Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/344: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 163 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 19 / 8. Mai 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1986/II: DSB-Bundestag: "Sport braucht Jugend - Jugend braucht Sport!"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 163)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Einstimmig wählten die Delegierten aus den Landessportbünden und Spitzenverbänden beim Bundestag des Deutschen Sportbundes am 2./3. Mai 1986‍ ‍in Saarbrücken den Kieler Journalisten Hans Hansen als Nachfolger von Willi Weyer zum neuen DSB-Präsidenten, nachdem Weyer sich nach zwölfjähriger Amtszeit nicht wieder zur Wahl gestellt hatte und zum Ehrenpräsidenten ernannt worden war (siehe Folge 162). Den inhaltlichen Mittelpunkt bildete bei den zweitägigen Beratungen im Parlament des deutschen Sports unter dem Motto "Sport braucht Jugend - Jugend braucht Sport" allerdings die sportliche Jugendarbeit.

Nach einem Einführungsreferat des Bielefelder Wissenschaftlers Prof. Dieter Baacke, der sich mit der traditionellen Sportkultur, den neuen Jugendkulturen und der Entstehung neuer Lebensstile befasste und deutliche Positionen bezog, wurden in Grundsatzreden, Fachreferaten und schließlich in vier Arbeitskreisen das soziale und gesellschaftspolitische Umfeld der Jugendarbeit im Sport - auch kontrovers - diskutiert und neue Forderungen für die sportliche Jugendarbeit entwickelt und in einer später einstimmig angenommenen Resolution festgeschrieben.

Die Resolution "Deutsche Sportjugend - offensiv in die Zukunft" hat folgenden Wortlaut:

"I.
Junge Menschen brauchen auf der Suche nach einem persönlichen Lebensstil auch Bewegung, Sport und Spiel. Dies stellt an den organisierten Sport besondere Anforderungen. In dem Maße, wie die Sportorganisation aus ihrem strukturellen Denken heraustritt und Begegnung mit der neuen Jugendkultur sucht, leistet sie auch einen Beitrag für das Leben unserer Gesellschaft und wird gleichzeitig reicher, vielgestaltiger und verlockender.

Für viele junge Menschen befindet sich der Sport derzeit in einem Organisations-Dilemma; der Spitzensport läuft immer stärker nach den Prinzipien der Arbeitswelt ab, und der Breiten- und Freizeitsport orientiert sich erst zunehmend an Selbständigkeit, Kreativität und individualisierten Sportstilen, die zugleich auch der Ästhetisierung des Körpers, der Gesundheit, der Freude und der Gesellung dienen können.

Sportvereine repräsentierten nicht nur den Sport, sie sind auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Für den soziokulturellen Wandlungsprozess sollten sie sich weiter öffnen, wenn sie noch mehr Jugendliche an sich binden und sie langfristig halten wollen. Junge Menschen kommen in den Vereinen zwar zuerst, um Sport miteinander zu treiben, aber sie finden dort auch den Dialog zwischen den Generationen.


II.
Jugendbildung im Sport ist keine Utopie; sie ist vielmehr eine Aufgabe. Diese erfüllt der Sport dann besonders gut, wenn er

- in Spiel und Bewegung entscheidende Entwicklungsaufgaben fördern hilft, die Menschen in ihrer Jugendzeit zu lösen haben,

- im Miteinander mit Gleichaltrigen den Rahmen für soziale Erfahrungen schafft, die für das spätere Leben unverzichtbar sind,

- in Training und Wettkampf die Souveränität im Umgang mit dem eigenen Körper lehrt und Störungen am Anfang der Jugendzeit leichter abbaut.

Die bildenden Wirkungen des Sports treten nicht automatisch ein. Wie der Sport die Persönlichkeit junger Menschen prägt, hängt davon ab, wie er gestaltet wird. Hier liegt die pädagogische Verantwortung aller Trainer, Übungs- und Jugendleiter, die in den Vereinen Jugendliche betreuen.

Nicht die Quantität entscheidet über die Jugendbildung im Sport, sondern die Qualität. Intensiv betriebener Leistungssport ebenso wie Breiten- und Freizeitsport können in jungen Jahren wertvolle Bausteine zur Persönlichkeitsentwicklung sein, aber umgekehrt auch negative Erlebnisse abstoßend wirken.

Durch diese Erkenntnisse sind die Sportorganisationen aufgefordert,

- die Übungs- und Jugendleiter im Verein in Aus- und Fortbildung pädagogisch besser zu qualifizieren;

- menschliche Führung, pädagogische und medizinische Betreuung in der Leistungsförderung Jugendlicher zu erweitern;

- für die sportliche Jugendbildung in den Bundes- und Landesjugendplänen einen höheren Stellenwert durchzusetzen.


III.
Jugendarbeit soll ein eigenständiges Feld sozialen Lernens sein, von jungen Menschen mitbestimmt und nach ihren Bedürfnissen und Interessen ausgestaltet werden; sie soll außerdem zur Beurteilungs- und Entscheidungsfähigkeit des Jugendlichen beitragen.

Damit die Möglichkeiten des Vereins als Gestaltungsfeld für die Jugend voll genutzt werden, müssen sichergestellt werden

- Verständnis für die veränderten Interessen und Bedürfnisse dieser jungen Generation;

- Mitbestimmung der Jugend auf allen Ebenen insbesondere auch in den Vereinen u.a. in der eigenständigen Leitung der Jugendabteilungen;

- Mitwirkung jugendlicher Mitglieder in allen Bereichen der Vereinsarbeit;

- Mitgestaltung des Sportangebotes, das neben Trainings- und Wettkampfbetrieb auch in jedem Verein ein Freizeitprogramm für die Jugend enthalten muss;

- Mitgestaltung des überfachlichen Vereinsangebotes für die Jugend.


IV.
Die Frage nach jugendgemäßen Vereinsangeboten lässt sich nur differenziert beantworten; es muss ein breites sportliches Spektrum, musisch-kulturelle Angebote und auch Formen der Geselligkeit umfassen. Die Bereitschaft junger Menschen zum Engagement kommt dem entgegen. Die Fluktuationsraten im Jugendsport zeigen, dass viele Sportvereine noch nicht jugendgemäß arbeiten. Die Sport-, aber auch anderen Interessen der Jugendlichen sind daraufhin zu überprüfen, um insbesondere das Angebot für weibliche Jugendliche zu erweitern.

Wenn sich die Sportvereine mit ihrer Jugendarbeit im schnellen gesellschaftlichen Wandel behaupten wollen, müssen sie zunehmend in unterschiedlichen Kombinationen von Sport und Jugendarbeit denken und dafür praxisorientierte Konzepte entwickeln. Dies gilt auch für die bisher relativ stabilen Gruppen im Wettkampfsport, die ebenfalls von Individualisierungsprozessen erfasst werden.

Das große Sportinteresse der heutigen Jugend darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur eine hohe Flexibilität gegenüber der Jugendkultur die Vereine optimistisch in die Zukunft gehen lässt. Die auf konzeptionelle und organisatorische Differenzierung zurückgehenden Erfolge im Sport der erwachsenen Menschen suchen noch ihr Gegenstück im Sport junger Menschen.

Aus diesen Erfahrungen ergibt sich, dass

- die Vereine sich neben den traditionellen auch für alternative Angebote öffnen müssen;

- für das soziale Engagement Jugendlicher im Verein mehr Möglichkeiten zu schaffen sind;

- der Vereinsalltag jungen Menschen ebenfalls gesellschaftspolitische Handlungsfelder bietet;

- mit gezielten Aktionen - ähnlich den Trimm-Kampagnen - der junge Mensch für den Vereinssport gewonnen und die Fluktuation gebremst wird.


V.
Die jungen Menschen im Sport von heute sind bereit, Führungskräfte von morgen zu sein, wenn ihnen

- frühzeitig Chancen zur Mitverantwortung und Mitbestimmung gegeben,

- die Führungsziele von den heute Verantwortlichen mit ihnen diskutiert,

- die traditionellen Werte mit den daraus resultierenden Eigenleistungen verständlich gemacht,

- Führungserfolge bei verteilten Aufgaben und Kompetenzen miterlebt und bei persönlichen Schwierigkeiten Hilfen gegeben werden können.

Diese Erkenntnisse legen es den Mitgliedsorganisationen nahe,

- Konzepte für die Gewinnung und Heranführung eines qualifizierten Führungsnachwuchses zu entwickeln und in die Programme der Ausbildungseinrichtungen des DSB, der Landessportbünde und der Spitzenverbände aufzunehmen;

- in den Satzungen und Ordnungen aller Sportverbände und -vereine die Beteiligung von Jugendvertretern (unter 23 Jahren) in den Vorständen sicherzustellen, um junge Mitarbeiter frühzeitig auf spätere Führungsaufgaben vorzubereiten."

*

Quelle:
DOSB-Presse Nr. 19 / 8. Mai 2012, S. 25
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Telefon: 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Mai 2012