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GESCHICHTE/348: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 166 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 22 / 29. Mai 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1986/ VI: Zivildienst und Hochleistungssport - neue Brücke zum Erfolg
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 166)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Einen Tag vor Heiligabend, am 23 .Dezember 1986, überraschte der damalige Bundesbeauftragte für den Zivildienst, Peter Hintze, den deutschen Sport gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk mit einer Presseerklärung mit der Kernaussage: "Spitzensportler im Zivildienst sollen demnächst ähnlich gute Trainingsmöglichkeiten haben wie Sportler bei der Bundeswehr." Damit wurde von der Bundesregierung nach mehr als zweijährigen, von der Verwaltungsstelle Zivildienst der Deutschen Sportjugend (DSJ) und dem Bundesausschuss Leistungssport des DSB geführten Verhandlungen eine bis dahin vorhandene Ungleichbehandlung von Wehrdienst- und Zivildienstleistenden Spitzensportlern beendet.

25 Jahre nach Einführung des "Zivilen Ersatzdienstes" 1961 in der Bundesrepublik und zehn Jahre, nachdem Anfang 1976 die ersten zehn ZDLer, wie sie in Kurzform genannt wurden, ihren Dienst auch nach der Ausbildung zu Organisationsleitern durch den DSB ihren Dienst im Rahmen der "Sozialen Offensive des Sports" in Vereinen und Verbänden des Sports angetreten hatten, gab es kaum noch Berührungsängste. Hinzu kam, dass sich die "Zivis" in ihren Sporteinsätzen mit viel Engagement sehr bewährten, und ein großer Teil von ihnen auch nach ihrer Dienstzeit ehren- oder auch hauptamtliche Funktionen im Sport übernahm.

Rudolf Schmidt, damals Referent für Jugendpolitik der DSJ und - in Personalunion - Leiter der Zivildienststelle Sport des DSB, betonte zu diesem Verhandlungserfolg seinerzeit, dass "durch diese Regelung zivildienstpflichtigen Spitzensportlern sowohl die Möglichkeit zu regelmäßigem Training als auch zu einer optimalen medizinischen, psychologischen und therapeutischen Betreuung gegeben werden (soll). Solche Begleitmaßnahmen sind heute die Mindestvoraussetzungen für eine Chancengleichheit im nationalen und internationalen Wettkampfgeschehen." Zwar müsse nun noch viel getan werden, um die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen, "doch wie lange das noch dauert: Diese Entwicklung ist das Ergebnis von Toleranz gegenüber andersdenkenden Spitzensportlern und ein Beitrag zur Chancengleichheit im Sport."

Die "Regelung für die Förderung zivildienstpflichtiger Spitzensportler" hatte folgenden Wortlaut:

"A) Einleitung

Im Interesse einer gleichartigen Regelung für die Förderung wehrpflichtiger Spitzensportler wird im Einvernehmen mit dem Deutschen Sportbund für zivildienstpflichtige Spitzensportler die nachstehende Regelung getroffen.

B) Begriffsbestimmungen

1. Spitzensportler sind die Angehörigen der Nationalmannschaften (A-B-C Kader) und die aussichtsreichsten Anwärter (D-Kader).

2. Leistungszentren sind Trainingsschwerpunkte (Bundes- und Landesleistungszentren sowie Bundesstützpunkte) der Spitzenverbände für das Training von Spitzensportlern. Für Sportarten, bei denen das Leistungstraining in Mannschaften im Vordergrund steht, übernehmen die jeweiligen Vereine bzw. aus Vereinszusammenschlüssen gebildete Trainingsgemeinschaften deren Funktion.

3. Zivildienststellen sind anerkannte Beschäftigungsstellen, in denen die Dienstpflichtigen Zivildienst leisten.

4. Zivildienstplätze sind die in den Zivildienststellen für die Zivildienstleistenden bestehenden Einsatzstellen.

C) Durchführung

5. Der Deutsche Sportbund benennt dem Bundesamt für den Zivildienst (Bundesamt) am Sitz der Leistungszentren oder in dessen Nähe gelegene und für den Einsatz von Spitzensportlern geeignete Zivildienststellen, in denen für die Spitzensportler eine ausreichende Anzahl von Zivildienstplätzen zur Verfügung steht. Das Bundesamt prüft die Eignung der Stellen für die Spitzensportler und stellt eine Übersicht der für die jeweiligen Sportarten geeigneten Stellen zusammen. Aus der Übersicht ergibt sich auch der Sitz der Leistungszentren. Die Übersicht ist dieser Regelung als Anlage beigefügt.

6. Die zivildienstpflichtigen Spitzensportler beantragen beim Bundesamt die Einberufung zu einer der unter Nr. 5 genannten anerkannten Zivildienststellen. Dem Antrag ist eine Bescheinigung des Deutschen Sportbundes beizufügen, aus der sich ergibt, dass der Antragsteller zum geförderten Personenkreis gehört. Außerdem ist dem Antrag eine Einverständniserklärung der Zivildienststelle beizufügen, aus der sich die Bereitschaft der Dienststelle ergibt, einen Spitzensportler unter den Bedingungen dieser Regelung zugewiesen zu bekommen. Der Einberufungsbescheid ergeht unmittelbar an den Zivildienstpflichtigen, der Deutsche Sportbund erhält hiervon eine Benachrichtigung.

7. Spitzensportler, die bereits zu einer anderen Zivildienststelle einberufen worden sind, können auf Antrag, dem die vorstehend unter Nr. 6 genannten Bescheinigungen beizufügen sind, die Versetzung zu einer unter Nr. 5 genannten Zivildienststelle beantragen.

8. Eine Befreiung vom Dienst für die Teilnahme am außerdienstlichen Training oder an Wettkämpfen des Spitzenverbandes ist während der Durchführung des Einführungsdienstes (§ 25a des Zivildienstgesetzes) grundsätzlich nicht möglich. Daher ist bei den Abordnungen zu Einführungsdiensten auf Trainings- und Wettkampfzeiten Rücksicht zu nehmen. Über Ausnahmen entscheidet das Bundesamt. Hierbei ist ein strenger Maßstab anzulegen.

9. Die Bundestrainer oder die von den Spitzenverbänden beauftragten Trainer erstellen die Pläne für das sportliche Training. Mehrfertigungen der Trainingspläne werden den Zivildienststellen und dem Bundesamt rechtzeitig zugeleitet, damit eine Koordinierung und Festlegung des gesamten Dienstes erfolgen kann. Aus den Plänen sind Art, Dauer, Ort und Leitung des Trainings zu ersehen. Entsprechendes gilt für die Durchführung von Wettkämpfen.

10. Die Bundestrainer oder die von den Spitzenverbänden beauftragten Trainer bestätigen den Zivildienststellen und dem Bundesamt die Notwendigkeit und Eignung des Trainings und dessen tatsächliche Durchführung.

11. Beträgt der Trainingsbedarf eine Trainingseinheit (3 Stunden) pro Tag, so ist diese außerhalb der Dienstzeit durchzuführen. Sind nach den Trainingsplanungen zwei Trainingseinheiten (6 Stunden) erforderlich, so kann von der Zivildienststelle für die zweite Trainingseinheit Dienstbefreiung gewährt werden, wenn dienstliche Gründe nicht entgegenstehen.

12. Kosten für die Hin- und Rückbeförderung der Spitzensportler zum Training und zu den von den Spitzenverbänden ausgeschriebenen Wettkämpfen können nicht von den Beschäftigungsstellen oder vom Bundesamt übernommen werden.

13. Die Spitzensportler werden auf Antrag, der über die Zivildienststelle und den Deutschen Sportbund zu leiten ist, von der für sie zuständigen Verwaltungsstelle zur Teilnahme an nationalen und internationalen Wettkämpfen vom Dienst in der Zivildienststelle freigestellt. Gleiches gilt für die zugehörigen Vorbereitungsveranstaltungen. Eine Freistellung erfolgt nicht für die Vorbereitung und Teilnahme an Schauveranstaltungen sowie an Freundschaftsspielen und -tourneen, falls letztere nach Abschluss der Meisterschafts- oder Pokalsaison stattfinden. Die Freistellung wird schriftlich erteilt. Während der Freistellung besteht kein Versorgungsschutz nach den Vorschriften des Zivildienstgesetzes und des Bundesversorgungsgesetzes. Der Anspruch auf Gewährung der Geld- und Sachbezüge bleibt während der Freistellung unberührt.

14. Reisen in und durch Länder des kommunistischen Machtbereichs sind vor Antritt der Zivildienststelle anzuzeigen. Die im Leitfaden für die Durchführung des Zivildienstes (E 8 Nrn. 2 und 3) enthaltenen Bestimmungen sind zu beachten.

15. Auf Antrag der Spitzenverbände können zivildienstpflichtige Spitzensportler vom Bundesamt in andere Zivildienststellen zur Durchführung des normalen Zivildienstes versetzt werden, wenn wegen mangelnder sportlicher Eignung und Leistung der weitere Einsatz bei einer Zivildienststelle nach Nr. 5 dieser Regelung nicht mehr gerechtfertigt erscheint. Die Anträge werden vom Spitzenverband über den Deutschen Sportbund und die zuständige Verwaltungsstelle dem Bundesamt zugeleitet.

D) Schlussbestimmungen

Der Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und der Deutsche Sportbund bleiben in gegenseitigem Einvernehmen bemüht, die vorstehenden Regelungen zu verbessern, wenn dies nach den gemachten Erfahrungen notwendig erscheint."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 22 / 29. Mai 2012, S. 28
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 8. Juni 2012