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GESCHICHTE/407: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 214 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 26 / 25. Juni 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1994/V: Der Beitrag des Sports für das "Europa der Bürger"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 214)

Eine Serie von Friedrich Mevert



1994 verabschiedete das Präsidium des Deutschen Sportbundes das Strategiepapier "Die Europäische Union und der Sport". Anlass dafür war das beabsichtigte verstärkte Engagement der bisherigen Europäischen Gemeinschaft, die mit der Ratifizierung der Maastrichter Verträge Ende 1993 in die Europäische Union (EU) umgewandelt worden war. Ziel war, den gesellschaftlichen Stellenwert des Sports und seine besondere Integrationskraft als Beitrag zum "Europa der Bürger" einzubringen. Vor diesem Hintergrund ergaben sich für den deutschen Sport drei Schwerpunktaufgaben:

1. Abwendung negativer Auswirkungen von Binnenmarktsregelungen auf den Sport und Eintreten für die Verwirklichung sportfreundlicher Regelungen;

2. Mitwirkung bei der Konzipierung einer EU-Sportpolitik einschließlich der Erarbeitung und Umsetzung eines systematischen EU-Sportförderprogramms;

3. Fortschreibung der EU-Konzeption des DSB: Position des deutschen Sports zur Aufnahme eines eigenen Artikels über Sport in die Maastrichter Verträge ab 1996 (unter Berücksichtigung der daraus folgenden Chancen und Risiken). In seinem Bericht zum DSB-Bundestag am 2./3.12.1994 in Timmendorfer Strand gab DSB-Vizepräsident Dieter Graf Landsberg-Velen einen umfassenden Überblick über den Stand der europäischen Sportpolitik und die wichtigsten sportpolitischen Institutionen auf europäischer Ebene, aus dem auszugsweise zitiert wird:

"1. Europäische Sportpolitik

1.1. Die XI. Europäische Sportkonferenz (ESK) wurde vom 28. September bis 1. Oktober 1993 in Bratislava durchgeführt und stand unter dem Leitthema "Europa im Wandel - Sport im Wandel". Auf dieser Konferenz wurden die neue Rolle und Aufgabenstellung der ESK, die Neugestaltung ihrer Zusammenarbeit mit anderen Sportgremien in Europa - auch zur Vermeidung von Doppelarbeit - weiterdiskutiert und das Mandat zur Definition ihrer künftigen Arbeitsschwerpunkte und eines konkreten Aktionsprogramms formuliert. Die ESK-Arbeitsgruppen haben nunmehr ihre Arbeit aufgenommen. Das Mandat der AG "Jugend im europäischen Sport" wurde verlängert. Sie nahm in neuer Zusammensetzung, unter der Leitung des DSB-Hauptgeschäftsführers Dr. Wulf Preising, ihre Arbeit mit folgender Aufgabenstellung auf: Ergänzung der Analyse Jugendsport auf EU-Ebene und Länder der AG; Kontaktaufnahme und Klärung einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Europäischen Jugendforum; Darstellung der Bedeutung des Sports für die soziale Entwicklung und Bildung der Jugend; Entwicklung eines Informationssystems zum Jugendsport in Europa und Durchführung einer Seminarveranstaltung "Jugendsport in Europa". Turnusmäßig schied der DSB in Bratislava als Vollmitglied des Exekutivkomitees aus, setzt jedoch auf Wunsch der Exekutive seine Mitwirkung an der Definition der künftigen Rolle und Arbeitsschwerpunkte der ESK mit Beraterstatus fort.

1.2. Die European Non-Governmental Sports Organisation (ENGSO) hat sich unter ihrem neuen Vorsitzenden, dem DSB-Generalsekretär, im Rahmen gezielter inhaltlicher Arbeit und Kooperation mit anderen europäischen Sportgremien (z.B. AENOC, VRE, CDDS, EU) in den letzten zwei Jahren noch stärker profiliert. Als Grundlage ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgabenstellung hat sie bei ihrer Frühjahrssitzung 1993 in Berlin eine ENGSO-Charta verabschiedet. ENGSO umfasst heute Sportdachverbände aus 27 Ländern. Im Rahmen des politischen Wandels und der Veränderung der Sportstrukturen in Mittel- und Osteuropa entstehen auch zunehmend regierungsunabhängige Dachverbände in diesen Ländern und können als ENGSO-Mitglieder aufgenommen werden. Als Gremium zur Koordinierung und Abstimmung der Position des freien Sports - auch im Vorfeld der Europäischen Sportkonferenzen oder der Sitzungen des Sportausschusses des Europarats (CDDS) bzw. Europäischer Sportministerkonferenzen (ESMK) - ist ENGSO um konstruktive Beiträge zur europäischen Sportentwicklung bemüht. Die Bearbeitung des Themas "Europäische Union und Sport" erfolgt durch eine eigene Arbeitsgruppe, in der der DSB zeitweise die Federführung hatte.

Weiterhin konzentriert sich ENGSO auf die Ausgestaltung der Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen und staatlichen europäischen bzw. internationalen Sportorganisationen, die Koordinierung der Unterstützung mittel- und osteuropäischer Länder bei der Schaffung demokratischer Sportstrukturen, die Unterstützung der internationalen Zusammenarbeit gegen Doping, die Förderung des Informationsaustausches über Maßnahmen der sportlichen Entwicklungshilfe u.ä. Erstmalig nahmen an der ENGSO-Sitzung am 20. bis 22. September 1994 auch die Präsidenten der Spart-Dachverbände in Europa teil, um auf Spitzenebene die künftige Aufgabenstellung und Rolle von ENGSO im europäischen Sport und die Problematik der Sicherung der Autonomie des freien Sports gegenüber der EU und dem Europarat zu diskutieren. In diesem Zusammenhang wurde angeregt, die Notwendigkeit zu einer künftigen Formalisierung der ENGSO-Struktur unter Berücksichtigung rechtlicher Belange zu prüfen.

1.3. Auch der Europarat entwickelte sich im Zuge der politischen Veränderungen von einer ursprünglich rein westeuropäischen Organisation zu einem gesamteuropäischen Forum. Der Sportausschuss des Europarats (CDDS) trägt der Notwendigkeit zur Unterstützung der neuen Mitglieder (aus Mittel- und Osteuropa sowie Baltische Republiken) Rechnung, indem er für ihre Vertretung eine neue Regionalgruppe mit Repräsentation auch im CDDS-Bureau eingeführt hat und eine Programmreihe (SPRINT) zur Unterstützung der Demokratisierung ihrer Sportstrukturen aufgelegt wurde. Die früher übliche, zwischen einem Regierungsvertreter und einem Vertreter des regierungsunabhängigen Sports jeweils alternierende Vorsitzregelung des CDDS wurde in jüngster Zeit auf Initiative des freien Sports zugunsten der ständigen Mitgliedschaft eines Vertreters des freien Sports mit Sitz und Stimme im Bureau aufgegeben. Auch der CDDS bemüht sich um die Neugestaltung seiner Strukturen der Zusammenarbeit mit anderen europäischen Sportgremien oder -instanzen, v.a. mit der Europäischen Union, mit der ESK und mit ENGSO.

Neben der Arbeit des Clearing House, Projekten im sportwissenschaftlichen Bereich und der Überwachung der Einhaltung der Europaratskonventionen gegen Doping und gegen Zuschauergewalt hat sich der CDDS in den vergangenen vier Jahre insbesondere um die Erarbeitung einer neuen Europäischen Sport-Charta (als Aktualisierung der früheren Sport für Alle-Charta) und eines Ethik-Kodexes im Sport verdient gemacht, die anlässlich der VII. Europäischen Sportministerkonferenz (ESMK) (13. bis 15. Mai 1992 auf Rhodos) verabschiedet wurden. In der Zeit vom 28. bis 29. April 1994 fand eine Informelle Europäische Sportministerkonferenz zur Erörterung der zunehmend aktuellen Problematik "Sport und Geld" in Straßburg statt.

1.4. Das verstärkte Engagement der Europäischen Gemeinschaft - seit der Ratifizierung der Maastrichter Verträge Ende 1993 als Europäische Union bezeichnet - in Sportfragen und die Einführung des europäischen Binnenmarktes (Januar 1993) und seine Auswirkungen auf den Sport haben ebenfalls Anstöße zur Schaffung neuer europäischer Arbeitsstrukturen gegeben. Neben der Bearbeitung der EU-Thematik bei ENGSO und durch die europäischen NOKs besteht seit November 1991 das "Europäische Sportforum" in Brüssel als Koordinierungs- und Beratungsgremium von staatlichen und nichtstaatlichen Sportvertretern der EU-Mitgliedsländer und Vertretern der EU-Kommission, um die EU-Problematik im Spannungsfeld von Integration und Binnenmarkt - wie sie z.B. aus der Coopers & Lybrand-Studie der EU zum Ausdruck kommt - zu erörtern und Lösungsansätze zu diskutieren.

Vor der Wahl zum Europäischen Parlament übermittelte der DSB-Präsident den deutschen Kandidaten für das neue Europäische Parlament, den sportpolitischen Sprechern der Parteien sowie den Europa-Ausschüssen des Deutschen Bundesrats und -tags ein Memorandum "Zur Bedeutung der Europäischen Union für den Sport und zum Beitrag des Sports für das Europa der Bürger". In diesem Papier werden die besonderen Wesensmerkmale und spezifischen Wirkungspotentiale des Sports in Europa aufgeführt. Weiterhin werden die Belange des Sports gegenüber den direkten und indirekten Auswirkungen von EU-Regelungen sowie seine Erwartungen an die Politische Union formuliert.

Der Deutsche Sportbund hat der EU-Thematik durch die Erarbeitung konzeptioneller und strategischer Grundlagen für die Vertretung seiner Anliegen und der übergreifenden Interessen seiner Mitgliedsverbände in den vergangenen Jahren mit zunehmender Intensität Rechnung getragen (DSB-Konzeption, EG-Leitfaden, Memoranden, Strategiepapier u.a.). Im September 1994 führte er ein Grundsatz-Seminar zu Chancen und Risiken der Aufnahme eines Artikels über Sport in die Unionsverträge ab 1996 durch, um zusammen mit seinen Mitgliedsorganisationen ein erstes Meinungsbild zur künftigen Standortbestimmung des deutschen Sports in der EU zu ermitteln. (...)

Zur wirksamen Interessensvertretung des deutschen Sports gegenüber der Europäischen Union und als Lobbyist vor Ort hat der EU-Beauftragte des deutschen Sports im September 1993 seine Arbeit in Brüssel aufgenommen. Die Kontakte zur EU-Kommission und zum Europäischen Parlament wurden auf sportpolitischer Ebene intensiviert. Auf bilateraler und multilateraler Ebene, mit anderen europäischen Partnerorganisationen, i.R. von ENGSO sowie neuerdings auch mit Vertretern der Versammlung der Regionen Europas wurde die Zusammenarbeit in allen EU-Fragen mit Sportrelevanz weiterentwickelt und Möglichkeiten zur Förderung von integrationsfördernden Sportprojekten mit europäischer Dimension untersucht." (...)

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 26 / 25. Juni 2013, S. 21
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veröffentlicht im Schattenblick zum 10. Juli 2013