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PROJEKT/099: Wir-Gefühl durch Capoeira - Junge Palästinenser auf den Spuren afrikanischer Sklaven (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 22. März 2012

Nahost: Wir-Gefühl durch Capoeira - Junge Palästinenser auf den Spuren afrikanischer Sklaven

von Jillian Kestler-D'Amours

Kinder in Ost-Jerusalem bei einem Capoeira-Kurs - Bild: © Jillian Kestler-D'Amours/IPS

Kinder in Ost-Jerusalem bei einem Capoeira-Kurs
Bild: © Jillian Kestler-D'Amours/IPS

Ost-Jerusalem, 22. März (IPS) - Unter einem Vordach in der Altstadt von Jerusalem stehen etwa 20 palästinensische Kinder. Sie schlagen Trommeln, klatschen im Takt und singen auf Portugiesisch. Capoeira, die afro-brasilianische Mischung aus Tanz, Musik und Kampfkunst erobert nun auch Ost-Jerusalem und das Westjordanland.

"Capoeira gibt ihnen die Möglichkeit, in einem sicheren Umfeld ihre Aggressionen und überschüssige Energie abzubauen", erklärt der brasilianische Trainer Jorge Goia, der den Kurs leitet, "Sie lernen, ihre Bewegungen und sich selbst zu kontrollieren, sich auszudrücken und auf andere Rücksicht zu nehmen."

Da Capoeira eine Kampfkunst sei, werde ein großes Verständnis für Disziplin vermittelt, erläutert er. Man sei Teil einer Gruppe, in der es auf gemeinsames Handeln ankomme. Gerade auf Jungen habe dies eine besondere Wirkung.

Die unabhängige Organisation 'Bidna Capoeira' (Wir wollen Capoeira) bietet palästinensischen Kindern und Jugendlichen in Flüchtlingslagern im gesamten Westjordanland seit einem Jahr Unterricht an. Schätzungsweise 800 junge Palästinenser haben seitdem an den Kursen teilgenommen.

Inzwischen vermitteln Lehrer ihre Kenntnisse in den Lagern Shuafat und Jalazone in Hebron und Ramallah sowie in der Altstadt von Jerusalem. Sie verfolgen das Ziel, palästinensischen Jugendlichen größeres Selbstvertrauen zu vermitteln und ihnen ein gesundes Ventil für ihren Frust zu bieten.


Das Gefühl, irgendwo hinzugehören

"Capoeira kann ein wirkungsvolles Instrument sein, wenn es darum geht, das Selbstbewusstsein und das Gefühl, irgendwo hinzugehören, zu stärken", erklärt Goia. "Capoeira findet in der Gruppe statt. Man braucht Leute, die singen und Instrumente spielen. Jeder hilft den anderen dabei, sich zu entwickeln und zu lernen."

Sahar Qawasmehs sechsjähriger Sohn Ahmad ging zum ersten Mal im Februar in einen Capoeira-Kurs im historischen Teil Jerusalems. "Vorher hatte er Karate und einen Schwimmkurs besucht, nun kommt etwas Neues", berichtet die Mutter, die mit ihrer Familie in Beit Hanina in Ostjerusalem wohnt. "Ahmad kann dort seine Stärke einsetzen."

Ilona Kassissieh vom UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) erkennt deutliche Fortschritte. Ihre Organisation unterstützt als Partner Bidna Capoeira. "Die Kinder haben eine Menge gelernt und bewiesen, dass sie mit ihrem Eifer schnell vorankommen", berichtet sie. Ihnen neben der Schule weitere Aktivitäten zu bieten, sei angesichts der schwierigen Lebensumstände in den Camps wichtig.

"Flüchtlinge und insbesondere Kinder sind schutzlos. Die Infrastruktur gestattet ihnen kein normales Leben. Durch die zusätzliche Beschäftigung können Kinder lernen, über Grenzen hinaus zu denken und ihre Energien auf etwas zu lenken, das ihnen gefällt", meint Kassissieh.

Jorge Goia sieht eine schlüssige Verbindung zwischen Capoeira, das als Graswurzelbewegung unterdrückter Menschen in Brasilien entstand, und den Palästinensern, die unter israelischer Besatzung leben.

"Capoeira wurde von schwarzen Sklaven in Brasilien entwickelt, die dadurch zu mehr Selbstbewusstsein und Kraft fanden, sich ihren schwierigen Lebensbedingungen zu stellen", sagt er. "Es kommt darauf an zu lernen, mit einer Situation umzugehen, in der man der Schwächere ist. Du hast kein Gewehr, sondern nur deinen Körper. Es geht also um die Frage, wie man so überleben und der Unterdrückung entkommen kann." (Ende/IPS/ck/2012)


Links:
http://www.bidnacapoeira.org/
http://www.unrwa.org/
http://www.ipsnews.net/news.asp?idnews=107148

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Quelle:
IPS-Tagesdienst vom 22. März 2012
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. März 2012