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GESCHICHTE/416: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 221 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 35 / 27. August 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1995/VI: Statement des DSB-Präsidenten zur Zukunftskonzeption des Sports 1995 in Witten
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 221)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Zu einem Zeitpunkt, an dem die Sicherung der öffentlichen Sportförderung auf allen Ebenen im Mittelpunkt zahlreicher Verhandlungen zwischen führenden Vertretern des Sports und der Politik stand und auch Hauptthema in zahlreichen Beratungspunkten und Beschlüssen bei der Herbsttagung der Sportministerkonferenz der Länder (SMK) in Dresden war, sprach DSB-Präsident Manfred von Richthofen als Gastreferent am 1. Oktober 1995 beim Sportforum der SPD in Witten.

Der Präsident des DSB beschäftigte sich in seinem Referat mit den Gegenwartsproblemen und Zukunftskonzeptionen des Sports und verdeutlichte dazu die Position des Deutschen Sportbundes. In seinem Statement führte er unter anderem aus:

"Der Deutsche Sportbund versteht sich seit seiner Gründung als Anwalt aller sporttreibenden Menschen in diesem Lande. So gesehen müssen Zukunftsüberlegungen auch weit über sein eigenes organisatorisches Umfeld hinausgehen. Er ist geradezu verpflichtet, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen im Blick zu haben; er tut darüber hinaus gut daran, sie mit seinen Mitteln und Möglichkeiten zu beeinflussen. Denn dass der Sport in modernen Industriegesellschaften immer wichtiger wird, dürfte kein halbwegs aufgeklärter Zeitgenosse mehr in Frage stellen. Ich will hier keinen philosophischen Diskurs darüber anzetteln, was die Arbeitswelt den Menschen mittel- und langfristig überhaupt noch bieten kann und welche Faktoren der Freizeitwelt hier Ausgleich schaffen müssen. Halten wir uns also an die bereits bekannten Fakten. Und die signalisieren unmissverständlich, dass der Sport sich in seiner bildungs-, gesundheits- und sozialpolitischen Bedeutung, in seinem Unterhaltungswert und schließlich in seiner internationalen Dimension von der bis zum Überdruss zitierten "schönsten Nebensache" mittlerweile zu einer der Hauptsachen gemausert hat. Das beinhaltet Chancen und Risiken gleichermaßen. Wer für die Sportentwicklung Verantwortung trägt - und der DSB bekennt sich in allen Facetten dazu -, der sollte also die Chancen nutzen und die Risiken ausschalten oder zumindest klein halten.

Vertrauensvolle Partnerschaften können dabei sehr hilfreich sein. Ich nenne die notwendige und unverzichtbare Partnerschaft mit der Politik auf den verschiedenen Ebenen, die dem organisierten und gemeinnützigen Sport durch die Installierung von vernünftigen Rahmenbedingungen die Voraussetzungen bietet.

Aber auch freiwillige Partnerschaften werden immer wichtiger - und hier tut sich so einiges in der Zusammenarbeit mit den großen gesellschaftlichen Institutionen. Ob Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Wohlfahrtsorganisationen, soziale Einrichtungen oder Institutionen des Natur- und Umweltschutzes: sie alle wissen um die Bereitschaft des Sports zu konstruktiver und sinnvoller Kooperation, die letztlich dem menschlichen Wohlergehen dienen soll. Die soziale Offensive des Sports, eine selbstgestellte Aufgabe der letzten Jahre, sollte nicht zuletzt unter diesen Aspekten an Kontur gewinnen. Der Deutsche Sportbund bekennt sich zum Leistungs- und Spitzensport und ist von der Vorbildwirkung dieses Strebens nach Können und sportlicher Vollendung weiterhin überzeugt. Spitzensport, als Beispiel des Menschenmöglichen und der Unterhaltung, regt nach wie vor zum Sporttreiben an - die Jugendlichen insbesondere. Doch es gibt Auswüchse, und die sollen keineswegs verharmlost werden. Berechtigte Kritik zu ignorieren, wäre dumm und verantwortungslos. Glaubwürdigkeit - nicht nur im pädagogischen Sinne nach innen, sondern auch öffentlichkeitswirksam dem Unterhaltungs-Vehikel Spitzensport gegenüber - gewinnen wir auf Dauer nur, wenn wir uns in die erste Reihe der Kritiker stellen.

Auswüchse jeglicher Art gehören angeprangert - und zwar schon aus Gründen der Selbsterhaltung. Spitzensport und Streben nach Höchstleistung ja, aber nur absolut sauber, frei von Doping und Manipulation, auf fairer Grundlage und mit einem Höchstmaß an Chancengleichheit für Athletinnen und Athleten. Sicher, das kann die Erfolgsorientierung relativieren, aber wenn der Sport dabei gewinnt, ist es wohl ein optimales Ergebnis. Ausufernde Programme, eine inflationäre Entwicklung von Wettkämpfen und Ereignissen gehören ebenfalls zu den Fehlsteuerungen, denen man mit Selbstbeschränkung begegnen sollte.

Das rechte Maß wieder zu finden im Spitzensport, dies scheint eine wesentliche Aufgabe zu sein, wenn wir uns über Zukunftskonzeptionen verständigen wollen. Aber dass nationale Lösungen noch längst keine internationalen Auswirkungen garantieren, ist uns allen natürlich klar. Es gilt also verstärkt, grenzüberschreitende Partnerschaften der Vernunft einzugehen. Die Entwicklung des Breiten- und Freizeitsports macht Mut, aber dieser Mut wird nun zunehmend auf harte Proben gestellt. Die Mitglieder-Zuwachsraten von weiterhin rund 500.000 im Jahr, die ungebrochene Gründungs-Euphorie, wenn es um neue Vereine geht, der zwar langsame, doch stetige sportliche Aufschwung in den neuen Bundesländern, wachsende Sensibilität in Umwelt- und Naturschutzfragen: das sind nur einige wesentliche Strömungen, die Zukunftsoptimismus verheißen.

Der organisierte Sport in Verein und Verband ist kein Auslaufmodell, wie gern und schlagzeilenträchtig unter Berufung auf Ermittlungen der Freizeitforschung behauptet wird. Zahlen und Fakten künden schlicht vom Gegenteil. Dass der Zukunft trotzdem nicht sorgenfrei entgegenzusehen ist, hat mit der schleichenden Verschlechterung der Rahmenbedingungen zu tun. Der berüchtigte Rotstift, der die öffentlichen Haushalte mehr denn je traktiert, sticht natürlich auch mitten hinein ins pulsierende Sportleben. Doch wenn das auf so empfindliche Weise geschieht, dass das gemeinnützige Vereins-Angebot zu sozial verträglichen Preisen mittel- und langfristig sogar grundsätzlich in Frage zu stellen ist, dann muss Alarm geschlagen werden.

Die Sportbasis mit Gebührenordnungen von teilweise krassen Ausmaßen zur Kasse zu bitten, das ist die denkbar schlechteste Geldquelle für die öffentliche Hand. Die Gemeinnützigkeit der Arbeit des organisierten Sports muss auch auf Dauer durch kostenfreie Nutzung kommunaler Sportstätten oder sonstiger öffentlicher Anlagen belohnt werden. Denn genau das ist - gemessen an Breite und vor allem Wirkung des sportlichen Angebots und mit Blick auf die Bevölkerungs-Resonanz - sinnvolle Zukunftsinvestition. Wer das auf politischer Ebene bezweifelt, der braucht dringend Nachhilfe-Unterricht.

Der Deutsche Sportbund unternimmt zusammen mit seinen Mitgliedsorganisationen gerade diesbezüglich große Anstrengungen. Die Gemeinschaftskampagne "Sportvereine. Für alle ein Gewinn" soll - kombiniert mit der dringend notwendigen Förderung des Ehrenamts - Bewusstsein schaffen für das, was in den Keimzellen des Sports geleistet wird.

Es muss noch stärker als bisher deutlich werden, dass ein Qualitätsangebot mit Zugang auch zu modernen Trends und Entwicklungen vorhanden ist, wobei man keinen Vergleich zur kommerziellen Konkurrenz zu scheuen braucht. Das Preis-Leistungsverhältnis darf man ganz im Gegenteil als konkurrenzlos verlockend bezeichnen, was Statistiken und Bilanzen bestätigen und was schließlich zu dem bundesweit flächendeckenden sozialen Netz der Superlative geführt hat.

Dieses Netz zu erhalten, zu festigen und auszubauen, erfordert zweifellos die Stärkung der Politikfähigkeit des Sports auf allen Ebenen. Es erfordert aber gleichzeitig permanenten politischen Flankenschutz, der über verbale Bekenntnisse bei passenden Gelegenheiten weit hinausgeht. Im Zweifelsfalle für den Sport - das scheint mir eine gute Faustregel für Investitionsfragen in Verbindung mit Zukunftsperspektiven zu sein."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 35 / 27. August 2013, S. 25
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veröffentlicht im Schattenblick zum 11. September 2013