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GESCHICHTE/491: Vor 200 Jahren - Die enge Vernetzung von Turnen und Burschenschaft (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 24 / 9. Juni 2015
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Nr. 23 / 02. Juni 2015

Vor 200 Jahren: Die enge Vernetzung von Turnen und Burschenschaft
Der Ursprung der Farben Schwarz-Rot-Gold

Von Hansgeorg Kling (*)


Am 12. Juni 1815 wurde in Jena die erste Burschenschaft gegründet (vielfach auch "Ur-Burschenschaft" genannt). Bis dahin meinte der Begriff die Gesamtheit aller Studenten an den deutschen Universitäten, von jetzt an bezeichnet er die in der Burschenschaft zusammengefassten Korporationen (das sind die studentischen Verbindungen an den einzelnen Hochschulorten) und ihre Mitglieder. Um 1818 umfasste die Burschenschaft etwa ein Drittel aller rund 9000 deutschen Studenten.

Die Gründung der Burschenschaft in 1815 war insofern ein fortschrittlicher Akt, als es bis dahin als Zusammenschluss der Studenten nur die "Landsmannschaften" gab, studentisch-gesellige Vereinigungen, die am Herkunftsland der Mitglieder orientiert waren, kaum "über den eigenen Zaun" schauten und im Laufe der Zeit zu "Rauf- und Saufgesellschaften entartet" waren (H. Braun). Die Burschenschaft dagegen trat als entschieden politische Gruppierung auf, kämpfte für Freiheit und Einheit.

Genau dies waren die politischen Ziele Friedrich Ludwig Jahns. Er hatte 1809 zusammen mit Karl Friedrich Friesen den "Deutschen Bund" in Berlin gegründet, hatte 1810 das "Deutsche Volkstum" veröffentlicht und war 1810/11 zusammen mit Friesen damit beschäftigt, die "Ordnung und Einrichtung" einer allgemeinen Burschenschaft in Deutschland zu verfassen, um "das Studentenleben moralisch zu verbessern und den deutschen Sinn zu beleben". Seitdem gilt Jahn als geistiger Urheber der Burschenschaft. Das am 12. Juni 1815 in Jena vorliegende Statut der Burschenschaft stützte sich fast wörtlich auf seine Ausarbeitung.

Jahn selbst war bei der Gründung nicht zugegen, hatte sie aber maßgeblich betrieben und sandte auch 1816 seine Schüler Dürre und Maßmann nach Jena, "um nicht nur als Vorturner den neuen Turnplatz einzurichten, sondern auch um in der noch auf schwachen Füßen stehenden Burschenschaft tätig zu sein" (Lönnecker). Bei dieser "Vernetzung" ist es nicht verwunderlich, dass Turnen und Burschenschaft nahezu identisch waren: "Ein turnender Student war Burschenschafter und umgekehrt. Nationale Einheit, Freiheit und sogar soziale Egalisierung waren eins" (Lönnecker). Erster Höhepunkt der jungen Nationalbewegung war dann 1817 das Wartburgfest: Hier wurden neben Jahn auch Ernst Moritz Arndt und Friedrich Friesen als "Lehrer der deutschen Jugend" besonders geehrt. Selbstverständlich wurde 1819, dem Jahr der Karlsbader Beschlüsse, außer dem Turnen auch die Burschenschaft verboten. Beide standen bei der Obrigkeit in dem Ruch, für Umsturz und Revolution einzutreten und also Staatsfeinde zu sein.

Die junge Nationalbewegung in Deutschland war verständlicher Weise auch ein Ergebnis des gewonnenen Freiheitskampfes von 1813, durch den das "Franzosenjoch" abgeschüttelt worden war. Jahns Anteil an diesem Erfolg als Hauptmann im königlich-preußischen Freikorps von Lützow, sein propagandistisches und publizistischen Wirken für die nationale Sache schlugen sich auch in etwas Symbolischem nieder, das uns heute viel wert ist. Denn welche Farben gaben sich die Burschenschafter von 1815? Es waren die Farben der Lützower: Schwarz, Rot und Gold. Zuerst nur Rot und Schwarz, dazu die goldene Paspel; 1816 war es der goldene Eichenzweig. Beim Burschentag von 1818 wurde zum ersten Male die offizielle Bezeichnung schwarz-rot-Gold verwendet.

Dieser "Dreifarb" sollte dann das Hambacher Fest vom 27. Mai 1832 prägen: als Symbol der demokratischen Einheits- und Freiheitsbewegung. Bei der 300-Jahr-Feier der Universität Jena in 1858 gab es auch eine (der damaligen Zeit entsprechende) Deutung: "Schwarz als Bezeichnung der Nacht, die während der Fremdherrschaft über Deutschland lag, gold die Morgenröthe der errungenen Freiheit und roth das Herzblut, mit dem sie erkämpft ward" (nach Kaupp). Auf die alten Farben der Burschenschaft berief sich Theodor Heus als Mitglied des Parlamentarischen Rates (1948/49). Und so heißt es in Artikel 22 unseres Grundgesetzes: "Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold."


(*) Der Autor ist seit 2008 Präsident der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft, einem gemeinnützigen Verein mit Sitz in Freyburg (Unstrut), wo Jahn einen großen Teil seines Lebens verbrachte und wo sich neben seinem früheren Wohnhaus noch weitere Gedenkstätten befinden.


Literatur:

Harald Braun: Jahn und die nationale Frage. Jahn-Report 17, Juli 2002.

Peter Kaupp: "Turnvater" Jahn und die deutschen Farben. Jahn-Report 28, Mai 2009.

Harald Lönnecker: Jahn und die Burschenschaft. Jahn-Report 19, Juli 2003.

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 24 / 9. Juni 2015, S. 33
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juni 2015

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