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GESCHICHTE/473: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 269 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 39 / 23. September 2014
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

2001/I: Richthofen will Stellenwert der Nationalmannschaften stärken
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 269)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Das schwache Abschneiden der deutschen Mannschaftssportarten nicht nur bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, sondern auch schon bei den vorangegangenen Winter- und Sommerspielen bzw. bereits bei den Qualifikationswettbewerben für die Olympiateilnahme stand im Mittelpunkt einer kritischen Analyse sowohl bei den betreffenden Fachverbänden und den Dachorganisationen des deutschen Sports wie auch bei dem für die Sportförderung zuständigen Bundesministerium und den Sportpolitikern im Deutschen Bundestag.

Schon im Rechenschaftsbericht des Präsidiums zum DSB-Bundestag im Dezember 2000 in Hannover hatte DSB-Vizepräsident Ulrich Feldhoff als Vorsitzender des Bundesvorstandes Leistungssport des Deutschen Sportbundes diese Problematik im Gegensatz zu den hervorragenden Ergebnissen in den olympischen Einzelwettbewerben kritisch angesprochen. DSB-Präsident Manfred von Richthofen referierte anlässlich der Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages am 9. Mai 2001 in Berlin über die "Situation der Spielsportarten in Deutschland". Dabei sagte er unter anderem Folgendes:

"Die Spielsportarten haben die Auswirkungen des Bosmann-Urteils besonders schmerzlich zu spüren bekommen. Den kläglichen Höhepunkt dieser Entwicklung bot kürzlich eine Bundesliga-Mannschaft im Fußball, die ohne jegliche Beteiligung deutscher Spieler antrat. Zunächst zur Leistungsbilanz der deutschen Spielsportarten in den vergangenen Jahren.

Mit Wehmut mag man sich an Barcelona 1992 erinnern. Bei den ersten Olympischen Spielen seit der deutschen Wiedervereinigung konnten mit Gold im Hockey der Männer und Silber bei den Hockey-Frauen zwei Medaillen gewonnen werden. Insgesamt sechs deutsche Spielsportmannschaften hatten sich für die Spiele in Barcelona qualifiziert.

In Atlanta 1996 war Deutschland zwar mit sieben Spielsportmannschaften - von 13 möglichen Startplätzen - präsent gewesen, doch die zu bilanzierenden Erfolge waren eher bescheiden. Sie konnten weder die Aktiven selbst noch die Beobachter zufrieden stellen. Bestes Ergebnis war ein vierter Platz im Hockey der Männer.

Bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 waren lediglich noch fünf deutsche Spielsportmannschaften am Start: im Frauen-Hockey, Männer-Hockey, Frauen-Fußball, im Handball der Männer und im Volleyball der Frauen. Einzige Medaillenausbeute war ein dritter Rang für die deutschen Fußballfrauen.

Es folgten fünfte Plätze bei den Hockey-Männern und Handball-Männern, Platz sechs bei den Volleyball-Frauen und Platz sieben bei den Hockey-Frauen. Besonders enttäuschend war aus deutscher Sicht, dass nach 1996 zum zweiten Mal keine deutsche Basketballmannschaft am Olympischen Turnier teilnahm. Auch im Wasserball konnten sich weder die Herren noch die Damen - die erstmalig an den Spielen teilnahmeberechtigt waren - qualifizieren. Ebenfalls ohne deutsche Beteiligung fand das olympische Baseball- und Softballturnier statt.

Erfolgreichste Nationen in den Spielsportarten waren in Sydney die USA mit 6 Medaillen, gefolgt von Australien und Russland mit jeweils 5 Medaillen. Deutschland rangierte mit einer Bronzemedaille im unteren Drittel. Nimmt man die vergangenen drei Sommerspiele als Maßstab, ist der Trend unverkennbar: Deutschland spielt in den olympischen Spielsportarten, mit Ausnahme von Hockey und Frauenfußball, international keine große Rolle mehr.

Diese Kennzeichnung charakterisiert aber nicht nur den Seniorenbereich. Auch im Nachwuchsbereich zeigt sich ein ähnlich besorgniserregendes Bild. Bis auf den weiblichen und männlichen Hockeynachwuchs, die Handballjunioren sowie die Wasserballjuniorinnen schnitten die Nachwuchsmannschaften bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Zeitraum von 1997 bis 1999 alle schlechter als Platz 10 ab.

Die Ursachen für diese enttäuschende Entwicklung im Junioren- und Seniorenbereich sind vielfältig. Hier müssen wir dringend Abhilfe schaffen. Es gilt vor allem, für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen zu sorgen. Bereits seit 1990 beschäftigt sich die Arbeitsgemeinschaft Spielsport im Bereich Leistungssport des Deutschen Sportbundes mit Überlegungen zur Strukturverbesserung in den Spielsportarten.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Atlanta und eines sich bereits abzeichnenden weiteren Abwärtstrends wurde schon im Dezember 1997 eine Arbeitstagung mit den Präsidenten der Olympischen Spielsportverbände und den Bundesligasprechern durchgeführt. Damals haben wir folgende Lösungsansätze formuliert, die ich in Schlagworten wiedergeben möchte:

  • Wir brauchen ein klares Bekenntnis aller Teilnehmer zur Nationalmannschaft.
  • Nachwuchsförderung ist vor allem über einen verbesserten Trainingsprozess wie Steigerung von Umfang und Intensität und mit Hilfe von qualifizierten Trainern zu optimieren. Ohne dementsprechende Mittelbereitstellung wird das nicht möglich sein.
  • Die Einbeziehung der sportbetonten Schulen in den alten und neuen Bundesländern in die Gesamtkonzeption ist unverzichtbar.
  • Das gilt auch für die enge Einbindung der Landesverbände und der Landesausschüsse Leistungssport in die Spitzenverbandskonzeptionen.
  • Wir brauchen die individuelle Förderung für besonders begabte Nachwuchstalente bis zum Altersbereich U22 - auch länderübergreifend.
  • Die Erweiterung der Wettkampferfahrung durch Doppelspielberechtigung oder Zweitspielrecht ist ein weiterer wichtiger Baustein optimaler Nachwuchsförderung.
  • Schließlich sollten wir uns eine Selbstbeschränkung beim Einsatz ausländischer Spieler in der Bundesliga auferlegen.

Die damit verbundene Zielsetzung ist deutlich: Im Hinblick auf eine zielgerichtete Leistungsentwicklung ist es für die deutschen Spielsportverbände eine dringende Aufgabe, ihren Bundesligen eine höhere Quantität und vor allem aber Qualität an Nachwuchsspielerinnen und -spielern anzubieten. Über die Leistungsentwicklung dieser Spielerinnen und Spieler innerhalb der Bundesligen erfolgt die weitere Qualifikation mit dem Ziel, die leistungsstärksten zukünftig zu internationalen Wettkämpfen mit ihren Nationalmannschaften entsenden zu können.

Deshalb ist die Verantwortung einer zielgerichteten Leistungsentwicklung vom Nachwuchs- bis hin zum qualifizierten A-Nationalspieler nur gemeinsam von Spitzenverband und Bundesligavereinen zu tragen. Wohlgemerkt: Das alles sind Erkenntnisse aus dem Jahre 1997. Die seinerzeit formulierten Empfehlungen sind also aktueller denn je. Ihre uneingeschränkte Umsetzung ist dringend erforderlich, wenngleich in Teilbereichen bereits erste Erfolge sichtbar werden. Ich denke hier beispielsweise an die Initiative des Deutschen Fußball-Bundes, ihre Bundesligavereine zur Etablierung von Leistungszentren zu verpflichten.

Zum Schluss noch einige Anmerkungen zur Ausländerbegrenzung von Sportlern aus Nicht-EU-Staaten. Der Ausländeranteil hat in Mannschaften des Spielsports zum Teil drastische Formen angenommen. Die Spitzenposition nimmt hierbei Eishockey mit einem Anteil von über 60 Prozent ein. Es folgen Basketball, Fußball und Volleyball mit Werten um die 40 Prozent.

Demzufolge unterstützt der Deutsche Sportbund unter sportfachlichen Gesichtspunkten den Beschluss der Innen- und auch der Sportministerkonferenz, neu in die Bundesrepublik einreisende Berufssportler aus Nicht-EU-Staaten nur noch für einen Einsatz in der 1. Bundesliga bzw. obersten Liga eines Fachverbandes zuzulassen. Die Position des DSB verfolgt dabei ausschließlich die Zielsetzung, dem deutschen Spitzen-Nachwuchs bessere Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem Wettkampfpraxis zur optimalen Entfaltung ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit zu eröffnen. Denn schließlich wollen wir uns weiterhin erfolgreich behaupten. Und da gilt es nicht zuletzt, den Stellenwert und die Position unserer Nationalmannschaften zu stärken."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 39 / 23. September 2014, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. September 2014