Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/351: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 168 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 24 / 12. Juni 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1987/III: Josef Neckermann erhält Hans-Heinrich-Sievert-Preis der GDO
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 168)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Zur Erinnerung an den früheren Zehnkämpfer und von 1953 bis 1958 ersten Sportreferenten der Bundesregierung, der 1934 die "Helm World Trophy" als bester Athlet Europas erhielt und in seinem sportlichen Auftreten bei Sieg und Niederlage immer ein Vorbild war, stiftete die Gemeinschaft Deutscher Olympiateilnehmer (GDO) 1971 den "Hans-Heinrich-Sievert-Preis".

Dieser Preis wurde seitdem alljährlich an eine herausragende Persönlichkeit des Weltsports vergeben. 1987 fiel die Wahl auf Josef Neckermann.

Bei der Verleihung am 6. Oktober 1987 im Hamburger Rathaus hielt DSB-Präsident Hans Hansen die Laudatio, aus der Auszüge nachfolgend dokumentiert werden:

"Die Gemeinschaft Deutscher Olympia-Teilnehmer zeichnet in diesem Jahr Dr. h.c. Josef Neckermann mit dem "Dr.-Hans-Heinrich-Sievert-Preis" aus, einen Mann, der sich in Sport, Beruf und öffentlichem Leben durch seine persönlichen Leistungen ein hohes Ansehen erworben hat. 1987 ist dies das vierte große Ereignis, das auf ihn zukommt: 20 Jahre Stiftung Deutsche Sporthilfe, Großes Bundesverdienstkreuz mit Schulterband und Stern aus der Hand des Bundespräsidenten und am 5. Juni 1987 sein 75. Geburtstag mit vielen Schlagzeilen für unseren Freund. An dieser Stelle etwas über Josef Neckermann sagen zu wollen, hieße eigentlich Wasser in die Alster tragen. Fragen Sie doch einmal auf der Straße? Jeder weiß etwas über ihn. Neckermann? Das ist doch der legendäre Versandhauskaufmann, mit dem man auch um die Welt reisen konnte. Der tolle Reiter, der immer so kerzengerade auf seinem Pferd saß. Der Sporthilfe-Chef, der für "seine Sportler" betteln geht. (...)

Neckermann ist heute ein populäres Denkmal im deutschen Sport. Was ihm auch immer widerfuhr: Sein Nimbus hat stets gewonnen! Wenn es ein Geheimnis um ihn gibt, dann jenes Viergespann der Kardinalstugenden aus dem Platonischen Symposion - Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Diese Tugendlehre ist heute wieder aktuell. (...) Ein hohes Ideal, ich weiß es. Viel leichter zu begreifen sind Zahlen. In den 20 Jahren der Stiftung DSH wurden 15.166 Athleten mit gut 200 Millionen DM unterstützt. 91,1 Prozent der Spitzensportler glauben heute, ihren Sport ohne die Sporthilfe gar nicht mehr ausüben zu können. Selbst die vielfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin Cornelia Hanisch stellte sich einmal die Frage: "Was wäre ich wohl ohne Sporthilfe geworden?" Und hängte unserem Freund ihre letzte Medaille um.

Josef Neckermann ist Kaufmann und Bettler für die Stiftung, Anwalt und Kamerad der Athleten in einem gewesen. Er versteht sich als Sportler unter Sportlern und engagiert sich in einem Maße, wie es kein anderer gekonnt hätte. Ein Besessener, der sich auch um das kleinste Detail persönlich kümmert. Er konnte sich schon einmal vergaloppieren, aber er blieb immer seiner Devise aus dem Inzeller Sportforum von 1969 treu: "Die Sportler müssen das Gefühl haben, dass wir für sie da sind und nicht sie für uns! Und wenn die Führung irgendwo nicht mehr klappt, wenn keine neuen Ideen kommen, dann geht die Zeit wie eine Revolution über sie hinweg!"

Typisch Josef Neckermann. Ich erinnere mich noch an die Diskussion, als Willi Daume ihn am 7. April 1967 in Duisburg-Wedau dem Präsidium des DSB als Vorsitzenden der zu gründenden Stiftung Deutsche Sporthilfe vorschlug. Der Vorschlag wurde zwar einstimmig angenommen, aber den Beginn einer "Revolution" spürte so mancher damals schon. Daume wusste genau, was er tat. Schließlich betrat man Neuland, und die Münchner Spiele 1972 kamen immer näher. Ein vielfacher Olympiasieger, Welt- und Europameister sollte es möglich machen, 36 Jahre nach den Olympischen Spielen in Berlin wieder erfolgreich abzuschneiden. Damals arbeitete Josef Neckermann noch 12 Stunden für sein Geschäft, 3 fürs Reiten und 2 für die Stiftung. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert, nur dass die Sporthilfe inzwischen "sein Geschäft" geworden ist. (...)

Über Aufstieg und Fall des legendären Versandhaus-Königs Josef Neckermann ist 1976 viel geschrieben und noch mehr geredet worden. "Es war eine Bilderbuch-Geschichte des deutschen Wiederaufstiegs", meinte die Züricher 'Weltwoche' damals. "Josef Neckermanns Masche war allerdings kein patentiertes Verfahren. Geniale Einfälle, Askese und Finanzgeschick reichten am Ende nicht aus, um ein Milliarden-Unternehmen durch die Fährnisse des unerbittlichen freien Wettbewerbs zu steuern." Der Slogan "Neckermann macht's möglich" wechselte auf andere über. Geblieben ist die unauslöschliche Erinnerung an einen Versandhaus-Katalog, der zeitweise zur interessantesten Literatur in der DDR gehörte. Er war das lebendige politische Gegenstück zum "sterbenden Kapitalismus", wie er von drüben gepredigt wurde.

Als Reiter und Sportführer hat Josef Neckermann Geschichte geschrieben, national und international. Seine Kunst als Dressurreiter mit je zwei Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen sowie zwei Weltmeisterschaften prägte Generationen. Unvergessen ist sein Abschied nach 333 Dressursiegen in der Aachener Soers, die Ovationen der 40.000, die Josef Neckermann Tränen in die Augen trieben. Der harte Mann mit dem asketischen Gesicht ist nämlich gar nicht ohne Emotionen, und das macht ihn so liebenswert.

Die Stiftung nach Josef Neckermanns Vorstellungen muss immer öffentlich sein und ein gläsernes Portemonnaie führen. Ein Grund mehr für seine offene Medienpolitik, die für viele, die ihn in den Spitzenverbänden begleiteten, am schwersten zu begreifen war. Doch, ich kann ihn nur zu gut verstehen: ohne Schlagzeilen läuft nichts. Das ist Josef Neckermanns Faustregel. Zu seinen wirkungsvollsten Schlagzeilen gehört der "Ball des Sports", seine schönste Erfindung.

In den Olympischen Spielen sieht Josef Neckermann das Fest der guten Gesinnung. Er hat es selbst so erlebt. Doch die Welt wandelt sich. Am Ende steht er, der mit der Sporthilfe einmal dem Amateur unter die Arme greifen wollte, an der Schwelle zu den offenen Spielen und an der Grenze menschlicher Leistungskraft, und er muss außerdem erkennen, dass die Schere der Chancengleichheit immer weiter auseinanderklafft.

Ironie des Schicksals? Für unseren Freund nicht. Auch resignieren ist für ihn ein Fremdwort. Auf jede veränderte Lage antwortet er mit neuen Ideen. Herausforderungen gaben ihm noch immer junge Impulse. In dieser Unerschütterlichkeit und mit seinem weiten Blick nach vorn ist er zum Vorbild für uns alle geworden, ein Sportler, der in den Niederlagen gehärtet worden ist. Genau an dieser Stelle beginnt die Bewunderung, die ihm auch von jenen entgegengebracht wird, die mit seinen Gedanken und seinen praktischen Maßnahmen nicht immer übereinstimmen. Mit Willenskraft versucht er sie zu überzeugen. Willenskraft, gestählt im Sattel seiner geliebten Pferde.

"Wer Sport betrieben hat, tut sich in vielem leichter, und wer im Sport Leistungen bringt, der kann sich auch sonst im Leben behaupte", lautet seine Philosophie. Sie stimmt genau mit der von Hans-Heinrich Sievert überein, zu dessen Erinnerung der Preis gestiftet wurde, den Josef Neckermann heute empfängt. In der Tat: Einen würdigeren Preisträger konnte die Gemeinschaft Deutscher Olympiateilnehmer nicht finden."

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 24 / 12. Juni 2012, S. 20
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 20. Juni 2012