Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/428: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 230 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 44 / 29. Oktober 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1996/VII: DSB und NOK im Kampf gegen das Doping
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 230)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Ein wichtiges Thema des DSB-Bundestages am 29./30. November 1996 in Leipzig war auch der gemeinsame Anti-Doping-Kampf von DSB und NOK. DSB-Präsident Manfred von Richthofen war bereits in dem schriftlichen Rechenschaftsbericht des Präsidiums über die abgelaufene Legislaturperiode auf dieses Problem eingegangen.

Beim Bundestag verabschiedete sich der CDU-Sportpolitiker Hans Evers, der langjährige Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages (1972 bis 1980) und der gemeinsamen Anti-Doping-Kommission von DSB und NOK mit einer Bilanz seiner Arbeit.

Auch der Beirat der Aktiven im DSB bekundete in einer Presseerklärung sein Unverständnis und seine ablehnende Haltung zu Aussagen des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, der sich für eine teilweise Freigabe von Dopingmitteln ausgesprochen hatte.

DSB-Präsident von Richthofen:
"Im Jahr 1995 hat die gemeinsame Anti-Doping-Kommission von DSB / NOK durch die Firma PWC GmbH in München insgesamt 3.880 Doping-Kontrollen im In- und Ausland durchführen lassen. Die Dopingkontrolllabors in Köln und Kreischa stellten drei positive Proben in den Sportarten Kanu, Leichtathletik und Ringen fest. 76 Prozent der Kontrollen wurden mit einer Vorankündigungszeit von null bis zu sechs Stunden durchgeführt. Durch entsprechende Beschlüsse der Präsidien von DSB und NOK wurde die Pflicht zur Meldung der Abwesenheit vom Wohnort von mehr als fünf auf mehr als drei Tage verkürzt und den Kontrolleuren die Möglichkeit eingeräumt, bis abends 23.00 Uhr und ab morgens 7.00 Uhr Proben zu nehmen.

Im Olympiajahr lag der Schwerpunkt der Kontrollen vor den Olympischen Spielen, bis Ende Juli wurden rund 2.860 Sportler/innen den Kontrollen unterzogen. In Umsetzung der Beschlüsse der NOK-Vollversammlung vom November 1994 wurden erstmals auch die für Atlanta in Frage kommenden Athleten/innen des Deutschen Fußball-Bundes, des Deutschen Tennis-Bundes und die Profis des Bundes Deutscher Radfahrer den nationalen "Kontrollen außerhalb des Wettkampfes" unterzogen."

Bilanz von Evers:
"Der Sport ist der Bruder der Arbeit. So hat es Ortega y Gasset beim DSB-Bundestag 1994 formuliert. Ein Satz, der des Nachdenkens wert ist. Ebenso wie jener andere, der nicht von Ortega formuliert wurde, aber auch vom Sport und einem Geschwisterpaar handelt. Die Fairness ist die Schwester der Leistung. Die Schwester, nicht die Stiefschwester. Fairness und Leistung stehen im Sport gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander. Diese Gleichrangigkeit gibt es in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich: Nicht in der Wirtschaft, nicht im Berufsleben, nicht in der Kultur, nicht in der Wissenschaft, schon gar nicht in der Politik. Die ethische Kategorie des Fair Play adelt den Sport im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie hebt ihn ab von anderen, wahrscheinlich von allen anderen sozialen Sektoren. Zur Gewährleistung des Fair Play hat sich der Sport eigene Regeln gegeben, die Institution der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter geschaffen, eine eigene Sportgerichtsbarkeit, ein System von Sanktionen. Um der Fairness willen greift der Sport bei Dopingkontrollen in die Privatsphäre und in die Intimsphäre seiner Aktiven ein. Diesen Eingriffen unterwerfen sich jene knapp 4.000 Kaderangehörigen, die sich in der Regel durch nichts anderes "verdächtig" gemacht haben als durch ihre herausragenden Leistungen. Auch das gibt es sonst nicht.

Fairness bedeutet auch, dass die Unfairness des anderen keine Rechtfertigung für eigene Unfairness sein darf: Dieser kategorische Imperativ ist wesentliches Definitionsmerkmal des Fair Play. Deshalb trägt, frei nach Peter Bamm, jede Sportlerin und jeder Sportler die unsichtbare Flagge der Fairness und des Fair Play auf dem Trikot. Deshalb muss der Sport auch bei zunehmender Kommerzialisierung dem Versuch widerstehen, sein Erstgeburtsrecht an Fairness und Fair Play für das Linsengericht immer höherer Preisgelder und Werbeeinnahmen zu gefährden.

Selbstverständlich gibt es vieles, das in der Dopingbekämpfung verbessert werden muss. Wir alle wissen das. Aber es gilt auch, dass sich DSB und NOK im Kampf gegen Doping von keinem anderen nationalen Verband übertreffen lassen.Dies gereicht dem deutschen Sport zur Ehre."

DSB-Beirat der Aktiven:
"Ungläubiges Staunen und Fassungslosigkeit lösten die jüngsten Aussagen von Juan Antonio Samaranch zur Doping-Thematik bei den Mitgliedern des Beirats der Aktiven im DSB aus. Die Auffassung des IOC-Präsidenten, dass nur solche Präparate, die neben einer leistungssteigernden auch eine gesundheitsgefährdende Wirkung aufweisen, als Doping bezeichnet werden könnten, bewertet der Beirat als Affront gegen alle Kräfte, die sich für Fair Play im Sport engagieren.

Mit seinem Vorschlag, die Doping-Liste des IOC radikal zu kürzen, öffnet Samaranch einer zumindest teilweisen Legalisierung von Dopingmitteln Tür und Tor. Der Beirat der Aktiven bezweifelt, dass eine Differenzierung zwischen leistungssteigernden und gesundheitsgefährdenden Präparaten überhaupt möglich ist und fragt sich in diesem Zusammenhang insbesondere, wer die Verantwortung für eine solche Entscheidung tragen soll. Dopingmittel sind in der Regel verschreibungspflichtige Medikamente, deren Vergabe an gesunde Menschen gegen das Arzneimittelgesetz verstößt. Es wäre absurd, wenn Sportfunktionäre auf diesem Wege versuchten, die ärztliche Ethik auszuhebeln.

Vor dem Hintergrund des aktuellen Doping-Skandals bei der Tour de France erscheint es geradezu grotesk, eine Lockerung der Doping-Regularien zu fordern. In Frankreich wurde deutlich aufgezeigt, dass der Sport seine Probleme nicht intern bewältigen kann, sondern Hilfe von außen benötigt. Zukünftig müssen alle Verantwortlichen im Sport ihre strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten konsequenter einsetzen, um den Doping-Missbrauch zu verhindern.

Der Beirat der Aktiven fordert vor allem, die internationale Angleichung der Dopingkontrollsysteme und die Verfeinerung der wissenschaftlichen Analysemethoden weiter zu forcieren. Sollten sich die Auffassungen von IOC-Chef Samaranch durchsetzen, würde der Hochleistungssport weiter an Integrität und Glaubwürdigkeit verlieren. Welche Eltern - fragt der Beirat der Aktiven im DSB - können ihre Kinder noch guten Gewissens zu einem Sport schicken, der Dopingmittel als "Einstiegsdrogen" für den Erfolg fordert."

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 44 / 29. Oktober 2013, S. 31
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 12. November 2013