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GESCHICHTE/383: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 192 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 50 / 11. Dezember 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1991/II: Realistische Bestandsaufnahme des DSB-Präsidenten Hansen
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 192)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Sechs Monate nach der deutschen Wiedervereinigung auch im Sport zog DSB-Präsident Hans Hansen bei der Sitzung des DSB-Hauptausschusses am 15. Juni 1991 im Bonner Maritim-Hotel mit einer realistischen Bestandsaufnahme eine erste Zwischenbilanz über das bisher Erreichte, aber auch die Schwierigkeiten des sportlichen Vereinigungsprozesses und betonte dabei: "Dass das Zusammenwachsen schwieriger werden würde als der formelle Zusammenschluss, wussten wir. Das dramatische West-Ost-Gefälle, das die Existenz der Menschen unmittelbar betrifft und ihre soziale Lage zur Zeit düster erscheinen lässt, ist im sportlichen Bereich glücklicherweise nicht so drastisch spürbar." (...)

Vizepräsident Manfred von Richthofen nahm ergänzend im Detail zu den aufgetretenen Problemen Stellung und berichtete ebenso über die sportliche Situation in den neuen Bundesländern wie über die Tätigkeit der Doping-Kommissionen, die den "Selbstreinigungsprozess" in der Praxis begleiteten. In einem umfassenden Katalog fasste er vor den Delegierten des Hauptausschusses seine kritisch-konstruktive Analyse zur Problembewältigung zusammen.

Aus den Ausführungen von DSB-Präsident Hansen zum Vereinigungsprozess und zur Dopingproblematik wird nachfolgend auszugsweise zitiert:

"Die Phase der historischen Stunden ist vorbei. Nach der Vereinigung liegt ein halbes Jahr gemeinsamer Wegstrecke hinter uns. Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz, für eine ungeschminkte Analyse und für eine realistische Bestandsaufnahme des Erreichten oder bisher Versäumten. Es ist Zeit für neue Zielansprachen.

Wir wollen das heute in Form einer Arbeitsteilung vornehmen, wobei die Vizepräsidenten aktuelle Sachstandsberichte zu ihren Schwerpunktthemen vortragen werden. (...)

Ich will mich daher auf einige grundsätzliche Bemerkungen zu unserer Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung beschränken und mich im übrigen auf unseren schriftlichen Bericht berufen.

Zur Vereinigung im Sport: Dass das Zusammenwachsen schwieriger werden würde als der formelle Zusammenschluss, wussten wir. Das dramatische West-Ost-Gefälle, das die Existenz der Menschen unmittelbar betrifft und ihre soziale Lage zur Zeit düster erscheinen lässt, ist im sportlichen Bereich glücklicherweise nicht so drastisch spürbar. Wir haben bei unserem letzten Treffen mit den Präsidenten der Landessportbünde einen gewissen Aufwärtstrend registriert. Kein Zweifel - dazu beigetragen haben sicher auch die Patenschaften und die partnerschaftliche Zusammenarbeit vieler westdeutscher Sportorganisationen bis hinunter auf die Vereinsebene. Für erwiesene Solidarität aufrichtigen Dank und Anerkennung von dieser Stelle. Wir können es nur gemeinsam schaffen! Denn am Ziel sind wir noch lange nicht.

Der optimistische Grundton in meinen Ausführungen darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der Sport noch einen umfangreichen Forderungskatalog hat. Bei aller Anerkennung der Hilfen des Bundes, was den Spitzensport betrifft, will ich aber gerade hier erneut deutlich machen: dieser Spitzensport ist nur ein Teilbereich unseres Aufgabenfeldes. Ein besonders wichtiger zwar, zugegeben. Aber wir sind aus gutem Grund mit dem Ziel angetreten, Lebensqualität durch die Intensiv-Förderung des Sports für Alle zu vermitteln. Unser Anliegen war und bleibt, in Ostdeutschland Versäumnisse aus vier Jahrzehnten so gut es eben geht aufzuholen. Die Menschen haben ein Anrecht darauf. Das ist die soziale Dimension der Sportförderung, deren Notwendigkeit ich hier noch einmal mit Nachdruck unterstreichen möchte.

Wir kommen, was die Hilfen angeht, mit den gültigen Finanzierungsmustern nur schleppend weiter. Vom Grundsatz her will ich die Bund- und Länder-Kompetenzen für den Spitzensport hier und den Breiten- und Freizeitsport dort überhaupt nicht in Frage stellen. Doch besondere Situationen verlangen besondere Kraftakte und Weichenstellungen. Und wenn man diesem Gesichtspunkt auf dem Sektor Kultur - normalerweise ebenfalls Ländersache - mit 900 Millionen DM Anschubfinanzierung aus Bundesmitteln Rechnung trägt, dann darf der Sport nicht im Abseits stehen bleiben. Ich danke in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Sportministern der Bundesländer, die uns vor wenigen Tagen ausdrücklich ihre Unterstützung zugesagt haben.

Mit den neuen Bundesländern selbst sind wir in Sachen Sportförderung inzwischen auf einem guten Wege. Auch Sachsen, das anfangs totale Flaute signalisierte, hat sich schließlich unseren massiv vorgetragenen Argumenten nicht länger verschlossen. Auch die persönlichen Antrittsbesuche bei den einzelnen Ministerpräsidenten, die in Kürze komplettiert sein werden, stimmen mich insgesamt optimistischer als noch vor wenigen Wochen. Veränderungen an der Sportbasis in Ostdeutschland sind spürbar. Der Sport wird seinen ihm angemessenen Platz also bald gesamtdeutsch behaupten. Das ist die politische Dimension, für die wir antreten.

Doch der gesellschaftspolitische Rang des Sports insgesamt wird künftig mehr denn je davon abhängen, wie wir mit unseren hausgemachten Problemen fertig werden. Schaffen wir es beispielsweise, das Doping-Übel schon an der Wurzel auszurotten? Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist riesengroß. Deshalb noch ein paar Sätze dazu.

Professor Heinrich Reiter wird das Ergebnis der Arbeit seiner Kommission in Kürze vorlegen. Ich erwarte eine Leitlinie für die leistungssportliche Zukunftsentwicklung in Deutschland. Das ist sicher ein hoher Anspruch. Aber er ist auch notwendig mit Blick auf die in einigen Sportarten beschrittenen Irrwege der Vergangenheit. Entscheidend wird sein, wie wir mit dieser Leitlinie und mit den Erkenntnissen aus der Tätigkeit der beiden anderen Kommissionen, die uns bis zum Jahresende vorliegen werden, umgehen.

Zur hinlänglich bekannten Tagesordnung können wir nicht mehr zurück. Hehre Worte für den Doping-Ordner im Aktenschrank brauchen wir nicht mehr. Machen wir also die Leitlinie und Kommissions-Ergebnisse zu Geboten unseres künftigen Handelns. "Sauber bleiben" sollte der Leistungssport-Appell der Zukunft werden. Und das auch auf die zweifelhafte Gefahr hin, in irgendwelchen Erfolgsstatistiken Einbußen zu registrieren.

Wir können nicht immer nur in feierlichen Momenten Einigkeit demonstrieren, die dann von der Trainings- und Wettkampfpraxis der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Wir brauchen Glaubwürdigkeit auf der ganzen Linie. Und da kann der berüchtigte "Sieg um jeden Preis" eben kein Kriterium mehr sein. Selbstverständlich muss sich das bei Normen und Nominierungen niederschlagen. Wir wollen uns auch in Zukunft über Erfolge deutscher Sportler freuen und beste Voraussetzungen dafür schaffen. Aber eben auf der Basis absoluter Sauberkeit, denn nur ehrliche Freude ist doppelte Freude. Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, als politische Systeme auch auf dem Feld des Sports ihre Machtkämpfe austrugen. Nutzen wir diese Chance, um auch international ein Signal zu setzen. Ich bin sicher, wir werden viele Weggefährten finden." (...)

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 50 / 11. Dezember 2012, S. 28
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. Dezember 2012