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GESCHICHTE/411: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 216) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 28 / 9. Juli 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1995/I: Achter Sportbericht: Zusammenwachsen von Ost und West
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 216)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Der im Frühjahr 1995 als Broschüre veröffentlichte Achte Sportbericht der Bundesregierung umfasste die Berichterstattung über die Jahre 1990 bis 1993 sowie aktuelle Entwicklungen des Jahres 1994. Er war als erster Sportbericht nach der Erlangung der deutschen Einheit im wesentlichen vom Zusammenwachsen des Sports im geeinten Deutschland geprägt. In seinem Vorwort zu dem Bericht betonte Bundesinnenminister Manfred Kanther, dass es gelungen sei, zwei völlig unterschiedliche Sportsysteme in kurzer Zeit zusammenzuführen.

"Die Bundesregierung hat mit ihrer ideellen und materiellen Förderung des Sports, insbesondere des Spitzensports, die notwendigen Rahmenbedingungen für das Zusammenwachsen geschaffen", so der für Sport zuständige Bundesminister des Innern.

Mit dem nachstehend zitierten Grundsatzbeitrag 'Zusammenwachsen des Sports von Ost und West' wird der 140seitige Achte Sportbericht eingeleitet: "Die Herstellung der Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990 hatte auch für den Sport erhebliche Auswirkungen. Zwei Sportsysteme, die unterschiedlicher nicht sein konnten, waren zusammenzuführen. Der Sport der ehemaligen DDR war der Struktur des freien Sports in der Bundesrepublik Deutschland anzupassen.

Bis zum 9. November 1989, dem Tag der Öffnung der innerdeutschen Grenze, gab es innerdeutsche Sportbeziehungen nur auf der Grundlage des Abschnitts II Ziffer 8 zu Artikel 7 des Zusatzprotokolls zum Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vom 21. Dezember 1972. Darauf fußte ein Protokoll über die Regelung der Sportbeziehungen, das am 8. Mai 1974 zwischen dem Deutschen Sportbund (DSB) und dem Deutschen Turn- und Sportbund der DDR vereinbart worden war. Es sah die gemeinsame Festlegung eines Wettkampfkalenders für das jeweils kommende Jahr vor. Kennzeichnend für die Verhandlungen über den jährlichen Wettkampfkalender war, dass der DTSB der DDR auf Weisung der SED auf Abgrenzung zur Bundesrepublik Deutschland bedacht war und nur wenigen Begegnungen, fast ausschließlich im Spitzensport, zustimmen durfte. Insofern blieben die Sportbeziehungen zur ehemaligen DDR weit hinter denen zu osteuropäischen Staaten zurück. Es fanden z.B. im Jahr 1989 (bis 9. November) lediglich 130 innerdeutsche Begegnungen im Sport statt.

Wie sehr Begegnungen von allen Sportlern in Deutschland gewünscht wurden, zeigte sich sofort nach Öffnung der Grenze. Die Vereine aus beiden Teilen Deutschlands vereinbarten von nun an selbständig Tausende von Begegnungen, die von der Bundesregierung 1990 mit mehr als 12 Mio. DM (aus dem Haushalt des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen) unterstützt wurden. Grundlage für die Zusammenführung des Sports sind die im Einigungsvertrag in Artikel 39 getroffenen Festlegungen:


Sport

(1) Die in dem in Artikel 3 genannten Gebiet in Umwandlung befindlichen Strukturen des Sports werden auf Selbstverwaltung umgestellt. Die öffentlichen Hände fördern den Sport ideell und materiell nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes.

(2) Der Spitzensport und seine Entwicklung in dem in Artikel 3 genannten Gebiet wird, soweit er sich bewährt hat, weiter gefördert. Die Förderung erfolgt im Rahmen der in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Regeln und Grundsätze nach Maßgabe der öffentlichen Haushalte in dem in Artikel 3 genannten Gebiet. In diesem Rahmen werden das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte Dopingkontrollabor in Kreischa (bei Dresden) und die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin (Ost) - in der jeweils angemessenen Rechtsform - als Einrichtungen im vereinten Deutschland in erforderlichem Umfang fortgeführt oder bestehenden Einrichtungen angegliedert.

(3) Für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 1992 unterstützt der Bund den Behindertensport. Die von der grundgesetzlichen Kompetenzverteilung abweichende Festlegung in Absatz 3 war deshalb erforderlich, weil der Behindertensport in der DDR ganz besonders vernachlässigt wurde und ohne Bundesförderung ein Aufbau des Behindertensports nicht möglich erschien. Die Bundesregierung hat mit ihrer ideellen und materiellen Förderung des Sports die Rahmenbedingungen für das Zusammenwachsen des Sports in Deutschland gewährleistet. Durch eine erhebliche Anhebung des Sporthaushaltes des Bundesministeriums des Innern in den Jahren ab 1991 (248 Mio. DM) gegenüber 1990 (110,5 Mio. DM) wurden entscheidende Grundlagen für die Zusammenführung des Sports von Ost und West geschaffen.

Die Bundesmittel wurden vorrangig eingesetzt für

  • den Erhalt und Aufbau von Trainingszentren,
  • die Weiterbeschäftigung von Trainern im Spitzensport,
  • die Schaffung einer sozialen Absicherung der Athleten sowie
  • den Aufbau demokratischer und föderaler Organisations-Strukturen des Sports in den neuen Ländern.

Es konnte ein völlig neues, freies Sportsystem nach den Grundsätzen der Autonomie des Sports, der Subsidiarität und der partnerschaftlichen Zusammenarbeit aufgebaut werden. Die Organisationen des Sports haben den Sport der neuen Länder trotz der schwierigen Ausgangslage, unter Berücksichtigung erhaltenswerter Strukturelemente, erfolgreich integriert.

Die Bundesregierung war auch frühzeitig bemüht, die Sportanlagen in den neuen Ländern - soweit möglich - zu kostengünstigen Bedingungen in Kommunaleigentum zu überführen. Im Rahmen des erweiterten Grundstücksverbilligungskonzepts der Bundesregierung von Oktober 1992 wurde auf Initiative des Bundesministeriums des Innern im Zusammenwirken mit dem Bundesministerium der Finanzen erreicht, dass nahezu alle Sportanlagen im Beitrittsgebiet unentgeltlich oder zu einem symbolischen Kaufpreis in Kommunaleigentum bzw. in das Eigentum vom Sportverbänden übergehen konnten und den Sportverbänden die verbliebenen Sportgeräte in den Einrichtungen kostenlos mit übertragen wurden.

Der Bund hat es zudem ermöglicht, dass die Mittel in kommunalen Investitionsprogrammen für die neuen Länder auch für die Sanierung und den Neubau von Sportstätten eingesetzt werden konnten. Die Länder und Kommunen waren nach der Erlangung der deutschen Einheit wegen anderer vordringlicher Aufgaben zunächst nur unter Schwierigkeiten in der Lage, für den Sport größere Finanzmittel bereitzustellen. Im Jahr 1993 und auch im Jahr 1994 wurden allerdings höhere Sportförderungsmittel in den Haushalten der Länder und Kommunen eingestellt, so dass der zunächst schleppende Aufbau des Breitensport im Beitrittsgebiet zügiger erfolgt.

Der Spitzensport im Beitrittsgebiet konnte gesichert werden. Es ist allgemeine Auffassung, dass die Zusammenführung des Spitzensports aus dem Osten und dem Westen Deutschlands im wesentlichen schneller und besser erfolgt ist als das Zusammenwachsen in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Die Erfolge, die deutsche Sportler in den letzten Jahren bei Olympischen Spielen, Paralympics, Welt- und Europameisterschaften erzielt haben, belegen dies."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 28 / 9. Juli 2013, S. 27
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Juli 2013