Schattenblick →INFOPOOL →THEATER UND TANZ → FAKTEN

BERICHT/006: Tanzender Widerstand in Tunesien (inamo)


inamo Heft 74 - Berichte & Analysen - Sommer 2013
Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten

Tanzender Widerstand in Tunesien

von Katharina Pfannkuch



Zwei Jahre nach der Revolution herrscht ein Klima der Anspannung in Tunesien. Zunehmende Gewalt und der wachsende Einfluss der Islamisten verunsichern die Menschen. Die Gruppe «Danseurs Citoyens» leistet Widerstand - auf ihre ganz eigene Art.


Stimmengewirr von Marktschreiern erfüllt die Luft, Frauen prüfen mit kritischem Blick die Ware der Gemüsehändler. Dicht an dicht, kreuz und quer, haben die Verkäufer ihre Stände aufgebaut - es ist voll auf den Straßen von Halfaouine, einem Viertel im Norden der Medina von Tunis. Hier bleiben die Tunesier meist unter sich: Auf den Platz vor der Saheb Etabaa-Moschee, der genau wie die umliegenden, verwinkelten Straßen tagsüber mit Marktständen gesäumt und von Menschen bevölkert ist, verirren sich nur selten Touristen oder in der Stadt lebende Europäer. Die Tunesier, die hier leben, arbeiten und einkaufen, gehören zu jenen, die im Alltag am meisten unter den Folgen der Revolution vor zwei Jahren zu leiden haben. Arbeitslosigkeit, Inflation, steigende Preise, Enttäuschung über die politische Stagnation, Angst vor der Zukunft - in Halfaouine sind all diese Probleme gegenwärtig. «Danke, dass ihr an unser Viertel gedacht habt. Ihr habt unsere Sorgen über die politische Misere ein wenig verringert und uns für eine kurzen Moment all das Schlechte Vergessen lassen», sagt ein tunesischer Mittfünfziger in die laufende Kamera. Im Hintergrund erhebt sich die Saheb Etabaa-Moschee, es herrscht enges Gedränge auf dem Place de Halfaouine. Inmitten des Treibens dankt der Mann mit diesen Worten einer Handvoll junger Tunesier, die vor sechs Monaten begannen, die Straßen der tunesischen Hauptstadt zu verändern: Die Danseurs Citoyens - die tanzenden Bürger - überraschen und begeistern mit ihren unangekündigten Aktionen mittlerweile das ganze Land.

Auch in Halfaouine rechnet an diesem Tag niemand mit dem Auftritt der tanzenden Bürger. Alles geht seinen ganz normalen Gang, als inmitten des Marktgeschehens und Stimmengewirrs zwei junge Männer wie selbstverständlich beginnen, die Darbuka, die traditionelle tunesische Trommel, zu spielen. Eine junge, in ein weißes Gewand gehüllte Frau steht plötzlich auf dem Platz, ihr Gesicht ist von einem Khama verhüllt. Anders als der Niqab fällt diese tunesische Variante des Gesichtsschleiers locker, ist an den Seiten offen und lässt immer wieder Blicke auf das Gesicht der jungen Frau zu. Langsam beginnt sie zu tanzen, unter dem langen Gewand blitzen eine schwarze Hose und Spitzenschuhe hervor.

Es sind Schritte des klassischen Balletts, mit denen die Tänzerin schnell interessierte Blicke auf sich zieht. Begleitet wird sie nur vom rhythmischen Trommeln der Darbuka - und von einem zweiten Tänzer, der nach einigen Minuten aus der Menge auftaucht. Der schlanke, junge Mann in Hose und Sweatshirt tanzt in einer Kombination aus modernem und orientalischem Tanz um die verschleierte Ballerina herum. Immer mehr Passanten bleiben stehen und beobachten das ungewöhnliche Schauspiel, viele filmen die beiden Tänzer mit ihren Smartphones. Das geschäftige Treiben geht indes weiter, immer wieder eilen Passanten an den Tanzenden vorbei, ein Moped schlängelt sich an den Tänzern vorbei, der Rhythmus der Trommeln vermischt sich mit lautem Hupen und Stimmengewirr.

Die Tänzer um Bahri Ben Yahmend, Choreograph und Gründer der Danseurs Citoyens, stört dies nicht - im Gegenteil, die Interaktion ist gewünscht: «Kunst darf kein Luxusgut sein», ist Ben Yahmed überzeugt, «jeder Bürger hat ein Recht darauf». Je sozial schwächer die Menschen in Tunesien seien, desto schwieriger sei für sie der Zugang zu Kunst und Kultur, so der 35-jährige. «Deshalb gehen wir auf die Menschen zu und tanzen in ihrem Alltag - und gemeinsam erobern wir unsere Straßen zurück.» Denn die Straßen werden im Tunesien nach der Revolution immer mehr von Islamisten vereinnahmt.

Der Tanz funktioniert hier als Waffe im Widerstand gegen die selbsternannten neuen Sittenwächter im Land: Die Idee, als Danseurs Citoyens die Straßen von Tunis zu erobern, entstand unmittelbar nach einem Angriff von Islamisten auf eine Gruppe von Tänzern in der Hauptstadt. Auch Bahri Ben Yahmed war dabei: «Als wir im März 2012 mit der Gruppe Art Solution im Zentrum von Tunis tanzten, attackierten uns Islamisten. Sie drohten uns und brüllten uns an: 'Geht in eure Theater, die Straße gehört euch nicht mehr!' Da war uns klar, dass wir als Künstler Widerstand leisten müssen», so Ben Yahmed, «Widerstand gegen die Einschüchterung, gegen die Einnahme der Straße durch Islamisten, Widerstand gegen die Ohnmacht. Wir wollen den Tunesiern die Lebensfreude zurückbringen». Und das tun die Danseurs Citoyens mit großem Erfolg, ihre Fangemeinde wächst. Mit den Aufnahmen aus Halfaouine hat die Gruppe bereits ihr viertes Video unter dem Motto «Je danserai malgré tout - Ich werde trotz allem tanzen» im Internet veröffentlicht. Nicht nur in Tunesien ist das Interesse an den tanzenden Bürgern groß: Internationale Medien berichten über die Tänzer, gerade erst war die Gruppe um Bahri Ben Yahmed bei der Fête de la Danse in Genf eingeladen.

Auf den ersten Blick mögen die jungen Straßentänzern nicht besonders revolutionär wirken - im Tunesien nach der Revolution sind sie das aber durchaus. «Die Politik Ben Alis hat die tunesische Gesellschaft jahrzehntelang verunsichert und eingeschüchtert, es herrschte viel Angst», erklärt Bahri Ben Ahmed. Die Euphorie der Revolution nach dem Sturz des Regimes am 14. Januar 2011 ist verflogen: Mit dem Wahl-Erfolg der islamistischen Ennahda-Partei und durch die Wachsende Präsenz der Salafisten in Alltag und Straßenbild ist auch die Angst wieder in Tunesien präsent. «Die Gesellschaft im post-revolutionären Tunesien ist ängstlich, deprimiert und enttäuscht», sagt Ben Yahmed, "mit unseren Aktionen appellieren wir an die Lebensfreude der Tunesier «und wir erinnern sie daran, dass nur sie über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen».

Angesichts des wachsenden Einflusses der aus dem Ausland finanzierten Salafisten, die strenge Vorstellungen von angemessener Kleidung und dem Verhalten von Mann und Frau in der Öffentlichkeit haben, beweisen Bahri Ben Yahmed und seine Tänzer mit ihren öffentlichen Tanz-Performances viel Mut. «Bei unserem Auftritt in Halfaouine beziehen wir uns bewusst auf die tunesische Kultur», erklärt Ben Yahmed. «Die weiße, traditionell tunesische Kleidung und der lockere Khama unserer Tänzerin stellt einen Gegensatz zum Schwarz der wahhabitischen Djellaba und zum strengen Niqab dar, die immer öfter auch bei uns im Straßenbild zu sehen sind. Wir wehren uns gegen diesen Import der salafistischen Kultur, indem wir die tunesische Tradition neu interpretieren».

Doch die Danseurs Citoyens verstehen sich nicht nur als Gegenbewegung zum Salafismus. Zu Beginn aller Videos der Gruppe wird ein Zitat des erst kürzlich verstorbenen Stephane Hessel eingeblendet: «Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen». Die jungen tanzenden Bürger von Tunis wollen ein neues Bewusstsein entstehen lassen, indem sie Widerstand leisten, sagt Choreograph Ben Yahmed: «Ich glaube, dass wir dabei helfen, die Debatte über das individuelle Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf die eigene Körperlichkeit im post-revolutionären Tunesien zu beleben». Ganz bewusst gehen die Tänzer mit diesem Anliegen auf die Straße, zu jenen Menschen, denen der Zugang zu derartigen Debatten oft verwehrt bleibt.

Die Straße wird so zur Bühne der Danseurs Citoyens, die auch in ihrem Vierten Video ihr Publikum zu einem Teil der Performance werden lassen: Ein Mann umarmt im Vorbeigehen lächelnd einen der Tänzer, zwei ältere Frauen tanzen schließlich gemeinsam mit den jungen Tänzern. Eine von ihnen hat dabei noch ihre Einkaufstüte in der Hand und verschwindet nach einigen Minuten wieder in der Menge - mit einem Lächeln im Gesicht.


Katharina Pfannkuch, freie Journalistin und Islamwissenschaftlerin.

*

Inhaltsverzeichnis - inamo Nr. 74, Sommer 2013

Gastkommentar:
- Iran's überraschende Präsidentenwahl. Von Asghar Schirazi

Kunst & Revolution
- Kultur und Revolution in Ägypten. Von Viola Shafik
- Revolution schreiben: Mona Prince und der Tahrir. Von Samia Mehrez
- Mein Name ist Revolution. Von Mona Prince
- Gegen alle Widerstände: Das El Hamra-Theater in Tunis. Von Katharina Pfannkuch
- Politisches Theater in Syrien: Das Zimmertheater. Von Abdellatif Aghsain
- Zeichnerinnen aus Algerien: Rym Mokhtari, Nawel Louerrad. Von Anna Gabai
- Das Kollektiv Zan Studio, Sharek Youth Forum und Nidal el-Khiary. Von Anna Gabai
- Graffiti in Ägypten und Syrien: Wenn Wände schreien. Von Mona Sarkis
- Der politische Kampf mit visuellen Mitteln im Jemen. Von Marie-Christine Heinze
- Widerstandsformen in Marokko: Rap und Straßentheater. Von Hafid Zghouli
- Rap in Tunesien: Revolution oder Evolution? Von Eva Kimminich
- Die Stimme der Frauen - Sawt Nissa. Von Soultana
- Tanzender Widerstand in Tunesien. Von Katharina Pfannkuch
- Syrische Künstler im Widerstand - Gefälschte Realität. Von Inana Othman
- Syrien: Widerstand mit Puppentheater und Plakaten. Von Christin Lüttich
- Kunst als Waffe - Fremd- und Selbstbestimmung. Von Irit Neidhardt

Nachruf
- Erinnerung an «Le Journal». Von Jörg Tiedjen

Syrien
- The Syrian Heartbreak. Von Peter Harling, Sarah Birke
- Die syrische Katastrophe. Von Omar S. Dahi
- Die Koalition - ein «verächtliches Schauspiel». Interview

Tunesien
- Lagerware Mensch - UNHCR und EU-Migrationsregime. Von Marvin Luedemann

Türkei
- Der Gezi-Aufstand «Verflucht seien ... manche Dinge!» Von Corinna Eleonore Trogisch

Mali
- Friedenspreis für Krieg in Mali. Von Jörg Tiedjen

Sudan
- Der Einbruch nach dem Durchbruch. Von Roman Deckert, Tobias Simon

Wirtschaftskommentar
- Die versteckte Krise der Golf-Staaten

Zeitensprung
- Der Unbeugsame: George Ibrahim Abdallah. Von Jörg Tiedjen

ex mediis
- W. Blum: Bewaffnete Interventionen | J. Graf, Weibliche Genitalverstümmelung und Medizinethik. Von Matin Baraki, Nils Fischer

Nachrichtenticker

*

Quelle:
INAMO Nr. 73, Jahrgang 19, Frühjahr 2013, Seite 40 - 42
Berichte & Analysen zu Politik und Gesellschaft des Nahen und
Mittleren Ostens
Herausgeber: Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten e.V.
Redaktion: INAMO, Postfach 310727, 10637 Berlin
Telefon: 030/864 218 45
E-Mail: redaktion@inamo.de
Internet: www.inamo.de
 
Die inamo erscheint vierteljährlich, sie kann zum Preis
von 21 Euro plus 2 Euro Versand (innerhalb Deutschlands)
bei der Redakion abonniert werden.
 
inamo e.V. ist auf Unterstützung angewiesen. Spenden sind willkommen.


veröffentlicht im Schattenblick zum 10. Oktober 2013