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GESCHICHTE/465: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 263 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 33 / 12. August 2014
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

2000/III: "Darstellung des Sports in der Fernsehberichterstattung"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 263) (*)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Die Forderung, dass die Vielfalt des Sports in der Berichterstattung insbesondere des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gewährleistet sein müsse und dass der Grundversorgungsauftrag zu einem umfassenden Programm verpflichte, stand im Mittelpunkt einer Tagung von Deutschem Sportbund (DSB) und Sportministerkonferenz (SMK) der Länder unter dem Thema "Darstellung des Sports in der Fernsehberichterstattung" am 31. März 2000 in Mainz. Beide Institutionen hatten sich bereits in früheren Tagungen mit diesem Problem befasst.

In einer gemeinsamen Vorlage von DSB-Präsident Manfred von Richthofen und dem SMK-Vorsitzenden Minister Steffen Reiche heißt es zu den kritisierten Defiziten:

"In den Medien, insbesondere im Fernsehen spielt die Berichterstattung über Sport eine wichtige Rolle. Dabei ist eine große Diskrepanz zwischen der Alltagsrealität des Sports und seinem veröffentlichten Bild in den Medien festzustellen. Der quantitative Umfang der Darstellung ergibt keine qualitative Vielfalt. Themen des Breiten- und Gesundheitssports, Hintergrundberichte aus Vereinen, Verbänden und Kommunen, das ehrenamtliche Engagement oder sportpolitische Fragestellungen nehmen nur einen verschwindend geringen Raum ein. Dabei wird das veröffentlichte Bild vom Sport - insbesondere im Fernsehen - höchst einseitig von Medaillen und Rekorden, Dopingfällen und hochbezahlten Stars beherrscht, und dies in nur wenigen Sportarten.

Verantwortliche in Sport und Politik muss es mit Sorge erfüllen, dass dieses verzerrte Bild über den Sport zu falschen Einschätzungen im Bewusstsein der Menschen, insbesondere bei wichtigen gesellschaftlichen Multiplikatoren und Entscheidungsträgern führt und dass damit seine politische und gesellschaftliche Akzeptanz geschwächt und die unersetzbaren gesellschaftspolitischen und sozialen Funktionen langfristig gefährdet werden können. Mit diesem - zugegebenermaßen nicht neuen - Problem haben sich die Medienkommission des Deutschen Sportbundes und die Sportministerkonferenz seit längerem intensiv auseinandergesetzt. Schon 1997 hat die Sportministerkonferenz mit einem Expertenhearing für alle Medienbereiche analytische Grundlagen gelegt und einige Hinweise auf zukünftig mögliches Handeln formuliert. Da das Fernsehen bei dem Konzentrationsprozess auf nur wenige Sportarten und nur kleine Bereiche des Sports als Leitmedium zu gelten hat, bei dem Quote und Reichweite inzwischen fast ausschließliche Richtschnur sind, hat der DSB zwei Gutachten in Auftrag gegeben, die die gesellschaftliche Diskussion dieses Problems, die sich immer häufiger nur im Kreise dreht, zukunftsweisend voranzubringen in der Lage sind.

1. Eine Expertise von Prof. Dr. Dieter Dörr (Universität Mainz) zu den Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei der Sportberichterstattung und sein Rekurs auf die verfassungs-rechtliche abgesicherte Verpflichtung zur "Grundversorgung" der öffentlich-rechtlichen Anstalten.

2. Eine fast tagesaktuelle Analyse des Instituts für Medienanalyse Karlsruhe (IFM) über die tatsächlichen Anteile von Sportarten und Sportbereichen in öffentlich-rechtlichen und privaten deutschen Fernsehsendern.

Diese Gutachten lassen einen "Quantensprung" in der laufenden Diskussion erhoffen. Zwar sind sich die Veranstalter darüber im Klaren, dass eine breitere und realitätsangemessenere Darstellung des Sports in den Medien nicht juristisch einklagbar ist, trotzdem könnte diese Veranstaltung und die Gutachten als Initialzündung einer öffentlichen Erörterung dienen, bei der mit Experten und Repräsentanten aller betroffenen und beteiligten Institutionen und Organisationen eine Sport- und medienpolitische Diskussion über eine angemessenere Darstellung des Sports in den Medien in Gang gesetzt werden kann." (...)

Das von Prof. Dr. Dieter Dörr (Universität Mainz) vorgestellte Gutachten zu der Funktion der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bei der Sportberichterstattung hatte - in der Zusammenfassung - folgenden Wortlaut:

1. Die Rolle und die Aufgaben eines plural organisierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind maßgeblich durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts geprägt. Nach dieser Rechtsprechung obliegen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im dualen System besondere Aufgaben, die sich auch auf die Sportberichterstattung auswirken.

2. In dem bestehenden dualen Rundfunksystem hat die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht absondern zugenommen. Da der private Rundfunk im Hinblick auf die Art seiner Finanzierung nur ein Mindestmaß an ausgewogener Vielfalt erfüllen muss, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk unverzichtbarer Garant einer ausgewogenen und vielseitigen Information auch im Bereich des Sports. Die privaten Veranstalter sollen im dualen Rundfunksystem die Informationsvielfalt bereichern und ergänzen.

3. Der Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der dualen Rundfunkordnung lässt sich anhand der vom Bundesverfassungsgericht angeführten Begriffe der "essentiellen" Funktionen, der "Grundversorgung" und des "klassischen Rundfunkauftrags" näher definieren. Zum anderen ergeben sich auch aus den Zusammenhängen zwischen der Aufgabenerfüllung und der Gebührenfinanzierung weitere Konkretisierungen.

4. Die "essentiellen" Funktionen bestimmen den Rahmen des Programmauftrags. Sie beschreiben die Rolle des Rundfunks als Verbindungsglied zwischen Staatsvolk und Staatsorganen und seine kulturellen Funktionen. Die Gewährleistung der essentiellen Funktionen ist nicht auf die sogenannte Grundversorgung begrenzt, sondern erstreckt sich auch auf andere Bereiche.

5. Die Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im dualen Rundfunksystem werden innerhalb des Rahmens einmal mit dem Begriff der Grundversorgung, wenn auch nicht abschließend, umschrieben. Der Grundversorgungsauftrag verpflichtet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein für alle zugängliches, inhaltlich ausgewogenes und möglichst umfassendes Programm anzubieten. Dabei ist die Grundversorgung nicht ein für allemal fixierbar. Vielmehr ist sie flexibel und dynamisch zu verstehen, um mit den Interessen der Rezipienten mithalten, das Informationsbedürfnis zeitgemäß befriedigen und auf neue technische Entwicklungen reagieren zu können.

6. Darüber hinaus muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk den klassischen Rundfunkauftrag erfüllen. Dieser Auftrag verlangt einmal, dass die klassischen Programminhalte, nämlich Kultur, Bildung, Information und Unterhaltung angeboten werden. Jedoch steht beim klassischen Rundfunkauftrag vor allem die Art der Darstellung und Behandlung im Vordergrund. Es kommt also darauf an, dass die Art der Darbietung oder Behandlung der Bereiche Bildung, Information, Unterhaltung und Kultur klassisch, also traditionell im Sinne von bewährt und ausgereift ist. Dabei besteht ein enger Zusammenhang mit der kulturellen Aufgabe des Rundfunks.

7. Die Verknüpfung der Gebührenfinanzierung mit den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks macht deutlich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch und gerade diejenigen Bereiche abzudecken hat, die ansonsten im Fernsehprogramm keine Berücksichtigung finden würden, also nicht "marktgerecht" sind. Dies bedeutet zwar nicht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf Minderheiteninteressen und Außenseiterprogramme begrenzt oder beschränkt wäre. Nichts desto trotz bleibt aber die Verpflichtung bestehen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch Ereignisse in seinem Programm berücksichtigen muss, die sich nicht durch Werbung refinanzieren lassen.

8. Der Sport gehört ganz zweifellos zu dem Bereich, über den der öffentlich-rechtliche Rundfunk umfassend zu berichten hat. Dies folgt einmal aus den essentiellen Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die demokratische Ordnung, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verpflichtet, über die gesamte Bandbreite des gesellschaftlichen Lebens der Bundesrepublik Deutschland zu berichten. Der Sport stellt einen gewichtigen Faktor des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland dar. Zum anderen ist der Sport ein bedeutsamer Faktor des kulturellen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei ist der weite deutsche Kulturbegriff zugrunde zu legen. Nach diesem Rechtsverständnis ist der Sport in vielen Teilbereichen als Teil des kulturellen Lebens anzusehen.

9. Die besondere kulturelle Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seine Aufgabe, gerade auch Minderheiteninteressen zu bedienen, bedeutet nicht, dass er von der Berichterstattung über sportliche Großereignisse ausgeschlossen werden darf. Die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk geforderte umfassende Berichterstattung lässt sich unter Verzicht auf sportliche Großereignisse nicht verwirklichen.

10. Jedoch kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Bereich des Sports auch und vor allem die Aufgabe zu, über die gesamte Bandbreite zu berichten. Er muss gerade solche Interessen bedienen, die wegen der Defizite der privaten Veranstalter ansonsten im Programm keine Berücksichtigung finden würden. Dies wirkt sich einmal auf die Bandbreite der Sportarten aus, die Aufnahme in die Berichterstattung finden müssen. Zum anderen muss sich in der Sportberichterstattung auch die föderale und regionale Vielfalt widerspiegeln. Schließlich sind die gesellschaftlichen Aspekte des Sports angemessen zu berücksichtigen.

11. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat im Rahmen seiner Programmautonomie selbst darüber zu befinden, in welchen Programmen und durch welche Sendeformen er seine Aufgabe zur umfassenden Sportberichterstattung erfüllt. Es liegt allerdings im Hinblick auf die Gebührenfinanzierung in seinem wohlverstandenen Interesse, die gesamte Breite des Sportspektrums abzubilden. Der Gebühr liegt nämlich nicht zuletzt der Gedanke einer Kompensation zugrunde, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk dafür erhält, dass er in seine Berichterstattung auch nicht marktfähige Ereignisse aufnimmt.

12. Den einzelnen Rundfunkteilnehmern stehen keine subjektiven Ansprüche auf Ausstrahlung bestimmter Sportsendungen zu. Ebenso wenig haben die Sportverbände einklagbare Ansprüche darauf, dass von ihnen gewünschte oder gar eigenverantwortlich gestaltete Sportsendungen in das Fernsehprogramm der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender aufgenommen werden.

13. Die Sportverbände haben auch keine individuellen Ansprüche darauf, in den jeweiligen Rundfunkgremien vertreten zu sein. Obwohl der Gesetzgeber nach objektivem Recht verpflichtet ist, alle gesellschaftlich relevanten Gruppen - und damit auch die Sportverbände - in einem angemessenen Verhältnis bei der Gremienzusammensetzung zu berücksichtigen, bestehen insoweit keine mit der Verfassungsbeschwerde durchsetzbaren individuellen Ansprüche. Vielmehr ist der richtige Adressat solcher Forderungen, in den jeweiligen Rundfunkgremien angemessener vertreten zu sein, der Gesetzgeber."


(*) Anmerkung der DOSB-Redaktion:
Seit den 1990-er Jahren sind verschiedene sportpolitische Dokumente wie Sportberichte der Bundesregierung, Veröffentlichungen der Sportministerkonferenz der Länder, des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), des Deutschen Sportbundes oder von anderen Institutionen und auch Personen zunehmend im Internet dokumentiert und einsehbar. Sie wurden im Rahmen der Serie nicht mehr ausführlich zitiert.

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 33 / 12. August 2014, S. 33
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. August 2014