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GESCHICHTE/396: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 205 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 16 / 16. April 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1993/III: Größere Aufgaben, knappere Förderung für die Sportvereine
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 205)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Im turnusmäßigen "Bericht zur Lage" hat DSB-Präsident Hans Hansen bei der DSB-Hauptausschuss-Sitzung am 15. Mai 1993 die immer prekärer werdende Finanzsituation in Städten und Gemeinden und deren Auswirkung auf den Sport zum zentralen Anliegen gemacht. Hansen sagte unter anderem:

"Die Diskussion um Sparmaßnahmen hat in den letzten Wochen dramatische Formen angenommen. Es geht um den Sport an der Basis und die bedrohlichen Tendenzen in Städten und Gemeinden. Wir werden es nicht unwidersprochen lassen, wenn von Schließung von Bädern über Mittelkürzungen für Vereine bis zur Androhung noch schärferer Einschnitte die über Jahrzehnte bewährte subsidiäre Partnerschaft ins Schlingern gerät. Erst vor wenigen Tagen hat der Hessische Schwimm-Verband auf Hiobsbotschaften von Bäderschließungen mit der Schlagzeile reagiert: "Heute Schwimmbäder, morgen Kindergärten!"

Manfred von Richthofen, Vizepräsident des Deutschen Sportbundes und Präsident des Landessportbundes Berlin, hat anlässlich der Jahresmitgliederversammlung des LSB am 18. Juni 1993 in seiner Grundsatzrede ebenfalls die immer umfangreicher werdenden Aufgabenstellungen der Vereine und Verbände auch vor dem Hintergrund knapper werdender Förderungsmittel der öffentlichen Hand beleuchtet und dabei die wachsende Bedeutung des Ehrenamtes hervorgehoben. In seinen Ausführungen heißt es unter anderem:

"Kürzungen im Bundeshaushalt, in den Länderhaushalten und in den kommunalen Finanztöpfen sind an der Tagesordnung. Alle Bereiche werden zur Kasse gebeten, ein Vorgang, den bei der desolaten Finanzsituation immer noch nicht alle Bürger verstanden haben: Andere sollen sparen, ich selber nicht! Andere sollen Opfer bringen, mein Bereich darf davon nicht betroffen werden! So befinden wir uns in einer für manchen vielleicht nicht erkennbaren, schmerzlichen Diskussion. Umso mehr gilt es, die Position des Sports in der Stadtpolitik, in der Sozialpolitik und in der Jugendpolitik wie auch in der Ausländerpolitik mehr als bisher deutlich zu machen. Die öffentlichen Kassen können soziale und Jugendeinrichtungen nicht erweitern und verbessern, im Gegenteil, es werden auch in diesen Bereichen dramatische Sparmaßnahmen erfolgen müssen. In dieser Situation muss sich die öffentliche Hand fragen lassen, ob nicht öffentliche Mittel in Vereinen und Verbänden besser angewandt sind, wo weitgehend ehrenamtliches Tun bestimmend ist.

Muss nicht in einer Zeit, in der die Vermittlung ideeller Werte, die Vermittlung einer sozialen Erziehung immer schwieriger wird, in der Bindungen in Familien gelockert, in staatlichen Einrichtungen kaum noch vorhanden sind, muss nicht in dieser Zeit der Fluss der öffentlichen Mittel in unsere effizienter arbeitende Organisation erfolgen? Denn in unseren Vereinen werden soziale Bindungen entwickelt und besser aufrecht erhalten als in den zahlreichen Mini-Organisationen, zum Beispiel im Jugendbereich, die zwar an Funktionären zahlreich, aber was ihre Mitgliederzahl betrifft, kaum auf Resonanz stoßen. Es muss gefragt werden, ob man nicht den Jugendlichen in unseren Vereinen einen besseren Halt gibt, sozial integrativ wirkt, ausländerbetreuend in Erscheinung tritt, viel mehr als in unzähligen Maßnahmen, die staatlich verordnet, Mittel verschlingend, sich in der Vergangenheit als Seifenblasen erwiesen haben.

Der Sportverein ist nicht tot, er lebt in vielfältiger Weise, er gleicht soziale Gegensätze aus, er kann Jugendliche binden und bilden, weil er ein gemeinsames Ziel hat, nämlich das sportliche Miteinander und für die meisten Sporttreibenden den Wettkampf und die faire Chance, die oft im beruflichen Bereich und selbst in Parteien schon abhanden gekommen ist. Der Sportverein kann Arbeitslosen eine sinnvolle Aufgabe stellen. Der Sportverein achtet nicht auf Rassen und Religionen. Der Sportverein achtet aber - sonst gäbe er sich selbst auf - auf faires Auftreten, auf Rücksicht vor den Älteren und verlangt von seinen Mitgliedern akzeptierbare Anstandsregeln. Genau diese Kriterien sind manchem in unserer Gesellschaft und im politischen Umfeld schon suspekt. (...) In der Freizeit suchen immer mehr Menschen die Erfüllung zentraler Lebensziele und, ob es uns passt oder nicht, eine neue Generation von Freizeitsportlern betrachtet den Sportverein auch als Dienstleistungsbetrieb. Das zunehmende Interesse an freizeitsportlicher Betätigung oder auch die Teilnahme am Gesundheitssport geht einher mit dem ständig abnehmenden Interesse an einer Beteiligung in Führungsgremien von Vereinen. Wir haben es mit einer Klientel zu tun, die zwar mitmachen, aber keine Aufgaben übernehmen will. Erstaunlicherweise belegt aber die Erfahrung der Praxis, dass Personen, die über Freizeit- oder Gesundheitssportkurse den Verein kennengelernt haben, sich auch sehr schnell mit den Zielen des Vereins identifizieren und später dann doch gerne bereit sind, ehrenamtliche Führungspositionen zu übernehmen.

Wir müssen sicher umfassender und aktueller informieren und Ideen entwickeln, wie das ehrenamtliche Engagement attraktiver werden kann. In der Zukunft werden kommerzielle Sportanbieter, Krankenkassen und Weiterbildungseinrichtungen über den Einsatz modernster Informations- und Kommunikations-Technologien einen optimalen Beratungs- und Buchungsservice anbieten. Der Sportverein muss hier mithalten, sich teilweise arrangieren, aber auch konkurrieren können. Wie kann die Unterstützung der Fachverbände aussehen?

  1. Passen Sie Ihre Satzungs- und Aufnahmebestimmungen den Zielgruppen an. Übernehmen Sie die Zuständigkeit auch für Sportler, die vielleicht niemals am regulären bisherigen Spielbetrieb teilnehmen können oder wollen.
  2. Finden Sie Wege zu differenzierten Beitragsregelungen, ohne die Solidargemeinschaft der Sportler aufzugeben.
  3. Stellen Sie Förderungsmittel Ihres Verbandsetats für sinnvolle Projekte zur Verfügung.
  4. Lassen Sie Änderungen des Regel- und Wettkampfsystems für den Freizeitsport zu.
  5. Bilden Sie Ihre Übungsleiter und Multiplikatoren entsprechend dem Bedarf der neuen Zielgruppen aus.
  6. Unterstützen Sie neue Projekte, auch wenn Sie vielleicht auf den ersten Blick "etwas zu modern" erscheinen.
  7. Organisieren Sie Veranstaltungen für diese Zielgruppen.
  8. Übertragen Sie den Freizeit- und Gesundheitssport einer ebenso kompetenten wie engagierten Persönlichkeit ihres Verbandes."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 16 / 16. April 2013, S. 30
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 24. April 2013