Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/427: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 229 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 43 / 22. Oktober 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1996/VI: Leipziger DSB-Bundestag: Mädchen und Frauen im Mittelpunkt
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 229)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Als ein "Meilenstein" für die Gleichberechtigung der Frauen im Sport wurde von DSB-Präsident Manfred von Richthofen der Bundestag des DSB am 29./30. November 1996 im Leipziger Renaissance Hotel bezeichnet, bei dem erstmals in der Geschichte des DSB der Frauensport im Mittelpunkt einer ordentlichen Mitgliederversammlung stand. Die Delegierten wurden dem Thema "Mädchen und Frauen im Sport: Mit uns in die Zukunft" vollauf gerecht und fassten mit Satzungsänderungen eine Vielzahl von Beschlüssen für größere Mitwirkungsmöglichkeiten der Frauen in den Führungsebenen des Sports. Im Hauptreferat betonte die Frankfurter Sportdezernentin und DSB-Bundesausschussvorsitzende für Recht, Steuern und Versicherungen, Sylvia Schenk, dass man nicht erwarten könne, "dass Frauenförderpläne, Quoten oder der Zeitgeist unsere Probleme lösen - da müssen wir schon selber ran!" Und vom Bundestag forderte sie Offenheit für Veränderungen und das Aufzeigen von Perspektiven für Mädchen und Frauen im Sport: "Meine Herren - wir reichen Ihnen die Hand. Lassen Sie uns gemeinsam den Sport ins 21. Jahrhundert führen!"

Auszüge aus der Ansprache der Bundesministerien für Familie, Frauen und Jugend, Claudia Nolte, sowie aus dem Hauptreferat von Sylvia Schenk werden nachfolgend wiedergegeben: Frauenministerin Claudia Nolte:

Vorreiterinnen für Gleichberechtigung und Chancengleichheit

"Die weiblichen Mitglieder fordern selbstverständlich und selbstbewusst ihre gleichberechtigte Teilhabe im DSB ein. Ich freue mich auch sehr, dass heute ungefähr ein Drittel der Delegierten Frauen sind. Ich war überrascht, wie früh im DSB die Frauenarbeit institutionalisiert worden war. Wo andere Verbände und Vereine noch gar nicht an diese Mitarbeit dachten, hatten Sie schon erste Strukturen geplant und festgeschrieben. Wie wichtig Ihnen das Thema Frauen und Sport war, zeigt auch der Frauenförderplan, der 1989 für das DSB-Präsidium und seine entsprechenden Gremien verabschiedet worden war. Und auf dem Bundestag 1994 kamen dann konkrete Satzungsänderungen im Sinne einer gezielten Frauenförderung hinzu. (...)

Eine Konsequenz dieses Berichtes war dann 1994 das Bundesgremienbesetzungsgesetz, mit dem die Bundesregierung die rechtliche Grundlage dafür geschaffen hat, dass mehr Frauen in die Gremien gelangen, für die der Bund ein Vorschlags- bzw. Berufungsrecht hat. Jetzt müssen wir nur noch darauf achten, dass es auch umgesetzt wird. Damit Frauen leichter in Führungspositionen mitarbeiten können, sind allerdings auch entsprechende Rahmenbedingungen nötig. Familienunfreundliche Sitzungszeiten, die erst abends beginnen und bis spät in die Nacht dauern, motivieren keine Frauen zur Mitarbeit. Gleiches gilt für die Tagungsorte, die nur schlecht erreichbar sind oder wenn grundsätzlich eine Kinderbetreuung fehlt.

Das gilt für politische Gremien wie für diejenigen im Sport. Also auch für den DSB gilt, auf dem jetzigen Stand nicht stehen zu bleiben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass gerade die Funktionsverteilung zwischen Frauen und Männern in den deutschen Sportvereinen weiter ausbalanciert werden müsste, z.B. soviel Vorsitzendenämter von Frauen besetzt wie derzeit Schriftführerinnen. Damit immer genügend Frauen zur Verfügung stehen, ist natürlich nötig, dass rechtzeitig an den Nachwuchs gedacht wird. Das heißt, das Angebot der Sportverbände sollte so sein, dass Mädchen Interesse haben, mitzumachen."


Die Frauen sind da! Es gibt sie! Hauptreferat von Sylvia Schenk

"Es ist normal im Jahre 1996, wenn der Anteil der weiblichen Delegierten dem Mitgliederanteil entspricht und wenn die Frauen bei der Gestaltung dieses Bundestages gleichberechtigt mitwirken. Hinter diese Normalität sollte der DSB nach Leipzig nicht wieder zurückfallen. Es brauchte diesen Anstoß, um deutlich zu machen: Die Frauen sind da! Es gibt sie! Die weiblichen Delegierten hier in Leipzig sind keine Schmalspurfunktionärinnen, die nur über ihre eigene Benachteiligung jammern wollen. Es sind gestandene Mitarbeiterinnen aus allen Bereichen des Sports, auf die der organisierte Sport stolz sein kann!

Es gibt eine große Zahl qualifizierter Frauen im deutschen Sport. Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland die bestausgebildete Frauengeneration, die es je gab, und diese Generation ist auch überproportional in unseren Vereinen und Verbänden vertreten. Es liegt nicht an der Qualifikation, es liegt an etwas anderem: Frauen haben meist zu wenig Gelegenheiten, sich zu profilieren und Erfahrungen zu sammeln. Zugegeben - vielen Frauen liegt es nicht, gleich als erstes in einem neuen Kreis den Mund aufzumachen. Aber muss eine Frau deshalb weniger qualifiziert sein als ein Mann? Allerdings müssen wir die Chancen der Profilierung vermehren - für Frauen, übrigens auch generell für junge Menschen. Dies verlangt dann auch etwas von den Frauen; Chancen werden nicht nur geboten, sie müssen auch ergriffen werden.

Führen bzw. für Führungspositionen kandidieren bedeutet auch: kämpfen für eigene Vorstellungen - das geht nicht nur im Schmusekurs. Kämpfen - wir kommen ja alle aus dem Sport - heißt siegen wollen und siegen kann nur, wer auch Niederlagen riskiert. Niederlagen hinnimmt und daraus lernt. Ich erwarte von den Frauen im Sport, dass sie auch die unangenehmen, aber lehrreichen Seiten mit in Kauf nehmen. Wir können nicht erwarten, dass Frauenförderpläne, Quoten oder der Zeitgeist unsere Probleme lösen - da müssen wir schon selber ran!

Und das muss man gerade heute manchmal auch den jüngeren Frauen deutlich sagen. Wir müssen eingestehen: wir haben im deutschen Sport ein erhebliches Defizit an Frauen in Führungspositionen. In den letzten 10 bis 15 Jahren hat es insgesamt in der Bundesrepublik eine rasante Entwicklung gegeben. Auch weite Teile der Wirtschaft setzen mittlerweile auf die Frauen. Der Sport ist in der Gefahr, ein erhebliches Image- und Akzeptanzproblem zu bekommen, wenn er weiter hinterherhinkt!

Aber es geht nicht nur um die Außensicht: Wenn der organisierte Sport bei seinen Entscheidungen und Handlungen Frauen nicht angemessen beteiligt, sondern die Erfahrungen, Sichtweisen und Lebenszusammenhänge der Hälfte der Bevölkerung bzw. ein Drittel seiner Mitglieder weitestgehend unberücksichtigt lässt, so schadet es der Entwicklung des Sports. Damit gerät der Sport - der zunehmend in Konkurrenz zu anderen gesellschaftlichen Bereichen steht - ins Hintertreffen und verliert einen Teil seiner Zukunftsfähigkeit. Wohlgemerkt: ich sage nicht, Frauen sind die besseren Menschen oder Frauen können oder wissen mehr als die Männer. Frauen sind anders, sie wissen anderes, stützen ihre Entscheidungen auf andere Erfahrungen und Wertmaßstäbe, setzen andere Prioritäten. Und gerade deshalb ist die Einbeziehung der Frauen nötig. Ein Gremium, in dem ausreichend Frauen vertreten sind, hat eine vollständigere Sicht der Lebenswirklichkeit der Menschen und kann deshalb sachgerechtere Entscheidungen fällen.

Diese Wirkung tritt allerdings nicht ein, wenn nur eine einzelne Frau einem Gremium hinzuaddiert - und damit meist einem hohen Anpassungsdruck ausgesetzt - wird. Darum dürfen wir uns auch nicht damit zufrieden geben, wenn eine einzelne Frau sich individuell durchboxt. Natürlich geht das, das ging schon immer. Aber: das hat nichts substantiell geändert! Es gibt keine "Frauenpolitik pur", die sich nur an Mädchen und Frauen wendet. Wer für das weibliche Geschlecht etwas ändern will, muss auch Änderungen beim männlichen Geschlecht herbeiführen, muss die Gesellschaft bzw. den Sport verändern!

Wir sollten deshalb offen sein für Veränderungen. Dieser Bundestag muss Perspektiven aufzeigen für die Mädchen und Frauen im Sport, aber damit auch für den Sport insgesamt. Alles andere würde zu kurz greifen. Gerade der Sport muss sich in die gesellschaftliche Diskussion - ausgehend von seinen Werten und Zielen - einbringen. Sport steht für Bewegung. Wir können nicht im aktiven Sport jedem neuen Trend hinterher rennen und uns im übrigen auf das Abwehren und Reagieren beschränken. Gerade der Sport darf nicht Beispiel für die Erstarrung unserer Gesellschaft sein. Deshalb brauchen wir Mut zur Bewegung und Mut zu neuen Wegen.

Die Perspektiven für den Sport und für die Frauen lassen sich so auf einen kurzen Nenner bringen: es geht um freiwilliges gesellschaftliches Engagement als Chance; um effektive Strukturen, die die Bedürfnisse und Lebensumstände der heutigen Generation berücksichtigen und um soziales Profil. Das sind Perspektiven des Sports für die Zukunft und es sind Perspektiven zur Gewinnung von mehr Frauen und mehr jungen Menschen zum Engagement im Sport.

Dieser Bundestag muss ein Signal werden für die Bereitschaft des Sports, Veränderungen offensiv anzugehen. Neues und Anderes zuzulassen und - ein Signal dafür, dass es sich lohnt, dabei zu sein.

Schließlich sei mir gestattet, Sie geschlechtsspezifisch anzusprechen. Zuerst die Frauen: Wir Frauen müssen auch immer wieder über unseren Schatten springen, aktiv sein, vorlaut sein und uns auch mal (vor-)drängeln zum Profilieren. Wir sollten uns selber etwas zutrauen und wir sollten anderen Frauen etwas zutrauen.

Und zum Schluss die Männer: Akzeptieren Sie auch vorlaute Frauen, lassen Sie es zu und maßen Sie sich nicht an, bestimmen zu wollen, wie eine "richtige" Frau zu sein hat. Gerade die Vielfalt der Frauen im Sport ist unsere Stärke. Meine Herren - wir reichen Ihnen die Hand. Lassen Sie uns gemeinsam den Sport ins 21. Jahrhundert führen!"

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 43 / 22. Oktober 2013, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 2. November 2013