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GESCHICHTE/386: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 195) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 4 / 22. Januar 2013
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1991/V: Kein Sieg um jeden Preis
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 195)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Ein Jahr nach der Vereinigung der beiden deutschen Sportorganisationen trug der damalige DSB-Vizepräsident Manfred von Richthofen bei der Hauptausschuss-Sitzung des Deutschen Sportbundes am 14. Dezember 1991 in Frankfurt am Main den Abschlussbericht der "ad-hoc-Kommission zur Beratung in Doping-Fragen" vor und schilderte zunächst den Auftrag der Kommission. Das Präsidium des DSB habe in seiner Sitzung am 25.1.1991 die Einrichtung von 1. einer Ständigen Kommission zur Überwachung der Doping-Kontrollen außerhalb des Wettkampfes unter dem Vorsitz von Dr. Hans Evers und 2. einer ad-hoc-Kommission zur Beratung aktueller Doping-Fragen unter seinem Vorsitz beschlossen. Die "ad-hoc-Kommission" habe ihr Aufgabengebiet in Verbindung mit den anderen "Doping-Kommissionen" des Sports in ihrer ersten Sitzung am 7.2.1991 wie folgt abgegrenzt:

Die ad-hoc-Kommission zur Beratung in aktuellen Doping-Fragen soll die vorliegenden aktuellen Einzelfälle - u.a. durch Befragung betroffener Athleten, Trainer, Ärzte und Funktionäre - analysieren und die betreffenden Spitzenverbände auf dieser Grundlage beraten. Die Ständige Kommission zur Überwachung der Doping-Kontrollen außerhalb des Wettkampfes soll die Doping-Kontrollen durchführen.

Die Unabhängige Doping-Kommission unter Vorsitz des Präsidenten des Bundessozialgerichts Prof. Dr. Heinrich Reiter soll auf der Grundlage der bisherigen DSB-Erklärungen die gegenwärtige Doping-Situation analysieren und daraus allgemeine praktische Leitlinien für künftige Behandlungen des Doping-Problems entwickeln.


Manfred von Richthofen führte im Rückblick wie folgt aus:

"Der DSB hat zwar seit 1970 - mit den Neufassungen und Verschärfungen 1977 und 1988 - Rahmen-Richtlinien zur Bekämpfung des Dopings beschlossen. Weitere Initiativen, insbesondere zur Einführung von Trainingskontrollen waren jedoch - von Ausnahmen abgesehen - nicht erkennbar. Als Ausnahmen sind Versuche von Trainingskontrollen des Deutschen Schwimm-Verbandes seit 1983 sowie Trainingskontrollen internationaler Verbände bekanntgeworden. Erst im Oktober 1989 startete der DSB ein Pilotprojekt zur Einführung von Trainingskontrollen im Hinblick auf Anabolika in vier Sportarten. Das System wurde 1990/1991 auf alle olympischen Sportarten ausgedehnt und führte zu dem Vorschlag des zentralen Doping-Kontroll-Systems ab 1. 1.1992. Seitens des Bundesministers des Innern wird das Dopingkontrolllabor beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft unterhalten und es werden Forschungsmittel zur analytischen Feststellung aller bekannten Doping-Präparate eingesetzt."


Manfred von Richthofen trug Empfehlungen in folgenden elf Punkten vor:

"1. Die Kommission empfiehlt Verbänden und Vereinen des Deutschen Sportbundes, dass solche Personen, die in der früheren DDR als Verbandscheftrainer, Verbandsärzte, Generalsekretäre oder andere Funktionsträger im Bereich Spitzensport tätig waren, nicht mehr für irgendwelche Tätigkeiten im Sport eingestellt oder gewählt werden, wenn sie nicht den Nachweis fehlender Beteiligung am Dopingsystem erbringen können. Sie sollten aus der Organisation des Sports in Deutschland grundsätzlich ausscheiden.

2. Die Kommission empfiehlt darüber hinaus den Verbänden und Vereinen, bei der Wahl von ehrenamtlichen Funktionsträgern für ihre Gremien solche Personen, die in Zusammenhang mit der Anwendung von verbotenen Dopingpraktiken in Vergangenheit und Gegenwart zu bringen sind, erst nach intensiver Beratung mit dem Ziel eines Bekenntnisses zu einem dopingfreien Sport in der Zukunft zu wählen.

3. Die Kommission empfiehlt Verbänden und Vereinen des DSB, solche Personen, die im Bereich der ehemaligen DDR als Trainer oder Ärzte vor Ort mit den Athleten zusammengearbeitet haben, dahingehend zu überprüfen, ob sie künftig die Gewähr dafür bieten, dass sie für einen von Doping-Mitteln freien Sport eintreten und dementsprechend arbeiten werden. Am Schluss des Überprüfungsverfahrens sollte eine selbstverpflichtende schriftliche Erklärung von den Betroffenen abgegeben werden und entsprechende Verpflichtungen in vertragliche Vereinbarungen aufgenommen werden, deren Nichteinhaltung ein Recht zur fristlosen Kündigung gewährt.

4. Die Kommission empfiehlt allen derzeitigen Funktionsträgern des Sports, die für den Einsatz von Doping-Mitteln in der Vergangenheit in Ost und West Verantwortung tragen, sich aus dem Sport zurückzuziehen und ihre Ämter und Funktionen zur Verfügung zu stellen. Unter diese Empfehlung fallen auch solche Funktionäre, die über den Einsatz von Doping-Mitteln informiert waren und bewusst nichts dagegen unternommen haben.

5. Die Kommission schließt sich der Empfehlung der Unabhängigen Doping-Kommission (Reiter-Kommission) an, im Interesse der Erkenntnisgewinnung über vergangene Verantwortlichkeiten und einer offenen und ehrlichen Vergangenheitsbewältigung für die Sportler eine "Generalamnestie" im Hinblick auf Verstöße vor dem 1.1.1991 zu beschließen. Sie empfiehlt den Verbänden, auch in den internationalen Gremien auf eine solche "Generalamnestie" hinzuwirken.

6. Die Kommission empfiehlt Bundesregierung und Landesregierungen, bei der Anstellung von Sportwissenschaftlern, die in der Erforschung und Anwendung von Doping-Mitteln beteiligt gewesen sind, die gleichen strengen Maßstäbe für zukünftige Beschäftigungen anzulegen, wie sie die Kommission den Verbänden und Vereinen empfiehlt. Es sollte sichergestellt werden, dass belastete Personen an Universitäten, Hochschulen oder Sportwissenschaftlichen Instituten nicht mehr beschäftigt werden.

7. Die Kommission empfiehlt dem DSB und den Spitzenverbänden die Schaffung eines für alle olympischen Sportarten und weitere nichtolympische Sportarten gleichermaßen geltenden Systems von juristisch unanfechtbaren Doping-Kontrollen auf der Grundlage der "Rahmenrichtlinien zur Bekämpfung des Dopings" des DSB. Der Umfang der Kontrollen sowie deren Durchführung in Wettkampf und/oder Training ist den spezifischen Gegebenheiten der Sportarten/-disziplinen anzupassen. Dabei sind die Erkenntnisse aus der Doping-Praxis des ehemaligen DDR-Sports auszuwerten und einzubeziehen.

8. Die Kommission begrüßt das von der Doping-Kontroll-Kommission zur 1.1.1992 entwickelte Doping-Kontroll-System des DSB und empfiehlt allen olympischen Verbänden, diesem System sofort beizutreten. Sie empfiehlt in diesem Zusammenhang die Einheitlichkeit des Verfahrens für alle Verbände, eine hohe Zahl von Kontrollen, insbesondere unangemeldet im Training, Selbstverpflichtungs-Erklärungen der Athleten, ggf. die Einführung eines Anti-Doping-Passes für Kaderathleten sowie die Überprüfung der Wettkampfkontrollen der Verbände durch den DSB.

9. Die Kommission begrüßt die auf Wunsch der Verbände vom Präsidium eingesetzte Arbeitsgruppe sachverständiger Juristen und erwartet von dieser Empfehlungen zur Schaffung eines einheitlichen Sanktionssystems gegen Athleten und Betreuer, insbesondere Funktionäre, Trainer und Ärzte für alle Verbände, das auch weiterhin den Nachprüfungen staatlicher Gerichte standhalten muss.

10. Die Kommission empfiehlt dem DSB, eine "Antidoping-Kommission" zu installieren und diese mit folgenden Schwerpunkten zu beauftragen:

- Erstellung und Verbreitung von Aufklärungs- und Erziehungsmaterial zur Problematik von Sport und Doping;

- Durchführung des einheitlichen Doping-Kontroll-Systems des DSB;

- Fortsetzung der Beratung der Verbände und Vereine im Zusammenhang mit der Vergangenheitsbewältigung in Ost und West;

- Unterstützung der Verbände bei der dringend notwendigen internationalen Durchsetzung des Anti-Doping-Programms des deutschen Sports durch Beratung und ggf. Abschluss von Vereinbarungen mit internationalen Sport-Dachorganisationen.

11. Die Kommission empfiehlt der Fair-Play-Initiative des deutschen Sports, in den nächsten Jahren einen besonderen Schwerpunkt auf die Durchsetzung des Anti-Doping-Programms des deutschen Sports zu legen."


In seinen "Schlussbemerkungen" betonte Manfred von Richthofen:

"Die Kommission bietet den Abgeordneten des Sportausschusses des Deutschen Bundestages an, sich vertraulich über die Erkenntnisse der Kommission im Detail zu informieren, sich Einblick in die Unterlagen zu verschaffen und konkrete Einzelfälle zu erörtern. Wir gehen davon aus, dass die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses nicht weitergehende Erkenntnisse und Aufklärung bewirken kann. Die Kommission geht davon aus, dass der DSB das der Kommission vorliegende wissenschaftliche Material dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft übergibt. Die Kommission sieht zwischen der Entwicklung des Hochleistungssports und insbesondere dem von der DDR im Sport gesuchten "Wettkampf der Systeme" und den menschenverachtenden Doping-Praktiken im Sport manche Verbindungen.

Sie geht davon aus, dass diese Zusammenhänge Gegenstand einer Diskussion um die Spitzensportentwicklung sein müssen. (...)"

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 4 / 22. Januar 2013, S. 31
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. Februar 2013