Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/412: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 217 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 29-31 / 16. Juli 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1995/II: Bundeskanzler Kohl wird Schirmherr der DSB-Vereinskampagne
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 217)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Bereits bei seiner konstituierenden Sitzung beriet das beim DSB-Bundestag in Timmendorfer Strand neugewählte DSB-Präsidiums am 13. Januar 1995 im Frankfurter Haus des deutschen Sports über die Umsetzung der neuen Vereinskampagne des deutschen Sports. Gleiche Lebensbedingungen für die Deutschen in Ost- und Westdeutschland zu schaffen, das sei im sechsten Jahr nach der Vereinigung eine der wichtigsten Aufträge auch für den Sport, betonte Manfred von Richthofen als neugewählter DSB-Präsident.

Im Mai 1995 startete der DSB die neue Vereinskampagne "Sportvereine. Für alle ein Gewinn" mit Auftaktveranstaltungen in Frankfurt, Stuttgart, Koblenz, München und Berlin. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte die Schirmherrschaft für die Kampagne übernommen, würdigte in einem Grußwort die bedeutende Rolle der Vereine in unserer Gesellschaft und wünschte der Kampagne einen guten Start und erfolgreichen Verlauf.

Zur Eröffnung der Kampagne mit einer Serie von Pressekonferenzen in ganz Deutschland machte DSB-Präsident Manfred von Richthofen in Frankfurt/Main Grundsatzaussagen zu Inhalt und Zielvorstellungen der neuen Großaktion des deutschen Sports:

"Mit der Kampagne 'Sportvereine - Für alle ein Gewinn' stellen der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen selbstbewusst ihre Rolle in dieser Gesellschaft und in diesem Staat dar. Wenn Sportvereine für alle ein Gewinn sind, dann kommt dieser Gewinn eben nicht nur den Aktiven in allen Sportarten zugute, sondern auch allen anderen Bürgern, vor allem denen, die wichtige Aufgaben in dieser Gesellschaft haben. Sportvereine sind zum Beispiel auch ein Gewinn für die Eltern, die ihre Kinder hierher schicken. Sportvereine sind auf ihre Weise stille Partner unseres Erziehungssystems, unserer politischen Landschaft, unseres wirtschaftlichen Wohlergehens. Sportvereine sind - meist ohne sich dessen bewusst zu sein - Stabilisatoren des Gesundheitswesens und des sozialen Klimas. Ob Bürgermeister, Ausländerbeauftragte, Ärzte, Sozialarbeiter, Seniorenberater: die Sportvereine sind Partner ihrer Arbeit. Sie tragen auf ihre Weise zur gesellschaftlichen Integration, zur Begrenzung von Krankheiten, zur Minderung der Drogengefahr, zur Überwindung von Einsamkeit bei.

25 Jahre lang hieß die erfolgreiche Losung des Deutschen Sportbundes: "Trimm Dich durch Sport". In diesem Vierteljahrhundert hat sich bekanntlich die sportliche Landschaft mehr verändert als je zuvor in einem vergleichbaren Zeitraum. Die Anzahl der Sportbeteiligten wuchs von 20 auf über 70 Prozent. Deutschland gehört mit diesem Prozentsatz sowie mit der Fülle neuentwickelter Programme inzwischen auch international zu den Modellländern in dieser Welt.

War die Trimm-Aktion aus Sorge um den Verlust der vitalen Kräfte, um die Fitness als Grundlage von Volksgesundheit geboren, so steht in der Nachfolge dieser Aktion jetzt hinter der Vereinskampagne der Wille des Sports, ein System der gesellschaftlichen Selbsthilfe zukunftsfest zu machen. Denn: gäbe es die Sportvereine nicht, so käme es in Deutschland zu einer sozialen, kulturellen und gesundheitspolitischen Krise von nicht überschaubaren Folgen.

Ihr Netz ist einmalig in unserem Land: Wir zählen über 84.000 Sportvereine mit 2,5 Millionen ehrenamtlichen Mitarbeitern. An den Programmen der Sportvereine nimmt nahezu jeder dritte Deutsche teil. Im Jahr organisieren die Vereine über 10 Millionen Sportereignisse. Sie versorgen Bewegungsbedürfnisse mit 380 Millionen Übungsstunden in 240 verschiedenen Sportarten.

Das Netz der Vereine ist dichter als das von Schulen, Bibliotheken, Arztpraxen, Banken, Gaststätten und sogar Tankstellen. Sie setzen 5 Milliarden DM um und wirken durch die sportbezogenen Ausgaben ihrer Mitglieder von 16 Milliarden DM zu einem beachtlichen Teil auf die Wirtschaft unseres Landes ein.

Sportvereine bieten tatsächlich das dichteste Netz gesellschaftlicher Interaktion in unserer Republik. Wenn man von der gesellschaftlichen Lebensqualität in unserem Land spricht, dann darf man die Vereine nicht vergessen. Und dann muss man entsprechend handeln. Denn dieses Netzwerk gesellschaftlicher Selbsthilfe ist nicht selbstverständlich. Es gibt auch keine Garantie, dass dieses System noch einmal hundert Jahre alt wird. Immer mehr Vereine haben Probleme, Ämter und Funktionen zu besetzen. Und wenn den Vereinen ihr ehrenamtliches Personal fehlt, dann ist Gefahr im Verzug. Und das sind keine Einzelfälle.

Wenn Vereine wegfielen, würde weit mehr verloren gehen als abgesagte Spiele und ausfallende Übungsstunden. Dann würde die Freizeiteinsamkeit größer, dann stünde es um die Gesundheit im Lande noch schlechter, dann hätte die Fremdenfeindlichkeit eine Barriere weniger, dann fehlte eine wichtige Front gegen die Drogenverführung, dann würden der Feierabend und die Wochenenden langweiliger in Dorf und Stadt.

Soweit darf es nicht kommen. Zur Zeit werden in jeder Woche rund 8 Millionen Stunden unentgeltlich von Vorstandsmitgliedern, Helfern, Übungsleitern zur Verfügung gestellt. Damit stehen wir einsam an der Spitze solcher Leistungen. Damit kann sich kein anderer Sektor des gesellschaftlichen Lebens - auch nicht Kirchen, Kultur, Wohlfahrt vergleichen. Aber mit dem Wachstum des Sports wächst auch der Bedarf an Mitarbeitern. Und mit dem Wertewandel in der Gesellschaft, mit der Hervorhebung des privaten Nutzens sowie der oft spöttelnden Herabsetzung von Ehrenämtern wird es immer schwieriger, Mitarbeiter zu finden. Mitarbeiter muss der Sport aber immer wieder finden, damit das Vereinssystem die von ihm heute wahrgenommenen Aufgaben auch durchführen kann.

Die Zahl der benötigten Mitarbeiter beträgt heute ein Vielfaches von dem, was in den fünfziger Jahren noch ausreichte. Wir gehen davon aus, dass bei einer durchschnittlich zehn Jahre dauernden ehrenamtlichen Tätigkeit in Sportvereinen ein jährlicher Bedarf von über 200.000 neuen Mitarbeitern anzusetzen ist. Die müssen nicht nur gefunden, die müssen auch interessiert, qualifiziert und anerkannt werden. Das Riesengebilde, das der Sport als größte Personenvereinigung unseres Landes geworden ist, verlangt deshalb nach einem zukunftsfesten Personalentwicklungssystem.

Damit das alles für heute und morgen erhalten werden kann, müssen die Sportvereine in ihrer Rolle für unsere Gesellschaft richtig beleuchtet werden. Wir brauchen ein neues, ein besseres Klima für die Vereine und für die ehrenamtliche Mitarbeit. Wir benötigen mehr öffentliche Anerkennung für das, was die Mitarbeiter für ihre Mitmenschen leisten. Eine Trendwende muss her. Werden ehrenamtliche Dienste zur Zeit noch eher unterschätzt oder gar bespöttelt, so müssen ihre Attraktivität und ihre Vorbildfunktion in den Vordergrund öffentlichen Interesses gerückt werden. Dabei gilt es auch herauszuarbeiten, wieviel Spaß und Befriedigung in ehrenamtlicher Tätigkeit stecken kann.

Es ist nicht nur selbstlose Hingabe an gesellschaftliche Ziele, wenn Frauen und Männer hunderte von Stunden im Jahr in Vorstandssitzungen mitarbeiten oder Übungsgruppen anleiten. In einer ehrenamtlichen Aufgabe liegt auch ein Stück privater Karriere und eine Quelle der Selbsterfahrung und Selbstbestätigung.

  • Das strahlende Lächeln eines Kindes, dem man das Schwimmen beigebracht hat,
  • der Dank der Mannschaft an den Trainer nach dem Spiel,
  • die Würdigung der Senioren für den Übungsleiter, der die Fahrt zum Turnfest organisierte,
  • die Sicherstellung des Vereinshaushaltes durch den Schatzmeister;

das alles bestätigt den Mitarbeiter, er erlebt Zuwendung und menschliche Würdigung. Das zählt mehr als Geld.

Wer aber über 200.000 Mitwirkende im Jahr finden und gewinnen will, muss nicht nur den entsprechenden gesellschaftlichen Klimawandel herbeiführen, sondern auch das bisherige System der Qualifizierung im Sport weiterentwickeln. Dies wird ein Schwerpunkt der Kampagne sein.

Das Thema der Kampagne findet in Politik und Gesellschaft starke Resonanz: Ob beim Bundespräsidenten oder Bundeskanzler, bei Partei- und Fraktionsvorsitzenden, Ministern und Spitzenpersönlichkeiten in Krankenkassen, kommunalen Spitzenverbänden, Gewerkschaften, Kirchen und Arbeitgebern - überall hören wir Verständnis und Zustimmung zu den Zielen und wir erfahren eine besorgte Art von Solidarität.

Immer mehr Führungspersönlichkeiten, die sich Gedanken um die Zukunft unserer Gesellschaft machen, sind sich bewusst, dass ein unersetzlicher Teil der gesellschaftlichen Stabilität unseres Landes von ehrenamtlichen Leistungen abhängt. Es gilt also, in Verbänden und Vereinen die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit, ihre Qualifizierung und Anerkennung zu einer Hauptsache der Sportentwicklung zu machen. Die Sportvereine werden auch im nächsten Jahrhundert die weitaus stärksten Träger des organisierten Sports sein. Wir rechnen nach dem Jahr 2.000 mit einem Bedarf von 100.000 Vereinen, die 30 Millionen Menschen betreuen können.

Nach außen, also vor allem in Gemeinden und Ländern, aber auch bei den freien Trägern des gesellschaftlichen Lebens, müssen die ideellen und wirtschaftlichen Bedingungen der Sportvereine als soziales Netz in unserem Land verbessert werden. Die Sportvereine können durch keine andere Institution ersetzt werden. Allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten schaffen sie Werte von über 10 Milliarden DM. Weit bedeutender noch ist die in ihnen praktizierte Form gesellschaftlicher Selbstorganisation als eine Grundlage gelebter Demokratie. Spätestens im bevorstehenden Jahr 2.000 soll bewusst sein: Sportvereine gehören zu unserem Land und zu unserem Leben wie die Familie, wie die Kindergärten und Schulen, wie die Rathäuser und Theater. Sie sind nicht austauschbar. Sportvereine bieten gesellige Räume für Lebensfreude, Gesundheit, Demokratie und Solidarität. Hier treffen wir Freunde, hier erleben wir Heimat, hier wissen wir unsere Kinder in guter Hand. Deshalb sind Sportvereine für alle ein Gewinn!"

Bundeskanzler Helmut Kohl betonte in seinem Grußwort besonders:

"Die Sportvereine sind die größte Bürgerinitiative in Deutschland - und sie sind es im besten Sinne. Im Jahre 1994 gab es in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 83.000 Sportvereine mit 24,8 Millionen Mitgliedern. Über 2 Millionen Menschen setzten sich aktiv für den Sport ein. (...)

Die gesellschaftliche Bedeutung der Vereine und des mit ihnen eng verbundenen Ehrenamtes kann nicht hoch genug bewertet werden. Deshalb unterstütze ich die neue Vereinskampagne des Deutschen Sportbundes und seiner Mitgliedsverbände "Sportvereine - Für alle ein Gewinn" und habe gern die Schirmherrschaft übernommen. (...)

Unsere Sportvereine müssen weiterhin offen sein für alle für Junge und Alte, für Menschen verschiedener sozialer Herkunft, für Spitzensportler und Breitensportler, für behinderte und nichtbehinderte Menschen, für unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Das traditionelle Vereinsleben darf keinem Freizeit-Dienstleistungsangebot ohne gemeinschaftsbezogene Bindungen weichen. Dies wäre ein schmerzlicher Verlust für unsere Gesellschaft."

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 29-31 / 16. Juli 2013, S. 35
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 3. August 2013