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GESCHICHTE/366: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 179 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 37 / 11. September 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1989/III: Zur Lage im bundesdeutschen Spitzensport
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 179)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Als seit Beginn der 80er Jahre mehr und mehr deutlich wurde, dass die vorhandenen Fördersysteme für den Spitzensport einer Weiterentwicklung bedurften, um den gewachsenen Anforderungen im internationalen Maßstab gerecht zu werden, wurden die entsprechenden Überlegungen in den 1985 beschlossenen "Leitlinien zum Spitzensport" zusammengefasst. Im Juni 1988 folgten Beschlüsse zur strukturellen Änderungen für den DSB-Bundesausschuss für Leistungssport (BAL), um auch die notwendigen Voraussetzungen für eine wirkungsvollere Arbeit der zuständigen Gremien zu schaffen.

In seinem ausführlichen "Bericht zur Lage im Spitzensport" zog der Vorsitzende des Bundesausschusses für Leistungssport, Ulrich Feldhoff, bei der 35. Sitzung des DSB-Hauptausschusses am 10. Juni 1989 in Berlin in Anwesenheit von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eine erste Bilanz. Dabei arbeitete der damalige Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes besonders die Erfolge bei den Olympischen Winter- und Sommerspielen 1988, den Ausblick auf die Olympischen Spiele 1992, die finanziellen Grundlagen für die Spitzenverbände, das Spannungsfeld der Olympiastützpunkte, die im Spitzensport erforderliche Personalverstärkung, die Talentförderung und die Dopingbekämpfung heraus. Die wesentlichsten Aussagen werden nachfolgend auszugsweise zitiert:


"1. Sportlicher Ausblick auf die Spiele 1992

Die sportliche Bilanz des Olympiajahres 1988 fiel besser aus, als uns viele Pessimisten weismachen wollten. Unsere Olympiamannschaften von Calgary und Seoul fanden breite Zustimmung und Anerkennung in der Öffentlichkeit und in den Medien. Die Wintersportler haben bereits ihre erste nacholympische WM- und EM-Saison 1989 abgeschlossen und konnten ihr positives olympisches Ergebnis von Calgary exakt mit 8 WM-Medaillen wiederholen. (...) Fazit: Auf dem Weg nach Albertville 1992 befinden wir uns nach der Wintersaison 88/89 an einem zufriedenstellenden, optimistisch stimmenden Ausgangspunkt. (...)

Die weitere Gestaltung unseres Weges bis 1992 mit der angestrebten Steigerung der Erfolge hängt von unserer Handlungsfähigkeit in der Umsetzung unserer Leitlinien im Spitzensport ab und: an den personellen, materiellen und finanziellen Grundlagen, die uns zur Verfügung stehen bzw. die wir uns erarbeiten müssen - insbesondere mit der Wirtschaft. Hier sind allerdings nicht nur wir gefordert, sondern alle Trägerorganisationen des Spitzensports. Die Wirtschaft erwartet vom bundesdeutschen Sport, dass dieser endlich eine überzeugende, durchgängige und in sich geschlossene Konzeption vorlegt, die zwischen den verschiedenen Organisationen abgestimmt ist und professionell umgesetzt wird. (...)


2. Finanzielle Grundlagen

Die schwierige Erarbeitung und Aushandlung der Jahresplanung 1989 für die Spitzenverbände mit der finanziellen Ausstattung von DM 26,15 Mio. erforderte oft eine Gratwanderung zwischen der engen finanziellen Bemessung und den sportfachlichen Prioritäten und unverzichtbaren Notwendigkeiten für ein erfolgversprechendes Jahresprogramm der Verbände. Eine erneute Kürzung von 5 %, also etwa DM 1,3 Mio. zum jetzigen Zeitpunkt greift unmittelbar in den Aufbau und die Erfolgsmöglichkeiten der Meisterschaftsprogramme mit drastischen Folgen ein. Trainingslehrgänge, die der Meisterschaftsvorbereitung dienen, und international abgeschlossene Wettkämpfe wären in allen Kaderbereichen A - C gefährdet. (...) Demgegenüber stehen die sich ständig ändernden Voraussetzungen im internationalen Spitzensport:

1. Die Anzahl der olympischen Wettbewerbe erhöht sich von Calgary nach Albertville von 46 auf bisher 55 Wettbewerbe, von Seoul nach Barcelona von 237 auf bisher 255 Wettbewerbe, die größtenteils neue Kaderbildungen von Grund auf erfordern.

2. Die Zahl der Verbände, die mit neuen Sportarten in den DSB aufgenommen wurden, steigt stetig an, populäre Sportarten wie z.B. Squash, Taekwondo, Triathlon oder Freestyle-Ski sollen nur beispielhaft genannt werden. (...)

3. Die 29 nichtolympischen Sportarten, die teilweise ja auch in olympischen Verbänden angesiedelt sind bzw. durch eigene Verbände repräsentiert werden, werden im Jahre 1989 mit DM 2,4 Mio. bzw. nach Kürzung mit DM 2,3 Mio. vom BMI gefördert. (...)

4. Die starken Ambitionen im Behinderten-Spitzensport müssen mit den Spitzengremien weiter ausgelotet werden. Der BAL hat einvernehmlich mit dem Deutschen Behindertensportverband bereits 1987 eine Vereinbarung über die Kaderbildung nach gleichen Kriterien A/B/C und den internationalen Standards erarbeitet, wie sie für die übrigen Spitzenverbände gilt. (...) Mit der Unterstützung des BMI ist die Basis für ein behindertengerechtes Leistungszentrum in Duisburg im Entstehen. Der Bund hat bisher eine Summe von DM 12,5 Mio. Kostenbeteiligung vor allem unter dem Aspekt des behindertengerechten Ausbaus bewilligt; dies entspricht einer Beteiligungsquote von 50 %. Der BMI würde den zentralen Leistungszentrumsansatz auch für die unmittelbare Zukunft mit erster Priorität versehen und die Förderung weiter erhöhen und erst im späteren Verlauf Einzelprüfungen an weiteren Orten mit hoher Kaderkonzentration erwarten.

5. Über die Planungen der Sportorganisationen hinaus, wird der Spitzensport auch ständig mit Initiativen und Aktivitäten von außen konfrontiert, die erhebliche finanzielle Folgen mit sich bringen können. (...)

6. Zu guter Letzt muss auf die wesentliche Steigerung des Lebenshaltungsindexes von durchschnittlich 3 % in den letzten Monaten hingewiesen werden, die sich im Spitzensport durch die Transportkosten bzw. Unterkunfts- und Verpflegungskosten vor allem im Ausland erheblich negativer auswirkt.

Diese gesamte Palette macht drastisch deutlich, dass die Gefahr nunmehr besteht, unseren Spitzenverbänden die finanzielle Substanz zu entziehen, die auch eine besondere sportliche Prioritätensetzung nicht mehr ausbalancieren kann.


3. Olympiastützpunkte im Spannungsfeld

Zuerst das Positive:

  • Nach dem Beschluss von Hannover im Juni 1985 erfolgte eine Bestandsaufnahme der Trainingsorte durch den Bundesausschuss Leistungssport, danach Gespräche mit den Spitzenverbänden, Landessportbünden, Landesministerien, Kommunen und weiteren potenten Partnern (z.B. Unternehmen wie Bayer, VW, Daimler-Benz).
  • Bis Mitte 1987 wurden 12 Olympiastützpunkte gegründet mit entsprechenden Kuratorien und Trägern; hier wurde das gleiche Verfahren angewendet wie bei den Bundesleistungszentren. Auch bei Olympiastützpunkten führt das Bundesministerium des Innern, wofür wir zu danken haben, den Vorsitz. 1988 kamen die Olympiastützpunkte Nr. 13 und 14 hinzu. (...)
  • Auch die finanzielle Unterstützung für die Olympiastützpunkte entwickelt sich recht erfreulich. In den Haushalten finden sich 1989 - 7,5 Millionen - zusätzliche Bundesmittel (davon 1,5 Millionen für die Arbeit der Spitzenverbände an den Olympiastützpunkten), 3 Millionen von Ländern, Landessportbünden und Kommunen, 650 TDM Stiftung Deutsche Sporthilfe und 2 Millionen DM aus der Wirtschaft. Die Wirtschaft unterstützt die Arbeit der Olympiastützpunkte außerdem mit Arbeits- und Ausbildungsplätzen für Sportler und Personal, mit Fahrzeugen und anderen Sachleistungen (allein das Paket von Daimler-Benz beträgt beispielweise 3,5 Mio. DM im Jahr). (...)

In die 14 Olympiastützpunkte sind 139 Bundestützpunkte, 36 Landesleistungszentren und 23 Bundesleistungszentren integriert. Dem Pluralismus und insbesondere dem Föderalismus wird also Rechnung getragen - die Abstimmungen sind dadurch aber nicht leichter geworden. Dies liegt daran, dass wir keinem der Partner vorgeben können, wie hoch sein Beitrag sein muss - wir müssen ihn überzeugen von Sinn und Nutzen der von ihm aufgewendeten Kosten. (...)

Fazit: Es bleibt uns nichts anderes übrig als uns zu konzentrieren, denn

  • die Erwartungen der Politik, der Öffentlichkeit und der Wirtschaft an die Olympiastützpunkte und die olympischen Ergebnisse sind hoch,
  • die Grenzen der Betreuungskapazitäten sind erreicht bzw. in Teilbereichen bereits überschritten.

4. Personalverstärkungen brauchen wir in allen Bereichen

Wir dringen zur Zeit darauf, die hauptamtlichen Bundestrainer schwerpunktmäßig in den Olympiastützpunkten direkt mit den Sportlern arbeiten und sie nicht in Verwaltungstätigkeit abdriften zu lassen. Doch wir brauchen für die permanente Betreuung unserer Athleten in den Nachwuchs- und Bundeskadern zusätzliche Trainer. Eine exakte Bedarfsanalyse ist bereits erarbeitet worden. (...)


5. Damit bin ich beim Nachwuchsproblem

Deutlich rückläufige Erfolgsbilanzen bei den internationalen Nachwuchs-Meisterschaften der großen Verbände sind alarmierende Signale. Der Beirat der Landesausschüsse Leistungssport im Bundesausschuss Leistungssport hat sich mit Schwung den Aufgaben gewidmet, die über die jüngst verabschiedeten Kooperationsgrundsätze Leistungssport von allen Partnern mitgetragen und definiert wurden. Dazu gehören ebenso inhaltlich-methodische Fragen zum Training wie auch Reformen der Wettkampfsysteme im Nachwuchsbereich. (...)


6. Die Dopingproblematik

Die Sorge um den Nachwuchs spielt auch im Zusammenhang mit dem Dopingproblem eine entscheidende Rolle. Pädagogisch orientierte, nach langfristigen Trainingsplänen arbeitende Trainer sind sicher eine Form, physiotherapeutische Betreuung und vor allen Dingen ständige ärztliche Beratung sind weitere sehr wichtige Teile eines Gesamtsystems der Vorbeugung. Wenn aber nicht die "schwarzen Schafe" die Lachenden sein sollen, brauchen wir Kontrollen auch außerhalb des Wettkampfes. In Verwirklichung der Antidoping-Beschlüsse von Mainz sind wir dabei, im Einvernehmen mit vier Verbänden ein Pilot-Projekt für Dopingkontrollen "out of competition" ab Herbst 1989 auf den Weg zu bringen. Nach Auswertung der dabei gesammelten Erfahrungen werden danach weitere Verbände in dieses System aufzunehmen sein."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 37 / 11. September 2012, S. 22
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. September 2012