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GESCHICHTE/382: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 191 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 49 / 4. Dezember 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1991/I: Sport und EG im europäischen Kontext
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 191)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Die zunehmenden Aktivitäten der Europäischen Gemeinschaft (EG) im Bereich des Sports veranlassten am Jahresende 1990 die Präsidien des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, in einer gemeinsamen Konzeption eine aktivere Politik gegenüber der EG-Kommission in Brüssel einzunehmen. Dabei wurde durchaus die Zielsetzung der Vorgängerin der 1993 in Maastricht begründeten Europäischen Union (EU) befürwortet, mit und über den Sport zur Förderung der europäischen Einigung beizutragen. DSB, NOK und insbesondere die Deutsche Sportjugend hatten seit ihrer Gründung im Rahmen ihrer Projekte und Programme stets die völkerverbindende Wirkung sportlicher Begegnungen auf allen Ebenen betont.

Die Anfang 1991 veröffentlichte Konzeption hatte folgenden Wortlaut:

"Der Binnenmarkt und das zunehmende Interesse der EG auch am Sport stellen den DSB und das NOK für Deutschland vor eine Vielzahl neuer Probleme und Aufgaben. DSB und NOK für Deutschland sind daher zur Überzeugung gelangt, dass ein gemeinsames Konzept für die EG notwendig ist.


Die Bedeutung des Sports für die EG

Der Sport berührt die EG in zweierlei Hinsicht:

  • Die EG sieht im Sport einen idealen Förderer des Einigungsgedankens im Bewusstsein der Bevölkerungen der EG-Mitgliedsstaaten.
  • Der Binnenmarkt und die Veränderungen, die dieser auch für den Sport mit sich bringt, sind das zweite Themengebiet, das eine Auseinandersetzung der EG mit dem Sport erforderlich macht.

Folgerung und Zielsetzung für den Sport:

Maßnahmen der EG, die den Sport berühren, müssen möglichst weitgehend mit den nationalen Sportorganisationen und gegebenenfalls den Regierungen der Mitgliedsländer abgestimmt werden.


Die Bedeutung der EG für den Sport

DSB und NOK für Deutschland befürworten die weitere europäische Integration. DSB und NOK für Deutschland teilen jedoch die Rechtsauffassung der Bundesregierung und der Länder, dass Sportpolitik und Sportförderung nicht Aufgabe der EG-Kommission sind, sondern der Mitgliedsstaaten und Sportorganisationen. Der EWG-Vertrag von 1958 ist nur anwendbar und damit eine Zuständigkeit der EG nur gegeben, wenn Sport als Form einer wirtschaftlichen Betätigung betrieben wird oder unzulässige Diskriminierungen von EG-Bürgern auftreten.


Der Sport als Einigungskatalysator

DSB und NOK für Deutschland sind bereit, einen aktiven Beitrag zur Einigung Europas zu leisten. Die Sportvertreter lehnen jedoch Aktivitäten mit der EG ab, die sich einseitig auf Hochleistungssport mit dem Ziel der Förderung des Integrationsgedankens konzentrieren. Zum einen sehen sie das PR-Interesse der EG, sich mit dem medienwirksamen Hochleistungssport in Verbindung zu bringen, (z.B. durch EG-Embleme auf Sportlertrikots), als problematisch an und bezweifeln die Eignung derartiger Maßnahmen zur Schaffung eines tiefer verwurzelten europäischen Bewusstseins. Eine solche politische Inanspruchnahme des Sports wird schon deshalb abgelehnt, weil Integration hier durch bewusste Abgrenzung gegenüber Nicht-EG-Ländern erzielt werden soll. Zum anderen ist die europäische Einigung im Hochleistungssport bereits weiter fortgeschritten als Politik und EG (Europameisterschaften, europäische Sportföderationen).

Die Wettkampfkalender der hier allein zuständigen internationalen Föderationen lassen zudem bei vielen Verbänden keinen Raum für zusätzliche EG-Veranstaltungen. Dies gilt insbesondere für Leistungssportmaßnahmen im Bereich Jugendliche und Junioren. Die EG sollte sich in Abstimmung mit den Sportorganisationen anderen Handlungsfeldern des Sports zuwenden (z.B. Jugendbereich, Breitensport, Behindertensport oder Sportförderung in weniger entwickelten Ländern).


Die Offenheit der EG

DSB und NOK für Deutschland begrüßen die Politik der Offenheit der EG gegenüber anderen europäischen Staaten wie sie z.B. in den Beziehungen der EG zur Europäischen Freihandels Assoziation (EFTA) oder zum osteuropäischen Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), aber auch der Mitarbeit der EG in der KSZE zum Ausdruck kommt. Der Sport ist europaweit - über die EG hinaus - bereits in vielfältiger Weise organisiert und engagiert, z.B. in den europäischen Fachverbänden, dem ENOC, der Europäischen Sportkonferenz, ENGSO und im Europarat.

Diese über die EG hinausgehende europäische Einbindung des Sports darf nicht in Frage gestellt werden. Demzufolge muss eine Ausgrenzung der Nicht-EG-Staaten im Sport verhindert werden. Binnenmarkt/Auswirkungen eines vereinigten Europas auf den Sport Der Binnenmarkt wird sich in vielfacher Hinsicht auch auf den Sport auswirken, unter anderem:

  • hinsichtlich der Freizügigkeit von Berufssportlern und -trainern;
  • bei der Anerkennung von Ausbildungsgängen und Diplomen; bei europäischen Ausschreibungen und Sicherheitsnormen für Sportanlagen;
  • bei Steuergesetzen, Umweltbestimmungen und anderen Rechtsbestimmungen;
  • im Sponsoring.

Die Sportorganisationen müssen möglichst frühzeitig über Vorentwürfe zu diesen oder anderen Themenbereichen in Kenntnis gesetzt werden, um rechtzeitig auf die in Brüssel zuständigen Instanzen einwirken zu können."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 49 / 4. Dezember 2012, S. 27
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. Dezember 2012