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GESCHICHTE/356: Trotz Doping und Kommerz - Olympia ist Symbol der Einheit (wissen|leben - WWU Münster)


wissen|leben - Nr. 5, 4. Juli 2012

Die Zeitung der WWU Münster

Trotz Doping und Kommerz: Olympia ist Symbol der Einheit

Michael Krüger skizziert die sportgeschichtliche Entwicklung der Spiele in London



Im Sommer werden in London bereits zum dritten Mal Olympische Spiele gefeiert: 1908, 1948 und nun die Spiele zur Feier der XXX. Olympiade der Neuzeit. Sie stehen für drei unterschiedliche Epochen der neueren olympischen Geschichte, für die Phase des Aufbruchs seit 1896, als zum ersten Mal in Athen Olympische Spiele durchgeführt worden waren; für den Neu- oder Wiederbeginn nach dem Zweiten Weltkrieg, und nun 2012 auf dem Höhepunkt der internationalen Verbreitung und Popularität der Olympischen Bewegung und ihres Mega-Events. Mit Ausnahme von 1948 waren auch stets deutsche Athleten und Sportfunktionäre mit von der Partie.

Der offizielle Bericht der Spiele von London 1908 verdeutlicht, dass diese Spiele zur Feier der IV. Olympiade in erster Linie eine Hymne auf die britisch-französische Zusammenarbeit, auf den britischen Sport und auf die Idee der Olympischen Spiele der Neuzeit war. Politisch gesehen, trugen die Spiele im Rahmen der britisch-französischen Ausstellung zur Festigung der 1904 zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich geschlossenen Entente Cordiale bei. Gleichzeitig bekräftigten sie durch die Betonung des internationalen Charakters und der Friedensidee der Spiele, dass dieses politische Bündnis nicht gegen andere Mächte gerichtet sei, insbesondere nicht gegen Deutschland.

Zum ersten Mal trat bei Olympischen Spielen auch offiziell eine Turnerriege der Deutschen Turnerschaft (DT) auf. Sie wurde von Theodor Toeplitz und Fritz Kessler angeführt. Kessler war von Beruf "Klassenlehrer sowie Gesangs- und Turnlehrer" und passte ganz und gar nicht zu den Lords, Dukes und Comtes der olympischen Familie. Er war der Cheftrainer der deutschen "Musterriege". Ihre Vorführung fand jedoch vor nahezu leeren Rängen statt, weil zu dieser Zeit kaum Zuschauer im Stadion waren. Es war Tea-time, und das "International Olympic Committee" (IOC) hatte zu einem Empfang eingeladen. Bemerkenswert ist schließlich, dass die englische Turnriege vom deutschen Olympiasieger von Athen 1896, Carl Schuhmann, betreut wurde, der in London als Turnlehrer tätig war. Schuhmann stammt gebürtig aus Münster.

Ein sportlicher Höhepunkt der Spiele von London 1908 war der Marathonlauf. Damals wurde die exakte Länge des Laufs definiert, wie er heute noch stattfindet: über 42,195 Kilometer, beginnend vor Schloss Windsor bis zum Olympiastadion. Im Ausschreibungstext hatte es noch geheißen: "The Marathon Race of 40 kilometres will be run on a course marked out on public roads by the Amateur Athletic Association [....]." Dann wurde aber nochmal genau nachgemessen, und es waren 26 Meilen und 385 Yards, und das sind eben 42,195 Kilometer. Zum Sieger wurde der Amerikaner John Hayes erklärt. Er kam nach 2 Stunden, 55 Minuten und 19 Sekunden ins Ziel. Vor ihm war allerdings bereits in 2,54,47 Stunden der Italiener Dorando Pietri ins Ziel gewankt und schließlich von Helfern über die Ziellinie getragen worden. Deshalb wurde Pietri nach dem Rennen disqualifiziert. Aber er war und blieb der Star dieser Spiele. Coubertin bezeichnete ihn sogar als moralischen Sieger des Laufs; und dies obwohl er und alle wussten, dass Pietri Aufputschmittel genommen hatte, um die Strapazen des Laufs zu überstehen. Mit anderen Worten: Pietri war gedopt, und zwar mit einer gefährlichen Mischung aus verschiedenen Substanzen, unter anderem Strychnin. Aber da es zu dieser Zeit noch keine Dopingbestimmungen gab, und die Einnahme aufputschender Mittel (noch) nicht verboten war, spielte das auch keine Rolle.

Als zum zweiten Mal in der olympischen Geschichte eine Olympiade in London gefeiert wurde, hatte sich die Konstellation grundlegend geändert. Die olympische Bewegung lebte trotz des schrecklichen Weltkriegs. Sie war Teil der Kultur der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Deutschland existierte nicht mehr als Staat, war aber spätestens durch die Spiele von Berlin 1936 zu einem festen Bestandteil der internationalen Olympischen Bewegung geworden. Die Spiele von 1948 waren zunächst ein Ausdruck dafür, dass die olympische Bewegung lebte und dass ihre sportlichen, pädagogischen und politischen Ziele nach der Katastrophe des Weltkrieges und der Überwindung der Nazi-Barbarei mehr denn je richtig und nützlich sind.

Das IOC-Exekutivboard traf sich nach dem Krieg zum ersten Mal vom 21. bis 24. August 1945 in London. An der Sitzung nahmen nur der amtierende IOC-Präsident Sigfried Edström, Vizepräsident Brundage (USA) und Lord Aberdare (UK) teil. Auf diesem Treffen wurde beschlossen, die Spiele des Jahres 1948 in London zu veranstalten. Außerdem sollte danach Brundage die IOC-Präsidentschaft übernehmen; was er auch bis 1972 tat.

Aus den Protokollen des Internationalen Olympischen Komitees ergibt sich, dass sich das IOC bemühte, einerseits den Rhythmus Olympischer Spiele und die seit 1896 entwickelte Idee, Kultur und Liturgie Olympischer Spiele fortzusetzen, und andererseits einen Neuanfang zu machen. Die Olympier demonstrierten, dass sie sofort nach dem Ende des Krieges das Heft in die Hand nehmen wollten und konnten. Zugleich beschlossen sie, den olympischen Fackellauf erneut zu starten.

Die Teilnahme deutscher und japanischer Athleten an Olympischen Spielen stand erst wieder zur Debatte, nachdem dort Olympische Komitees gegründet worden waren, über deren Aufnahme das IOC entscheiden konnte. Dies war erst auf der IOC-Sitzung im Mai 1951 in Kopenhagen der Fall. Lord Burghley, der Cheforganisator von London 1948, war mit dieser Angelegenheit befasst. Er hatte dazu eine Stellungnahme der jeweiligen militärischen Oberbefehlshaber der britischen Besatzungszone in Deutschland, General Robertson, und des Oberbefehlshabers der amerikanischen Truppen in Japan, General Mac Arthur, eingeholt: "The objective of allied policy towards Germany is that she should become in all senses a member of the community of peace-loving and democratic nations", schrieb Robertson. Die deutsche und die japanische Jugend sollte eine Chance bekommen, wieder in die olympische Familie, und das heißt in die westliche Kultur und Zivilisation, integriert zu werden.

Heute, im Sommer 2012, sind beide Nationen selbstverständlich mit dabei, wenn die besten Athletinnen und Athleten aus aller Welt ins neue Olympiastadion in London einziehen werden. Trotz aller Kritik an Doping, Kommerz, Betrug, Korruption und Unmenschlichkeit des modernen, olympischen Sports: Die Olympischen Spiele bleiben ein Symbol der Einheit und des friedlichen Wettstreits.


Michael Krüger ist seit 1999 Professor für Sportpädagogik und Sportgeschichte an der Universität Münster und Leiter des Instituts für Sportwissenschaft. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Geschichte des Dopings.

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Quelle:
wissen|leben - Die Zeitung der WWU Münster, Nr. 5, 4. Juli 2012, S. 6
Herausgeberin: Die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Redaktion: Norbert Robers (verantw.)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juli 2012