Eindruck gewonnen, dass eine kleinere Universität wie Bayreuth größere Flexibilitäten anbieten kann. Die Kommunikation auf allen Ebenen geht direkt und meist recht schnell. Es ist so angenehm - das mag jetzt etwas seltsam klingen -, dass man hier noch miteinander spricht und nicht alles per Mail erledigt! Effektive und gewinnbringende Kommunikation ist einer der wesentlichen Schlüssel für gute wissenschaftliche Arbeit, die ja nicht nur effizient sein sollte, sondern auch Spaß bringen kann. Außerdem hat man mir hier schnell deutlich gemacht, dass ich sehr willkommen wäre in Bayreuth und war sehr an meinen neuen Konzepten interessiert. Erneuerung mit fundierter Anbindung an Traditionen ist derzeit meines Erachtens der einzige gangbare Weg - besonders in den Geisteswissenschaften, die sich zunehmend in der Konkurrenz mit den anderen Fakultäten befinden. Noch nicht gut einschätzen kann ich die Situation der Studierenden. Das hängt natürlich auch mit dem vonstatten gehenden Umbruch, d. h. mit den neuen Studiengängen zusammen.

FRAGE: Wo möchten Sie in der Zukunft Schwerpunkte setzen?

PROF. DR. ANNO MUNGEN: Mein Problem war es bislang nicht, Themen zu finden oder Ideen für Projekte zu entwickeln. Ende der 1980er Jahren sagte mir ein Kommilitone im Musikwissenschaftsstudium in Berlin, es sei eigentlich unmöglich 'neue' Themen für wissenschaftliche Arbeiten - d. h. Dissertationen - zu finden. Es sei schon alles abgearbeitet. Das hielt ich damals schon für absurd, und die Absurdität dieser Aussage wird mir mit jedem Tag in meiner Arbeit deutlicher. An originellen Themen und Fragestellungen mangelt es m.E. nicht, und die ergeben sich mit der Erfahrung zunehmend. Eher dürfte es schwierig sein - und das trifft ganz besonders für eine wichtige Forschungseinrichtung wie dem FIMT zu, das sich dem Musiktheater in seiner ganzen Breite widmen möchte - eine Gesamtdisposition zu entwerfen, an der sich vieles - und hoffentlich vieles Unterschiedliche - anschließen lässt. Ausgehend aber von dem Gedanken, dass der Nachwuchs in den Bereichen Musiktheaterwissenschaft, den wir mit dem Lehrstuhl ganz unmittelbar vertreten, sowie darüber hinaus auch der allgemeinen Musikwissenschaft eine dezidierte Förderung in Hinblick auf neuere wissenschaftliche Methoden und Verfahren bedarf, habe ich vor, dies sehr stark in den Mittelpunkt zu rücken. Was aber interessiert die Generation der 20 bis 30-Jährigen? Was ist anschließbar an die Fragestellungen der heutigen Gesellschaft? Wie schaffen wir es, dass wir nicht nur aus dem so genannten Elfenbeinturm der Wissenschaftlichkeit (und damit häufig der Unverständlichkeit) operieren? Aus meiner eigenen bisherigen Forschung sind hier zwei Bereiche zu nennen, die ich im Sinne einer gesellschaftlichen Anbindung fördern will. Erstens möchte ich überlegen, ob der Begriff des Musiktheaters nicht erweiterbar ist, und ob nicht Fragen, welche die Musik und die audiovisuellen Medien betreffen, hierunter auch zu subsumieren wären. Zweitens habe ich vor, mich verstärkt den Fragen der Gender Studies und des Musiktheaters - in einem sehr weiten Sinne, theatrale Formationen wie Konzerte und allgemeine Inszenierungskontexte einbeziehend - zu widmen. Darüber hinaus bin ich sehr gespannt, was an Anregungen von den KollegInnen und den Studierenden auf mich zukommt!

FRAGE: Dieses Jahr existiert das FIMT 30 Jahre. Gibt es Überlegungen dieses Jubiläum zu feiern?

PROF. DR. ANNO MUNGEN: Ja, wir haben gerade im Team begonnen zu überlegen, was man machen könnte. Wenn wir Feierlichkeiten für den Herbst ansetzen, wäre es so, dass ich dann genau ein Jahr in Bayreuth wäre. Der Zeitpunkt wäre sinnvoll. Dann könnte man schon Genaueres sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Sicherlich könnte dann der schon zur Übergabe im Dezember angesprochene Bereich Wissenschaft und Praxis weiter vorgestellt werden. Außerdem werden wir wahrscheinlich eine Konferenz für NachwuchswissenschafterInnen organisieren, um hiermit Ideen für eine Summer School bzw. ein Summer Symposium 2008 als Pilotprojekt zu initiieren. Das wäre einerseits als Rückschau auf die vielen Konferenzen, die in 30 Jahren in Thurnau stattgefunden haben, schön, aber es wäre andererseits auch ein Schritt in die Zukunft zur angesprochenen Nachwuchsförderung. Angedacht ist auch eine Ringvorlesung mit auswärtiger und Bayreuther Beteiligung, die sich der zunächst simpel klingenden, aber letztlich doch nicht ganz einfach zu beantwortenden Frage widmen könnte: "Was ist Musiktheater?" Im Sinne dessen, was ich zuvor skizzierte, eine grundsätzliche Frage, von deren Betrachtung aus verschiedener Perspektive ich mir wichtige Impulse für unsere Arbeit erwarte. Schließlich haben wir vor, eine kleine Publikation zum Jubiläum vorzulegen, die ebenso auf die Geschichte wie auf die aktuelle Situation blickt und natürlich die Zukunft einbezieht. Das soll durchaus auch einen unterhaltsamen Aspekt haben. Aber dazu verrate ich noch nicht mehr!

FRAGE: Herr Professor Döhring, mit welchen Gedanken legen Sie die Leitung des Instituts nieder? Was erhoffen Sie sich für seine Zukunft?

PROF. DR. SIEGHART DÖHRING: Die 23 Jahre meiner Institutsleitung sind eine lange Zeit, und entsprechend markant ist der Einschnitt des jetzigen Wechsels. Doch was lebt, verändert sich; wo keine Veränderung ist, da ist auch kein Leben. Dies gilt für Menschen wie für Institutionen, und was das FIMT betrifft, so hat es sich in seiner fast 30jährigen Geschichte ständig verändert, nicht zuletzt durch den Wechsel unter den rund 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis heute. Die weitaus meisten hatten Zeitstellen inne und mussten früher oder später gehen - sehr oft auf attraktive Positionen in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Nun ist auch für mich die Zeit gekommen. Als privater Wissenschaftler sowie für organisatorische und administrative Aufgaben werde ich weiterhin für das FIMT präsent bleiben.

Anno Mungen und ich kennen uns seit den späten 1980er Jahren, als ich an der TU Berlin für Carl Dahlhaus Lehraufgaben übernahm. Aus dem Studenten wurde der von mir betreute Doktorand, dessen Interessenausrichtung des medialen Aspektes von Musik einen für die Musiktheaterforschung idealen Ansatz bedeutet. Zwischen ihm und mir gab es während der letzten Jahre sehr viele und intensive wissenschaftliche und persönliche Kontakte. Dies gilt auch für ihn und die Universität Bayreuth (über Lehraufträge) und für ihn und das FIMT (über Publikationen in Lexika und Sammelbänden, sowie zuletzt in der mir gewidmeten Festschrift). So bin ich glücklich und froh, die Leitung des Instituts und natürlich den Lehrstuhl, den ich schon vor fast zwei Jahren aufgegeben habe, in die Hände von Mungen legen zu können, und sehe der Zukunft des Institutes selbstverständlich optimistisch entgegen.


Schloß Thurnau, Sitz des Instituts

Seit nunmehr fast 30 Jahren hat das FIMT seinen Sitz im idyllischen Marktflecken Thurnau, etwa 20 km von Bayreuth entfernt, und zwar in einem renovierten Flügel des Thurnauer Schlosses, das eine der kunsthistorisch wertvollsten Anlagen Frankens ist. Zwar liegt es in einer gewissen räumlichen Distanz zur Universität, doch sind sein Dokumentationszentrum und seine Bibliothek so speziell, dass selbst auswärtige Wissenschaftler den Anfahrtsweg nicht scheuen. Umgekehrt lehren die Mitarbeiter in Bayreuth und veranstalten ihre Kongresse in den verschiedensten Städten, wodurch die Außenwirkung des FIMT gewährleistet ist. Die Teilbibliothek der Universität Bayreuth, die ständig ergänzt wird, umfasst derzeit ca. 40.000 Bände Monographien, Zeitschriften und Sekundärliteratur zu Opern- und Operettenkomponisten, zu Dirigenten und Sängern, zur Gesangstechnik, zu den Themenbereichen Ballett, Musical und Zarzuela sowie zur Topographie und zur Theatergeschichte der Städte. Hinzu kommen etwa 11.000 Partituren und Klavierauszüge aus allen Sparten des Musiktheaters (fast ausschließlich Drucke). Zusätzlich ist ein Bestand an Tonträgern von etwa 11.000 Einheiten vorhanden. Positiv wirkt sich die Nutzung des Schlosses für alle Seiten aus: Für die Universität, die hier die dringend benötigten Raumkapazitäten zur Verfügung stellen kann, für die Stadt Thurnau, die nicht zuletzt auch durch das Institut bekannter wird, und für das Schloss, welches durch die Nutzung vor dem Verfall gerettet werden konnte.


Kongresse 2006

> November 2006 "Tanz im Musiktheater - Tanz als Musiktheater", in Hannover (Leitung: Dr. Stephanie Schroedter, in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater Hannover und der Staatsoper Hannover)

"Wann und in welcher Form beeinflussen Musik und Tanz sich gegenseitig? Unter welchen Bedingungen bringen sie einander überhaupt erst hervor? Welche Methoden gibt es, diese Aktionen und Interaktionen zu benennen und in einem System aufeinander zu beziehen? Viele Fragen, die naturgemäß nicht immer abschließend zu beantworten waren, deren Diskussion aber jeder Disziplin neue Ansatzpunkte und Perspektiven mit auf den Weg geben konnte.

Die Palette der vorgestellten Themen reichte vom barocken Ballet de Cour bis zu zeitgenössischen Tanzperformances, wobei die musikalisch komplexe Tanzszene aus Mozarts Don Giovanni ebenso wie eine Analyse von Béjart-Balletten mit Hilfe linguistischer Methoden auf der Tagesordnung stand. Schließlich gehörte die erste Ballettproduktion der Saison unter dem neuen Ballettchef der Staatsoper Hannover Jörg Mannes, die sich Molière widmete, ebenso zum Programm wie die Demonstration neuer, Gesang und Tanz verbindender Techniken, etwa des Vocal Dance.

Im Rahmen des Symposiums entstand ein reger Austausch zwischen Vertretern unterschiedlichster Fachrichtungen und tänzerischer Schwerpunkte, darunter die über dreißig Referenten, die aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, England und den USA angereist waren. Auf diese Weise wurde der Boden für weitere fruchtbare, gegenseitige Anregungen bereitet. Die enorme Themenvielfalt und die Verschiedenartigkeit der Perspektiven und Herangehensweisen konnten durch eine Aufteilung der Themen bzw. Referate in insgesamt zehn Sektionen gut zugänglich gemacht werden."

Auszug aus einem Pressetext von Gabriele Müller


> Juli 2006 "Das Musikleben am Hof von Kurfürst Max Emanuel", in München (Leitung: Dr. Sebastian Werr und Dr. Stephan Hörner, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte)

"Der Bayerische Kurfürst Max Emanuel (1662-1726) gehört zu den schillernden Herrschern der Geschichte Bayerns. Gleich Ludwig XIV dessen prunkvolle Hofhaltung schon dem Kurprinzen Max Emanuel von seiner Mutter Henriette Adelaide als vorbildlich empfohlen worden war förderte auch der bayerische Kurfürst die Künste. Dies geschah nicht nur aus Kunstliebe, denn Max Emanuel musizierte selbst unter anderem auf der Gambe, sondern diente auch politischen Zielen. Die Tagung ordnete das Münchne'r Musikleben in die höfischen Kommunikationssysteme ein und beleuchtete in stilkritischen Untersuchungen exemplarische Werke. Die erste Sektion der Tagung widmete sich der Münchner Hofkultur im europäischen Kontext, die zweite der Brüsseler Statthalterschaft und der französischen Exilzeit des Kurfürsten, die dritte Sektion umfasste Fallstudien aus Oper und Instrumentalmusik. Die Tagung, an der siebzehn Wissenschaftler aus dem In- und Ausland teilnahmen, stieß auf reges Interesse des Fachpublikums. Sie wurde durch ein Konzert der "Hofkapelle München" unter Leitung von Christoph Hammer abgerundet, bei dem Werke am Hofe Max Emanuels wirkender Komponisten (Dall'Abaco, Bernabei, Mayr, Steffani und Torri) zur Aufführung gelangten."

Zusammenfassung aus dem Tagungsbericht


> Mai 2006 "Gaspare Spontini und die Oper im Zeitalter Napoleons", in Erfurt (Leitung: Prof. Dr. Arnold Jacobshagen, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena (Prof. Dr. Detlef Altenburg), dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Jürgen Maehder) und dem Theater Erfurt (Dr. Arne Langer))

"Das Symposion würdigte Gaspare Spontini als führenden Repräsentanten der französischen Oper in der Epoche Napoleons. Es handelte sich um den ersten ausschließlich Spontini gewidmeten Kongreß im deutschen Sprachraum überhaupt. Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Dramaturgie, der Musik und der Inszenierungspraxis der Spontinischen Opern, mit dem historischen Kontext derselben und der Frage der Historie auf der Opernbühne war ausdrücklich die Verbindung zur Praxis gegeben. Hierzu gehörte die Aufführung der seit über hundert Jahren auf deutschen Bühnen nicht gespielten Oper "Fernand Cortez", die Aufführung des ebenfalls selten gespielten "Milton" sowie eine von der Fondazione Pergolesi Spontini konzipierte Ausstellung über Leben und Wirken Spontinis. Das Symposion vermittelte entscheidende neue Erkenntnisse zum Opernschaffen Spontinis, die den Beginn weiterer umfassender Forschungsarbeiten darstellen. "

Auszug aus dem Tagungsbericht


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Tableaux vivants und Dioramen: Beispiel für Forschung im Bereich "Musiktheater"

Eine Forschungsarbeit, die Prof. Dr. Sieghart Döhring am FIMT mit betreute, ist die Habilitation von Anno Mungen."BilderMusik. Panoramen, Tableaux vivants und Lichtbilder als multimediale Darstellungsformen in Theater- und Musikaufführungen vom 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert", so der Titel der Arbeit, begreift sich als musikwissenschaftliche Untersuchung mit interdisziplinärer Perspektive, die die Wahrnehmung und die Folgen von analogen Aufführungen medialer Großbilder mit Musik analysiert. Die Musik hat im 19. Jahrhundert die vielfach heraufbeschworene Vision einer kinetischen Kunst am idealsten eingelöst, so eine der wichtigsten Thesen der Publikation. Ausgehend von einer "Archäologie" der Filmmusik werden hier die kulturhistorischen Hintergründe bildhafter Musikkonzepte von der Klavierschlacht bis hin zum Gesamtkunstwerk von 1800 bis 1905 beschrieben. Die heute nahezu vergessenen Erscheinungsformen medialer Großbilder wie der Tableaux vivants, Dioramen, der bewegten Panoramen sowie der frühe Film hatten entscheidende Folgen für das Verständnis einer vom Bild abhängigen Musik. Mittels neuer Strategien löste man sie von den Prozessen ihrer sichtbaren Produktion, ließ sie "unsichtbar" werden. Die entstandene Leerstelle wurde mit Großbildern, mit Ansichten landschaftlicher und städtischer Darstellungen gefüllt. Mungen weist nach, dass die multimediale Kunst des 19. Jahrhunderts nicht nur Auswirkungen auf die Filmmusik hatte, sondern zur wichtigen Referenz für Sinfonik und Oper wurde - unter anderem zu beobachten in der theatralen Beethovenrezeption sowie in Teilen des OEuvres von Wagner und Liszt.


Gesprächskonzert "Die Diva als Mann"

"Die Diva als Mann", so lautete der Titel eines Gesprächskonzertes im Dezember im Kutschenhaus des Schlosses Thurnau, das sich an die offizielle Übergabe der Institutsleitung an Professor Dr. Anno Mungen anschloß. Nicht zuletzt als Referenz an Mungens Vorgänger Professor Dr. Sieghart Döhring war dieser Teil des Abends der zu ihrer Zeit weltberühmten Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient (1804-1860) gewidmet. Denn Schröder-Devrient war unter anderem eine der ersten bedeutenden Interpretinnen der Opern Giacomo Meyerbeers, die über Jahre hinweg einen zentralen Forschungsschwerpunkt des FIMT darstellten. Gleichzeitig deutete dieses erste Gesprächskonzert in seiner Ausrichtung bereits einige künftige Forschungsperspektiven und Forschungsfragen an, denen in Bezug auf die Frage von Sängerpersönlichkeiten nachgegangen werden soll.

Welche zentrale Stellung Sänger für die Konzeption von Musik einnehmen konnten, verdeutlicht das Phänomen Schröder-Devrient. Ohne die Inspiration ihrer Persönlichkeit, ihrer Stimme und Schauspielkunst wären Wagners "Venus" im Tannhäuser, seine "Senta" oder sein "Adriano" anders ausgefallen. Ohne ihre Interpretation der "Leonore" wäre Beethovens "Fidelio" nicht zum Erfolg verholfen worden, hätte Carl Maria von Weber keine geschätzte "Agathe" gefunden. Mehr noch, dank ihr entwickelte sich ein ganzes Gesangsfach, das heute als "hochdramatischer Sopran" bezeichnet wird. Ein anderer, übergeordneter Aspekt des Phänomens Schröder-Devrient war es jedoch, auf das in der Moderation des Konzertes reflektiert wurde: Die Tatsache, dass sich gerade diese Sängerin die Rolle des Mannes auf der Bühne zu Eigen machte. So spielte sie als "Leonore" eine junge Frau, die als Mann verkleidet ihren Ehemann rettet. Als "Adriano" trat sie in einer für sie geschriebenen Männerrolle auf, als "Otello" sang sie eine für einen Mann mit Männerstimme gedachte Rolle. Das jungenhafte Mädchen, das "männlich" handelt, verkörperte sie als "Johanna von Orleans". Wagner komponierte für sie als bereits gereifte Frau die Partie der wollüstigen Liebesgöttin "Venus". Schröder-Devrient diente also als Projektionsfläche für verschiedenste Rollen, eine Tatsache, die die Konzeptionen von "Sex" und "Gender" als Konstrukte offenbart. Gleichzeitig ist ihre künstlerische Arbeit als Beweis für Grenzüberschreitungen und somit für die enormen Potentiale der Kunstform Oper zu werten.

Der Moderation sei nachgetragen, daß hier wie so häufig in der Geschichte der Gesangskunst folgende Beobachtung zu machen ist: Nicht das Perfekte, nicht die schöne Stimme waren ausschlaggebend für Ruhm, Inspiration und das Entstehen von Neuem, sondern vielmehr das Individuelle, das aus der Not eine Tugend zu machen verstand. Denn Schröder-Devrients Stimme besaß weder eine leichte Höhe noch eine überragende Geläufigkeit und überwand Registerbrüche und Rauheiten des Klanges nicht gänzlich. Doch genau diese Eigenschaften waren es, die sie in ihre eigentliche Stärke verwandelte, die sie für ihre "männlichen" Rollen prädestinierten.

Die Sopranistin Nicola Müllers (Köln) vermochte gemeinsam mit ihrer Begleiterin am Flügel, Elnara Ismailova (Essen) durch differenzierte Gestaltung glänzend zu verdeutlichen, wie unterschiedliche "männliche" und "weibliche" Charaktere Schröder-Devrient darzustellen wusste. Zudem eröffnete das Konzert die Möglichkeit, einen der größten Wünsche Schröder-Devrients zumindest andeutungsweise zu erfüllen: Angesichts ihrer Enttäuschung über ihren Bühnenpartner ihrer "Donna Anna" habe sie bemerkt: "Wär' ich der Don Juan gewesen, bei Gott! Ich hätte die Mädchen besser verführen wollen." Entsprechend trug Nicola Müllers als Zugabe Don Giovannis Ständchen mit überlegter "männlicher" "Verve" vor, mit der bestechenden Wirkung eines freilich jungen, gleichwohl ob zu langer Praxis in zuckersüßen Schmeicheleien bereits gelangweilten Don Giovanni.

Weitere Gesprächskonzerte oder auch ähnliche Veranstaltungen könnten folgen, ein größeres interdisziplinäres Forschungsprojekt in Bezug auf die im Text angedeuteten Fragen befindet sich in der Entwicklung.



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Enzyklopädie des Musiktheaters:
Auswahl der Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre

Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters (vollständig)
Meyerbeer-Studien   
Thurnauer Schriften zum Musiktheater, darunter:
Band 16: Sieghart Döhring und Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Meyerbeer und das europäische Musiktheater, Laaber 1998
Band 17: Rainer Franke (Hrsg.), Offenbach und die Schauplätze seines Musiktheaters, Laaber 1999
Band 18: Elisabeth Schmierer, Die Tragédies lyriques Niccolò Piccinis, Laaber 1999
Band 19: Wolfgang Osthoff und Daniela Goldin Folena (Hrsg.): Verdi und die deutsche Literatur, Laaber 2002
Band 20: Arnold Jacobshagen und Milan Pospisil (Hrsg.), Meyerbeer und die Opera comique, Laaber 2003


Einzelveröffentlichungen (Auswahl):

Markus Engelhardt (Hrsg.), "in Teutschland noch gantz ohnbekandt" Monteverdi - Rezeption und frühes Musiktheater im deutschsprachigen Raum (Perspektiven der Opernforschung, 3), Frankfurt 1996
Gunhild Oberzaucher-Schüller, Marion Linhardt, Thomas Steiert (Hrsg.), MeyerbeerWagner. Eine Begegnung, Wien, Köln, Weimar 1998
Arthur Maria Rabenalt: Schriften zum Musiktheater der 20er und 30er Jahre, Opernregie I. Mit einer Einleitung von Fritz Hennenberg, Redaktion Marion Linhardt, Hildesheim, Zürich, New York 1999
Arthur Maria Rabenalt: Schriften zum Musiktheater der 20er und 30er Jahre, Opernregie II, Redaktion Marion Linhardt, Hildesheim, Zürich, New York 2000
Sieghart Döhring und Wolfgang Osthoff (Hrsg.), Verdi-Studien. Pierluigi Petrobelli zum 60, Geburtstag, München 2000
Gunther Braam und Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Hector Berlioz in Deutschland. Texte und Dokumente zur deutschen Berlioz-Rezeption, hrsg. von (Hainholz Musikwissenschaft, Bd. 4), Göttingen 2002
Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Praxis Musiktheater. Ein Handbuch, Laaber 2002
Daniel Brandenburg, Sebastian Werr (Hrsg.), Das Bild der italienischen Oper in Deutschland (Forum Musiktheater, 1), Münster 2004

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Quelle:
spektrum 1/07, Seite 36-44
Herausgeber: Der Präsident der Universität Bayreuth
Redaktion: Pressestelle der Universität Bayreuth, 95440 Bayreuth
Tel.: 0921/55-53 23, -53 24, Fax: 0921/55-53 25
E-Mail: pressestelle@uni-bayreuth.de
Internet: www.uni-bayreuth.de

"spektrum" erscheint dreimal jährlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 5. September 2007