Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/475: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 271 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 42 / 14. Oktober 2014
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

2001/III: Erika Dienstl: "Als Frau im Präsidium des Deutschen Sportbundes"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 271)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Unter dem Motto "Aufbruch nach Europa" feierten die Vorsitzenden der Frauenausschüsse der Verbände und Bünde im Deutschen Sportbund am 6./7. Oktober 2001 in Bremen in einem zwar bescheidenen, aber dennoch angemessenem Rahmen, den 50. Geburtstag des am 24. Mai 1951 im Rahmen des Internationalen Sportkongresses des DSB in Stuttgart-Bad Cannstatt begründeten DSB-Frauenausachusses.

Bremens Bürgermeister Henning Scherf empfing die Delegierten der Frauen-Vollversammlung im Kaminsaal des Rathauses und würdigte das gesamtgesellschaftliche Engagement. Für ihren Jahrzehnte langen Einsatz wurden von den Frauen zwei aus ihren Reihen mit dem Alice Profè-Preis gewürdigt: DSB-Vizepräsidentin Erika Dienstl, national und international engagierte Funktionärin, die völlig von der Auszeichnung überrascht wurde, war gerührt und sprachlos, als die Vorsitzende des Bundesausschusses Frauen im Sport, Dr. Christa Thiel, die Laudatio hielt. Und auch die Professsorin für Sportwissenschaften Gisela Bentz, die mit sportpädagogischen, frauenspezifischen und vor allem ethischen Ansätzen viel für den Frauensport bundesweit getan hat, freute sich über die Ehrung. Die beiden nahmen den Preis stellvertretend für die vielen anderen Akteurinnen entgegen, ohne die der Sportbetrieb nicht funktionieren würde.

Grund zum Feiern hatten die Frauen zur Genüge: 10,4 Millionen waren im Jubiläumsjahr Mitglied im DSB - im Gründungsjahr waren es gerade einmal 324.000.

"Mitmachen. Mitdenken. Mitlenken" - das war nicht nur der Titel einer Jubiläums-Broschüre, sondern Dr. Christa Thiel sah das als Aufforderung für Frauen, sich weiter zu engagieren. Nach dem Motto: "Gemeinsam sind wir stark!" hatten die Frauen sich auch um Gleichgesinnte gekümmert - und zwar in Europa. "Das Netzwerk funktioniert" sagte Christa Thiel, die seinerzeit den Vorsitz der European Women and Sport (EWS) führte. Deshalb hatten sich die DSB-Frauen auch Kolleginnen eingeladen, die von ihren Erfahrungen und ihrer Arbeit berichten konnten. Die norwegische Professorin für Sportwissenschaft und -verwaltung, Berit Skirstad, führte z.B. vor, dass es selbst in so einem emanzipatorischen Land wie Norwegen mit der Aufgeschlossenheit gegenüber Sportlerinnen und ihren Problemen nicht weit her sei.

Über ihre Erfahrungen im deutschen Sport berichtete die ehemalige DSJ-Vorsitzende, DSB-Vizepräsidentin und heutige Ehrenpräsidentin des Deutschen Fechter-Bundes, Erika Dienstl, in einem Beitrag in der Festschrift "Als Frau im Präsidium des Deutschen Sportbundes", der nachfolgend dokumentiert wird: "Als ich im Dezember 1972 in Travemünde zur Vorsitzenden der Deutschen Sportjugend gewählt wurde, war mir zunächst nur bewusst, dass ich die Verantwortung für den größten Jugendverband in der Bundesrepublik Deutschland übernehmen würde. Über die Tatsache, dass damit auch ein Platz im Präsidium des Deutschen Sportbundes verbunden war, hatte ich mir wenig Gedanken gemacht.

Ich wusste allerdings von meinem Vorgänger Dieter Buchholtz, dass es nicht selten zu Reibereien gekommen war, wenn es um die Eigenständigkeit der Deutschen Sportjugend und um die Durchsetzung sportjugendpolitischer Anliegen ging.

Allerdings war ich vor meiner Wahl als DSJ-Vorsitzende bereits seit zwei Jahren Vizepräsidentin des Deutschen Fechter-Bundes und daher nicht unerfahren im sogenannten "Verbandsgeschäft". Bereits bei der ersten Präsidiumssitzung, an der ich teilnahm - Anfang 1973 -, kam es zur Kontroverse.

Nach einer langen Zeit ohne jeden Kontakt zum DTSB der DDR sollte im März 1973 eine kleine Delegation des DSB nach Dresden fahren, um Gespräche über gegenseitige Sportbegegnungen zu führen.

Im Vorstand der Deutschen Sportjugend waren wir der Meinung, da wir unbedingt auch im Jugendbereich Kontakte herstellen wollten, dass die Vorsitzende der Deutschen Sportjugend Mitglied in dieser Delegation sein sollte.

Dazu war ein Brief des 2. Vorsitzenden an den damaligen Präsidenten des DSB, Dr. Wilhelm Kregel, geschrieben worden. Der Wunsch der DSJ schien im Präsidium des DSB während der Beratungen über die Dresden-Reise aber zunächst niemanden zu interessieren; bis die damalige Vorsitzende des Bundesausschusses Frauen, Frau Professor Inge Heuser, sich meldete und auf den Wunsch des DSJ-Vorstandes hinwies.

Die Situation wurde für mich peinlich, als mich Präsident Dr. Kregel fragte, warum ich denn glaube, dass er als Präsident des DSB nicht in der Lage sei, auch die Belange der Jugend zu vertreten. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und antwortete zwar undiplomatisch, aber auch unmissverständlich: "Weil Sie sich bisher mit Jugendarbeit nicht befasst haben!" Die dann folgende Abstimmung über meine Teilnahme ging mit fünf zu vier gegen die Stimme des Präsidenten, aber mit meiner eigenen Stimme zu meinen Gunsten aus, und ich fuhr im März 1973 mit nach Dresden.

Nach dieser ersten "Kraft- und Mutprobe" wurde ich schnell im DSB-Präsidium akzeptiert. Die Deutsche Sportjugend begann sich noch stärker als bisher für soziale und umweltpolitische Themen zu öffnen, ohne dabei das sportliche Engagement zu vernachlässigen. Es war nicht immer leicht, im DSB-Präsidium das nötige Verständnis und damit auch die Zustimmung für unsere damals noch als sehr progressiv geltenden Ideen zu erhalten.

Das änderte sich zum Positiven mit der Wahl von Dr. Willi Weyer zum Präsidenten des DSB 1974, der als versierter Sportpolitiker vielen Aktivitäten der Sportjugend gegenüber sehr aufgeschlossen war und damit auch bereit, mich im Präsidium zu unterstützen. Außerdem hatte inzwischen Ruth Brosche den Vorsitz im Bundesausschuss Frauensport übernommen, und da zwischen uns von Beginn unserer gemeinsamen Tätigkeit im Präsidium ein freundschaftliches Einvernehmen herrschte, konnten wir uns gegenseitig unterstützen und vieles durchsetzen. Ich würde sagen, dies war der Anfang eines aus heutiger Sicht eher bescheidenen Netzwerks!

1981 bat mich der damalige DSB-Vizepräsident Hans Gmelin, bei der nächsten Wahl als Vizepräsidentin des DSB zu kandidieren, da er selbst aufhören wollte. lch war inzwischen neun Jahre Vorsitzende der Deutschen Sportjugend und es reizte mich, ein Amt mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten anzustreben. Ich besprach meine Absicht mit dem DSB-Präsidenten und mit einigen Vertretern großer Verbände, die mir ihre Unterstützung zusagten.

Es gehört bis heute zu meinen schmerzlichsten Lebenserfahrungen, als mir im Frühjahr 1982 sowohl Präsident wie Vizepräsident klarmachen wollten, dass ich meine Kandidatur zurückziehen und noch Vorsitzende der Sportjugend bleiben solle. Die Begründung: Mit mir gäbe es dann drei berufstätige Vizepräsidenten, und die für den DSB-Präsidenten notwendige Entlastung wäre mit dem Ausscheiden von Vizepräsident Hans Gmelin nicht mehr gewährleistet. Ich war sowohl enttäuscht wie auch wütend, aber ich wusste auch, dass ich keinen Rückzieher machen würde.

Natürlich habe ich mich damals gefragt, ob man dieses Ansinnen auch an einen männlichen Kandidaten gestellt hätte. Ich glaube nicht...

Ich weiß noch genau, wie nervös ich am Vorabend des Wahlbundestags am 21. Mai 1982 in Düsseldorf war. Ruth Brosche und der damalige Sprecher der Spitzenverbände, Günter Meinen, versuchten mich zu beruhigen und versicherten, dass alles auf einem guten Weg wäre. Am nächsten Tag zog Vizepräsident Hans Gmelin 10 Minuten vor der Wahl seine Kandidatur zurück. Zusammen mit Dieter Graf Landsberg-Velen und Hans Hansen wurde ich mit einem guten Ergebnis gewählt - es gab erstmals eine Vizepräsidentin im Deutschen Sportbund.

Nach einer klärenden Aussprache mit Willi Weyer haben wir dann bis zum Ende seiner Amtszeit gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Allerdings glaube ich, dass das "Stehvermögen", das ich bei meiner Kandidatur bewiesen habe, von vornherein den Verdacht der Alibifrau im DSB-Präsidium ausgeräumt hat.

Frauenförderplan und Satzungsänderungen führten dazu, dass es keine fadenscheinigen Argumente mehr geben kann, Kandidaturen von Frauen für Führungspositionen zu verhindern. So gab es keine nennenswerten Diskussionen bei der satzungsmäßig verankerten Festlegung, dass einer der DSB Vizepräsidenten eine Frau sein muss.

Zweifellos das Ergebnis hartnäckiger und sachbezogener Arbeit der Frauen im Sport und des Umdenkens der Männer!"

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 42 / 14. Oktober 2014, S. 36
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-236
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 22. Oktober 2014