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GESCHICHTE/391: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 200 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 10 / 5. März 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1992/V: DSB beschließt den "Goldenen Plan Ost"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 200

Eine Serie von Friedrich Mevert



"Sport 2000 - soziale Offensive des Sports" hieß das Generalthema des Bundestages des Deutschen Sportbundes am 27./28. November im Berliner Congress Center am Märkischen Ufer. Dabei stand im Mittelpunkt des Parlamentarischen Teils der Mitgliederversammlung die Verabschiedung des "Goldenen Planes Ost". Dabei betonte DSB-Präsident Hans Hansen in der Einführung vor der Verabschiedung des Planes, dass das DSB-Präsidium diesen Plan zwei Jahre nach der vollzogenen Vereinigung im Sport als Konsequenz zu der schwierigen Sportstättensituation in den neuen Bundesländern vorlege, als ein 15-Jahres-Programm, das der Sanierung und dem erforderlichen Neubau von Sportstätten in Mittel- und Ostdeutschland dienen solle. Hansen erinnerte an das Ende der 50er Jahre, als aus gleichen Gründen in den alten Bundesländern der "Goldene Plan" entwickelt wurde, der in einer vergleichbaren Situation den Mangel vor mehr als 30 Jahren im alten Bundesgebiet beseitigen sollte.

Der DSB-Präsident fuhr fort:

"Der 'Goldene Plan' ist damals zu einem Begriff geworden. Er hat Eingang in die Sprache der Japaner gefunden, wurde zum zentralen Diskussionspunkt mit einem chinesischen Kollegen vor wenigen Tagen und hat schließlich dazu geführt, dass durch die Finanzierung des Bundes, der Länder und der Gemeinden eine sportliche Infrastruktur entstand, die vor nunmehr 20 Jahren als vorbildlich galt.Heute brauchen wir einen "Goldenen Plan Ost", weil die Versorgung mit Sportanlagen in den neuen Ländern ernst und für die weitere Entwicklung des Sports als katastrophal angesehen werden muss.

Mit Fleiß, mit Sachverstand, mit engagiertem Einsatz ist dieser "Goldene Plan Ost" in wenigen Monaten entstanden. Ich danke den Sachverständigen, die viel Arbeit investiert haben, und nenne stellvertretend für alle, die am Ende des "Goldenen Plans" aufgeführt worden sind, unsere Vizepräsidentin Erika Dienstl, Professor Frieder Roskam, der uns seit Jahren verbunden ist und sich mit dieser wichtigen Aufgabe in die Pflicht nehmen ließ, und alle Beteiligten der öffentlichen Sportverwaltung, der Kommunen, der Länder und des Bundes und der Landessportbünde, die als Experten dem vorliegenden "Goldenen Plan Ost" die erforderliche Qualität und Seriosität verliehen haben.

Was wir vorlegen, ist dennoch nicht mit heißer Nadel genäht. Das Ergebnis der Arbeit ist eine bedrückende, aber eine ehrliche Bilanz!

Von den vorhandenen Anlagen im Osten Deutschlands entsprechen nur rund 11 % der Sportplätze und Sporthallen, 17,5 % der Hallenbäder und 8,6 % der Freibäder einem Zustand, der sportfachlichen und sicherheitstechnischen Ansprüchen gerecht wird - ohne Sanierungsmaßnahmen, aber unter der Voraussetzung ausreichender Wartungs- und Erhaltungsarbeiten.

Den rund 6 Millionen Quadratmetern brauchbarer Sportplatzfläche stehen mehr als 47 Millionen Quadratmeter gegenüber, die mit deutlichen (21 Mio.) oder mit schwerwiegenden Mängeln (20,5 Mio.) behaftet sind, sowie weitere 5,7 Millionen Quadratmeter, die - weil unbrauchbar - eine vollständige Neuanlage erforderlich machen. Auch nach deren Sanierung ist ein Neubedarf von rund 16 Millionen Quadratmetern erforderlich." (...)

Der vom DSB-Bundestag verabschiedete "Goldene Plan Ost" gliederte sich in drei Teile: Teil I: Memorandum, Teil II: Richtlinien für die Schaffung von Erholungs-, Spiel- und Sportanlagen und Teil III: Anleitung zur Sportstätten-Entwicklungsplanung.

Die vorangestellte Präambel hatte folgenden Wortlaut:

"Wer in unserer Gesellschaft Politik für den Menschen machen will, kann heute am Sport nicht mehr vorübergehen. Ohne Bewegung können Kinder den "aufrechten Gang" nicht erlernen, Erwachsene können ihn ohne aktive Eigenbewegung nicht erhalten.

Im Spiel werden die schöpferischen Kräfte des Kindes geweckt, eröffnet sich für den jugendlichen und erwachsenen Menschen ein Feld der Selbstbestimmung und der Selbstverwirklichung, der individuellen Freiheit. Die Existenz der Menschen ist an seine Körperlichkeit gebunden. Gesundheit und umfassendes Wohlbefinden hängen auch davon ab, wie der moderne Mensch seine Körperlichkeit lebt. Zivilisationskrankheiten - darunter besonders die Bewegungsmangel-Krankheiten - stehen heute an der Spitze der Todesursachen. Von seiner inneren Natur entfremdet, kann der Mensch auch seine äußere Natur nicht schützen.

In einer Gesellschaft, die einem bisher nicht gekannten Individualisierungsschub ausgesetzt ist, kann die Vereinskultur dem einzelnen seine Angewiesenheit auf die Gemeinschaft bewusst machen. In den selbstorganisierten und selbstbestimmten Sportvereinen wird "belastbare Solidarität" nicht nur eingeübt, sondern auch gelebt.

Deswegen kann der Sport heute als Inbegriff der Bewegungs-, Spiel-, Leibes- und Gemeinschaftskultur der modernen Industriegesellschaft verstanden werden. Angesichts dieser Bedeutung ist es nicht überraschend, dass in Landesverfassungen, die neu geschrieben oder beschlossen werden, der Sport als Staatsziel verankert wird. Danach ist der Sport durch den Staat zu fördern, zu pflegen und seine Freiheit - besonders auch gegen kommerziellen Missbrauch durch die Wirtschaft - zu schützen.

Vieles deutet darauf hin, dass der Wert des Sports künftig noch wachsen wird. Schon heute belegen die immer noch ansteigenden Zahlen der Mitgliedschaften in den Sportvereinen diese Feststellung.

Sport - in dem umfassenden Sinne der einleitenden Bemerkungen verstanden - kann daher nicht mehr als reine Fachpolitik vertreten werden, sondern muss als Querschnittsaufgabe in vielen Politikbereichen aufgenommen werden:

  • Sport muss Teil der Bildungspolitik sein, da er Hilfen zur Persönlichkeitsentfaltung, Beiträge zur Sinnorientierung liefern kann. Auch die sportlichen Talente haben das Recht auf allseitige Entfaltung.
  • Sport muss in die Sozialpolitik verstärkt Eingang finden, da seine integrativen Wirkungen in einer sich aufgliedernden und von Fehlentwicklungen bedrohten Gesellschaft unersetzbar sind.
  • Die Ressourcen des Sports zur Prävention und Rehabilitation können in einer fortschrittlichen Gesundheitspolitik weiter erschlossen werden.
  • Sport ist der wichtigste Teil der Freizeitpolitik, da er Spaß, Freude, den "erfüllten Augenblick" zu vermitteln vermag.
  • Sport muss Teil der Stadtentwicklungspolitik werden, da Bewegungs- und Spielräume, Sportgelegenheiten im Wohnumfeld, aber auch offene traditionelle Sportanlagen Elemente zur Ausgestaltung einer menschlichen Stadt liefern können. Die Zielsetzungen der sportgerechten Stadt müssen in das Leitbild der künftigen Stadtentwicklung aufgenommen werden.

Aus den bisherigen Feststellungen folgt auch, dass das sozialpolitische Ziel "Sport für alle" keine utopische Forderung ist, sondern seine Begründungen in antropologischen Gegebenheiten verankert sind. Seine Ausprägung finden dieses Ziel sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport. Daraus leitet sich die staatliche Verpflichtung ab,eine entsprechende Sportstätteninfrastruktur zu schaffen. In den neuen Ländern ist diese Verpflichtung besonders wichtig. 40 Jahre Sport- und Sportstättenbaupolitik der ehemaligen DDR haben Defizite hinterlassen, deren Beseitigung das Ziel von Staat und Gesellschaft sein muss.

Aufgrund des veränderten Sportverständnisses muss die Bedeutung des Begriffs "Sportanlagen" erweitert werden. Dabei sind drei Ebenen zu unterscheiden:

  • die Ebene der Bewegungsaktivitäten im Alltag, des unorganisierten spontanen Spielens, des Sports als Teil der Alltagskultur,
  • die Ebene der organisierten Sportaktivitäten mit dem Schwerpunkt des selbstorganisierten, selbstbestimmten Sporttreibens in den Vereinen, die Ebene der Vereinskultur, und
  • die Ebene des Spitzensports mit hoher Publikumsattraktivität und entsprechender Medienwirksamkeit, der Hochkultur des Sports.

Diesen drei Ebenen der Sportaktivitäten entsprechen in
systematisierender Zuordnung:

  • die Bewegungsräume in Wohnung und Wohnumfeld, auf Wegen und Straßen, auf Stadtplätzen, in Parks und Grünzügen, d.h., die Sportgelegenheiten in den Wohngebieten und Stadtvierteln,
  • die traditionellen Sportstätten des Schul- und Vereinssports, wie sie besonders in der Form von Kernsportstätten der Grundversorgung sowie als spezielle Anlagen für einzelne Sportarten errichtet werden,

- die sportlichen Großanlagen, z. B. Stadien und Großhallen.

Eine umfassende Sportpolitik, die am körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefinden der Menschen aller Altersstufen orientiert ist, muss sich der Entwicklung aller drei Ebenen der Sportstätten annehmen.

Für die Entwicklung des Kernbestandes der Sportstätteninfrastruktur hat sich in der Vergangenheit das Instrument des "Goldenen Plans für Gesundheit, Spiel und Erholung" als grundlegende Hilfe erwiesen. Angesichts der kritischen Situation der Sportentwicklung in den neuen Ländern und der überaus großen Schwierigkeiten bei der Erhaltung und Entwicklung der Sportstätten hat sich der Deutsche Sportbund entschlossen, den hiermit vorgelegten "Goldenen Plan Ost" zu konzipieren.

Unter Beachtung der Sportentwicklung der ehemaligen DDR und gestützt auf die Erfahrungen, die bei der Realisierung des "Goldenen Plans" in den alten Ländern gesammelt werden konnten, enthält er Grundlagen und Orientierungen für den Aufbau und Ausbau der Sportstätteninfrastruktur in den neuen Ländern.

Die Erarbeitung erfolgte durch Fachleute aus den neuen und alten Bundesländern in paritätischer Besetzung unter Mitwirkung aller Ebenen: Bund, Länder, Kommunen aus der Sicht der Öffentlichen Hand, Deutscher Sportbund, Landessportbünde und Landessportverbände aus der Sicht der Sportselbstverwaltung."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 10 / 5. März 2013, S. 31
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. März 2013