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GESCHICHTE/435: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 237 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 51-52 / 17. Dezember 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1997/V: Richtlinien für internationale Entwicklungszusammenarbeit
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 237)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Die Anfang der 1960er Jahre vom deutschen Sport begonnene sportliche Entwicklungshilfe für Länder der Dritten Welt vor allem im asiatischen und afrikanischen Kontinent hatte aufgrund der Mittelknappheit der Öffentlichen Hände in den 90er Jahren Zuschusskürzungen und dadurch bedingt einen Abbau von Projektmaßnahmen zu verzeichnen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit ließ fast alle Sportmaßnahmen im Rahmen der Prioritätenverschiebung in der Entwicklungshilfe auslaufen, und auch das Auswärtige Amt kürzte die Sportfördermittel im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik ganz erheblich. Unabhängig davon setzten die deutschen Sportorganisationen ihre im Rahmen der "Leitsätze für internationale Aufgaben" vorgegebenen Aktivitäten in der sportlichen Entwicklungshilfe fort und verabschiedete dafür durch die Präsidien des DSB am 5. September und des NOK am 1. Oktober "Gemeinsame Richtlinien des deutschen Sports für die internationale Entwicklungszusammenarbeit".

Aus diesen Gemeinsamen Richtlinien werden nachstehend Auszüge wiedergegeben.

"Präambel

Das gemeinsame Konzept des deutschen Sports für die internationale Entwicklungszusammenarbeit ergänzt die Leitsätze für Internationale Aufgaben. Darin heißt es unter anderem: "Der Deutsche Sportbund (DSB), das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) und ihre Mitgliedsorganisationen bekennen sich zum freien Recht aller Sportler, in gegenseitiger Achtung ungehindert von staatlichen oder zwischenstaatlichen Auflagen, unabhängig von Rassen und Religionen sowie von politischen Auffassungen und gesellschaftlichen Systemen miteinander Sport zu treiben.

Der DSB, das NOK für Deutschland und ihre Mitgliedsorganisationen respektieren in bewährter Gepflogenheit die organisatorischen Strukturen und Bindungen ihrer ausländischen Partner. Sie gehen davon aus, dass dies auch umgekehrt geschieht, und sind grundsätzlich offen für die Beziehungen mit Sportlern aus allen Ländern. (...)

Es gehört zu den satzungsmäßigen Aufgaben des Deutschen Sportbundes, den Sport in überverbandlichen und überfachlichen Angelegenheiten auch auf internationaler Ebene zu vertreten und damit zusammenhängende Fragen zum Wohle seiner Mitgliedsorganisationen zu regeln.

Deren finanzielle, fachliche und organisatorische Zuständigkeiten bleiben hiervon unberührt. Das NOK dient der Verbreitung des olympischen Ideengutes in allen seinen Erscheinungsformen. Es bereitet die Teilnahme des deutschen Sports an Olympischen Spielen vor und führt die Aufgaben durch, die den Nationalen Olympischen Komitees vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gestellt werden. Es pflegt Kontakte mit den NOKs in der ganzen Welt. In allen Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse arbeiten der DSB und das NOK für Deutschland zum Wohle des gesamten Sports zusammen." (...)

Das Hauptziel des deutschen Sports bei den Bemühungen auf diesem Gebiet wird dabei auch weiterhin darin zu sehen sein, den Partnern eine Hilfe zur Selbsthilfe zu gewährleisten, um dem Ideal der Chancengleichheit auf dem Gebiet des Sports näher zu kommen. Es geht dabei vorrangig um die Kooperation bei der Etablierung moderner Sportstrukturen und um eine nachhaltige Modernisierung der bestehenden Sportstrukturen in den Entwicklungsländern, um auf diese Weise einen kleinen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität in den jeweiligen Gesellschaften für die dort lebenden Menschen zu leisten. (...)

Eine besondere Aufmerksamkeit muss dabei vor allem der Breitensport erhalten (...). Nicht weniger bedeutsam wird eine Ausrichtung auf den Kinder- und Jugendsport sein (...). Bei beiden hat die Gleichstellung von Mädchen und Frauen im Sport hohe Priorität. (...)

In diesem Kontext wird deutlich, dass Entwicklungszusammenarbeit im Sport sich heute nicht mehr ausschließlich auf Sportförderprogramme mit Ländern der Dritten Welt bezieht, sondern auch den neuen Beratungsbedarf junger Nationen z.B. aus dem mittel- und osteuropäischen Raum ausdrücklich in die Betrachtung einbeziehen muss. (...)

1. Bisherige Entwicklungszusammenarbeit

Seit Anfang der 60er Jahre engagiert sich der deutsche Sport mit überwiegender Federführung durch das Nationale Olympische Komitee für Deutschland - und im Breitensport durch den Deutschen Sportbund - in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit im Sport. Dabei wurden u.a. weltweit über 800 sogenannter Langzeit- und Kurzzeitmaßnahmen in 24 Sportarten und über 100 verschiedenen Ländern vorrangig in der Dritten Welt durchgeführt. (...)

Die weltweite Wertschätzung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sowie das hohe Ansehen, welches das deutsche Sportsystem als eine freie Sportselbstverwaltung genießt, wird durch die alljährliche Flut von Förderungsanträgen aus Ländern der Dritten Welt und seit 1990 auch aus Osteuropa deutlich. (...)

2. Ziel der künftigen Entwicklungszusammenarbeit

Der deutsche Sport verfolgt mit seinem Programm der internationalen Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, im Einvernehmen mit dem jeweiligen Partnerland und unter Berücksichtigung der dortigen ökonomischen und sozialen Bedingungen anhand von zuvor gemeinsam erarbeiteten und speziell auf dieses Land zugeschnittenen strukturbildenden Maßnahmen moderne und selbständige Sportsysteme in den Partnerländern auf- und auszubauen. Die Unterstützung durch deutsche Sportorganisationen erfolgt nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe". (...)

3. Grundsätze und Maßnahmen

Grundsätzlich sollte von den Prinzipien eines Interessenausgleichs - im Hinblick auf Aufwand und Nutzen für den deutschen Sport selbst und auf Unterstützungsbedarf und Eigenbeitrag auf der Seite des Empfängerlandes - ausgegangen werden. Bei der Auswahl von Partnerländern sollten für die projektorientierte Zusammenarbeit folgende Kriterien herangezogen werden:

  • Schlüsselfunktion für die Region
  • Förderung aus Bundesmitteln oder aus Sponsorenmitteln des Gastlandes, wobei deutsches Sponsoring-Interesse geprüft und ggf. einbezogen werden sollte
  • Mitwirkung des Gastlandes an der Vermittlung in die umgebende Großregion
  • Vorhandensein einer organisatorischen und ökonomischen Struktur
  • Perspektive der erfolgreichen Realisierung in einem überschaubaren Zeitrahmen.

Im dem Bewusstsein, dass es keine einheitliche Förderung geben kann, geht der deutsche Sport von dem Grundsatz aus, jedes Partnerland auf der Grundlage seiner Ausgangssituation vor allem bedarfsorientiert zu fördern. (...) Eine wesentliche Zielgruppe in der Zusammenarbeit sind die Kinder und Jugendlichen. Der Frauensport soll, soweit mit den Gegebenheiten im Partnerland vereinbar, verstärkt gefördert werden.

Unter Berücksichtigung dieser grundsätzlichen Vorgabe soll die Entwicklungszusammenarbeit des deutschen Sports folgende Maßnahmen umfassen:

  • Maßnahmen zur Stabilisierung und Ausweitung des bestehe den Schulsportsystems
  • Maßnahmen zur Entwicklung von Organisationsstrukturen für den Breiten- und Leistungssport
  • Vermittlung einer dauerhaften Realisierung inhaltlich/praktischer Konzeptionen für Breitensportprogramme mit dem langfristigen Ziel einer nationalen Flächendeckung
  • Maßnahmen zum Aufbau eines basisorientierten Wettkampfwesens außerhalb der Schulen und des Militärs
  • Maßnahmen zum Aufbau überdauernder Organisationen für einen kommunalen Erwachsenensport
  • Maßnahmen zum Aufbau einer finanzierbaren Personalstruktur für das außerschulische Sportwesen
  • Maßnahmen zum Aufbau eines instrumentellen Sportbetriebes im Sozialbereich im Sinne der Prävention und Rehabilitation
  • Maßnahmen zum Aufbau eines massenmedialen Sportinformationssystems.

Fachliche Überlegungen lassen auch angesichts abnehmender öffentlicher Mittel eine Konzentration der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf entwicklungspolitisch besonders relevante Regionen, wie etwa das südliche Afrika oder die ehemaligen GUS-Staaten, sinnvoll erscheinen. Überschneidungen mit Programmen anderer Nationen sollen vermieden werden. (...)"

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 51-52 / 17. Dezember 2013, S. 32
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 31. Dezember 2013