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GESCHICHTE/345: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 164 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 20 / 15. Mai 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1986/IV: "Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 164)

Eine Serie von Friedrich Mevert



"Sport für die 'Randgruppen' der Gesellschaft ist ein gesellschaftspolitisches Problem und eine sozialethische Aufgabe" hatte bereits der DSB-Bundestag im Olympiajahr 1972 in Berlin in seiner Resolution "Herausforderung durch die Randgruppen der Gesellschaft" formuliert und fortgesetzt: "Die soziale Bedeutung des Sports wird in Zukunft wesentlich daran gemessen, inwieweit es ihm gelingt, sportliche Maßnahmen für diese Menschen einzuleiten und verwirklichen zu helfen." Damit hatte die Mitgliederversammlung des Deutschen Sportbundes für sich selbst als Dachorganisation, aber auch die angeschlossenen Verbände, Bünde und Vereine einen hohen Anspruch an die künftige eigene Arbeit beschrieben, die außerhalb des organisierten Sports positiv überraschte, innerhalb aber auch teilweise Warnungen vor einer "Überforderung der Vereine" hervorrief. Mit der später so benannten "Sozialen Offensive des Sports" stellten sich der DSB und insbesondere die Deutsche Sportjugend als seine Jugendorganisation dieser Herausforderung mit unerwartet positiven Erfolgen. Was den Bereich der weiteren Entwicklung des Sports im Jugendstrafvollzug betrifft, so wurden z.B. in bundeszentralen Arbeitstagungen in Grünberg (1983), Malente (1984) und Tauberbischofsheim (1985) besonders die Situation der in den JVAs tätigen Sportlehrer und Übungsleiter behandelt und die Ansätze zur Resozialisierung in den Jugendvollzugsanstalten fortentwickelt. Hervorzuheben waren insbesondere mehrere Modellprojekte, die Vereine an JVA-Orten unter der Zielsetzung "Integrationshilfen für jugendliche Straffällige" in Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe als Alternativen zum Jugendarrest ins Leben riefen.

Bei der Mitgliederversammlung 1986 des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in seiner Heimatstadt Kiel nahm der neugewählte DSB-Präsident Hans Hansen die Gelegenheit wahr, in einem Statement auf das Thema "Sport gegen Kriminalität" einzugehen, aus dem nachfolgend auszugsweise zitiert wird: "Im Rahmen einer sportlichen Häftlingsbetreuung fand in der englischen Strafanstalt Birch Hill ein Fußballspiel zwischen einem Strafgefangenen- und einem Aufseher-Team statt. Die 'schweren Jungens' siegten 8:1. Schiedsrichter war der Anstaltsgeistliche Derek Smith. "An den Gefangenen hatte ich meine Freude", erklärte er hinterher. "Meine Worte sind bei ihnen auf offene Ohren getroffen, denn sie spielten fair und korrekt. Aber bei den Aufsehern mit ihren drei Platzverweisen werde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen."

Dies ist eine wahre Geschichte, wenn auch eine unerfreuliche. Der Sport ist längst zu einem wichtigen Faktor im Strafvollzug geworden und stellt heute einen wichtigen Teilbereich im Gesamtkonzept sozialen Trainings vor allem in den Jugend-Strafvollzugs-Anstalten dar: Mit dem Sport gegen die Kriminalität! Die psychischen und sozialen Schwierigkeiten der Gefangenen müssen im Mittelpunkt eines solchen sozialen Trainings-Konzeptes stehen. Hierzu gehören egoistisches Verhalten, geringes Selbstvertrauen, Leistungsprobleme, Bezug zur Realität, Angst, Verhalten im Konflikt und Beziehungsprobleme.

Dies alles kann man im Sport lernen, aufzubauen versuchen, wenn taktische Maßnahmen abgesprochen, Spielregeln erklärt und das Gespräch untereinander möglich wird. Für dieses soziale Training bietet der Sport eine Fülle von Ansätzen. Dies hatte Ende der 30er Jahre schon der vielfache Olympia-Sieger Jesse Owens erkannt, als er straffällig gewordene Jugendliche von den Straßen Chikagos holte und zum Sport brachte. "Damit sie ehrliche Menschen werden", meinte er als Jugendpfleger in den schlimmsten Vierteln. Es gibt heute kaum noch eine Jugend-Strafvollzugsanstalt, in der nicht ganze Sportprogramme angeboten werden, und benachbarte Sportvereine tun sich längst nicht mehr so schwer, die jungen Menschen aus der Anstalt in ihren Sportbetrieb aufzunehmen. Beim SV Germania Adelsheim sagte der Vorsitzende Bühl einmal: "Für unseren Verein ist es eine Herausforderung, denjenigen, der ernsthaft eine Umkehr will, in die Ordnung unseres Gemeinwesens aufzunehmen und ihm seine Chance zu geben. Bisher waren wir nicht enttäuscht." Dies gilt für viele Vereine, die sich zwischen Flensburg und Traunstein, Kassel und Aachen den Wünschen der JVAs geöffnet haben. (...)

Nach über 20 Jahren Erfahrung mit diesem Sportmodell für jugendliche Strafgefangene, dem auch im Ausland immer größere Aufmerksamkeit geschenkt wird, kann heute festgestellt werden, dass die Kooperation zwischen Anstalten und Sportvereinen intensiver geworden ist. Die Anstalt hat sich nach außen wie auch nach innen geöffnet. Anfangsprobleme, Ängste und Befürchtungen liegen hinter uns. Der Mut zum Experiment hat sich gelohnt. Vor allem die Vollzugsstörer für das Sportprogramm neigen am ehesten zum Rückfall; ansonsten zeigt der Sport seine Wirkung! Die Zahlen sinken. (...)

Den Sportvereinen, die mit ihrer Organisation zwischen staatlicher und privater Institution stehen, kommt eine besondere Funktion zu, um diesen Teufelskreis des Rückfalls durchbrechen zu helfen. Er kann demjenigen, der sportliche Leistung zeigt, den Anschluss an ein höheres Sozialmilieu ermöglichen, ein Kompensationsfeld eröffnen und die Integration in einer Sportgruppe erleichtern. Was Vereine im Sport hier leisten, hilft im pädagogischen Vorfeld jungen Menschen, dass sie gar nicht erst mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Es ist nach dem Wort von Erich Kästner "Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut's" eine wichtige Lebenshilfe, die Sportvereine hier jungen Menschen bieten.

Es ist lange keine optimistische Vermutung mehr, dass für ein "zurück in die Gesellschaft" der Sport eine große Rolle spielt; inzwischen gibt es viele Expertenmeinungen, die den in der Praxis längst erbrachten Beweis vom erzieherischen Wert des Sports für diese junge Generation noch unterstreicht. Sport bindet, kanalisiert und leitet Agressionen nach anerkannten Regeln ab. Von besonderer Wichtigkeit ist der soziale Rahmen des Mannschaftssports. Dort lernt man, dass man sich durchsetzen kann, ohne gegen das Gebot sozialer Rücksichtnahme zu verstoßen.

Toleranz im Sport wird gefordert und nicht die rohe Faust. So wirkt sich die Respektierung der Regeln des sportlichen Wettkampfes, das darin liegende Ethos der Kameradschaftlichkeit und der Fairness unbewusst auch auf den Charakter aus. In dieser Hinsicht bieten für junge Gefangene die erlebnisorientierten Sportveranstaltungen wie Bergsteigen, Skifahren, Hüttenaufenthalte oder Kajakwanderungen besondere Erlebnisfelder. Es ist ein wichtiges soziales Training für den Alltag, gerade außergewöhnliche Situationen durchzustehen. (...)

Wissenschaftler allein geben keinen Rat; man braucht auch das Herz der Begegnung. Weg mit den Berührungsängsten. Im Wagnis des ersten Schrittes selbst steckt nämlich schon ein Körnchen Wahrheit, dass der Sport helfen kann, junge Menschen vor der Kriminalität zu bewahren, und wenn sie doch straffällig geworden sind, ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft zu erleichtern."

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 20 / 15. Mai 2012, S. 27
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 24. Mai 2012