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GESCHICHTE/388: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 197) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 6-7 / 5. Februar 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1992/II: Frauen, Sport und Lebensqualität im vereinigten Deutschland
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 197)

Eine Serie von Friedrich Mevert



28 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen 1964 in Japans Hauptstadt Tokio, wo die letzte gesamtdeutsche Mannschaft an den Start gegangen war, hatten an den Olympischen Winterspielen im Februar 1992 im französischen Albertville und an den Sommerspielen im Juli/August im spanischen Barcelona erstmals wieder gemeinsame deutsche Olympiateams teilgenommen und zahlreiche Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gewonnen. Die deutschen Mannschaften, die in der - inoffiziellen - Nationenwertung in Albertville den ersten und in Barcelona den dritten Platz erkämpften, überzeugten dabei auch durch ihr geschlossenes und sympathisches Auftreten. Letzteres betonte auch der deutsche Chef de Mission Ulrich Feldhoff, der an diesem Dienstag 75 Jahre alt wird: Besonders beeindruckend sei gewesen, wie schnell sich die Sportlerinnen und Sportler zu einer Mannschaft zusammengefunden und dies auch nach außen eindrucksvoll dokumentiert hätten. Das von vielen prognostizierte Ost-West-Denken habe nicht stattgefunden. Die Mannschaften hätten sich überzeugend als Einheit präsentiert.

Im Vorfeld der Barcelonaer Spiele führte Spanien im Juli 1992 in Malaga einen Olympischen Wissenschaftlichen Kongress zum Thema "Sport und Lebensqualität" durch. Für den Deutschen Sportbund nahm daran auch die Vorsitzende des Bundesausschusses für Frauen im Sport, Inge Berndt, teil. Die Sportwissenschaftlerin, die auch dem Frauen-Ausschuss der Europäischen Sportkonferenz (ESK) angehörte, referierte zum Thema "Frauen, Sport und Lebensqualität im vereinigten Deutschland".

Nachfolgend Auszüge aus Inge Berndts Vortrag aus den den Sport betreffenden Teilen:

"Die Mauer zwischen beiden Teilen Deutschlands ist verschwunden, es gibt nach fast drei Jahren nur noch wenige Spuren von ihr. Die Freude über das Verschwinden der Mauer, des Symbols des Kalten Krieges, war ungeteilt.

Danach begann der Alltag: Stück für Stück wurde bisher nicht Sichtbares sichtbar; die auf das sowjetische System bezogenen Strukturen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Sport, die katastrophale wirtschaftliche Situation im Osten. Daraus resultierend und erst allmählich ins Bewusstsein dringend: die spezifische, auf die politische Situation zugeschnittene Weise, privates und öffentliches Leben zu leben, Orientierungen zu suchen und Maßstäbe zu setzen. Lebenssinn zu finden und sich zu arrangieren.

Was ist zu tun, damit zusammenwächst, was zusammengehört? Was ist im Sport zu tun? Können wir neue Lebensqualitäten für Frauen im Sport entwickeln? An ausgewählten Beispielen wollen wir einen Blick auf unterschiedliche Ausgangslagen werfen, bevor wir uns mit Fragen nach Konsequenzen beschäftigen.

In der ehemaligen DDR lag der Anteil der berufstätigen Frauen bei etwa 90 %, in der alten Bundesrepublik bei unter 50 %. Die hohe Quote berufstätiger Frauen war politisch gewollt und staatlich gelenkt. Die Gründe dafür waren

  • Massenflucht; 2,7 Mio. Menschen hatten das Land bis zum Mauerbau 1961 verlassen;
  • Facharbeitermangel;
  • langsame technologische Entwicklung.

Die Maßnahmen staatlicher Berufslenkung konzentrierten sich zunächst auf Qualifizierung von Frauen vor allem für technische Berufe. Angesichts sinkender Geburtsraten sowie familiärer Probleme (die DDR hatte die höchste Scheidungsrate der Welt) sollten neue Maßnahmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. In diese Kategorie gehörten Angebote wie

  • Geburtenhilfe, Kindergeld, Familienkredite;
  • einjährige Arbeitsbefreiung für Mütter;
  • Platzgarantie in Kindereinrichtungen;
  • Regelungen zur Betreuung kranker Kinder;
  • Dienstleistungshäuser und Betriebsverkaufsstellen.

Vor allem die materiellen Anreize führten zu einem starken Anstieg der Geburtenrate. In den 80er Jahren waren 91 % aller Frauen Mütter von einem oder mehreren Kindern.Etwa 30 % aller berufstätigen Frauen nahmen die gegebenen Möglichkeiten der Arbeitsreduzierung in Anspruch; etwa 30% der Frauen waren in leitenden Funktionen tätig." (...)

"Wesentliches Merkmal der DDR-Sportorganisation war - analog zum Staatsaufbau - die zentrale hierarchische Struktur. Sie ermöglichte eine direkte Zuordnung zur politischen Lenkung mit Weisungs- und Kontrollbefugnissen von oben nach unten. Das Präsidium des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) war der Zentralen Revisionskommission unterstellt. Organisatorische Einheiten an der Basis wurden über Sportgemeinschaften der Betriebe (BSG), der Schulen (SSG) sowie größerer Bereiche (z.B. Bahn und Post) gebildet. Einen Sonderstatus hatten die Sportvereinigungen "Dynamo" (Polizei und Staatssicherheit) und "Vorwärts" (Armee).

Für den Aufbau des Sports war die Grundregel der SED ausschlaggebend, die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens zu beweisen. Bereits 1958 wurde mit dem Siebenjahresplan für die Wirtschaft ein entsprechender Plan für den Sport verbunden.

Sportliche Erfolge sollten zur Identifikation mit dem System beitragen. Die DDR nahm den Sport 1968 in die Verfassung auf. Die Konsequenzen sind an der finanziellen Förderung ablesbar. Schon im Jahre 1970 wurden für den Spitzensport 15,2 Mio. Mark bereitgestellt, das war pro Kopf der Bevölkerung etwa fünfmal so viel wie im westlichen Deutschland (vgl. Arnd Krüger: Sport und Politik, Hannover 1975)

Die enge Verflechtung von schulischem und außerschulischem Sport ermöglichte - zusammen mit der Ausbildung qualifizierter Trainer an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig - eine umfassende Talentsuche und Talentförderung. Im Vergleich zu anderen Ländern - auch zum anderen Teil Deutschlands - profitierten vor allem talentierte Mädchen und Frauen von diesem System.

"Wir haben im internationalen Vergleich kein Frauenproblem, sondern eher ein Männerproblem" antwortete im Januar 1990 eine Dozentin der DHfK auf eine entsprechende Frage. Eine erste Erklärung liegt nahe: Die internationale Konkurrenz bei den Männern ist stärker. Sportsysteme sind fast überall männlich dominiert. Eine systematische Auswahl und Förderung von Mädchen und Frauen ist eher die Ausnahme, deswegen sind die Erfolgsaussichten entsprechend hoch. Eine zweite Erklärung muss hinzugefügt werden: Spielräume zu unerlaubter Leistungsmanipulation sind bei Frauen größer als bei Männern. Diese Spielräume sind in der ehemaligen DDR systematisch erforscht und genutzt worden. Nicht alle Beteiligten hatten den Mut, die Kraft, das Wissen und die Überzeugung, sich gegen diese Praktiken zu wehren. (...)

Für die Wiedervereinigung im Sport ist, neben der Abkehr vom zentral gelenkten Staatssport, die ehrenamtliche, freiwillige, nicht bezahlte Arbeit im organisierten Sport eins der schwierigen Probleme der Wiedervereinigung im Sport. Ohne die Arbeit ehrenamtlich oder nebenamtlich arbeitender Menschen ist der Sport in der Bundesrepublik nicht zu finanzieren. (...)

"Für Frauenförderpläne gibt es bei uns wenig Verständnis. Die meisten denken, das brauchen wir nicht", wurde im Frühjahr 1991 von einer Frauenvertreterin im Sport in den neuen Ländern gesagt. Inzwischen hat sich das Bild und die Bewertung der Situation in den neuen Ländern deutlich geändert. In den Vereinen tauchen Frauen nur zögernd auf. Der Organisationsgrad (Anteil der im Verein Organisierten) in den neuen Ländern liegt bei insgesamt 7,5 % und nur ein Drittel der Mitglieder ist weiblich.

In der Führung des Sports etablierten sich schnell überwiegend männliche Funktionäre. So wurde die Notwendigkeit gezielter Maßnahmen für Frauen schnell deutlich, denn die Abwesenheit von Frauen in den Führungsgremien hat ungünstige Folgen sowohl für die Sportorganisation als auch für die Frauen selbst:

  • Weibliche Denkweise, das Argumentieren, Handeln und Entscheiden aus der Sicht von Frauen, aus ihrem Lebenszusammenhang, der andere Aufgaben und Anforderungen hat als der von Männern, bleibt ausgespart.
  • Vorbilder, die Modellwirkung haben können, fehlen weitgehend. Damit fehlt ein wichtiger Ansatz zur Motivierung.
  • Frauen realisieren ihre formal gegebene Gleichstellung nicht. Sie werden entsprechend wahrgenommen, sowohl von Männern als auch von Frauen; das Bild in den Köpfen bleibt unverändert.
  • Frauen werden zu Abnehmerinnen dessen, was andere für sie denken und planen. Das macht auf Dauer unselbständig und unmündig.

In den neuen Landessportbünden wurden trotz vieler Widerstände Frauenvertreterinnen berufen. Skeptische Stimmen betonen sicher zu Recht, dass dies nur der Einstieg zu einer umfassenden Mitarbeit von Frauen in den Gremien des Sports sein kann. Wie der Erfahrungsaustausch mit den Frauenvertretinnen der neuen Länder zeigt, setzen Frauen ganz bestimmte Erwartungen in den Sport: Neue Angebote im Breitensport werden nachgefragt wie z.B. Yoga, Tanz, aktive Entspannung, Körpererfahrung und Selbstverteidigung, Gesundheitssport mit vielfältigen Ansatzpunkten. Über die Vereine können neue Zielgruppen angesprochen werden: Familien und Alleinerziehende, Seniorinnen und Senioren, Rekonvaleszenten aller Altersgruppen.

Noch aber sind in den neuen Ländern moderne Formen des Sports nicht entwickelt. Nur vergleichsweise wenige Menschen sind im Verein organisiert. Die Sportstätten sind zum großen Teil sanierungsbedürftig; neue, moderne Anlagen fehlen nahezu völlig. In vielen Fällen sind Eigentumsverhältnisse noch nicht geklärt. Die Landessportbünde haben eine schmale wirtschaftliche Basis, die zuständigen Länder stehen vor immensen Anforderungen zum Aufbau allgemein. Eine bundesweite Anschub-Finanzierung, vom DSB vorgeschlagen als Programm "Aufschwung Ost", wäre eine sinnvolle und politisch kluge Hilfe. (...)"

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 6-7 / 5. Februar 2013, S. 31
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veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Februar 2013