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GESCHICHTE/358: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 172 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 30 / 24. Juli 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1988/I: Das Spiel der großen Entwürfe - Festakt zum 75. von Willi Daume
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 172)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Mit einem Festakt aus Anlass des 75. Geburtstages von Willi Daume würdigte der deutsche Sport am 24. Mai 1988 in Stuttgart das Wirken des Mannes, der die Entwicklung und die Geschichte des deutschen Sports nach dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen in höchsten Ehrenämtern gestaltet und geprägt hatte. Den bedeutsamsten Höhepunkt in seiner langjährigen Tätigkeit für den deutschen und internationalen Sport bildeten dabei ohne Zweifel die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München, deren Planung und Gestaltung in der Verantwortung von Willi Daume lag.

IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch hob in seiner Würdigung hervor, dass Willi Daume unter allen europäischen Sportführern, national und international, eine besondere Stellung einnehme. Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth verlieh Willi Daume aus diesem Anlass eine Ehrenprofessur der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. DSB-Präsident Hans Hansen beglückwünschte den Ehrenpräsidenten des Deutschen Sportbundes mit einer Grußadresse, aus der nachfolgend zitiert wird:

"(...) Die Gleichung Sport - Wissenschaft - Kunst hat Willi Daume sein Leben lang zu lösen versucht. Es gibt großartige Ergebnisse und Erlebnisse seines Strebens, das für ihn nie abgeschlossen sein wird. Geht es doch um ein Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes.

Lieber Herr Daume, hier in Stuttgart beginnt man nicht mit dem von Ihnen gern zitierten Großen vom Frankfurter Hirschgraben. Hier gratuliert man mit Friedrich von Schiller, allenfalls noch mit Uhland oder Hölderlin. "Und so fliehen meine Tage wie die Quelle rastlos hin." Es ist der "Jüngling am Bach", der melancholisch über seinen Lebenslauf nachsinnt. Nun, ein immerwährender Quell sind Sie für uns stets mit ihren Ideen und Taten, in Ihrem Denken und Trachten; ein Unruhestifter, denn Ruhe ist für Sie stets Stillstand, ob's gefällt oder nicht.

Wir alle haben dankbar empfangen, uns mitreißen, manchmal auch überraschen und verblüffen lassen, immer in Respekt. Es war wohl 1963, als er zu Fritz Wirth auf dessen Frage, worin denn nun seine besonderen Vorlieben liegen würden, sagte: "Es ist das Spiel der großen Entwürfe", und sich damit auf interessante Weise öffnete.

- Das, lieber Herr Daume, war vor dem Ende der gesamtdeutschen Mannschaften 1965 in Madrid und vor Ihrem fast genialen Gegenzug mit der Bewerbung um die Olympischen Spiele 1972 in München, die dann zu Ihrem glanzvollsten Werk für die Sportwelt wurden, wenn auch mit tragischem Ausgang;
- das war vor dem Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden und weit vor der Öffnung der Spiele 1988 in Seoul nach Ihren Vorstellungen, womit Sie die Wende der Spiele in unsere Zeit einleiteten und falsche Ideologien auflösten;
- das war bereits im ersten Aufwind einer Sport-für alle-Bewegung ab 1959, die uns knapp 30 Jahre später im DSB mehr als 20 Millionen Mitglieder in über 64.000 Vereinen und weitere 21 Prozent der Bevölkerung brachte, die anderenorts Sport treiben. Alles markante Steine im vielschichtigen Mosaik Ihres Wirkens, lieber Herr Daume. Doch Sinnbilder ihres Strebens sind auch
- die 1954 begonnenen Jahresgaben des DSB, Ihr früher Versuch, Sport und Kunst einander näherzubringen, der sich dann im glanzvollen Erscheinungsbild und in den Anlagen der Münchener Spiele unübersehbar ausprägte;
- der philosophische Ratschlag von Ortega y Gasset für den weiteren Weg des neugestalteten DSB, den Sie später für drängende aktuelle Fragen in Seminaren mit Wissenschaftlern fortsetzten. Auch der von ihnen 1952 geschaffene Carl-Diem-Wettbewerb gehört wohl hierher.

Lieber Herr Daume, Sie leben das Wort des großen Erziehers Hermann Nohl "Bildung ohne Sport ist keine Bildung", gesprochen auf dem Stuttgarter Sportkongress 1951. Sport als unübersehbarer Teil menschlicher Künste wie Tanz, Musik, Malerei, bildende Kunst oder Architektur - das ist außerdem ihre Vorstellung. Vielleicht tragen Sie deshalb auch oft eine der wundervollen Kleinplastiken aus antiker Zeit in ihren tiefen Taschen mit, um ihre Vorstellungen bildlich zu unterstreichen. Ihre Art von Aufgeräumtheit.

Es gehört zu Ihren eigentlichen Verdiensten, dass es Ihnen neben allem anderen gelungen ist, dem Sport nach schrecklicher politischer Korrumpierung durch das NS-Regime seinen angestammten Platz im Humanum Zurückzugewinnen und dafür Partner zu finden. Golo Mann gehört dazu, viele namhafte Wissenschaftler und große Künstler. Was war das für ein bewegendes Ereignis, als Sie 1964 in der Villa Hügel die unvergessenen Gebrüder Kontarsky mit den Olympiakämpfern zusammenführten.

Lieber Herr Daume, mögen Sie das Spiel mit den großen Entwürfen noch recht lange spielen. Das wünschen Ihnen Ihre Freunde. Und dafür muss ich jetzt doch noch den Großen vom Frankfurter Hirschgraben bemühen: "Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann."
Johann Wolfgang von Goethe. Westöstlicher Diwan."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 30 / 24. Juli 2012, S. 22
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. Juli 2012