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GESCHICHTE/415: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 220 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 34 / 20. August 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1995/V: 25 Jahre Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) - Festreden
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 220)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Mit einem Festakt am 9. Oktober 1995 in Köln erinnerte das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) an seine Gründung am 10. Oktober 1970. In seiner Begrüßung erinnerte BISp-Direktor Dr. Martin-Peter Büchel vor den Gästen aus Politik, Wissenschaft und Sport daran, dass das Institut seine Gründung der Einsicht verdanke, dass der Sport ohne wissenschaftliche Hilfe nicht mehr auskommen könne und betonte:

"Ende der 60er Jahre nahm die Nachfrage nach Erkenntnissen aus der Wissenschaft enorm zu. Das sportpolitische Rennen zwischen West und Ost, die mäßig guten Ergebnisse der bundesdeutschen Olympiamannschaft in Mexiko, die bevorstehenden Olympischen Spiele in München - all das zusammen führte zur Gründung des Instituts. Mit seiner Einrichtung signalisierte der Bund im Rahmen seiner Kompetenzen die Bereitschaft zu gezielter Hilfe für den Sport. (...)

Das Bundesinstitut erfüllt eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft und Praxis. Dementsprechend haben wir unsere Kooperationspartner in beiden Bereichen. Diese kommen mit unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Erwartungen und Bedürfnissen zu uns. Dies macht die Erfüllung der Aufgabenstellung und damit dann auch die Bilanzierung des Erfolgs mitunter schwierig, aber gerade deshalb auch reizvoll.

Ich möchte die Scharnierfunktion in Form einer pragmatischen Beratung des Sports noch weiter ausbauen. Eine solche Ausweitung hat selbstverständlich die Autonomie des Sports zu wahren. Gleichzeitig ist sie jedoch auf die Offenheit des Sports gegenüber wissenschaftlichen Diagnosen und Deutungsangeboten angewiesen." (...)

Festredner der Veranstaltung waren der damalige Bundesinnenminister Manfred Kanther und DSB-Präsident Manfred von Richthofen, aus deren Ansprachen nachstehend auszugsweise zitiert wird:

Minister Kanther: "25 Jahre sind für eine wissenschaftliche Einrichtung eine relativ kurze Zeitspanne. Das Institut hat es jedoch verstanden, sich in diesem Zeitraum zu einer festen Größe im Bereich der Sportwissenschaft mit hohem internationalen Ansehen zu entwickeln.

Jubiläen sind Anlass, Dank zu sagen, Dank an die Leitung und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses. Ebenso gilt mein Dank auch den ehrenamtlich tätigen Direktoriums- und Beiratsmitgliedern, die das Bundesinstitut bei der Erfüllung seiner Aufgaben fachmännisch beraten.

Es sollte hier auch der früheren Direktoren Prof. Rieder, Prof. Kirsch und Prof. de Marèes gedacht werden. Sie alle haben das Institut maßgeblich geprägt.

Aufgabe eines mit Bundesmitteln geförderten sportwissenschaftlichen Instituts ist es, die Leistungsbedingungen für den deutschen Spitzensport zu verbessern. Effekte der Wissenschaft werden oft aber nur langfristig, indirekt und mit anderen Einflussfaktoren gekoppelt wirksam. Dies macht Athleten, Trainer und Funktionäre verständlicherweise zuweilen ungeduldig und lässt manchen an der Notwendigkeit der Sportwissenschaft zweifeln.

Ziel der Sportwissenschaft kann es nicht sein, Leistung und Leistungssteigerung um jeden Preis zu erreichen. Vielmehr sieht die Bundesregierung den Beitrag der Wissenschaft insbesondere auch darin, einen humanen Leistungssport zu verwirklichen. Einen Sport also, der gesundheitliche Schäden vermeidet, die Persönlichkeitsentwicklung nicht beeinträchtigt und die soziale und berufliche Situation nicht nachteilig beeinflusst.

Die Bundesregierung bekennt sich zu einem den ethischen Prinzipien verpflichteten Sport. Ich betone dies auch nachdrücklich vor dem Hintergrund der engen Beziehungen zwischen Spitzensport und Breitensport.

Sportwissenschaft, wie sie vom Bundesinstitut gefördert wird, ist in diesem Sinne als dem Sport helfende Wissenschaft gemeint. Hilfe bedeutet auch, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen und ihre Bekämpfung zu unterstützen. Nicht zuletzt kann die Wissenschaft dem Sport helfen, über sich selbst nachzudenken.

Die Entwicklung des Leistungssports, der sich in Grenzbereichen der menschlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit bewegt, stellt das Institut immer wieder vor neue Herausforderungen. Bei aller Verbundenheit zum Sport und einem vitalen Interesse an der Entwicklung des Sports ist das Institut aufgrund seiner Stellung nicht in eine bestimmte Interessenlage eingebunden und kann somit negativen Entwicklungen gegensteuern.

Das Bundesinstitut ist aber insofern unabhängig, als es keine politisch erwünschten Ergebnisse zu produzieren hat. Dieser Freiraum sichert dem Institut die Orientierung am Wahrheitswert der Forschung und soll Kreativität und Innovationsfähigkeit fördern. Allerdings bedeutet dies nicht einen Freibrief für Praxisferne und mangelnde eigene Orientierung.

Das Bundesinstitut steht als Einrichtung der gesamten Bundesregierung auch anderen Ressorts zur Verfügung. Ich begrüße es ausdrücklich, wenn andere Ressorts, soweit sie Vorhaben mit sportwissenschaftlichen Bezügen durchführen, auf die wissenschaftliche Fachkompetenz des Bundesinstituts zurückgreifen. Mit einigen Ressorts besteht bereits eine recht enge Zusammenarbeit, wie z.B. mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beim Seniorensport.

In Zeiten knapper werdender finanzieller Ressourcen ist der sorgsame Umgang mit Steuergeldern um so wichtiger. Ich nenne als Stichwort die Vermeidung der Doppelforschung. (...) Mit der Deutschen Einheit ist der Koordinierungsbedarf in der Sportforschung erheblich gewachsen. Durch die Hochschulinstitute in den neuen Ländern hat sich die Zahl potentieller Antragsteller und Auftragnehmer des Bundesinstituts vergrößert.

Eine erhöhte Abstimmungsnotwendigkeit ist insbesondere durch die beiden nach dem Einigungsvertrag fortgeführten Einrichtungen - dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft und dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten - entstanden. Es bedarf hier neuer struktureller Regelungen, die möglichst bald in Kraft zu setzen sind. Aspekte wie Effektivität und Effizienz müssen besondere Berücksichtigung finden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, gehen Sie die neuen Aufgaben mit Optimismus und Tatkraft an. Ich wünsche Ihnen für die vor Ihnen liegende verantwortungsvolle Tätigkeit alles Gute und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft eine positive Weiterentwicklung zum Nutzen für den Sport."

Präsident von Richthofen: "Der Deutsche Sportbund hat seit seiner Gründung der Wissenschaft nicht nur Aufmerksamkeit geschenkt, sondern sie ganz bewusst und gezielt in sein umfangreiches Aufgabenfeld einbezogen. Er hat ihr sogar von Zeit zu Zeit herausragende Steuerungsfunktionen zugeordnet. Viele Anwesende der heutigen Festversammlung werden das auch aus eigener Erfahrung bestätigen können.

So war es also nach rund zwei Jahrzehnten sportwissenschaftlicher Arbeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten naheliegend, dass der DSB in der Gründungsphase des Bundesinstituts für Sportwissenschaft entscheidend mitwirkte. Es gibt sogar Geburtshelfer, die ihm die Vaterschaft zuordnen. Wie dem auch sei - in der ersten Reihe mitverantwortlich für die überzeugenden Arbeitsergebnisse und gute Entwicklung des Instituts fühlte und fühlt sich der DSB allemal, selbst wenn die finanzielle Alimentierung und hoheitliche Einordnung hier den Vater Staat in der Hauptverantwortung sieht.

Lassen Sie mich im Zusammenhang mit dem DSB-Beitrag das Wirken eines Mannes erwähnen, der das Gedeihen des Bundesinstituts für Sportwissenschaft von Beginn an entscheidend beeinflusst hat und hier auch weiterhin die Weichen stellt: Professor Dr. Ommo Grupe. Sein Einsatz für die Arbeit des BISp gründet nämlich nicht nur auf wissenschaftlichen Interessen und beruflicher Neigung und Verpflichtung, sondern in erheblichem Maße auch auf DSB-Vorstellungen. Und genau diesen Wissenschaftszweig des organisierten Sports hat Ommo Grupe in ganz überragender Weise über Jahrzehnte geprägt und in Präsidiumspositionen und anderen Verantwortungsbereichen hervorragend vertreten. Ein herzliches Wort des Dankes und der Anerkennung scheint mir bei dieser festlichen Gelegenheit angemessen.

Zum 20jährigen BISp-Jubiläum, das mit einem Symposium im Jahre 1990 begangen wurde, standen wir an der Schwelle der deutschen Vereinigung. Und die Erwartungen an die Sportwissenschaft aus diesem nationalen Ereignis von historischer Dimension konnten damals verständlicherweise nur gestreift werden. Inzwischen sind wir ein gutes Stück weiter auf dem Wege, zumindest in unseren Vorstellungen. Und ich nehme das zum Anlass, an diesem Tage der 25-Jahr-Feier nach vorne zu blicken. Ich verbinde also mit der herzlichen Gratulation zum Silberjubiläum und dem aufrichten Dank für bisher geleistete Arbeit in zwar nicht immer ganz störungsfreier, aber letztlich doch sachorientierter Kooperation die Zukunftserwartungen des DSB. (...)

Der Deutsche Sportbund hat vorrangiges Interesse daran, dass sämtliche Forschungsprojekte ein Höchstmaß auch an Praxisorientierung haben. Nicht endloses Stochern im wissenschaftlichen Nebel hilft uns weiter, sondern konkrete wissenschaftliche Begleitung. Ich gehe sogar soweit zu fordern, dass die Forschungsvorhaben und vor allem deren Ergebnisse für verantwortliche Repräsentanten, aber auch für Trainer und Aktive nachvollziehbar sein müssen. Denn der nächste Schritt ist die Umsetzbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse, die schließlich nur so für die leistungssportliche Entwicklung auf den unterschiedlichen Ebenen effektiv und effizient sind. Lassen Sie mich hier den Wunsch nach Verstärkung der Auftragsforschung anfügen, denn die Nachfrage der Spitzenverbände ist immer noch größer als das Angebot. Neben der Forschung aber hat sich das überaus wichtige Feld einer umfassenden Betreuung des Hochleistungssports entwickelt. Hiervon sind vorrangig die Olympiastützpunkte, das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und wenige ausgewählte Hochschulinstitute aus der Gruppe sportwissenschaftlich forschender Einrichtungen zu nennen.

Und damit bin ich beim zweiten und letzten Punkt meiner Wünsche und Erwartungen. Ich nenne den Bereich Koordinierung. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat auch weiterhin eine zentrale Stellung, wenn es um die koordinierenden Funktionen für die sportwissenschaftliche Forschung geht. Das gilt zunächst einmal grundsätzlich. Aber unser vorrangiges Interesse richtet sich hier natürlich auf das künftige Dreiecksverhältnis BISp - IAT - FES. Dass der Sport diese wichtige Koordinierungsaufgabe durch das Bundesinstitut mit großen Hoffnungen verbindet, ist schon länger kein Geheimnis mehr.

Meine Bitte an die Institutsleitung lautet: Gehen Sie zielgerichtet, konstruktiv und nach Möglichkeit unbürokratisch ans Werk. Verwaltung ist nur Mittel zum Zweck - und dieser Zweck heißt effektive und ergebnisorientierte Arbeit unter Vermeidung von Doppel- und Dreifach-Strategie. Die zu bewältigenden Projekte sind zu wichtig, als dass einer Verzettelung freier Lauf gelassen werden sollte. Was die sinnvolle Konzentration der Kräfte angeht, bietet der Deutsche Sportbund auch für die Zukunft vertrauensvolle Zusammenarbeit an. In diesem Sinne gutes Gelingen und Glückauf für die nächsten 25 Jahre."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 34 / 20. August 2013, S. 21
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. August 2013