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GESCHICHTE/368: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 180 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 38 / 18. September 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1989/IV: Bund übernimmt Förderung des Projektes "Sport mit Aussiedlern"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 180)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Am 24. August 1989 fiel im hessischen Hasselroth offiziell der Startschuss für die Förderung des Projektes "Sport mit Aussiedlern" durch die Bundesregierung. Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und DSB-Präsident Hans Hansen verwiesen in ihren Ansprachen darauf, wie wichtig eine gemeinsame Initiative von Politik und Sport sei, um deutschstämmigen Aus- und Übersiedlern aus osteuropäischen Ländern die gesellschaftliche Integration in der Bundesrepublik zu erleichtern. Im "Bericht des Präsidiums" des DSB für die Legislaturperiode 1986 bis 1990 hieß es zur Modellphase dieses Projektes u.a:

"Beim bundesweiten Auftakt des Projektes in dem Übergangswohnheim des Landes Hessen in Hasselroth bei Gelnhausen betonte der Bundesminister des Innern, Dr. Wolfgang Schäuble,"es ist schwieriger, die für 1989 erwarteten mehr als 350.000 Aussiedler gesellschaftlich einzugliedern als sie materiell zu versorgen. Die Aktion des DSB wird zur soziokulturellen Integration der Aussiedler beitragen". Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand die politische Entwicklung - die Zahl der einreisenden Aussiedler und Übersiedler erhöhte sich auf über 700.000.

Das Projekt "Sport mit Aussiedlern" ist in die Kampagne des Deutschen Sportbundes "Im Verein ist Sport am schönsten" eingebunden. Die Ergänzung "weil wir uns hier wie zuhause fühlen!" veranschaulicht den Stellenwert, den der Sport an der Beteiligung der Integration einnehmen kann. (...) Vier Modellregionen (Berlin, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen) erprobten die Konzeption des Deutschen Sportbundes in dem jeweiligen Bundesland. Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Sportmobile mit dazugehörigen Sport- und Spielgerätschaften wurden ihnen zur Verfügung gestellt. Die generelle Zielsetzung lautete Kinder, Jugendliche und soweit wie möglich Familien über spezifische Angebote an den Sport heranzuführen und einen Einstieg zur dauerhaften sportlichen Betätigung in der Freizeitgestaltung zu schaffen. Dazu wurden zunächst Freizeitsport und Bewegungsspiele in den Übergangswohnheimen und Ballungsgebieten angeboten. Anschließend wurden Sportgruppen aufgebaut und regelmäßig betreut.

Seit Anfang 1990 beteiligen sich alle Landessportbünde mit insgesamt 75 dafür eingestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 25 Sportmobilen an der Umsetzung des Projektes. Allein in Berlin kooperieren 70 Sportvereine mit dem Regionalbüro der Berliner Sportjugend.

Rund 1.500 Kinder und Jugendliche, darunter ca.50 % aus Aussiedler- und Übersiedlerfamilien, nehmen an den Ferienfreizeiten des Projektes teil.Diese Gruppenaktivitäten tragen ganz erheblich zur Integration und auch zum Erlernen und Verbessern der deutschen Sprache bei. Besonders bemerkenswert ist, dass ein großer Teil der Aussiedler und Übersiedler der Ferienfreizeit 1989 zum heutigen Zeitpunkt einem Sportverein angehören. Sie haben durch die sozialen Kontakte, die gewonnenen Freunde, noch schneller den Weg in einen Sportverein gefunden.

Das Bundesministerium des Innern stellt insgesamt Mittel in Höhe von 8.243.200,-- DM für 1990 zur Verfügung. Der Deutsche Sportbund hat die Zusicherung, dass das Projekt bis Ende 1992 finanziell gefördert wird. Zu diesem Zeitpunkt soll die Verknüpfung zwischen Landessportbund, Sportjugend, Sportvereinen, caritativen Organisationen und Übergangswohnheimen so gut funktionieren, dass die Integration der Aussiedler auch weiterhin aktiv vorangetrieben werden wird." In dem im Februar 1991 erschienenen Siebten Sportbericht der Bundesregierung über die Jahre 1986 bis 1989 zog auch das Bundesministerium des Innern in einem Zwischenbericht eine erfolgreiche Bilanz über das gemeinsame Projekt und führte im Kapitel III (Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven) unter Abschnitt 6 (Sport mit Aussiedlern) u.a.aus:

"Der Bundesminister des Innern fördert seit 1989 das Projekt des Deutschen Sportbundes "Sport mit Aussiedlern" unter dem Motto "Sport für alle", denn gerade der Sport kann einen wertvollen, flankierenden Beitrag zur sozialen Eingliederung der Aussiedler in die neuen Lebensverhältnisse leisten. Die herausragenden Qualitäten des Sports für die Integration der Aussiedler in unsere Gesellschaft liegen u.a.in:

  • der unkomplizierten Kontaktaufnahme;
  • der Erhöhung des Selbstwertgefühls durch Einbringen persönlichen sportlichen Einsatzes; der Teilnahme an geselligen Ereignissen, wie sie vom organisierten Sport vielfältig initiiert werden (Freizeitmaßnahmen, Veranstaltungen etc);
  • der zwanglosen Übernahme von Verantwortung.

Daher ist es vorrangiges Ziel des Projektes, möglichst viele Aussiedler zu motivieren, langfristig in einem Verein Sport zu treiben. Diese Zielsetzung wird auf drei Ebenen verfolgt:

1. Beratung, Information, Spiel- und Sportfeste in Übergangswohnheimen Bereits in den Übergangseinrichtungen werden in regelmäßigen Informations- und Beratungsveranstaltungen Vereine vorgestellt und Sportmöglichkeiten aufgezeigt. In diesem Zusammenhang werden Sportinteressierte angesprochen und an die entsprechenden Vereine vermittelt. Ergänzt werden die Informations- und Beratungsangebote durch Sport- und Spielfeste in den Übergangseinrichtungen.

2. Kooperation mit Verbänden und Vereinen
Die Zusammenarbeit mit Verbänden und Vereinen beruht auf mehreren Säulen:

  • gezielte Ansprache und Gewinnung von Kooperationspartnern,
  • Beratung und Information von Vereins- und Verbandsvertretern,
  • Entwicklung und Organisation von spezifischen Angeboten für Aussiedler,
  • materielle Unterstützung der Vereine und Verbände durch Starthilfen zur Grundausstattung von Sportgruppen.

Auf diese Weise lassen sich wirksam und unbürokratisch Integrationsprozesse für Aussiedler organisieren.

3. "Projekteigene Sportgruppen"
Die Projektmitarbeiter organisieren innerhalb von Übergangseinrichtungen oder in der Nachbarschaft eigene Sportangebote für Aussiedler, die regelmäßig betreut werden. Nach einer stabilisierenden Übergangsphase werden in diese Gruppen Übungsleiter der Vereine einbezogen.

Dieses Verfahren ermöglicht eine behutsame Heranführung an den Vereinssport und hilft enorm, bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Schwellenängste abzubauen. Der persönliche und direkte Kontakt zu den Übungsleiterinnen und Übungsleitern schafft eine Vertrauensbasis, die letztlich für den erfolgreichen Eingliederungsprozess entscheidend ist. Daneben ist es auch Ziel des Projekts, Aussiedler außerhalb der sportlichen Projektarbeit in die überfachlichen verbandlichen Angebote der Jugend- und Erwachsenenarbeit einzubeziehen. Insbesondere sind hier Aktivitäten in der allgemeinen kulturellen Arbeit sowie Ferienfreizeiten und Erholungsmaßnahmen gemeint. Besonders integrativ für Kinder und Jugendliche haben sich die Ferienfreizeiten und Erholungsmaßnahmen gezeigt. (...)

Mit dem Projekt ist in vielerlei Hinsicht Neuland betreten worden.Inzwischen haben die Teilnehmerzahlen und das Engagement der kooperierenden Sportorganisationen die ursprünglichen Erwartungen weit übertroffen. Es ist in einem relativ kurzen Zeitraum gelungen, das Projekt auf einen erfolgversprechenden Weg zu bringen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zunächst die organisatorischen Rahmenbedingungen und Strukturen zur Ansprache und Integration der Zielgruppe geschaffen werden mussten."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 38 / 18. September 2012, S. 23
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. September 2012